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Ausgabe:

1930 Nr. 8

Spalte:

173-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Hans

Titel/Untertitel:

Die Alkoholfrage im Alten Testament 1930

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Seite 1

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173

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 8.

174

Spiegelberg, Prof. Dr. Wilhelm: Drei demotische Schreiben
aus der Korrespondenz des Pherendates, des Satrapen
Darius' I., mit den Chnumpriestern von Elephantine. Mit

3 Taf. Sonderdr. a. d. Sitzungsber. d. Preuß. Akad. d. Wissensch.,

Phil.-Hist Kl. 192S, XXX. Berlin: W. de Gruyter & Co. in Komm.

1928. (21 S.) 4°. RM 2—•

Die ägyptischen und griechischen Quellen stimmen
darin überein, daß der Perserkönig Darius I. eine agyp- |
terfreundliche Politik verfolgte. Vor Allem war er
darauf bedacht, die Priesterschaft und deren Einfluß auf j
das Volk seinen Interessen dienstbar zu machen. Wertvolle
Belege für diese Tatsache bringen die beiden
ersten der von Spiegelberg entdeckten und in vorliegender
Arbeit unter Beifügung wichtiger sachlicher und
sprachlicher Erläuterungen veröffentlichten Schriftstücke.
SM zeigen, wie der König in ähnlicher Weise, wie dies
bereits einheimische Pharaonen getan hatten, die Zusammensetzung
der Priesterkollegien zu regeln wußte.
Das erste Dokument enthält ein Schreiben des Satrapen
Pherendates aus dem Jahre 30 des Darius an die
Priester des Widdergottes Chnum von Elephantine und
verweist auf einen Befehl des Königs, aus dem hervorgehe
, welche Persönlichkeiten bei der Besetzung von
Priesterstellen von der Bestätigung durch den Herrscher
ausgeschlossen seien. In dem zweiten Schreiben teilen
die Chnumpriester dem Satrapen den Rucktritt eines
Priesters und die Neuwahl seines Nachfolgers mit.

Der Name Pherendates erscheint in der Perserzeit |
mehrfach. Ein Pherendates war einer der Heerführer
bei dem Zuge des Xerxes gegen Griechenland (Her.
7. 67), ein anderer wurde von Ochus als Satrap in
Ägypten eingesetzt (Diodor 16. 51). Von dem in den
neu zugänglich gemachten Urkunden erwähnten gleichnamigen
Manne ist nichts Näheres bekannt. Am Anfange
der Regierung des Darius war der von Kambyses
eingesetzte Aryandes Satrap, er wurde nach längerer
Tätigkeit wegen reichsfeindlicher Handlungen hingerichtet
. Ob ihm Pherendates unmittelbar folgte, läßt
sich nicht feststellen; er war aber, wie der dritte von
Spiegelberg behandelte Papyrus zeigt, bis gegen Ende
der Herrschaft des Darius im Amte. Das betreffende
Schreiben berichtet dem Satrapen über einen Getreidetransport
bei Svene, der durch Rebellen bedroht sei und
daher besserer Sicberung und militärischer Bewachung
bedürfe. Da die Mitteilung vom Jahre 36 des Darius
datiert, hängt die Bedrohung des Getreides vermutlich
mit den aufständischen Bewegungen zusammen, welche
nicht lange vor dem Tode des Herrschers im Niltale
auftraten und zu der Aufstellung eines Gegenkönigs
führten. Nach dessen Besiegung erscheint Pherendates
nicht mehr als Satrap, der Bruder des Xerxes Achä- i
menes wurde als Statthalter eingesetzt (Her. 7. 7).

Bonn. A. Wiedemann.

Schmidt, Prof. D. Hans: Die Alkoholfrage im Alten Testament
. Hamburg: Neuland-Verlag 1926. (40 S.) gr. 8°. = Die
Alkoholfrage in d. Religion, Bd. I, H. 1. RM 1-.

Das vorliegende Schriftchen eröffnet eine Reihe von
Veröffentlichungen, durch welche die Alkoholfrage wissenschaftlich
gefördert werden soll. Ausgehend von der
Darstellung Palästinas als eines Weinlandes zeigt der
Verfasser, wie auf diesem Boden das aus der Wüste einziehende
Israel in den Bann einer dionysischen Religion
geraten mußte. Dagegen erhebt sich der Protest von
Rechabitern und Nasiräern, und hier, im bekannten Bericht
über die Erstgenannten, Jer. 35, sieht H. Schmidt
„zum ersten Mal in der Weltliteratur die Alkoholfrage
als wirklich erörterte Frage bezeugt" (S. 11). Ich muß
hier widersprechen: Wenn man beachtet, wie dem Nasi-
räer nicht bloß der Genuß des Weines, sondern alles
dessen, was vom Weinstock kommt, also auch schon
der Genuß der Weintrauben verboten ist (Num. 6, 3 f.
Rieht. 13,4. 14), so zeigt sich, daß der Protest nicht
sowohl gegen den Wein als alkoholisches Getränk geht
als vielmehr gegen die gesamte Weinkultur, die das I

typische Zeichen der Ansässigkeit im Gegensatz zum
Nomadentum ist, in dem die Vertreter dieser Anschauung
ihr Ideal sehen. Und ioh meine, daß dieser Unterschied
nicht verwischt werden darf. Es will mir denn
auch scheinen, daß der Verfasser bei der Zeichnung der
zwei Religionen in Palästina, der kanaanitisch-natur-
haften und der mosaischen, den sittlichen Willen bindenden
, übers Ziel schießt, wenn er alles, was auf eine
Schätzung des Weines hinausläuft, einseitig aus dem
Geist der erstem zu erklären geneigt ist, so daß er im
Abschnitt „die berauschenden Getränke und die Lebensanschauung
des Einzelnen" zu Prov. 31, 6 f. bemerken
kann: „es ist nicht die Religion der Offenbarung, nicht
die Stimme des Mose und der Propheten, die hier zu uns
redet" (S. 32). Ich zweifle, ob er damit z. B. dem
Geiste dessen, der das Weinbergslied gesungen hat, ganz
gerecht wird (Jes. 5, 1 ff., vgl. 37,30; Jer. 2,21;
Ez. 19, 10). Auch das Wort vom Wein, der das Herz
erfreut, hätten Jesaja und Arnos, meint S. (S. 32),
schwerlich geschrieben: er hält es, unter Vergleichung des
Echnatonhymnus, für einen ethnischen Einschlag. Aber
es ist doch, wie mir scheint, nur die Unmäßigkeit
im Weingenuß, wogegen die Propheten protestieren.
Für seine harmlose Schätzung spricht doch wohl auch
schon die in gut jahwistischem Geiste gehaltene Stelle
Gen. 49, 11 f. (wo ich übrigens nicht wie S. den messia-
nischen König, sondern juda als Subjekt annehme).
Zu den Stellen, welche die Verwendung berauschender
Getränke bei der Kultmahlzeit belegen, ist auch I. Sam.
25, 36f. zu rechnen; denn die Schafschur ist religiöses
Fest. Wenn die LXX an dieser Stelle übrigens von
Wasser spricht, so hat sich S. diese Lesart nicht zu nutze
gemacht (vgl. Anm. 48). — Sollte wirklich die Heimat
Kohelets Alexandrien sein (S. 32)?
Berlin. Alfred Bert holet.

Meyenberg, A.: Leben Jesu-Werk. II. Bd. l. — 3. Lfg.
Luzern: Räber 8i Cie 1925/1926. (IV, 704 S.) gr. 8°.

Den ersten Band dieses Werkes habe ich in dieser
Zeitung 1924 Sp. 124 ff. angezeigt, der dritte ist noch
nicht vollständig erschienen. Geplant ist eine Darstellung
der Christusauffassung in der Geistesgeschichte in drei
Bänden, denen dann ein Leben Jesu folgen soll. Man
muß schon den unbestimmten Ausdruck „Christus-Auffassung
" brauchen; denn der Verf. will beides: die Darstellungen
des Lebens Jesu charakterisieren und die
christologischen Lehren schildern. Nun kann man gewiß
die Leben Jesu-Darstellungen zumal des 19. Jahrhunderts
in unmittelbaren Zusammenhang mit zeitgenössischer
Philosophie und Theologie bringen; bei Scholastikern
und Reformatoren aber steht das christolo-
gische Interesse so im Vordergrund, daß der Charakter
des Buches mit Notwendigkeit uneinheitlich werden muß.

Dieser Band, in drei Lieferungen erschienen, führt
von Luther bis David Friedrich Strauß. Grundsätzlich
habe ich meiner damaligen Kritik nichts Neues hinzuzufügen
. Geblieben ist dem Werk vor allem die ungeheure
Disziplinlosigkeit, die es dem Verf. erlaubt, von
dem Gegenstand seiner Darstellung nach der Gegenwart
oder irgend einer anderen Zeit abzuschweifen, zumeist
im Interesse seiner Apologetik oder Polemik. Dadurch
wird das Ganze in hohem Maße ungeordnet, und
man erlebt es bereits in diesem Bande, daß auf Ausführungen
des ersten Bandes darum zurückverwiesen werden
muß, weil Erscheinungen, die hier ihren Platz haben
müßten, schon dort in Form eines Exkurses erledigt
worden sind. Und in diesem zweiten Band steht nun
wieder eine Ausführung über das Vollkommenheitsideal
der Bergpredigt in dem Abschnitt über Goethe, eine
Kritik Furrers ist in das Kapitel über den Heidelberger
Paulus eingeschaltet, eine Erörterung über Jesu Stellung
zum Krieg in die Kritik des Haseschen Lebens Jesu.
Außerdem halten lange Zitate aus Goethe, Harnack,
Albert Schweitzer u. a. den Leser auf, der das Urteil des
Veits hören will. Auch Ökonomie ist diesem Werke