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Ausgabe:

1930

Spalte:

142-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Martin

Titel/Untertitel:

Grundriß der Praktischen Theologie. 2 Hälften. 2., völlig neu bearb Aufl 1930

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 6. _142

ein geistiges Gesamtbild der Zeit einzuordnen. Aber der kann zugestehen, daß Sendling seine Methode von
Verf geht doch von allzu formalen und griechisch orien- Fichte her hat. Aber man muß zugleich einsichtig;
tierten Fragestellungen aus, so daß eine tiefere Er- | machen, wie sie sich unter seinen Händen gewandelt
fassung der komplizierten Epoche und ihrer Gegensätze und eine vollkommen andere Bedeutung gewonnen hat,
ihm nicht gelingen kann. Die Philosophie Philons wird beides in einem posit iven Eigensinn (vgl dageg.
beispielsweise sehr richtig als eine Durchdringung des j K. bes. S. 162ff ). Für den Systemgedanken, der nur
griechischen, an der Natur orientierten Denkens und j scheinbar rationalistisch-konstruktiv ist, gilt das-
des rein geschichtlichen, jüdischen Denkens gekennzeich- se be. Schelling will eben im Gegensatz zu Hegel kein
net Aber das Wesen des letzteren ist doch nur ober- ' selbstschöpferisches System aufstellen, sondern, in syste-
flächlich verstanden, wenn auf der anderen Seite die matischer Form, eine Interpretation des menschlichen

Möglichkeit einer Vereinigung des platonischranstote
lischen Gottesbegriffs mit dem Gottesbegriff des A.T.s
„ohne Kompromisse" behauptet werden kann (S. 197/8)
oder in ähnlicher Weise von der Verwandtschaft der
neutestamentlichen und neuplatonischen „Grundanschau-
ung" die Rede ist (S. 301). Auch lassen sich Erscheinungen
wie die hermetische Literatur, der perDaseins
geben. Nur so läßt sich auch die Über- bezw.
Nebenordnung der Kunst rechtfertigen und verstehen.
Und man wird, wie ich glaube, dadurch auch dem jungen
Schelling und den Frühromantikern noch näherkommen
, ohne sich damit um die fruchtbare Betrachtung
der Krise Sendlings zu bringen, die, und darin ist K.
unbedingt zuzustimmen, deshalb von solcher Bedeutung

sönliche Logos, die göttlichen Mittelwesen u. ä. , ist (historisch und systematisch), weil Schelling als ein-
ohne Eingehen auf ihre orientalischen Voraus- l ziger die romantische Krise ph l lo so p his c h durchgesetzungen
nicht darstellen. Der mit fühlbarer persön- ! halten hat.

licher Anteilnahme geschriebene Abschnitt über den I S. 295: Schelling ist 1802 nicht von Bamberg, sondern von Lands-

NeuplatonismUS ist im Ganzen trotzdem wohl gelungen hut zum philosophischen Ehrendoktor erhoben worden

und kann als erste Einführung in dessen Geschichte _J?22*S£-Hermann Zeltner.

durchaus empfohlen werden. Soweit hier rein logisch- Sc h i an, Martin: Grundriß der praktischen Theologie. 2 Hälften,
spekulative Zusammenhänge mit der christlichen Dog- 2., völlig neu bearb. Aufl. Oielien: A. Töpelmann 1927 u. 1928.

mengeschichte behandelt werden, wird sie auch dem i (XVI 422 S.) gr. 8°. = Sammlung Töpelmann. Die Theologie un

Theologen_ manche wertvolle Anregung vermitteln , ™fc Qrundriß der praktischen Theologie

können. i bedarf keiner neuen Empfehlung. Die Notwendigkeit

En störender Druckfehler steht S. 109, Z. 10: für „Gorterlehre , neuen Auflage beweist daß sich das Buch durch.

mU^Ze'?T " H. von Campenhausen. i gesetzt hat. Der Verfasser hat daher auch nichts wesent

Knittermeyer, Dir. Hinrich: Schelling und die romantische
Schule. Hrsg. v.Gustav Kafka. Mit e. Bildnis Sch's. München:

E. Reinhardt 1929. (VIII, 482 S.) 8°. = Geschichte d. Philos. in I freundlich ausdrückt, hat er, den von mir in diesem

liches ändern brauchen. Er hat aber zu neu aufgeworfenen
Fragen Stellung genommen, seine sorgfältigen Literaturnachweise
ergänzt und, wie er sich im Vorwort

Einzeldarstellgn. Abt. VII. Die Philos. d. neuesten Zeit I, Bd. 30/
31. RM 12-; geb. 14-.

Um dem Werk gerecht zu werden, müßte man es eigentlich
von hinten herein lesen. Denn es ist kein Zweifel,
daß die Behandlung des späten Schelling, bei der sich
der Verfasser nicht nur zu seinem eigenen Bedauern kurz
fassen mußte, die beste Partie darstellt. Das hängt da-

Blatte (1923 Nr. 13) geäußerten Wünschen Rechnung
tragend, im 4. (jetzt 4. und 5.) Hauptteil eingreifendere
Umgestaltungen vorgenommen. Im ersten grundlegenden
Teil wird man es bedauern, daß Verf. noch nicht
zu O. Dibelius „Jahrhundert der Kirche" und zu G.
Holsteins „Grundlagen im deutsch-evang. Kirchenrecht"
Stellung nehmen konnte. In der Liturgik nimmt er

mit zusammen, daß diese Spätphilosophie Sendlings sich i mehrfach auf Fendt's Arbeiten Bezug, dessen einseitige
mit den eigenen Positionen K.'s, wie sie aus verschiede- , Bevorzugung des lutherischen Gottesdienstes des 16.
nen Veröffentlichungen bekannt sind, am engsten be- I Jahrhunderts er ablehnt (S. 115). Gegenüber den zahlrühren
; während die eigentliche Romantik ihm doch reichen neuen liturgischen Reformversuchen wäre die
nicht so nahe zu stehen scheint, auch im Gedankengang des | Bemerkung zweckmäßig gewesen, daß die geltenden
Buches nur die Krise erzeugt, aus der sich Schelling zu ' landeskirchlichen Ordnungen — ohne Pedanterie im
seinem weiten Gang erhebt. Diese teleologische Be- i Einzelnen — so lange als bindend angesehen werden
trachtung ist fruchtbar. In der Durchfuhrung verliert K. sollten, bis die Neuerung durch die Synoden geregelt ist
jedoch den Abstand von der konkreten geschichtlichen 1 Die Stellungnahme zu staatlich gewünschten Feiern
Mannigfaltigkeit. Er versucht seinen Stoff zu aktuali- | wie „Verfassungstag", „Volkstrauertag" usw (S 126)
sieren, indem er ihn unter Gesichtspunkte heutiger (we- j hätte noch ausführlicher dartun können daß die Kirche
sentlich theologischer) Problematik ruckt. Unversehens j hier selbständig einer frei sich bildenden kirchlichen
kommt dabei diese selbst unter das Gericht der Ver- Sitte nach kirchlichen Gesichtspunkten zu folgen hat
gangenheit: es gelingt ihr nicht, deren lebendige Fülle , Was die Gesangbuchreform angeht so ist des Verf's
wirklich zu fassen, weil sie selbst nicht reich und leben- | urteil (S. 156) überholt durch die im größten Tei'le
dig genug ist. Der Geschichtsschreiber, der zum Zensor Deutschlands erfolgte Annahme des deutschen Auswird
, zensiert dabei, wenn es sich um Großes handelt, not- landsgesangbuchs als erster Teil dem dann ein zweiter

gedrungen zugleich sich selber.

Ich verweise auf Folgendes: sekundäre Erscheinungen wie Treviranus
und Eschenmayer bekommt K. voll zu fassen, aber die eigentlich ge-
schichtsmächtigen und wirklich philosophischen Gestalten des jungen
Schelling und Schleiermachers können sich unter der beständigen Kritik

Teil folgt, der die landschaftliche Selbständigkeit be
rücksichtigt. Gewiß keine „schöne" Lösung, aber ein
wesentlicher Fortschritt zur sachlichen Einigung. Bei
dem Abschnitt über „Einführung in andere kirchliche

nicht recht entfalten. Und obwohl doch gerade die Romantik besonders MSSÜf, t* I'PjtÄ aUch die Einführung von Ge-
dazu verführt, geht k. auf Leben u d LebenshaRung der Romantiker meindehelfern und Diakonissen erwähnt werden können;

1 dazu ist jetzt noch die Einführung der „Vikarin" hinzugekommen
. Auf K. Fezers bekannte Schrift nimmt
Verf. mehrfach (z. B. S. 226) Bezug, seine Einseitigkeit besonnen
korrigierend. Zu vermissen ist auch diesmal eine

fast gar nicht ein; Problematik und Darstellung bleiben aber deshalb
notwendig in der Abstraktion stecken. K's Polemik läßt sich in den
Satz zusammenfassen: die Romantik habe die dreifache Frage, die durch
die Philosophie Kants, durch den Anspruch des Nächsten und durch die

christliche Offenbarung an sie gestellt war, überhört und unbeantwortet I eingehendere" Berücksichtigung der Kasualreden. Doch
gelassen. (Als vierter Faktor wäre etwa noch die Geschichte zu nennen). genug von diesen Einzelheiten. Die schon erwähnte

Dankenswert ist besonders das Bemühen, Schelling
neben seiner idealistischen Umgebung als philosophischen
Repräsentanten der Romantik selbständig zu werten
. Nur scheint mir dieser Ansatz noch nicht radikal

Umarbeitung des vierten und fünften Hauptteils läßt in
der Tat die innere Mission und christliche Liebestätigkeit
jetzt mehr zur Geltung kommen, indem Sch. in einem
besondern Teil das seelsorgerliche Handeln, im nächsten

genug, im Interesse Sendlings, durchgeführt. Man i dann die „äußere Fürsorge" bespricht. In dem erstge