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Ausgabe:

1930 Nr. 7

Spalte:

159

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hirsch, Emanuel

Titel/Untertitel:

Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert 1930

Rezensent:

Schian, Martin

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159

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 7.

160

Hirsch, Emanuel: Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert.

Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 1929. (IV, 72 S.) gr. 8". RM 3—.
Hirsch gehört zu denjenigen Historikern, die das
geschichtliche Werden nicht bloß zu verstehen, sondern
es zugleich für Gegenwart und Zukunft zu nutzen
suchen. So geht er hier der Entwicklung des Verhältnisses
von Kirche und Staat — nicht etwa nur in
Deutschland, sondern in der Welt — im 19. und 20.
Jahrhundert nach, um daraus Folgerungen für unsere
Lage zu ziehen. Das Bild von 1789 und das von 1914
werden in wirksamem Konstrast einander gegenübergestellt
. Demgegenüber spielt 1918 eine sehr viel geringere
Rolle, als üblicherweise angenommen wird; der
Weltkrieg hat die bereits im Gang befindliche Bewegung
lediglich offenbart und beschleunigt. Die Ursache
der Wandlung findet H. im neuen Staatsbegriff.
Die neue Art der Staatsbildung will den Staat wie den
Einzelnen frei machen bis ins Letzte. Rein gegenwärtiger
Wille durch keine inhaltliche Bindung irgendwie
vorbestimmt: das ist das Wesen dieser Freiheit. Zu
den Mächten, von denen der Staat sich grundsätzlich
löst, gehören auch die christlichen Kirchen. Der christliche
Geist muß sich nun mit dem im neuen Staat
(mindestens unterirdisch) wirksamen Freiheitsgedanken
auseinandersetzen. Dafür reicht die Antwort unserer
großen idealistischen Denker nicht mehr aus; der idealistischen
Staatslehre muß „der ehrenvolle Ruhestand bewilligt
" werden. Auch der nordamerikanische Weg
führt nicht zum Ziel; es handelt sich bei ihm letztlich
um eine neuidealistische Gedankenbildung. Der Weg
der Zukunft muß sein: Selbstbegrenzung des Staats
gegenüber dem Heiligtum des Gewissens und der
Hoheit des Geistes. Der Staat muß verstehen lernen,
daß Gewissensfreiheit unter gewissen Voraussetzungen
einen Verzicht auf die Mitgestaltung des höheren Lebens
fordert. In diesem Zusammenhang kommt H. besonders
auf die Schulfreiheit zu sprechen. Ein Abschnitt
über Christenheit und Kirchen bildet den Beschluß
. — Wir haben es mit einer Schrift zu tun, die das
tatsächliche Geschehen aus der Tiefe der geistigen Entwicklungen
heraus verständlich macht. Das ist gerade
bei Problemen wie „Staat und Kirche", die oft lediglich
organisatorisch angefaßt werden, von hohem Wert.
Man muß die innere Notwendigkeit der Entwicklung
aus den geistigen Voraussetzungen heraus begreifen.
Dann sieht man auch, wohin die Entwicklung geht,
und kann sich vom christlichen Standpunkt aus richtig
darauf einstellen. Sehe ich recht, so wird das Schulproblem
der Punkt sein, an dem die Probe gemacht
werden muß. Wir sind aber noch nicht so weit, daß
wir — d. h. die Kirche als solche — die Notwendigkeit
des von H. gewiesenen Weges verstanden hätten. Vielleicht
ists auch noch nicht der richtige Augenblick, das
Steuer herumzuwerfen. Es ist aber gut, daß wir uns
an Gedankengänge wie den von H. gewöhnen. Das ist
ja der hohe Wert dieser Schrift, daß sie nicht irgendwelche
temperamentvolle Forderungen ausspricht, sondern
in die geistigen Zusammenhänge hineinführt, aus
denen die Geschichte geboren wird. Jedenfalls kann
man ungemein viel aus der Schrift lernen, die ich gerade
auch den Kirchenmännern nachdrücklich zur Lesung
empfehlen möchte.

Breslau.___M. Schian.

Geismar, Eduard: Kristendornmen og vor Tids Kultur.

Kopenhagen: G. E. C. Gad 1929. (109 S.) gr. 8°.
Inhalt: Die Lage S. 5. (Religion und Kultur S. 11.) —
Religion und Kultur im Katholizismus S. 18. — Die
Trennung von Christentum und Kultur S. 30. - Die Auflösung
der Moral S. 42. — EinmitdemTodegezeichnetes
Geschlecht S. 54. — Der innre Verfall der Kultur S. 65.
Der Bankrott der Kirche S. 76. — In diesem Zeichen
(t) sollst Du siegen S. 86. — Christentum und Kultur
S. 99.

Neun öffentliche Vorlesungen, Frühjahr 1929 in
Kopenhagen gehalten, September 1929 als Buch erschienen
. Das Buch hat in Dänemark einiges Aufsehen
gemacht, und nicht wenige Stimmen haben bei
aller Achtung Bedenken geäußert. Die Kirche hat das
Urteil von ihrem Bankrott nicht hinnehmen wollen. In
der Zeitschrift Kirken (s. Th. L. Z. 1930 Nr. 7 S. 162) haben
Bang und Scharling Einspruch erhoben; in einem Zeitungsartikel
hat ein Religionshistoriker wenigstens die dänische
Kirche ausgenommen. Andrerseits können auch
die vorhandenen politischen sozialen ethischen Richtungen
an dem Buch keine Freude haben. Das Aburteil
über die Kultur ist nämlich nicht wie üblich damit be-

I gründet, daß diese oder jene Richtung oder Bestrebung
noch nicht den Sieg über ihren Widerpart gefunden
habe, sondern trifft alle vorhandenen Richtungen und
Bestrebungen mit der gleichen Unerbittlichkeit. Der
Verteidiger des Kriegs z. B. wird an dem über den Pazifismus
Gesagten nicht froh werden können angesichts

! des über ihn selbst fallenden Worts; und auch das vernichtende
Urteil über die moralischen Kriegsphrasen
der Feinde Deutschlands (eins also habe das Christentum
in der Politik doch ausgerichtet, es habe die Staaten
gezwungen, den eignen Machtwillen lügnerisch zu verhüllen
) steht in so ernsten und herben Gedankengängen,
daß der deutsche Leser sich nicht auf es berufen kann,
wenn er die Politik seines eignen Staats aus dem im
Namen Gottes über die ganze Menschheit gesprochnen
Gericht ausnehmen wollte. Nach dem allen sollte man
annehmen, daß wenigstens die dänischen Barthianer an
dem Buch sich gefreut hätten. Aber gerade die schärfste
, persönlichste Ablehnung ist von ihrer Seite ausgegangen
. Wenn also das im Widerstreit mit dem Allgemeinen
befindliche Gewissen das einzige sichere Kennzeichen
einer christlichen Äußerung zu Gegenwartsfragen
und -nöten sein sollte, dann muß dies Buch wohl die
Aufmerksamkeit jedes finden, der darüber grübelt, wie
man christlich über unsre Gegenwart zu urteilen hat.

Die These, daß Kultur und Christentum (Kirche)
allebeide krank sind zum Tode, ist nun ja an sich, in
dieser Allgemeinheit, nicht neu. Das Eigentümliche, das
dem Buch den Widerspruch eingetragen hat, muß also
in der Art stecken, wie sie ausgesprochen und begründet
ist. In der Tat hat schon das Formelle, die Mischung
von zur ruhigen Einfalt gebändigter Klarheit und verhaltener
Leidenschaft, von gesammeltem schweren Gewissensernst
und schneidender ironischer Schärfe des
Urteils, etwas sehr Eigentümliches an sich. Dies Formelle
— das doch nicht ein rein Formelles ist, vielmehr
Ausdruck des Einsatzes einer ganzen Persönlichkeit —
muß in der Wiedergabe gegenüber der Sache zurücktreten.

Die Analyse des Verfalls der Kultur setzt bei
zwei Momenten ein. Einmal, die Giltigkeit der Moral
ist durch die naturwissenschaftlich-soziologisch-historische
Betrachtung des Gewissens und seiner Aussagen
erschüttert. Die vielen Moralbegründungen, die die
Philosophen produzieren — mehr als „Würste bei einem
Schlachtefest" — dokumentieren nur, wie fragwürdig
und unsicher das ganze Gebiet im allgemeinen Bewußtsein
geworden ist. Etwas unbedingt Feststehendes ist
einfach nicht mehr da. Sodann, die Technik hat ihr
Versprechen, allen Menschen ein schöneres und reicheres
Leben zu geben, nicht erfüllen können, da der
Steigerung der Produktion durch sie eine Steigerung
der Lebensnotwendigkeiten zur Seite geht. So ist sie
vielmehr der Lebensangst dienstbar geworden, die allem
Erwerbssinn und allem Wirtschaftskampf und Machtkampf
der Zeit heimlich zugrunde liegt, und keine
Moral mehr hält diese Lebensangst im Zaum. Alles
zusammen hat als das beherrschende Grundgesetz unsers
Lebens über uns gestellt die Einsicht in die logische
Notwendigkeit der Inhumanität.
Wir meinen im Wirtschaftsleben keinerlei Rücksicht auf
den Menschen und den Inhalt des menschlichen Lebens
nehmen zu dürfen: die Lebensnotwendigkeiten erlauben
es nicht. Kapitalismus und Sozialismus sind alle beide
von dieser Einsicht beherrscht, Konkurrenzkampf und
Klassenkampf Ausdruck der gleichen innern Lage. Die