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Ausgabe:

1930 Nr. 7

Spalte:

162-164

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Kirken: Tidsskrift for kirkelig Orientering. Bd. I (1929) 1930

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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161

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 7.

162

Politik der Staaten ist der gleichen Einsicht dienstbar geworden
: sie ist notwendig expansiv, auf ein „größeres"
Reich durch Zufügung von Kolonien und Hörigmachung
andrer Wirtschaftsgebiete ausgehend. Wer sich in diesem
Wettbewerb zurückhalten wollte, wird selber ein
Opfer der andern unter dem Zwang dieser Einsicht Handelnden
. Jede vorgeschlagne Reform in Wirtschaft und
Politik bleibt darum Flickwerk. Jede dem Mechanismus
entgegengestellte Idee oder Einrichtung wird selbst nur
Machtmittel im Kampfe. Die Idee der Gerechtigkeit
wird als Phrase benutzt, um die öffentliche Meinung für
Ziele des eignen Lebenskampfes zu gewinnen. Die
Einrichtung des Völkerbundes wird, solange das innere
Gesetz unsrer Kultur so bleibt, nichts andres sein als
ein neues Mittel, dessen sich die Einsicht in die logische
Notwendigkeit der Inhumanität zwangsläufig bedient.
Diese Einsicht, man kann auch sagen: die technische
Logik im Dienst der Lebensangst, ist der wahre, unsre
Kultur mit dem Tode zeichnende allbeherrschende Dämon
, dem Gott und Religion und Moral und Gesundheit
und alles geopfert werden.

Und Christentum und Kirche? Sie sind zur
Machtlosigkeit dadurch verurteilt worden, daß erst die
Wahrheit, dann die Verwirklichungsmöghchkeit des
Christentums erschüttert worden sind. In dem Augenblicke
, als der Bankrott der Kultur offenbar geworden
ist, ist ein unerschüttert seiner Sache gewisses Christentum
nicht da gewesen, und was noch da war, mußte
sich die Frage gefallen lassen, ob es denn an die Verwirklichung
der neutestamentlichen Botschaft in der
gegenwärtigen Lage noch Glauben, noch Willen zu
setzen bereit war. Das ist der Bankrott von Christentum
und Kirche des 19. Jahrhunderts.

Dies die Lage. Wenn man nun Geismar's eignes
Wort zu ihr verstehen will, tut man gut, seine Gesamtauffassung
des Christentums hinzuzunehmen (auf
deutsch am bequemsten zugänglich Monatsschr. Pastoraltheologie
1929 XXV 227ff.: Kierkegaard und Luther
). Gottes Gnade ist untrennbar mit dem Gericht
geeint. Vermögen wir die gegenwärtige Lage als Gottes
Gericht gerade auch über Christentum und Kirche zu
nehmen, dann wächst daraus der Glaube, daß Gottes
ewige Liebe auch im Stockdunkel der gegenwärtigen
Lage der Menschheit und Christenheit am Werke ist.
Damit hören wir menschlich und kirchlich nicht auf
bankrott zu sein, und haben dennoch ein Wort, eine
Hoffnung über den Bankrott hinaus. Das ist der einzige,
aber der entscheidende Vorzug von Christentum und
Kirche gegenüber der Kultur, daß die Kultur dies Geheimnis
des Kreuzes, der Liebe im Gericht, der Hoffnung
im Untergang, nicht kennt und darum verzweifeln
muß in der Sünde. Aber, und damit kommt Geismar zu
der entscheidenden Schlußresignation, Christentum und
Kirche haben nicht die Vollmacht und die Kraft, nun
im Zeichen des Kreuzes das furchtbare Dogma von der
logischen Notwendigkeit der Inhumanität zu zerbrechen.
Sie können nichts andres tun, als lehren, es in seiner
zerstörenden Sündenmacht zu erkennen, mitzuleiden und
auf Gott zu hoffen. Er weiß, daß er damit eine Grenze
seines eignen Christentums bezeichnet. Es ist ein „Christentum
, das Rücksichten nimmt", d. h. das nicht die
Verantwortung auf sich nimmt das Grundgesetz der
gegenwärtigen Weltgestalt tathaft zu zerbrechen. Es
kann nichts als den menschenzerstörenden Folgen des
Dogmas von der logischen Notwendigkeit der Inhumanität
entgegenzuarbeiten mit dem Wort an die Gewissen
, das ihm gegeben ist. Es kann Menschen schaffen
, die darunter im Gewissen leiden, die sich nach neuen
besseren Ordnungen sehnen, und überläßt es Gott, wann
und wie aus dieser Sehnsucht überwindende Kräfte geboren
werden. Er weiß, daß es daneben noch ein
^hnstentum gibt, „das keine Rücksichten nimmt", das
die Folgen tathaft auszieht. Aber dies Christentum zer-

Sp^C5It damit die ganze Segenwärtige Weltgestalt. Es
schafft einzelne Märtyrer. Seine Bedeutung kann keine

andre sein, als auf diese Weise auch die Gewissen zu
schärfen, daß sie die Wahrheit sehen. Es kann also
lediglich dem andern Christentum auf seinem Wege der
inneren Überwindung helfen.

— Ich habe Geismar's Ausführungen natürlich
innerlich mit denen in meinen Vorträgen über „Staat und
Kirche im 19. und 20. Jahrhundert" verglichen. Geismar
hat sich das weitere und größere Thema gewählt.
Aber schließlich lassen sich beide Bücher nicht allzuschwer
zu einer Gesamtanschauung zusammenfügen. Im
einzelnen bleiben selbstverständlich nicht unerhebliche
Unterschiede. Ich würde in der Analyse der Kulturkrise
die Freiheitsideologie als ein grundlegendes Moment
herausarbeiten müssen. Ich würde die Tatsache
der Volksvermehrung im 19. Jahrh. nicht so beiseiteschieben
können, wenn ich mir über das Fehlschlagen
der Hoffnungen der Technik Rechenschaft gäbe. Ich
würde die Aussichten der konkreten ethischen Gestaltung
im einzelnen und ihre Bedeutung für die Bewältigung
der Krise höher einschätzen. Ich würde die Arbeit
der Kirche an den Menschen zur Überwindung der dämonischen
Mächte der Gegenwart mir auch weit bestimmter
, tathafter denken, vor allem was Erziehung
und Gemeinschaftsbildung anlangt. Es gibt auch gestaltende
Tat und helfende Güte unter dem Fluche des
allgemeinen Lebens. Was will das aber alles sagen
gegenüber der Einheit in der Grundstimmung. Zutiefst
verstehen Geismar und ich die Lage sowohl wie
das uns in dieser Lage gegebne Wort auf die gleiche
Weise. Die mir bisher bekannt gewordnen mündlichen
wie gedruckten Einwände gegen Geismar treffen meinen
Standpunkt mit.
Oöttingen. E. Hirsch.

Kirken: Tidsskrift for kirkelig Orientering. Band I (1929)
= Heft 1—6. Kopenhagen: P. Haase og Son 1929. (369 S.)
gr. 8°. 9 D. Kr.

Diese „Zeitschrift für kirchliche Orientierung" ist
ein Neuling in der dänischen theologischen Welt. Herausgegeben
wird sie im Auftrage eines Kreises jüngerer
dänischer Theologen, mit persönlichen Opfern, von Bibliothekar
H. Larsen und Pfarrer Dr. phil. Scharling
. Neben ihnen beiden hat Pfarrer Dr. theol. Noj-
gaar d (dessen Lutherbuch ich Th. L. Z. 1929 Sp. 365f.
anzeigte) die meisten Artikel geschrieben. Die Absicht
der Zeitschrift ist zunächst die, einfach die Augen aufzumachen
für alle lebendige Bewegung in den gegenwärtigen
Kirchen der Welt.

Rußland: Stchelkunoff, Die russische Kirche und die Revolution;
Die Ehe in Rußland einst und jetzt; Arseniew, Der antireligiöse Kampf
in Rußland. — England: H. Larsen, „Geistliche Zurückgezogenheit" in
der anglikanischen Kirche; R- Thansen, Die praktische Bedeutung der
hochkirchlichen Bewegung für das englische Kirchenwesen; Pontoppidan,
Das Heileramt der Kirche (Ein Durchbruch in der anglikanischen
Kirche). — Deutschland: Scharling, Die Stellung der Kirche in
Deutschland; Gedanken über die Kirche bei K. Barth und Genossen. —
Schweden: Scharling, Schwedischer und dänischer Hauptgottesdienst. —
Römisch-katholische Kirche: Larsen, Der römisch-katholische Gottesdienst
; Larsen, Der gregorianische Gesang; Brunn, Der gregorianische
Choral (Eindrücke aus Beuron); Najgaard, Über den katholischen Modernismus
; George Tyrrell; Larsen, Vom Kirchenstaat zur Stadt des Vatikans.

Bei diesen Aufsätzen wird der Hauptton gelegt auf
Tatsachenmitteilung — der über die römische Messe ist
z. B. eine einfache Inhaltangabe. Diese Tatsachenmitteilung
wird unterstützt durch gut ausgewählte Bilder —
z. B. sind die Hauptszenen der Levitenmesse so festgehalten
. Manchmal, so in den Aufsätzen von Stchelkunoff
über die russische Kirche, schließt sich diese Mitteilung
an nicht jedem zugängliche, neuere nicht-dänische Bücher
an. Manchmal handelt es sich auch um Eindrücke
von Studienreisen (z. B. bei Scharling, Die Stellung der
Kirche in Deutschland). Die Stoffauswahl ergibt sich
aus den angegebnen Themen von selbst: Liturgische
Fragen, daneben für ein lutherisches Kirchentum wie
das dänische neuartige oder fremdartige kirchliche Bewegungen
stehen im Vordergrund. Ein Aufsatz, der