Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 6

Spalte:

140

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Liebeck, Oskar

Titel/Untertitel:

Das Unbekannte und die Angst 1930

Rezensent:

Knittermeyer, Hinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

139

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 6.

140

dungsideal sei und ob es von außen her an den jungen
Menschen herangebracht werden dürfe, oder ob es nicht
vielmehr vom Zögling selber im Bildungsvorgang als
solchem neu gefunden und gestaltet werden müsse. Die
erste These wurde in der Hauptsache von akademischen
Pädagogen, die letzte von den sogenannten radikalen
Schulreformern verfochten.

Dies ist die pädagogische Fragestellung, von der
Litt nicht bloß in der oben genannten, sondern in allen
seinen letzten Schriften zurückzulenken sucht. Besonders
ist heranzuziehen die über „Möglichkeiten und Grenzen
der Pädagogik" Leipzig 1926. In ihr wird der erste
der beiden oben genannten Dogmen der Nachkriegspädagogik
angegriffen. Litt sagt mit Recht, daß es zu
einer uferlosen Inflation der Pädagogik führen müsse,
wenn sie sich anmaße, die ganze Kultur von der Schule
her umzugestalten und führt als Beweis für diese These
eine Reihe von praktischen Beispielen an. In ähnlicher
Weise erörtert er in dem vorliegenden Buche die Frage,
inwieweit der Pädagoge überhaupt „Führer" sein könne
und was eigentlich die pädagogischen Schlagworte vom
„Führen" und vom „Wachsenlassen" bedeuten.

Dabei geht er von dem paradoxen Sachverhalt aus,
daß die theoretischen Wortführer des „Wachsenlassens"
praktisch oft eine sehr energische Führung anstreben
oder auch tatsächlich ausüben. Sie sind ja gerade in der
Regel die revolutionären Pädagogen, die am liebsten
mit Hilfe ihrer Methoden die ganze Kultur umgestalten
möchten. Ihnen gegenüber erscheinen diejenigen, die
theoretisch Recht und Anspruch des Erziehers verteidigen
, den jungen Menschen auf objektive Kulturgüter hin
zu „führen", gerade als die konservativen Naturen, die
unter Umständen geneigt sind, das pädagogische Unkraut
und den pädagogischen Weizen der Kultur miteinander
„wachsen zu lassen".

Litt prüft nun, was eigentlich „Führen" und
„Wachsenlassen" bedeuten und entscheidet sich selber
im wesentlichen für das „Wachsenlassen", meint damit
aber im Unterschied von den entschiedenen Schulreformern
nicht eine theoretisch-radikale Entscheidung für
das Prinzip der pädagogischen tabula rasa, sondern
vielmehr, daß der Pädagoge als Pädagoge gar nicht
dazu berufen sei, „Führer" in dem eben erwähnten weitgehenden
Sinne zu sein, daß er dazu weder Macht noch
Befugnis habe. Nichtsdestoweniger gäbe es auch „büh-
rung" in der Erziehung. Wo sie aoer wirkliche Führung
im guten Sinne des Wortes sei, da erfolge sie in
der Regel unbewußt, durch objektive Faktoren unseres
geistigen Lebens, durch Sprache, Sitte, Umgebung oder
andere Einflüsse objektiver Art, die dadurch „führend"
werden, daß der Mensch sie spontan und oft unbewußt
bejaht. Unmöglich dagegen sei das Ziel einer bewußten
Formung des Menschen im Sinne eines bestimmten
Bildungsideals. Denn ein Bildungsideal, das
als solches gesucht werde, habe eben darum keine wirkliche
„bildende" Kraft. Wirkliche Bildungsideale seien
überhaupt nicht als Ideale bewußt.

Litt wehrt sich am Schlüsse dagegen, daß dies
Ergebnis seines Gedankengangs als Resignation verstanden
werde. Ganz hat er aber m. E. diesen Eindruck
nicht vermieden. Den Grund dafür sehe ich darin, daß
die Problematik noch nicht tief genug geführt ist. Die
Entscheidung Litts wurzelt in der protestantischen
Stellung zum Problem der Freiheit. Seine Haltung ist
die protestantische. Ob man aber mit seinen Gedankengängen
das Recht dieser protestantischen Haltung der
Praxis des entschlossenen „Führens" gegenüber verteidigen
kann, die sowohl im heutigen Katholizismus wie
im Kommunismus vorliegen, ist mir äußerst fraglich.
Dazu bedarf es einer tieferen Begründung. Immerhin
darf aber die Littsche Schrift als der Anfang einer neuen
Erörterung „des pädagogischen Grundpro'lems" gelten,
die schließlich zu einer neuen Vertiefung in die protestantische
Fassung des Freiheitsproblems füh-en muß.
Dresden. _ Del ek»t.

■ Lieb eck, Oskar: Das Unbekannte und die Angst. Leipzig:
F. Meiner 1928. (VI, 138 S.) gr. 8°. RM 6—.

Die Arbeit knüpft an Diltheys Bemühungen an, die
: „Daseinsstruktur des Menschen herauszustellen". Sie
| ist dabei in ihrer Durchführung insbesondere von
j Heideggers neuer Ontologie — die ja ihrerseits ihren
j Zusammenhang mit Dilthey nicht verleugnet — ab-
i hängig, wenn sie ihr auch in Einzelheiten widerspricht.

Daß das Verfahren des Verfassers zugleich phänomeno-
! logisch und entwicklungsgeschichtlich orientiert ist, weist
auf eine Zwiespältigkeit in der Formgebung hin, die
'. nicht selten in eine tiefe methodische Unsicherheit hineinführt
. Wenn es schon fraglich ist, ob die bis zum
I Überdruß wiederkehrende phänomenologische Berufung
auf „die Sachen selbst" nun mit einem Schlage der
echten Problematik „der Sache" gerecht wird, so läßt
j vollends das Hineintragen von allerhand Erzählungen
! und Beobachtungen aus der Kinderpsychologie und Ethnologie
in einer solchen Untersuchung die Frage nach
} ihrer Beurteilungs- und Rechtsgrundlage nicht ver-
| stummen. Trotzdem soll nicht geleugnet werden, daß die
; Arbeit — wenn auch nur im ersten tastenden Ansatz —
: eine wenig beachtete „Sache" vielseitig erhellt.

Das „Unbekannte" ist durchweg nicht gleich Null,
sondern „qualitätsbehaftet". Das zeigt sich in der „Er-
; Wartungsenttäuschung", die ein solches Unbekanntes
auslöst. Als Korrelat des Unbekannten wird sodann die
„Angst" aufgedeckt, die insbesondere gegen die gegenständlich
bestimmte „Furcht" abgegrenzt und in verschiedenen
Modifikationen betrachtet wird. Abschließend
werden die „Reaktionsarten gegen das Unbekannte im
I Modus der Angst" auf der vitalen, primitiven, vorrationalen
und rationalen Stufe besprochen. Insbesondere
das letzte Kapitel, das die „Anfänge des rationalen Denkens
bei den Griechen" sowie „Sitte und Herkommen"
als Reaktionsarten auf die Angst zu deuten unternimmt,
verdient weiter durchgedacht und begründet zu werden.

Bremen. Hlarich K n i 11 e r m ey er.

Kafka, Prof. Gustav, u. Prof. Hans Eibl: Der Ausklang der
antiken Philosophie und ras Erwachen einer neuen Zeit.

Mit e. antiken allegorischen Darstellg. d. Epikureischen u. stoischen
Philosophie. München: E. Reinhardt 1928. (381 S.) 8°. = Geschichte
d. Philos. in Einzeldarstellgn., Abt. 2, Bd. 9.

RM 7.50; geb. 9.50.

Dieses Buch ist bestimmt, in einer Reihe philosophiegeschichtlicher
Einzeldarstellungen eine Lücke zu
schließen. Sonst wäre es wahrscheinlich nicht geschrieben
worden, denn viel Neues hat es dem Leser nicht zu
j sagen, und da sich in den großen Zeitraum von Aristoteles
bis zu Proklos zwei Autoren geteilt haben, ist es
auch kein recht einheitliches Ganzes geworden. Die
ersten Abschnitte behandeln die akademische, peripathetische
und epikureische Schule, die Stoa und die Skepsis.
Die einzelnen Abschnitte sind in sich sehr äußerlich
nach den verschiedenen philosophischen Stoffgebieten
gegliedert. Ein lebendiges Bild der Gesamtentwicklung
und der treibenden geistigen Kräfte wird
innerhalb dieses starren Rahmens kaum anschaulich;
nur eine Herzählung der äußeren Daten und der
einzelnen Lehrmeinungen wird geboten. Bei dieser
' Darstellungsweise, die durch den sehr schwerfälligen
! und abstrakten Stil noch ermüdendender wirkt, erscheint
z. B. die stoische Ethik nur als ein höchst unbefriedigen-
i des Bündel ungelöster Widersprüche, und erst im letzten
I Absatz wird dazu kurz bemerkt, dies gelte bloß von
j der Stoa als „Moralsystem"; als „Weltanschauung"
! betrachtet, habe sie an innerer Fülle und Geschlossen-
I heit kaum ihresgleichen besessen (S. 122).

Ein geschlossener Zug kommt in die Darstellung
erst mit dem Einsetzen der Arbeit Eibls. Die Abschnitte
über „Eklektizismus und Synkretismus" und über den
I „Neuplatonismus" bieten mehr als eine trockene
Wiedergabe der stofflichen Einzelheiten und zeichnen
sich durch das Bestreben aus, die spätantike Philosophie
in ständigem Vergleich mit den parallelen Tendenzen
innerhalb der christlichen Theologie wirklich in