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Ausgabe:

1930

Spalte:

151-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steuernagel, Carl

Titel/Untertitel:

Hebräische Grammatik. 8. Aufl 1930

Rezensent:

Baumgartner, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 7. 152

151

zahlloser Beobachtungen mit einer großen Interpre- j
tation zu einem Indizienbeweis ersten Rangs. Man j
weiß aber aus der Jurisprudenz, daß die Indizienbeweise
ihre Tücke haben. Für gesichert halte ich an Br.s These
allein, daß für Moller wie für Kierkegaard Kierkegaard
als Ahasverfigur galt. Das ist allerdings eine ungeheuer
wichtige Erkenntnis, die Folgen hat. Alles andre ist für
mich teils bloße Möglichkeit, teils sogar Fehldeutung.
Das Wort Mollers über Kierkegaard ist m. E. viel zu j
leicht in der Form, als daß es so als Posaunenstoß verstanden
werden könnte. Auch ist es nach Kierkegaard's
Zeugnis eine Art stehender Redensart bei
Moller gewesen, deren er sich bei passender Gelegenheit
immer wieder bedient hat. So glaube ich mich vorläufig
damit bescheiden zu sollen, daß wir den Posaunenstoß
nicht mehr näher bestimmen können. Nur
das darf als sicher gelten, daß Br. den Zeitpunkt des i
Posaunenstoßes annähernd getroffen hat, und daß die i
Verknüpfung mit jener Gesellschaft, auch wenn man
Br.s alizugenaue Näherbestimmung verneint, eine ernsthaft
zu erwägende Hypothese ist.

Es ist vielleicht Unrecht, gegenüber einer so scharfsinnigen
Kombination bloß antithetisch die Grenze anzugeben
, bis zu der man überzeugt ist. So will ich zum
Schluß noch einmal hervorheben, daß trotz der mir unsicher
erscheinenden Detaillierung doch Br. auch, was
die entscheidende Krise in Kierkegaards Jugendzeit anlangt
, uns ein entscheidendes Stück näher an die Sache
herangeholfen hat. Er hebt selbst hervor, daß er an
eine letzte wahrscheinlich auflösbare Frage gestoßen ist.
Sein Buch schließt mit der Frage, was eigentlich Kierkegaard
zu Ahasver gemacht habe. Ich glaube, die Antwort
zu wissen. Br. hat mir mit seinen Beobachtungen
den Schlußstein geliefert zu meiner Interpretation von
Kierkegaard's Schuld, und mir dadurch den Mut gegeben
, sie nun endlich auch öffentlich mit Begründung
vorzulegen.

Göttingen. E. Hirsch.

I Geige r, Abraham: Urschrift und Übersetzungen der Bibel

in ihrer Abhängigkeit von der innern Entwicklung des Judentums.
2. Aufl., m. e. Einführg. v. Paul Kahle u. e. Anh., enth.: Nachtr.
z. Urschr., Verz. d. Bibelstellen u. Bibliographie, zusammengestellt
u. bearb. v. Nachum Czortkowski. Frankfurt a. M.: M. A. Wahrmann
1928. (XIV, 500 u. 51 S.) 8°. geb. RM 12—.
Geigers Werk mag sachlich in vielem überholt sein. Die Genialität
und Kühnheit des Wurfes, die edel fließende Sprache der Darstellung,
die grundsätzliche Richtigkeit der Darstellung werden es immer als ein
bedeutsames Buch lebendig erhalten. Hier ist eine Fülle von Einzelheiten
unter eine einheitliche Auffassung gebändigt, und die nicht nur
räumliche, sondern auch geistige Vereinigung mannigfacher Erscheinungen
übt auf jeden Leser ihre starke Wirkung aus. Es ist deshalb sehr verdienstlich
, daß diese 2. Auflage erscheint.

Die Einführung von Kahle, der wohl allein unter uns Heutigen
fähig wäre, dasselbe Werk von dem Standpunkt unserer heutigen Erkenntnis
heraus zu schreiben, grenzt das Vergängliche und das Bleibende
der Leistung Geigers zutreffend ab. Die Nachträge geben einen Neudruck
einiger interessanter Aufsätze, die Geiger in hebräischer Sprache
in der Zeitschrift Ozar Nechmad veröffentlichte, ein sehr brauchbares
Verzeichnis der in dem Buch und den Nachträgen berührten Bibelstellen
und die Liste von 21 über Geiger und sein Werk veröffentlichten Anzeigen
aus der Feder von Leopold Low, Ewald, Hausrath, Derenbourg,
Perles, Posnanski und Andern.

Zürich. Ludwig Köhler.

Steuernagel, Prof. D. Dr. Carl: Hebräische Grammatik. Mit

Paradigmen, Literatur, Übungsstücken u. Wörterverzeichnissen. 8. Aufl.
Berlin: Reuther & Reichard 1929. (X, 156 u. 153* S.) 8°. = Porta
linguarum orientalium I. geb. RM 10 — .

S O C i n , A.: Arabische Grammatik. Paradigmen, Literatur, Übungsstücke
u. Glossar. 10., durchges. u. verbess. Aufl. v. Carl Brockel-
mann. Berlin: Reuther & Reichard 1929. (XII, 216 u. 102* S.) 8°.
= Porta linguarum orientalium IV. geb. RM 11—.

Beide Bücher sind so bekannt und schon durch die hohe Zahl der
Auflagen empfohlen, daß eine ausführliche Besprechung sich erübrigt.

Von Steuernagel wurde die 5. Aufl. (1927) hier seinerzeit von
Beer angezeigt (1920 Sp. 219). 1921 erschien von ihr ein anastatischer
Neudruck. Die 7. Auflage (1926) brachte eine Auseinandersetzung mit
der inzwischen erschienenen Literatur, vor allem Bauer-Leander und Berg-

strässer, wobei sie sich näher zu letzterem stellt, und unterzog das Buch
auch sonst einer gründlichen Durchsicht. Blieb die Haltung im ganzen
dieselbe, so machen doch nunmehr gelegentliche Anmerkungen auf abweichende
neue Theorien aufmerksam (z. B. S. 68 und 72). So konnte
sich der Verf. diesmal darauf beschränken, bei mechanischem Neudruck
des grammatischen Teils einige Berichtigungen und die unvermeidlichen
Literaturnachträge anzubringen, alles übrige unverändert hinüberzunehmen
.

Auch Brockelmanns - ehedem Socins - Grammatik, die nun seit
1885 schon mehreren Generationen den Zugang zum Arabischen erschlossen
hat, hat in dieser Zeit mancherlei Veränderungen durchgemacht.
Und zwar liegen diese, die vor allem den Ausbau der Lautlehre und
der Syntax betreffen, größtenteils zwischen der 4. (1904) und 8. (1918)
Aufl., die mir zum Vergleiche zur Hand sind. Seitdem sind nur geringe
Verbesserungen und Zusätze gemacht und das Literaturverzeichnis
um 4 Seiten vermehrt worden, anderseits die Übungen zum Übersetzen
ins Arabische mit dem zugehörigen Glossar weggefallen.

Basel. W. Baumgartner.

Sellin, Prof. Dr. E.: Einleitung in das Alte Testament. 5.,

neu bearb. Aufl. Leipzig: Quelle & Meyer 1929. (XV, 178 S.)
8°. = Evangelisch-Theologische Bibliothek. geb. RM 8—.

Es ist ein Zeichen der wachsenden Bedeutung, die
Sellins Einleitung für unsere Studenten, aber auch weit
über deren Kreis und den Kreis deutscher Leser hinaus
gewonnen hat, daß schon nach vier Jahren der starken
4. Auflage diese 5. folgen mußte. In der Tat gibt es
aber auch sonst kein so anregendes, für den lebendigen
Fluß der Forschung aufgeschlossenes Buch über den
Gegenstand wie das von Sellin. Daß der Verfasser
nach so kurzer Zeit nicht allzu viel Veränderungen vorzunehmen
brauchte, ist um so verständlicher, als die
vorige Auflage recht erheblich umgearbeitet war. Doch
finden sich eine Anzahl sachlich wichtige Abweichungen,
zumeist im Zusammenhange mit der Literatur der letzten
Jahre, darunter auch mit der im Erscheinen begriffenen
2. Auflage von Sellins bedeutsamem Kommentar
zum Zwölfprophetenbuch.

In der deuteronomischen Frage nimmt S. jetzt an, daß das 622 im
Tempel gefundene Buch nicht das schon von Hiskia seiner Reform
zugrundegelegte Tempelgesetz war, sondern kurz vor der Auffindung in
der Zeit Josias verfaßt sei. Von Menes (Die vorexilischen Gesetze Israels,
1928) angeregt schreibt er: „Es ist hervorgegangen aus einer Vereinigung
von Propheten und Leviten, der Führer des am haarez, des Proletariats,
vgl. 2. Kön. 21, 24 , 23, 30 ; dazu 11, 18, 20. Seine Bestimmungen sind
in gleicher Weise von religiösen wie von sozialpolitischen Motiven geleitet
; sein eigentlicher Wegbahner ist der Prophet Zephanja gewesen
vgl. 1,4ff., 9-13; 2, 1—3; 3,9—13". Auch vor allem hinter der
Forderung der Zentralisation des Kultus stehe die Volksbewegung des
Proletariats. Von Zephanja aus ergebe sich als Abfassungszeit die Zeit
zwischen 630 und 622; die Deposition im Tempel sollte dem Gesetzbuch
die göttliche Sanktion verschaffen, dabei sei die Mosaität die selbstverständliche
Stilform gewesen wie für jedes religiöse Gesetz. — In dem
Gottesknecht von Jes. 40 ff. sieht S. jetzt „den Propheten bezw. den
Gesetzgeber von Mose bis hin zu Jeremia" mit Hinweis auf Hos. 9, 11 ;
Dt. 18, 15 ff. „Das Schicksal aller dieser wird als das eine und selbe
geschaut. Sie alle sind ein Märtyrer des Wortes Jahwes gewesen . . .
Aber dieser Gottesknecht lebt weiter, kehrt jetzt aus dem Tode zum
Leben als Freudenbote zurück, wird Israel wieder aufrichten und den
Völkern Recht und Heil bringen. Wie es scheint, betrachtet sich Deute-
rojes. selbst als den gegenwärtigen Träger dieses charismatischen Amtes
der Verkündigung des ewigen Gotteswortes". — In der Tritojesaiafrage
schenkt S. der neuen Begründung der Einheit des Tritojes. durch Karl
El liger ernstliche Beachtung, wenn er sich auch noch nicht ganz
rückhaltlos für sie entscheidet. Von den Änderungen zu den Kleinen
Propheten, die in der 2. Auflage von Sellins Kommentar ihre nähere
Begründung finden, sei als wichtigste erwähnt, daß S. Duhms prekäre
Makedonendeutung von Hab. 1, 5 ff. und die damit zusammenhängende
späte Ansetzung des Büchleins aufgibt, zugleich aber eine neue Gesamtauffassung
der durch dasselbe gebotenen Probleme vorträgt. Darnach
handelt es sich in 1,5 ff. überhaupt um keine Zukunftsankündigung,
sondern um Schilderung von Gegenwärtigem, und die Schrift ist eine
prophetische Liturgie, bestimmt für einen Bettag der Gemeinde
zur Zeit der Chaldäernot, unsicher ob unter Jojaqim oder Zedeqia; von
diesem Gesichtspunkt aus stellt sich ihm das ganze Büchlein als einheitlich
dar, lediglich 2, 6,14, 18 sind Glossen. — Der Paragraph über die Chronik
erfährt eine einschneidende Änderung dadurch, daß sich S. dem Ergebnis
Rothsteins, das die übliche Anschauung über die literarische Komposition
und das Alter der Chronik umgestaltet, mit voller Zustimmung
anschließt.

Bei der Durchsicht der den einzelnen Paragraphen
vorangestellten Literaturangaben schiene mir teilweise