Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 6

Spalte:

138-139

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Litt, Theodor

Titel/Untertitel:

„Führen“ oder „Wachsenlassen“. Eine Erörterung des pädagogischen Grundproblems. 2., verb. Aufl 1930

Rezensent:

Delekat, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

137

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 6.

138

Dies Stück befriedigt zunächst nicht so sehr, weil
der Verf. die Problematik der zwei „Brennpunkte" gar ,
nicht berücksichtigt oder wenigstens über der Fülle der
von ihm im Text und in den Noten angezogenen Autoritäten
zu keiner völlig klaren Begriffsbestimmung gelangt
. Die Kombination der zwei Grundbegriffe (die
wir übrigens jetzt kaum mehr in dieser Fassung herausstellen
würden) mit dem Komplexbegriff „evangelische
Katholizität" erweist sich überhaupt trotz einiger treffender
Beziehungen, die der Verf. entdeckt hat, als nicht
sehr glücklich; sie führt zu etwas künstlichen Gedankengängen
, auch werden biblisch-theologische Gedankenlinien
, die besser geschieden blieben, zu eng aufeinander
bezogen.

Anregend sind dagegen zwei Fragen, die der Verf.
in diesem Zusammenhang zu beantworten sucht: (1) wo
ist die Reichspredigt geblieben, die in den synoptischen
Evangelien einen so hervorragenden Platz einnimmt —
und (2) woher kommt die Katholizität im alten Christentum
?

Auf (1) gibt B. zur Antwort: das Evangelium
vom Reich wurde spiritualisiert (Joh. 4,24), in die
Anbetung Christi und in die Erwartung seiner Wiederkunft
übersetzt und von der Gemeindeidee absorbiert.
Obwohl nach dem Buch von R. Frick, Die Geschichte
des Reich - Gottes - Gedankens in der alten Kirche
<1928) die ganze Sachlage anders anzusehen ist, sind
hier doch wichtige Vorgänge aufgedeckt, wenn auch
nicht ganz richtig zum Ausdruck gebracht. Eine Ergänzung
hierzu bietet die Antwort auf (2). Da die „verborgene
Kraft" der zu (1) aufgestellten Entwicklung
eben die Idee vom „Reich" ist, so sind in diesem Evangelium
vom Reiche Gottes auch die Quellen der Katholizität
zu entdecken. B. hebt vier Momente heraus: das
imperialistische, das Dienstknecht-Moment, das eschato-
logische und ethische, letztere zwei als Bergpredigtmoment
zusammengefaßt und von der Sekte beansprucht
. Leider sind auch diese Gedanken nur skizziert
und daher auch nicht zu wirklicher Evidenz gebracht.

Ein drittes Kapitel sucht die Spannung zwischen
Evangelizität und Katholizität herauszuarbeiten. Sie ist
nach B. vornehmlich darin begründet, daß der jüdische
Hintergrund der grundlegenden Gedanken des
Evangeliums auf die Entwicklung der Katholizität Einfluß
ausübte, so daß die Evangelizität immer mehr zurückgedrängt
wurde. B. nennt vier Momente oder Gebiete
^ die Pädagogik, d. h. die Kirchenzucht, die Mission
mit ihrer intellektualistisch-moralistischen Erziehungsmethode
, die Theokratie, wie sie sich in der römischen
Kirche ausgestaltet, und den Kultus. Gegen diese Ver-
judung der Kirche kommt nun eine wiederum einseitige
Reaktion der Evangelizität auf, als deren Träger B.
Marcion, Luther und H. F. Kohlbrügge aufführt
! Die Reaktion ist von antikatholischen Tendenzen
getragen, wofür B. zwei Beweise gibt: spezifisch „evangelische
" Weltbeurteilung, die kultur-verwerfend ist und
das Zentralsetzen der Frage nach dem Verhältnis von
Gott und der Seele. Beide Motive leiten zur Sekte hin,
das deutliche Zeichen, daß sie anti-katholisch sind. Im
Sektarismus unterscheidet der Verf. drei Typen: das
eschatologische, das Bergpredigt- und das spiritualisti-
sche Moment. Wirkliche Hilfe erwartet er von einer
derartigen „paulinischen Reaktion", die gleichzeitig
gegen eine unevangelische Katholizität wie gegen eine
unkatholische Evangelizität reagiert.

Es folgt (Kap. 4) der Abbruch des alten
Katholizitätsbegriffs. Gemeint sind die für den
falschen Katholizismus grundlegenden Identifizierungen
von Glauben mit Glaubensbekenntnis und von katholischer
Kirche mit ihrer sichtbaren Organisation. Dann
hat der alte Begriff von Katholizität als aufgelöst zu
gelten, wenn die kritische Scheidung zwischen Glauben
und kirchlichem Glaubensbekenntnis, zwischen Kirche
und Organismus durchgeführt ist. Der Verf. führt das

tu^t, aus und nennt zum Schlusse aus der holländischen
i heologiegeschichte als typische Befürworter der Kulturaufgabe
der Kirche Chantepie de le Saussaye Sr. (B.
läßt Saussaya drucken), Abr. Kuyper und A. Pierson.

Endlich (Kap. 5): der Aufbau des neuen Ka-
tholizitätbegriffes. Die vom Verf. vorgetragene
neue Katholizität soll grundsätzlich die Synthese
dreier Faktoren sein: der Evangelizität!, der Katholizität
und — man erschrecke nicht; dem Referenten
ist diese Synthese sehr sympathisch — der Einsichten
und Werte, die das 19. Jahrhundert eroberte
und hinterließ. Diese Synthese soll kein Synkretismus
werden, sondern die Frucht kritisch scheidender
und schöpferischer Arbeit. Der problematischste
Faktor ist natürlich der zu dritt genannte; B. stellt selbst
die Fragen: wie ist Synthese denkbar zwischen dem
Relativismus des 19. lahrh.s, seinem Spiritualismus, seiner
ganzen kulturbestimmten Mentalität und der Kirchlichkeit
mit ihren Absolutheitsansprüchen, ihren festen
Formen und ihren kulturüberlegenen Ansprüchen. In
längeren Ausführungen erläutert er die Durchführbarkeit
dieser Synthesen, wobei er vor allem auf die Möglichkeit
einer kritischen Läuterung des Modernismus und
eines Entgegenkommens der kirchlichen Instanzen Gewicht
legt. Für ihre Verwirklichung gibt es ungünstige
und günstige Anzeichen. Zur ersteren rechnet B. die
Enzyklika „Mortalium animos" von 1928, in der er jedoch
auch kein absolutes Hindernis für eine Annäherung
zu sehen vermag, und die Verwerfung des neuen Book
of Common Prayer durch das englische Parlament; zu
den günstigen Zeiterscheinungen die Gesamtlage der
Kirche und der Kirchen, das ökumenische Werk, den
Fortgang der theologischen Arbeit, das Einwirken der
Evangelizität auf den Modernismus, wofür Roessingh (t)
typisch ist, endlich das Aufkommen von Barth, dessen
Bedeutung für B. darin besteht, daß er die Evangelizität
die Sprache der modernen Zeit reden läßt und daß er
Kohlbrügge „entdeckt" hat als einen der größten
Apostel der Evangelizität, wobei B. den besonderen
Wunsch ausspricht, Barth möchte die Theologie Kohl-
brügge's dadurch fruchtbar machen, daß er vor allem
das entwickle und „übersetze", was in dieser Theologie
für die traditionelle Dogmatik Dynamit ist — ob der
Barth von heute dazu noch bereit ist, bleibt abzuwarten.

Boissevain hat jedenfalls in der zweiten Hälfte einige
wichtige Richtlinien gezogen, die für die Weiterentwicklung
der auf evangelische Katholizität hinzielenden
Bewegung förderlich werden können. Wieweit sie
innerhalb dieser Geistesrichtung neu sind, entzieht sich
meiner Kenntnis; ich vermute, daß manches so noch
nicht gesagt worden ist. Und es ist in jedem Falle zu
begrüßen, daß auch von Holland her eine Stimme sich
in dieser Richtung hören läßt, da es nicht wünschenswert
erscheint, daß diese Bewegung, wie auch manche
andere, einseitig am skandinavischen Luthertum sich orientiert
. Sehr verdienstlich ist es, daß B. auch dem Modernismus
Bewegungsfreiheit innerhalb des Bereichs der
evangelischen Katholizität zugesteht. Wieweit auch die
offiziellen Kirchen dazu bereit sind und bleiben, muß
sich noch zeigen.

So kommt dieser Dissertation eine gewisse Bedeutung
zu, obwohl auch im Ganzen noch zu sagen ist,
daß der Verf. sehr viel Neigung hat zur Konstruktion,
zur Schematisierung, nicht immer in die Tiefen der Probleme
und der Antithesen eindringt und viele ernste
Fragen doch im Grunde ungelöst läßt.
Kiel.___ H. Vindisch.

Litt, Theodor: „Führen" oder „Wachsenlassen". Eine Erörterg.
d. pädagog. Grundproblems. 2. verb. Aufl. Leipzig: B. G. Teubner
1929. (VI, 107 S.) 8°. RM 3.20; geb. 4.40.

Die Pädagogik der Jahre unmittelbar nach dem
Weltkriege war durch zwei Merkmale bestimmt. Man
| hatte erstens ein unbegrenztes Vertrauen zur Wirkungs-
| kraft einer bewußten Gesamterziehung des Volkes durch
: Schule und Unterricht. Man war zweitens davon über-
! zeugt, daß die wichtigste Aufgabe der wissenschaftlichen
' Pädagogik die Auffindung des richtigen Bildungsideals
j sei. Streit bestand nur darüber, welches das richtige Bil-