Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 5

Spalte:

115-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spann, Othmar

Titel/Untertitel:

Gesellschaftsphilosophie 1930

Rezensent:

Koepp, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

115

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 5.

116

von dem in Liebe klug auf Deutschlands Lage blicken- j Es fehlt eine besondere Staatslehre, eine Rechtsphilosophie
; nur die philosophischen Voraussetzungen
der Volkswirtschaftslehre werden in einem Anhang noch
besonders behandelt. Das Buch ist mit Eigenwilligkeit
der Diktion fremdwörterfrei geschrieben, ist trotz einiger
kleiner Wiederholungen eine stark konzentrierte Denkleistung
und trotz seiner sehr ausgeprägten Stellung zu
einer Einführung wohlgeeignet. —

Die Husserl gewidmete massenpsychologische
Untersuchung des Freiburger Privatdozenten Stieler
will vorzugsweise eine phänomenologische Klärung der
in Frage kommenden Grundbegriffe. Sie zeigt dabei
aber zu der stark ganzheitlichen Wendung in Heideggers
Daseinsanalysen keinerlei Verwandtschaft, vielmehr denkt
sie betont individualistisch. Das zeigt sich schon darin,
daß sie nicht von den großen Gemeinschaften, sondern
von der einzelnen, konkreten, sich versammelnden Masse
ausgeht. Hiermit ist einerseits eine außerordentlich viel
größere Wirklichkeitsnähe gegeben, als in Spann's
Philosophie, andererseits aber häufig auch ein augenscheinliches
Zukurzdenken.

den Hefte.

Greifswald. W. Koepp.

Otto, Prof. D. Dr. Rudolf: Naturalistische und religiöse Weltansicht
. 3., photomechan. gedr. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr
1929. (IX, 296 S.) 8°. = Lebensfragen, 2. RM 7—; geb. 9-.

Die vorliegende dritte Auflage des Ottoschen
Buches ist ein photomechanischer Nachdruck der zweiten
, verbesserten Auflage von 1909. Die 1. Auflage
wurde in dieser Zeitung Jahrg. 30 (1905) Sp. 19 ff.
durch M. Reischle, die zweite Jahrg. 34 (1909) Sp.
546 ff. durch E. W. Mayer besprochen. Eine neue
Würdigung des ausgezeichneten Werkes erübrigt sich.
Erlangen. P. Alt haus.

Spann, Othmar: Gesellschaftsphilosophie. Mit e. Anh. über d.

Philosoph. Voraussetzgn. d. Wirtschaftswissenschaften. München: R.

Oldenbourg 1928. (188 S.) gr. 8°. RM 8.85.

Stiel er, Georg: Person und Masse. Untersuchgn. zur Grundig.

einer Massenpsychologie. Leipzig: F. Meiner 1929. (VIII, 239 S.)

8°. RM 11-; geb. 13-.

Man begegnet vielfach in der Geisteswissenschaft
heute Versuchen neuer Denkweisen, sei es, daß sie mehr
als „Entwestlichung" unserer Denkart, oder, daß sie
mehr als Versuche neuer kommender Geistigkeit sich
geben. In sehr verschiedener Weise sind auch die beiden
angezeigten Schriften auf dem Gebiet der Soziologie
dessen Zeuge.

Der an Einfluß gewinnende Wiener Volkswirtschaftler
und Soziologe Spann will dem seit lange
herrschenden Individualismus in der Gesellschaftslehre
einen Universalismus (Ganzheitslehre) entgegensetzen.
Sind die großen Ganzheiten und nicht das Individuum
das Urphänomen, so ist eine Gesellschafts Philosophie
nicht eine letzte Grenzaufgabe, sondern die erste
Notwendigkeit. Die ganze grundrißartige Schrift ist
daher von einer steten Polemik gegen Empirismus, Positivismus
, Individualismus, Kantianismus, gegen die Anschauung
von der Gesellschaft als einer Summations-
erscheinung durchzogen. Positiv sind ihre Ideen genährt
an deutschem Idealismus, Scholastik, Romantik und einem
Einschlag mystischen Geistes. Ein erster Teil klärt
die Grundbegriffe, bes. den der Ganzheit und den des
Ganzheitsgliedes (== Individuum). Der zweite Teil bringt
einen lehrgeschichtlichen Überblick von großer Kürze
und Klarheit. Die nicht immer besonders zulänglichen
Darbietungen der Allgemeinanschauungen der vorgeführten
großen Philosophen könnten gut fehlen. Im
Hauptteil wird das Begriffsgebäude der Gesellschaftsphilosophie
aufgerichtet.

Eine Grundlegung behandelt die Frage, wie sich das idealistischmetaphysische
„Über-Dir" zu dem gesellschaftlichen „Über-Dir" der
großen Ganzheiten umbildet, und analysiert nicht ohne einen gewissen
Scholastizismus die dabei sich zeigenden Stufen des „subjektiven" und
„objektiven" Geistes. Erst durch die Gemeinschaft hindurch wirkt die
Idee auf den Einzelnen, in dessen „Glaube" und „Eingebung" die „Mitgegenwart
" eines geistig Allgemeinen (= Idee) offenbar wird. Es folgt
die Frage, in welcher Rangordnung das Geistige oder die Ganzheit der
Gesellschaft sich einzelne Teilganze (zuerst Religion-Philosophie, Wissenschaft
, Kunst als das Geistursprüngliche, etc.) „ausgliedert". Diese Ausgliederungsidee
ist die Antithese zur Idee der „Summation eines Kollektivismus
", und die Vorranglchre hierbei ist „die kostbarste Frucht der
Gesellschaftsphilosophie". Von der Sinnlichkeit, mit der sich der Geist
verbindet, von Sittlichkeit, vom Handeln (als veranstaltendes und als
wirtschaftliches), vom Staat und vom Stufenbau der Gesellschaft ist
ferner die Rede. „Alles vorgeordnete Geistige muß sich im vollbringenden
Handeln entfalten". Der Staat, stark ständisch gefaßt, ist vor
allem andern Handeln vorgeordnet. Im dritten Stück des Hauptteils

Das Kollektivum entsteht nicht als Erlebniseinheit an einem und
demselben Erleben, sondern durch eine besondere Aktart der Zusammentretenden
, das Kolligieren. Das Kollektivum ist daher abgehobene Einheit
von gattungsgleichen Singularitäten. Also etwas immer auch sehr
Einfaches und Primitives, freilich von außermentaler Realität, ein Prozeß
der mehr oder weniger vorübergehend stattfindet. Eine Kollektivität hat
als solche keinen Willen. Das gilt auch von der nicht aktuell gegenwärtigen
„Gruppe", wie Nation, Volk, Partei, Verein, Religionsgesellschaft,
Schicksalsgemeinschaft, Zweckgemeinschäft usw.; auch sie ist von flüchtiger
innerer Struktur, lebt oft überhaupt nur aus der Abwehr ihrer Konkurrenz
. In Wirklichkeit sind „alle kollektiven Mächte als solche
Schaumgebilde". — Das scheint doch an dem Wesen von Volk, Staat,
geschichtlicher Religion erheblich vorbeizugehen. Aber abgesehen hiervon
finden sich In der eigentlichen Hauptuntersuchung zum Wesen der
konkreten Versammlung, zu den Problemen „Individuum und Menschenmenge
", „Führer und Masse", „Die Inferiojtät der Masse" eine Fülle|irü
guter Beobachtungen. Sie greifen nur manchmal wiederholend ineinander
. Auch enthält die Schrift eine gute Orientierung über die
bisherige Massenpsychologie sowie Auseinandersetzungen bes. mit Le
Bon. Zu ihrem eigentlichen Thema erreicht die Schrift mit der Feinfühligkeit
ihrer phänomischen Analysen wertvolle Resultate. —

Der systematische Theologe ist an derartigen Untersuchungen
besonders durch die Frage nach der Kirche
und von der Sozialethik her interessiert. Durch das
erstere Problem (Kirche zuletzt = Erwählungsgemcin-
schaft) wird er sich stets der Ganzheitslehre, dem „Universalismus
", der Idee der Vor gegeben he it der Gemeinschaft
vor dem Individuum näher fühlen. Und gegen
den allzu individualistischen Zug, der bei Stieler auf
dem Untergrunde liegt, wird man mit Recht einwenden
können, daß der grundsätzliche Ausgang von der einzelnen
Massenversammlung beträchtliche Bedenken erregt.
Ist Masse nicht überhaupt schon „zerfallene" echte Gemeinschaft
, eine abgeleitete und zersetzte Form, und die
Massenversammlung nicht bloß die Aktivierung dieser
schon zerfallenen, atomisierten Masse? Haben nicht
Versammlungen echter Gemeinschaften durchaus einen
Untergrund, der über den bloßen Zufall der einzelnen
Versammlung hinausreicht, diese vielmehr zur Aktivierung
einer sinnvoll vorhergegebenen und durchhaltenden
Dauererscheinung von „Gemeinschaft" macht?
Stieler, im Blick eingeengt durch sein Thema, sieht das
Phänomen echter Dauergemeinschaft (Ehe, Volk, Religion
!) mit deren Habitualität und Potenzialität zu stets
gleichen Aktualisierungen, die dann eben auch wesenhaft
mehr sind als bloße Kolligierungen, überhaupt
nicht. Andererseits ist die Radikalität, mit der Spann
jedem Versuch, vom Einzelnen aus das Wesen der Gefolgt
dann eine „Sittenlehre", die als Vollkommenheitslehre aufgezogen : meilischaft ZU erreichen, alle Möglichkeit tieferen Verwird
, indem Vorranglehre ja bereits Vollkommenheitslehre ist. Das Stehens abspricht, sicher auch nicht am Platze. Der Ein-
Sollen oder der Ideengehalt der Dinge liegt im Sein selber und ist da- j zejne jst nUn doch in einer ganz anders scharf Umrisse-
raus zu erkennen. Der subjektive Ge.st erhält das Sollen aus semer nen yy/e-ise ein Ganzes für sich, eine Person, als die
Gliecihaltigkeit in den Ganzheiten des objektiven Geistes; das Apnon ; ß Q,emeinschaften. Wie Weit man mit der Rede
ist obektivund nur zugleich im Ich nachweisbar. Dem Einzelnen zieint , &> . ... , , ■, • + „„„r, „;„„, ,.. V
Hingabe an das Ganze und Wendigkeit zur Mitte (Liebe und objektive von ei nen eig entliehen Ganzheitsgeist auch eigentliche
Gerechtigkeit), sofern er eben Glied ist. Das „höchste Gut" aber nach ; Wirklichkeit betretten mag, Sicher nicht SO weit, Wie
der uralten Lehre aller idealistischen Gesellschaftsphilosophie ist Gott. | mit der Rede von der Seele des einzelnen Individuums