Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1931 Nr. 9

Spalte:

201-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Der Evangelist Johannes 1931

Rezensent:

Fiebig, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

201

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 9.

202

Namen Sentius Saturninus entnommen habe. L. kommt
zu dem Ergebnis, daß bei dem i]yenovevovrog «fr Xv^lag
Ki ot vinv Lk. 2, 2 an die Periode 9—4 v. Chr. zu
denken sei. Vielleicht habe im Jahre 6 n. Chr. eine
zweite Schätzung stattgefunden, und Josephus hat auf
diese bezogen, was er seinen Quellen über die erste
entnahm.

Die Arbeit des Verf. bedeutet zweifellos einen
scharfsinnigen Versuch, die Schwierigkeiten zu beseitigen
, die sich aus der verschiedenen Datierung der
Schätzung des Quirinius ergeben. Daß sich auch sonst
Ungenauigkeiten bei Josephus finden, könnte für die
These des Verf. sprechen. Der Verf. ist sich aber dessen
bewußt, daß es sich bei seiner Darstellung im Grunde
um eine Konstruktion handelt. Und diese kann ebenso
wie seine Quellenscheidung keine allen Zweifel ausschließende
Gewißheit geben.

Doch ist L. von einem so starken apologetischen
Interesse beherrscht — und darin folgt er bis in einzelne
Argumente hinein Th. Zahn —, daß er nicht auf den
Gedanken kommt, auch den Bericht des Lukas einer
kritischen Untersuchung zu unterziehen. Erst dann wäre
ein Gesamturteil möglich gewesen, das volle Überzeugungskraft
gehabt hätte. L. kommt wohl in gelegentlichen
Bemerkungen auf die Schürer'schen Bedenken
zu dem Bericht des Lukas zu sprechen, aber er
setzt sich nicht so gründlich mit ihnen auseinander, daß
seine eigene Position gesichert genug erscheint. Erst
eine solche Auseinandersetzung hätte der Untersuchung
das volle Schwergewicht gegeben.

Die Vermutung, daß Josephus in seiner Quelle
nicht das 37., sondern das 27. Jahr nach der Schlacht
bei Actium gelesen habe, hat auf den ersten Blick etwas
außerordentlich Bestechendes, verliert aber doch an
Überzeugungskraft, wenn man bei Josephus liest, daß
er den Census des Jahres 6 oder 7 n. Chr. „als etwas
völlig Neues und für die Juden Unerhörtes" charakterisiert
. Auch das Argument Schürers, daß ein römischer
Census in Palästina zur Zeit des Herodes garnicht vorgenommen
werden konnte, ist von L. nicht so entkräftet
worden, wie es zu der ganzen Beweisführung notwendig
gewesen wäre. Nicht ^geringe Schwierigkeiten bereitet
das Verständnis von ryeftoveveiv bei L. Dieser Ausdruck
weist doch auf das Amt des Statthalters hin; eine
andere Deutung ist schwer zu erweisen. So sind die entscheidenden
Bedenken, die gegen die Darstellung des
Lukas erhoben worden sind, nicht restlos beseitigt. Das
Fundament der L.'schen Beweisführung ist nicht stark
genug, um die ganze Konstruktion zu tragen.

Das hindert nicht, die Untersuchung um ihrer Geschlossenheit
und zielbewußten Durchführung des
Grundgedankens willen als einen wertvollen Beitrag zu
der vorliegenden Frage zu würdigen. Aber sie kann
nicht unbedingt überzeugen. Der Nachweis, daß Josephus
„sich geirrt hat", ist m. E. nicht völlig geglückt;
es bleiben eben gerade dem Bericht des Lukas gegenüber
noch zu viele Fragen offen.

Bedauerlicherweise finden sich auf S. 92 einige
Druckfehler, die verwirren und das Verständnis erschweren
. In den Zeilen 6 und 32 muß es nicht
6 n. Chr. heißen, sondern 6 v. Chr.
Berlin. Johannes Schneider.

Schlatter, D. A.: Der Evangelist Johannes. Wie er spricht,
denkt u. glaubt. Ein Kommentar zum vierten Evangelium. Stuttgart:
Calwer Vereinsbuchh. 1Q30. (XII, 397 S.) 8°. RM 12-; geb. 16-.
In diesem Kommentar, der in seiner ganzen Art
dem Kommentar Sch.s zu Mt. gleicht, fällt das Schwergewicht
auf die Sprache des 4. Evangelisten. Diese
Sprache ist nicht nur das Griechische, sondern auch das
Hebräische und Aramäische Palästinas, und zwar dasjenige
der Zeit der Abfassung dieses Evangeliums,
also der Rabbinen, der Tannaiten. Diese Erkenntnis hat
hoffentlich in Zukunft sehr weit reichende Folgen, und
zwar nicht nur für das wissenschaftliche Verständnis des

J 4. Evangeliums, sondern überhaupt für die gesamte
I Ausbildung jedes Theologen auf dem Gebiet des N.T.s
vom ersten Semester an.

Mit bewundernswerter Kraft gibt der hoch betagte
Seh. aus intimer Kenntnis der Rabbinica heraus Ergebnisse
einer Lebensarbeit, die auch z. B. Josephus und
i Philo und Land und Geschichte der Palästinenser um-
! faßt. Wörtliche Belege werden nur nach der jüdischpalästinensischen
Seite hin gegeben, damit diese Seite
I besonders hervortritt. Alles Hellenistische wird nur
angedeutet und leider oft völlig unerwähnt gelassen.
Das ist zwar sehr einseitig, ergibt aber bei der gegen-
I wärtigen Lage der Erforschung des Joh. Evgl.s das-
i jenige, das dringend nötig ist. Büchsei, Bauer, Born-
j häuser, Windisch, Lohmeyer (ZNTW. 1929) und z. B.
: auch das Vergleichsmaterial in meinem Textbuch „Die
i Umwelt des N. T.s" sind zur Ergänzung heranzuziehen,
• auch steht für die Meyerschen Kommentare der Kom-
! mentar von Bultmann in Aussicht. Für das Mandäer-
problem ist jetzt Lietzmanns Akademieabhandlung wich-
j tig (Preuß. Akademie, phil.-histor. KL, 1930, XXVII).

Sch. will nicht Dogmatiker oder Polemiker, son-
i dem lediglich Leser und Beobachter sein. Daher liefert
er in der Hauptsache sprachliche Parallelen und eine
| Umschreibung der Gedanken des Evangelisten. Das ist
! gewiß eine sehr wichtige und wertvolle Arbeit, aber
j nächst der genauen Beschreibung des Objektes ist doch
sicherlich gerade auf diesem Gebiete die Aufgabe der
I Wissenschaft, zu einer Beurteilung, zu einem Urteil über
! Entstehung, geschichtlichen Wert und Bedeutung hin-
, durchzudringen. Auch das ist doch Anliegen des „Le-
I sers" eines solchen bedeutsamen Buches, wie es das
j Joh. Evgl. ist.

Das rabbinische Material bietet Sch. sehr kurz,
i oft allzu kurz. Hier muß in Zukunft ein Aufweisen der
! Zusammenhänge, ein Weiterführen einsetzen, das sich
i vor allem auch auf den Begriff, die Methode, die
j Eigenheiten des palästinensischen „Midrasch" zu erstrecken
hat. Siphra und — vollständig — Siphre wären
I zu übersetzen und zu verwerten. Für die Auswertung
der Mekhilta ist noch viel zu tun. Der Jeruschalmi ist
1 zu übersetzen. Sehr groß ist das Arbeitsfeld, und wenige
i sind der Arbeiter, die hier mit voller Kraft zu arbeiten
vermögen. Schon seit Jahrzehnten könnte das anders
sein. Außerdem sind die Begriffe des Joh. Evgl.s mit
den rabbinischen Begriffen umfassend zu vergleichen.
Ebenso ist die Form des 4. Evgl.s (vgl. Lohmeyer
ZNTW. 1929, ebenso meine Aufsätze im „Geisteskampf
der Gegenwart" und im „Deutschen Pfarrerblatt
") umfassender als bisher zu untersuchen. Sch.
weist nur sehr gelegentlich auf derartiges hin.

An Einzelheiten sei auf folgendes hingewiesen: Die Korrektheit des
Druckes ist zwar bewundernswert, namentlich hinsichtlich des vokali-
sierten Hebräisch und Aramäisch, dennoch begegnen eine Reihe Anstöße,
auch kleine Versehen und außergewöhnliche Vokalisationen. S. 4 lies:
"ffltJB, S. 17: iW, S. 19: ViPta, S. 25: "PirjWDO, S. 36:
S.*45 : 73*3, S. 51: tfiptl, S. 57: pÖO, S. 59 : ftHBl», S. 61: NnWlN,
| vgl. S. 132, S. 69: rrtfftfc, S. 71: STiin, S. 72: nirTt, S. 73: N,T?Ü5,
S. 83: T3''1, S. 84 ist das Geläufige: flÜ'1 IjJU, S. 100. 119: rP"n,
S. 93 lies: irFSNI, S. 97. 254. 290: , S. 99. 159: t*p3Ppr<3,

S. 133: np-'D, S. 129: T^NTl, S. 134 ist Visb falsch, lies: Viab,
S. 131. 207 ist PH falsch, lies: oder: wäre mit iöoVj

falsch übersetzt. — Leider ist die Vokalisation noch immer für viele
nötig. Dann hätte es sich auch empfohlen, bei längeren Texten das
; Verständnis durch einen trennenden Punkt zu erleichtern. — Schrei-
j bungen wie für npn beanstande ich nicht. — S. 193. 215 lies

— der Übereinstimmung mit der sonstigen Gepflogenheit Sch.s in
solchen Fällen zufolge — : Wf'SO, vgl. S. 131.—S. 323 lies: "rfs^NI.

— Abgesehen von den hellenistischen Stoffen vermißt man bei Sch.
mehrfach Erläuterungen, so z.B. 1,8; 1,16; 2,6; 18,9; 19,30;
12, 2; 21, 15 usw. Zu 10, 11 fehlt die Par. der Mekh. von dem „treuen

! Hirten". - Wenn Sch. das Joh. Evgl. von Philo, von der Gnosis, von

1 der Mystik abrückt, so stimme ich ihm in hohem Maße zu. Auf der

j anderen Seite scheint mir aber dieses Verfahren doch einseitig zu sein

I und nicht genügend zur Geltung zu bringen, daß Formeln und Begriffe