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Ausgabe:

1931 Nr. 9

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lodder, Willem

Titel/Untertitel:

Die Schätzung des Quirinius bei Flavius Josephus 1931

Rezensent:

Schneider, Johannes Ferdinand

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199

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 9.

200

es sei etwa an die Merians erinnert. Die Regelmäßigkeit
der in den Bänken sitzenden Leute erinnert an die
gleiche Darstellung protestantischer Kirchenbesucher
jener Zeit. Auch sonst wird man auf zeitgenössische
Parallelen geführt. Städtisches und höfisches Leben
seiner Zeit hat der Stecher wenig zum Vorbild genommen
; sonst wäre manches Bildchen — etwa das Stadtinnere
auf Bild 15 unten — anmutiger geworden. Die
Saalböden sind überall gleich belegt. Über die Schießgewehre
der Juden hat sich schon der Besitzer Tyehsen
belustigt. Besonders schön ist das letzte Bild unten, die
Schiffe auf dem Meer, darüber die strahlende Sonne,
darstellend.

In der Umschrift hätte die sephardische Ausspracheform
der Ausgabe vielleicht ein wissenschaftlicheres
Gesicht gegeben. Technisch ist das leicht abspringende
Aufdruckmaterial des Einbandes zu bemängeln.

Ober-Breidenbach i. Hessen. Adolf Wendel.

Jackson, Prof. F. J. Foakes. D. D.: Josephus and the Jews.
The Religion and History of the Jews as explained by Flavius Josephus.
London: S. P.C. K. 1930. (XVI, 299 S.) 8°. 12 sh. 6 d.

Der Haupttitel dieses Werkes empfängt die Deutung
, daß Religion und Geschichte der Juden, wie Josephus
sie darstellt, seinen Gegenstand bilden.

Nach der Einleitung lernen wir im ersten Teil
Leben und Glauben des jüdischen Geschichtschreibers
kennen. Der zweite Abschnitt handelt auf Grund seiner
Schriften von der Religion der Juden. In den Teilen
3—5 folgen wir sodann seiner Schilderung der Erlebnisse
seines Volkes von der Makkabäerzeit an bis zur
Zerstörung Jerusalems und dürfen auch noch einen
Blick in die Folgezeit tun.

J. ist gründlich mit seinem Stoff vertraut, gliedert
ihn übersichtlich und hilft dem Verständnis der Leser
durch gelegentliche Beigabe von Kartenskizzen, Tabellen
und Stammbäumen, auch durch mehrere Anhänge nach.
Wenn man jedoch fragen wollte, wodurch er sich gegenüber
den zahlreichen Vorgängern, die auch schon die
Geschichte des „zeitgenössischen" Judentums dem gleichen
Gewährsmann nacherzählt haben, auszeichnet, so
weiß ich keine rechte Antwort, wie mir auch nicht deutlich
geworden ist, an was für Kreise Verf. bei Abfassung
seines Buches gedacht hat. Die Forschung
kann ich nicht bereichert finden. Das liegt zum Teil
wohl daran, daß die Vorarbeiten anderer zu wenig ausgenützt
wurden, am wenigsten soweit sie außerhalb des
englischen Sprachgebietes liegen. Den stärksten Einfluß
übt H. St. J. Thackeray, besonders in seiner Eigenschaft
als Herausgeber, Übersetzer und Einleiter der
Schriften des Josephus. Aber die Anregungen zu ausgiebiger
Quellenscheidung, wie sie etwa von dem umfangreichen
Artikel G. Hölschers in Pauly-Wissowas
Realenzyklopädie IX Sp. 1934 ff. ausgehen, oder die
mehrfach gehörte Forderung einschneidender Sachkritik
haben keine spürbare Wirkung geübt. Die Zahl 40 000
für die Opfer von Jotapata ist unglaubwürdig (S. 15),
aber die militärischen Einzelheiten büßen trotzdem nichts
von ihrem großen Wert ein (S. 17, 1). Aber wie weit
ist denn einem „Augenzeugen", der sich solche Angaben
gestattet, überhaupt zu trauen? Diese Frage
wird gar nicht gestellt.

Die Religion des Josephus wird an der Hand seiner
Schrift c. Apionen geschildert. Aber A. Schlatters Arbeit
über die Frage: Wie sprach Josephus von Gott? 1910,
die doch wohl hierher gehört, bleibt unberücksichtigt
und hätte gewiß tiefer führen können.

Über die Essener erfahren wir dasselbe, was seit
Jahrzehnten üblich ist. Und doch wäre auch hier weiter
zu kommen gewesen. Mit dem slawischen Josephus
werden trotz Eisler wenig Umstände gemacht. R. La-
queur, Der jüdische Historiker FI. Josephus 1920 ist
der Erwähnung gewürdigt. Weshalb dann nicht das
gleichzeitige Buch eines anderen deutschen Profan histo-
rikers: Wilhelm Weber, Josephus und Vespasian 1921?

Hier ist von Planmäßigkeit wenig zu spüren und man
steht unter dem Eindruck, als ob der Zufall gewaltet
hätte. s

Die Behauptung (S. 70, 2), daß das Wort Synagoge
bei Josephus nur an einer Stelle vorkäme, ist
unzutreffend, da es sich außer bell. 7, 44 z. B. auch 2,
285. 289. Ant. 19, 305 findet. Sollte hier eine Ver-

I wechslung mit Philo vorliegen, der die Vokabel allerdings
nur einmal, in bewußter Beschränkung auf die

| Essener, gebraucht (Quod. omn. prob. lib. 81)?

I Oöttingen._ w. Bauer.

Lodder, Pastor Dr. w.: Die Schätzung des Quirinius bei
Flavius Josephus. Eine Untersuchung: Hat sich Flavius Josephus
in der Datierung der bekannten Schätzung (Luk. 2,2) geirrt? Leipzig
: Dörffling & Franke 1930. (IV, 96 S.) gr. 8°. RM 4—.

) Der Verf. prüft erneut die vielfach verhandelte
Frage, ob die Angaben des Lukas oder die des Josephus
über die Schätzung des Quirinius zu Recht bestehen. Da
er vermutet, daß der Irrtum auf seifen des Josephus
liegt, geht er dessen Angaben kritisch nach und macht
vor allem den Versuch, hinter Josephus auf dessen
Vorlagen zurückzugreifen. Es liegt ihm vor allem daran,
die Quellen des Josephus für die Periode 37—4 v. Chr.
herauszuarbeiten. Bei den Abschnitten Antt. XVIII über
, Quirinius stützt er sich im wesentlichen auf die verschie-
j dene Schreibweise des Namens Kvgrp'cog und Kvglviog.
Grundlegend für den ganzen Aufbau seiner Untersuchung
ist die von ihm aufgestellte These, daß Jose-
! phus Antt. XVIII, 2. 1 aus Versehen in seiner Quelle
I das 37. Jahr statt das 27. Jahr nach der Schlacht bei
I Actium gelesen hat: er fand vor die Zahl KZ und las
statt dessen AT. Demnach wäre die Angabe bei Lk. 2, 2
| richtig, und Josephus hätte sich geirrt. Steht das für
j den Verf. fest, dann hat er nunmehr Anlaß, die Ereignisse
der Jahre 37—4 v. Chr. so zu ordnen, wie es die
entscheidende neu gewonnene Grunderkenntnis erfordert.
1 Es ergibt sich dann, daß der Hohepriester Joasar im
i Jahre 4 v. Chr. abgesetzt wurde, und daß Hannas sein
Amt nicht 6 oder 7 n. Chr. angetreten hat, sondern
ebenfalls 4 v. Chr. Dann müssen auch die Nachrichten
| über Judas, den Gaulaniter — nach L. sind die drei verschiedenen
Personen, die Josephus unter dem Namen
! des Judas auftreten läßt, in Wahrheit nur eine — in ei-
I nen anderen zeitlichen Zusammenhang hineingestellt
j werden, als Josephus das tut; sie sind um 10 Jahre in
j der Geschichte hinaufzurücken. — L. lehnt auch die von
Zumpt und Mommsen vertretene Theorie einer doppel-
' ten Statthalterschaft des Quirinius ab. Er glaubt, daß es
richtiger ist, statt zwischen den offiziellen Statthaltern
! von Syrien einen Platz für Quirinius zu suchen, seine
! Wirksamkeit in Syrien vielmehr zwischen der des M.
| Agrippa und der des G. Caesar einzuschalten. Danach
! wäre Quirinius nach seinem Konsulat als legatus extra-
I Ordinarius vom Kaiser nach dem Osten entsandt wor-
I den, um die Homonadenser zu unterwerfen und durch
die Einführung eines Census geordnete Zustände in
Syrien zu schaffen. Das kann nach L. frühestens im
Jahre 9 oder 8 v. Chr. gewesen sein. Später ist Quirinius
dem G. Caesar als rector beigegeben worden. Im
Jahre 6 n. Chr. ist Quirinius noch einmal mit Coponius
nach dem Osten, diesmal nach Judäa gesandt worden,
um die Ethnarchie Judäa in eine Provinz umzuwandeln
und die Besitzungen des Archelaus zu Geld zu machen.
Josephus habe nun nur von dieser letzten Sendung des
j Quirinius gewußt. So habe er seine Quellen mißverstanden
und sei der Auffassung gewesen, der Abschnitt
Antt. XXIII, 1. 1 § 1—°a gehöre in das Jahr 6 n. Chr.
I L. stützt seine Konstruktion durch die Behauptung Ter-
tullians adv. Marc. 4. 19: . . . census constat actos sub
Augusto ... in Judaea per Sentium Saturninum. Er
zieht, da Tertullian diese Kenntnis nicht aus Josephus
gewonnen haben kann, die Folgerung, daß Tertullian
die römischen Archive, auf die er sich beruft, persönlich
! besucht, die Censusrollen nachgeschlagen und ihnen den