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Ausgabe:

1930

Spalte:

114-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Erich

Titel/Untertitel:

Wirklichkeit und Geist im Deutschland von heute 1930

Rezensent:

Koepp, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 193U Nr. 5.

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Interesse der Öffentlichkeit in Anspruch zu nehmen. in meinem Weltbilde? Das könnte ich nur dann be-

„Das Weltbild, das ich habe, ist . . . ein Erzeugnis mei- haupten, wenn die Kette der Ereignisse in der Welt-

nes eigenen Bewußtseins. Ich schaffe es, ich baue es geschiente eine fortlaufende Entwicklung darstellen

auf, und wenn es ein zusammenhängendes Bild wird, winde".

in welchem alles Wichtige zusammengefaßt ist, so ist S. 276: „Die Männer der Wissenschaft haben ihre
das meine eigene Leistung. Ich will mich auch mit allem Gedanken in wissenschaftlichen Werken niedergelegt,
Eifer meiner Aufgabe widmen. Ich will alles zusammen- und wenn ich ihre Bücher lese, gewinne ich die Gestellen
, alles heranholen . . . ." und dann schließlich ! danken und Anschauungen, von denen ich voraussetze,
gewahren, „daß es so beschaffen ist, wie es meiner daß sie von jenen Männern durch Schriftzeichen angegeistigen
Höhe entspricht". Dieses Ich ist nicht etwa deutet worden sind. So treibe ich Wissenschaft",
das transzendentale Subjekt, sondern mein in die Ein- jcn glaube, daß diese Zitate den privaten Charakter

samkeit sich zurückziehendes Ich, das seine Zugehörigkeit
zu „einem hochkultivierten Volke" vergißt. „Ich

der Arbeit zu beleuchten geeignet sind. Auf S. 314 ff.
findet sich auf Seiten noch ein „neuer Gottesbeweis"

mache auch keine Voraussetzungen von Begriffen oder entwickelt, dessen etwaige Widerlegung ebenso wie die
Wissenschaften irgendwelcher Art. ... Im übrigen Widerlegung des ganzen Weltbildes aussichtslos wäre;
möchte ich nicht gestört sein, ich spinne meine Ge- | denn „man müßte beweisen, daß dieses Weltbild nicht
danken aus, wie sie in mein Bewußtsein eintreten und 1 zu Recht besteht. Dieser Versuch muß unter allen Umsorge
nur dafür, daß die nötige Ordnung bewahrt wer- i ständen scheitern. Denn ich habe von vornherein her-
de, und daß der Zusammenhang in meiner Darstellung ! vorgehoben, daß es mein Weltbild ist, mein eigenes, und
erhalten bleibt". Ich denke, daß diese Prolegomena daß ich von einem andern Weltbilde nichts weiß. Wer

von der Verpflichtung entbinden, den Aufbau dieses
Weltbildes im Einzelnen nachzuzeichnen.

Disposition: I. Die Erkenntnis des Gegenstandes
im allgemeinen. II. Die beiden Gebiete des Seins; 1. das
seelische Gebiet; 2. das Gebiet der Natur; 3. die lebende
Natur. III. Der Abschluß des Weltbildes. Anhang
: Erkenntnis und Glaube.

Noch einige Zitate: S. 134: „Ich werde nimmermehr
mir einbilden, daß meine Gedanken droben auf dem
Mond entstehen, auch werde ich nicht meine Gefühle in
das Innere einer auf dem Tisch stehenden Kaffeekanne
hineinverlegen. Die Gedanken sind in mir, die Gefühle

das bestreitet, der müßte den Nachweis führen, daß ich
trotz meiner gegenteiligen Versicherung doch ein anderes
Weltbild habe. Ich glaube vor diesem Nachweis
sicher zu sein".
Bremen. Hinrich Kuittermeyer.

Seeberg, Erich: Wirklichkeit und Geist im Deutschland von
heute. Leipzig: Quelle & Mever 1920. (III. 62 S.) gr. 8°.

RM 2.40.

Mit großer Weite des Blicks stellt S. stets die
kirchengeschichtliche Erscheinung in die vielseitig und

er ebe ich und was dieseIch hier tV^veS eigenartig gesehene allgemeine Geistes- und Ideenge
erlebe ich, und was dieses icn nier bedeutet, erstellen QPhi„htp n-,s linmml ;„ ,w nn^ypiihon c~l»4ft in pIhp^

wir: es ist der Leib, in dem sich die geistige Persönlichkeit
äußerlich darstellt".

S. 225: „Ja, wir glauben zu bemerken, daß in

schichte. Das kommt in der angezeigten Schrift in einem
besonderen Maße zur Geltung. Die Schrift gilt letztlich
jenem Problem der neuen Lage der Kirche in der veränderten
Welt der Gegenwart, das sich dem lebendigen

unserem Weltbild die Zeit überhaupt kaum zu einer Be- thcologischen Blick im gegenwärtigen Moment beson-

ders aufdrangt. Der Rahmen der Betrachtung ist aber
so weit gespannt, daß sogar der Titel dies eigentliche
Problem verschweigen kann. — S. geht aus von dem
vitalen Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Geist
im Deutschland von heute. Die staatliche, wirtschaftliche
, öffentliche und gesellige Wirklichkeit in Deutschland
ist heut durch die Entscheidung des Krieges unentrinnbar
verwestlicht. Vor allem hat der Staatsgedanke
eine tiefe Wandlung in dieser Richtung erfahren. Die
ältere deutsche politische Ideologie ist unterlegen. Cal-

deutung gelangt. Denn unser Weltbild ist stets das
gegenwärtige Weltbild, das ich jetzt habe . . ."

S. 230, zum Kapitel Naturgesetz: „Gerade bei den
Messungsgesetzen fällt vielfach das weg, was bei den
Kausalitätsgesetzen noch möglich bleibt, nämlich die
Nachprüfung, die ich selbst vornehmen kann. Was
Ursache ist, und was Wirkung, kann ich leicht feststellen
[!]. Aber ob eine Temperatur 7 000 Grad beträgt
. . . das kann ich beim besten Willen nicht nachprüfen
. ."

-ÄÄIÄÄS* «* komnü es zunächst zu einet interessante»T Erörte'

gerupft werden und in dem Maule des Tieres verschwill
den. Der Busch oder Baum steht kahl, der Blätter beraubt
, das ist die Wirkung, und das Tier, das den Baum
°der Strauch so zugerichtet hat, das ist die Ursache.
Was läßt sich leichter begreifen als dies?"

rung der Lage der deutschen Universitäten im heutigen
Staat und in der heutigen Wirtschaft und dann zur
Frage nach der Lage und Zukunft der Kirche und der
Theologie. Hier findet sich eine Fülle kluger, immer
interessanter, einprägsam geformter, kurzer Bemerkun-

^„^J;31 "'ch finde, eine Lebenskraft kann man i gen und Erörterungen. Leider tritt dabei nur der tra-
«Ki a"nehmen- wie man eine Anziehungskraft , »lache Widerspruch von Geist und Wirklichkeit im
Hi» Pini annimmt- • • • Es ist auch nicht notwen- . Heute stärker, als zu erwarten, zurück; es wird beeng
, eine einzige Lebenskraft anzunehmen, und wenn | merkt, daß der Sieg nicht einer der beiden Tendenzen
ma" cerf" m«hrere gebraucht, sollte man sie getrost , zufallen, sondern auch hier das Gesetz der Diagonale

voraussetzen. Hier wird unserem Denken keine Schranke
gezogen".

S. 260: „Die Natur setzt sich zusammen aus sämtlichen
Gegenständen unseres Bewußtseins, welche mit
der Tönung ,außen befindlich' versehen sind".

S. 269: zum Thema Geschichte: „Man kann auch

die Zukunft bestimmen werde. — Schon hieraus scheint
sich mir ein doch zuletzt sekundärer Charakter der
gleichzeitig auch von E. Hirsch in dem Heft „Staat und
Kirche", 1929, vertretenen These von der Verwestlichung
zu ergeben. Ich neigte mehr dazu, als letzte
Wesenstiefe unserer Zeit den Zusammenprall zweier

die Geschichte mit einer Bühne vergleichen, auf der un- Zeitalter zu sehen, in dem Deutschland eine Zeit lang
unterbrochen Schauspieler auftreten und allerlei Dinge i das Sturmzentrum der Welt war, weil in ihm der Zutreiben
, um alsbald die Bühne zu verlassen, die aber nie- i sammenstoß des Geistes von gestern und des Geistes
mals leer bleibt". „Man kann die Geschichte den 1 von morgen mit besonderer Wucht sich vollzog und wei-
se,»**gemachten Roman der Menschheit nennen" . . . I ter vollziehen soll. Doch jeder Leser, der zustimmende
„Aber die ganze Weltgeschichte im Kopfe zu haben, I und der abweichende, wird zu einer Fülle von Über-
dessen kann ich mich nicht rühmen. Fehlt mir da etwas I legungen gezwungen und scheidet nur mit Dankbarkeit