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Ausgabe:

1931

Spalte:

193-195

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Griechische Religiosität von Homer bis Pindar und Aeschylos 1931

Rezensent:

Pfister, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung

BEGRÜNDET VON EMIL SCHÜRER UND ADOLF VON HARNACK

unter Mitwirkung von Prof. D. HERMANN DÖRRIES und Prof. D. Dr. GEORG WOBBERMIN, beide in Göttingen

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR D. WALTER BAUER, GÖTTINGEN

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften. Bearbeitet von Lic.Dr. phil. REICH und Mag. theol. H. SEESEMANN, beide in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50

Manuskripte und gelehrle Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. BAUER in Cöttingen. Düstere Eichenweg 46, ru senden,
Reaensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. Gewähr für Besprechung oder Rücksendung von unverlangt gesandten Rezensionsexemplaren
, besonders noch bei Zusendung nach Göttingen, wird nicht übernommen.

VERLAG DER J. C. HINRICHS'SCHEN BUCHHANDLUNG, LEIPZIG C 1

56. JAHRGANG, NR. 9 25. APRIL 1931

Spalte! Spalte
Cumont: Die orientalischen Religionen im iKrebs: Sankt Augustin (Koch) ......206

römischen Heidentum (Bauer)......195

D i eh 1: Pfarrer- u. Schulmeisterbuch f. d. hess.-

darmst. Souveränitätslande (Schornbaum) .215
Fase her: Deus invisibilis (Bertram) ... 204
O e i ß 1 e r: Evangelische Diaspora u. Gustav

Adolf-Verein (Usener)...........213

Gilson: Der heilige Augustin (Koch). . . 206
Grumann: Da kommt der Heilige (Lempp) 211
Jackson: Josephus and the Jews (Bauer) 199

Kuli mann: P. Ambrosius Dreimüller

(Lempp)..................212

Lodder: Die Schätzung des Quirinius bei

Flavius Josephus (Schneider).......200

Loewe: Die Pastoralbriefe des Apostels

Paulus (Schütz)..............203

N e i i e n d a m : Erik Pontoppidan (Achelis) 211
Nestle: Griechische Religiosität v. Homer
bis Pindar und Äschylos (Pfister) .... 193

Spalte

P i n c h e r 1 e : Sant' Agostino d' Ippona Ves-

covo e Teologo (Koch)..........206

Proceedings of the American Academy for

Jewish Research 1928-1930 (Jeremias) . 197
S c h 1 a 11 e r: Der Evangelist Johannes (Fiebig) 201
Silberstein: Eine in Kupfer gestochene
Estherrolle aus der Universitätsbibliothek

zu Rostock (Wendel)...........198

Soden: Sakrament u. Ethik b. Paulus (Bertram) 204
Well mann: Der Physiologos (Pfister) . . 196

Nestle, Dr. Wilh.: Griechische Religiosität von Homer bis
Pindar und Äschylos. (Die griechische Religiosität in ihren Grundzügen
und Hauptvertretern von Homer bis Proklos I.) Berlin: W.
de Gruvter u. Co. 1930. (139 S.) kl. 8°. = Sammlung Göschen
1032. geb. RM 1.80.

Die neutestamentliche Theologie und die klassische
Philologie, die beide im Studium der neutestamentlichen
Schriften sich verbinden, haben eine merkwürdig Hand
in Hand gehende Entwicklung bis zur Gegenwart durchgemacht
. Für jede von beiden Wissenschaften hat die
römische Kaiserzeit einen grundlegenden Begriff geschaffen
, den Begriff des Kanons und der kanonischen
Schriften und den Begriff der Klassizität und der klassischen
Literatur. In beiden Wissenschaften ging die Entwicklung
von der normativ und klassizistisch betrachtenden
Forschung zur kritisch und historisch forschenden
Geschichtswissenschaft über, und gerade etwa das
vierte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts war für beide
Wissenschaften von entscheidender Bedeutung. In diesem
Jahrzehnt erschien Lachmanns für die Textkritik
bahnbrechende Ausgabe des Neuen Testaments (1831),
gleichzeitig begann Tischendorf mit der großen Materialsammlung
für seine textkritischen Arbeiten an den
neutestamentlichen Schriften, 1835—36 erschien das Le-

unserer Zeit reden soll, daß der Geist der Antike im
Leben unserer Zeit dauernd wirksam erhalten werde,
daß die Antike mit ihren lebendigen Werten als
wirkende Kraft in unsere Geisteslage von neuem hineinzustellen
sei. Und dem entspricht die Strömung innerhalb
der protestantischen Theologie, die von der historischen
Forschung sich abwendend Lebensbezogenheit,
Gegenwartswert, Sinndeutung des Lebendig-Wirkenden
auf ihre Fahne geschrieben hat, nach „pneumatischer
Schriftauslegung" statt nach philologisch-historischer
Interpretation verlangt. In diesem Zusammenhang steht
auch die Forderung, das „religiöse Erlebnis" zum
Gegenstand der Forschung zu machen, wie dies für
die vergleichende Religionswissenschaft etwa Hauer
ganz allgemein, in Einzeluntersuchungen etwa C a s e 1
und Mensching getan haben.

So ist jetzt die Zeit bereit, um die von Spengler
(Untergang II 292, 3) gefühlte Lücke auszufüllen,
„daß wir eine Reihe von Werken über die antike Religion
und besonders ihre Götter und Kulte besitzen,
aber keines über antike Religiosität und ihre Geschichte
". Und Wilhelm Nestle hat diese Aufgabe
übernommen, als Philologe alten Stils nicht geneigt, der
„pneumatischen Exegese" in der Philologie Eintritt zu

ben Jesu von D. Fr. Strauß, und die historischen Ar- gewähren, und doch modern genug, den Wert der Erleb-
beiten F. Chr. Baurs und seiner Tübinger Schule setzten | nisforschung voll zu erfassen. So will er in drei Bändein
. Und ebenso zeigte Droysen im ersten Band seiner

Altertumsforschers sich nicht auf die klassische Zeit des

chen die griechische Religiosität in ihrer Entwicklung

Geschichte des Hellenismus (1833), daß die Arbeit des von rund 1200 Jahren darstellen. Der vorliegende erste

Griechentums beschränken dürfe, nachdem bereits zwei | und Aischylos

Band geht bis zur Zeit der Perserkriege, bis zu Pindar

Jahrzehnte vorher Niebuhr durch seine Kritik an der
sagenhaften Überlieferung Roms auf diesem Gebiet den
Weg für die historische Forschung geebnet hatte. Auch
die moderne Religionswissenschaft setzte in den 20er
Jahren mit der Überwindung der Romantik ein: Hier
waren es vor allem K. O. Müller und Lobeck, die sich
beide, der Historiker und der Rationalist, mehr oder
minder scharf, aber entschieden gegen Creuzers Symbolik
wandten und die für kritische und historische Forschung
eintraten. Und die Gegenwart sieht wieder eine
neue Wandlung oder wenigstens Strömung der gleichen
Art in beiden Wissenschaften, eine Erscheinung, die
man wohl, entsprechend der „Lebensphilosophie", als
Erlebnistheologie und Erlebnisphilologie bezeichnen
könnte. Hier wird vom Philologen gefordert, um mit
W. Jägers Worten zu sprechen, daß die Antike aus
dem Innersten ihres Wesens zu dem Lebensgefühl

Während wir von der objektiven Religion der Bewohner
der Balkanhalbinsel und Kretas immerhin manches
aus der Zeit des 2. Jahrtausends durch die archäologischen
Funde wissen, müssen wir uns bei der Erforschung
der subjektiven Religion auf die Zeit beschränken
, aus der wir literarische Zeugnisse besitzen,
müssen hier also mit dem homerischen Epos beginnen.
So fängt denn auch N. mit der homerischen Religiosität
an, einer Adels- und Herrenreligion, wie N. sagt, oder,
wie er sie m. E. besser charakterisiert: die homerische
Religion ist der erste große Anlauf zu einer geschlossenen
religiösen Deutung der Welt und des Lebens in spezifisch
griechischem Sinn. Denn dies scheint mir völlig
sicher zu sein, daß der Dichter und nicht der Adel der
Schöpfer der „homerischen Religion" ist und daß sie
so, wie sie uns im Epos entgegentritt, niemals, weder
im Adel noch im Volke lebendig war. Unendlich viel,

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