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Ausgabe:

1931 Nr. 8

Spalte:

189-190

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steffes, Johann Peter

Titel/Untertitel:

Religion und Politik 1931

Rezensent:

Schian, Martin

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Seite 1

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189

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 8.

190

Panlogisnius. Er betont immer wieder, daß die absolute
Vernunft mit der menschlichen niemals verwechselt werden
dürfe, daß sie in zahllosen anderen, außermensch-
liehen Sinngebilden lebe und auch das Irrationale unter
sich befasse. Hartmann selbst hat den Weg vom Marburger
Neukantianismus zur Phänomenologie Scheler- |
scher Prägung genommen. Er hat den Idealismus nicht
schlechthin preisgegeben, aber er bildet ihn von seinem
neugewonnenen phänomenologischen Standpunkt aus i
fort. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß
Hartmann diese Entwicklung vom subjektiven Formalismus
zur wesenhaften Ontotogie in die Bewegung des J
klassischen Idealismus selbst hineinsehen möchte, und
daß ihm gerade Hegel für diesen Gang der Dinge als |
Kronzeuge dienen muß. Tatsächlich liegen denn auch
für ein solches Verständnis Anhaltspunkte genug vor. ;

Aber wenn man auch Hegel noch so aktuell macht j
und die irrationale Wesensseite seiner Philosophie hervorhebt
— der rationale Monismus und Pantheismus >
seiner Philosophie ist weder zu bestreiten noch zu brechen
. Er meint es wirklich ernst mit dem Gedanken,
daß der Weltprozeß die Selbstverwirklichung Gottes
sei; der Immanenz- und Kontinuitätsgedanke ist nirgends
schärfer ausgesprochen und bis in seine letzten Konsequenzen
durchgeführt als gerade bei ihm; für ihn mün- j
det der Glaube durchaus und vollständig in das Wissen
ein. Diese an sich bekannte Tatsache wird gerade aus !
der Hartmann'schen Darstellung von neuem eindringlich
klar. Hartmann selbst weist immer wieder darauf hin,
daß die Hegeische Philosophie letzten Endes Lehre von ;
Gott sei. „Wie sehr Hegels Philosophie von Grund j
aus und als Ganzes Religionsphilosophie ist, sieht man
nirgends deutlicher als in dem alles Menschenmaß übersteigenden
Unternehmen seiner Logik. Weiter kann der
Mensch seine Anmaßung, um Gott zu wissen, nicht
treiben, als sie hier getrieben ist. Es ist der Anspruch
des Menschen, Gott zu durchschauen, seinen Ratschluß
zu erlauschen, sein Wesen und Walten in den Logos |
des eigenen Wissens einzufangen. Wenn die Logik i
„Darstellung Gottes" ist, so muß sie, da sie die Form
des Wortes hat, das reine Wort Gottes sein — gewissermaßen
also das dritte Testament, das nicht mehr überlieferte
und geglaubte, sondern dem Zeugnis der ewigen
Vernunft in der endlichen Vernunft abgelauschte Offenbarung
ist" (S. 38). Eine solche Theologie, für die j
Gott nur „im spekulativen Wissen erreichbar" ist, für
die die Menschwerdung das Bewußtwerden Gottes seiner
selbst im Menschengeiste bedeutet, und für die sich der |
Glaube in dem Wissen Gottes um sich selbst in uns
vollendet — eine solche „systematische" Theologie bildet
das genaue Gegenstück zu der existentiellen Theologie
Kierkegaards und seiner Anhänger. Es wird deutlich
, wie sich Kierkegaards Denken einzig aus der i
Opposition gegen das „System" Hegels entwickeln j
konnte und nur von ihm aus als Gegensatz „dialektisch"
begriffen werden kann. Insofern ist die Kenntnis Hegels
gerade auch für den Theologen bedeutsam; das hier besprochene
Werk kann auch ihm wesentliche Dienste
leisten.

Wir glauben mit N. Hartmann nicht an eine Hegel- j
renaissance im strengen Sinne des Wortes. Aber wir
sind auch darin mit ihm einig, daß in dem Gedanken-
werk des Vollenders des deutschen Idealismus noch eine
Fülle ungehobener geistiger Schätze sowie auf Lösung j
wartender Probleme steckt, und daß auch unsere Zeit
viel von ihm lernen kann, wenn sie es fertig bringt, das
hohe Niveau einzunehmen, das für Hegel selbstverständlich
war. Dafür daß uns das Buch N. Hartmanns
die Augen für diese geistige Höhenlage öffnet, dafür
sind wir ihm besonders dankbar.
Gießen. Heinrich Adolph.

Steifes, Prof. Dr. theol. Johann Peter: Religion und Politik, j
Eine Religions- u. kulturwissenschaftl. Studie. Freiburg i. Br.: Herder
& Co. 1929. (XVII, 233 S.) 8°. = Schriften z. dtschn. Politik, 21.
u. 22. H. RM 7.40.

Ein Versuch, das Verhältnis zwischen Religion und
Politik grundsätzlich mit historisch-systematischer Einstellung
im Rahmen religions- und kulturwissenschaftlicher
Erwägungen zu beleuchten, sowie aus rein sachlichen
Überlegungen heraus prinzipiell zu begrenzen.
Entsprechend diesem Programm geht St. sehr gründlich
zu Werke: nach ausführlicher Darstellung der geschichtlichen
Entwicklung des Problems legt er vom Wesen
der Politik und der Religion aus Möglichkeit und Notwendigkeit
dar, von Seiten der einen Einfluß auf die
andere zu gewinnen. Sehr inhaltreich ist der folgende
Abschnitt, der die Bedeutung der verschiedenen Religionen
„gegenüber der Politik" zu zeigen unternimmt:
von den natürlichen Religionen bis zu den großen christlichen
Konfessionen. Dieser Abschnitt (S. 125—210) ist
der wichtigste des Buchs; er enthält zugleich die eigene
grundsätzliche Stellungnahme. Denn der Standpunkt des
Buchs ist der katholische, und so kann — was von
diesem Standpunkt aus folgerichtig ist — die eigene
Anschauung des Verf.s unter dem Thema „Der römische
Katholizismus und die Politik" entwickelt werden (S.
182—210). Da bei dieser Gruppierung die katholische
Auffassung neben andere gestellt scheint, ist es formell
nicht ganz logisch, wenn nun in einem weiteren Abschnitt
aus ihr die praktischen Folgerungen gezogen
werden. Hier kommen dann Art und Grenzen der gegenseitigen
Beziehungen beider Größen und die Trennung
von Staat und Kirche zur Besprechung. Ein Schlußwort
läßt das Ganze in einer Empfehlung der Katholischen
Aktion münden. — Da über den Standpunkt zu streiten
zwecklos wäre, bleibt nur die Frage, ob Verf. sein Programm
von seinem Blickpunkt aus glücklich durchgeführt
hat. Dabei ist festzustellen, daß er sich um Berücksichtigung
des Protestantismus ausführlich gemüht
hat und daß die historische und grundsätzliche Schilderung
protestantischer Gedanken der Forderung wissenschaftlicher
Objektivität Rechnung zu tragen sucht.

Über Luthers Stellung zum Staat finden sich manche guten Sätze;
aber daneben begegnen auch sehr befremdliche Fassungen. S. 151-
„Nicht übereinstimmend mit seiner Auffassung von Gott und wohl noch
unter der Einwirkung seiner katholischen Vergangenheit macht er (Luther)
doch sittliche Forderungen geltend und anerkennt auch vielfach bis zu
einem gewissen Grade Dogmen und Sakramente." S. 168: „Weiter ging
der Evangelische (gemeint ist natürlich der Evangelisch-Soziale) Kongreß
unter Fr. Naumann, der im Namen der Religion die Bedrängten gegen
Ausbeutung zu organisieren suchte, um sie so auch der Religion zu erhalten
." So unbekannt dürften dem Verfasser einer wissenschaftlichen
Studie die Protestantica nicht sein! Spener soll nach St. (S. 167) das
englische Werkhaus nach Deutschland verpflanzt haben. An ähnlichen
Unrichtigkeiten, mehr noch an halbrichtigen oder schiefen Sätzen ist
wo vom Protestantismus die Rede ist, kein .Mangel. Beachtlich sind die
Abschnitte über Katholizismus und Staat, Staatsform usw. die mittelalterlichen
Theorien wertet St. in etwas verklausulierten Sätzen als
Überspannung der Kirchengewalt in weltlichen Dingen; er räumt der
Politik „auf ihrem eigenen Gebiet" eine „sachgesetzlich bestimmte Selbständigkeit
" ein, leider ohne diese Frage weiter zu verfolgen; gerade
ihre genaue Erörterung wäre höchst interessant gewesen. Das Absetzungsrecht
der Kirche dem Fürsten gegenüber folgt nicht unmittelbar aus dem
Wesen des Katholizismus (S. 187). Dieser Anspruch der Kirche war
„zeitgeschichtlich bedingt" ; heut denkt die Kirche nicht mehr daran,
einen Fürsten oder Staatsoberhaupt für abgesetzt zu erklären; sie beschränkt
sich darauf, gegebenenfalls staatliche Maßnahmen als unverbindlich
zu erklären (S. 1S7). Zu Revolution und Regierungssturz wird sie
nicht auffordern; wo diese aber eingetreten sind, wird sie die neuen
Machthaber unter bestimmten Voraussetzungen anerkennen (S. 188). Sehr
eigen formuliert ist folgende Anmerkung: „Der Regierungswechsel in
Deutschland 1918'19 stellt insofern eine Besonderung dar, als die
bisherigen Inhaber der Staatsgewalt ihren Posten unter dem Zwange der
Kriegsverhältnisse glaubten verlassen zu sollen und dann schließlich auf
die Macht selbst verzichtet haben". Seitdem sind erst 12 Jahre vergangen,
und so falsch werden die Dinge schon jetzt in einer wissenschaftlichen
Studie dargestellt!

Es ergibt sich, daß wir aus dem Buch zwar allerhand
bemerkenswerte Erkenntnisse über die Haltung des
modernen Katholizismus gewinnen können, daß es
darüber hinaus aber die eigene Diskussion kaum zu fördern
imstande ist.
Breslau. M. Schi an.