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Ausgabe:

1930 Nr. 5

Spalte:

110-111

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Liechtenhan, Rudolf

Titel/Untertitel:

Paulus. Seine Welt und sein Werk 1930

Rezensent:

Moe, Olaf

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 5.

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empfängt noch nicht den Geist; dieser wird erst durch bringt durch die Einpflanzung des in der Taufe ver-

die in die Gemeinde aufnehmende Taufe geschenkt. mittelten Geistes (§ 50).

Durch sie vollzieht sich erst die Wiedergeburt als Er- ; C. 4 D e r es c h ato 1 og. Le h r k r e i s. Er hat
neuerung des Menschen durch den Geist und als „die seine Grundlagen in den Weissagungen Jesu und des
einmalige Versetzung in den Stand der Heiligen" (§ 39). i A.T.s, seinen wesentlichen Inhalt in der Erwartung der
C. 2 Die apostol. Predigt und Lehre in j Wiederkunft Jesu. Mit der Wiederkunft Jesu sind Gels
rael. Nach der Schilderung der Missionspredigt in I rieht und Totenauferstehung verbunden (§ 51); vorher-
Israel (§ 40) wird das Verhältnis von Glaube und Wer- ' gehen wird ihr die Bekehrung Israels, folgen wird ihr
ken bei Jakobus untersucht mit dem Ergebnis: „Das j der Kampf gegen alle gottfeindlichen Mächte, zumal
billigende Urteil Gottes empfängt der Mensch nicht in- I den Antichrist (§ 52).

folge eines toten und werklosen Glaubens, sondern in-, C. 5 Eigentümliche Lehrformen der

folge und auf Grund des aus dem echten Glauben her- j apostol. Zeit. Kurz werden das Hohepriestertum

vorgehenden Wohlverhaltens". Ein Mißverständnis sei
es, bei Jak. eine Polemik gegen Paulus oder gegen
einen Mißbrauch seiner Briefe zu finden; vielmehr
nehme Paulus Rom. 4, 4 und sonst wahrscheinlich auf
Jak. Bezug (§ 41). Die Muttergemeinde blieb dem
Gesetz und jüdischen Kult treu, ohne aber der Gesetzesbeobachtung
unmittelbare religiöse Bedeutung zuzuschreiben
(§ 42).

C. 3 Das Evangelium unter den Heiden
und die Theologie des Glaubens. Die Bekehrung
gibt dem Paulus den Auftrag zur Heidenmission
(§ 43). Gegen judaistischen Widerstand setzt
er im Einverständnis mit den Uraposteln die Gesetzesfreiheit
der Heidenchristen durch (§ 44). Ausführlich
wird die Gesetzeslehre des Paulus dargestellt: Kein
Mensch wird durch Werke des Gesetzes gerecht, d. h.
(indem die eschatologische Bedeutung von ilrMiog betont
wird) keiner gelangt in den „Stand eines Menschen,
der das Recht und das Urteil Gottes auf seiner Seite
hat und darum auch dem Endgericht getrost entgegensieht
". Wirkung und Zweck des Gesetzes sind vor
allem elenchtisch: Steigerung der Sünde und Erkenntnis
der Sünde, jedoch auch pädagogisch: Erhaltung der
rechten Gottesverehrung in Israel. Für den Christen
behält das Gesetz als Teil des A.T.s seine weissagende
und lehrhafte Bedeutung (§ 45). Sünde und Tod sind
durch Adam über die Menschheit gekommen, jedoch
so, daß bei Adam der Tod die Folge der Sünde war,
während bei den Nachfahren die Sündigkeit in ihrer
Todverfallenheit begründet ist. Die menschliche Natur,
Trägerin der erblichen Sündigkeit, ist seit Adam die
oäg~. der der gottwiderstrebende Trieb innewohnt (§
46). Durch Christus als zweiten Adam ist die Menschheitwiederhergestellt
; denn Christus ist wirklicher
Mensch, aber ein solcher, dessen menschliche Existenz
durch eine neue schöpferische Tat Gottes begründet ist,

Jesu nach Hebr. und der Logostitel der joh. Schriften
besprochen (§ 53).

Dieser Bericht wird gezeigt haben, daß sich die
Darstellung ganz außerhalb des Rahmens der gegenwärtigen
Diskussion der Probleme hält. Nur indirekt
liegt gelegentlich eine Bezugnahme auf neuere Thesen
vor wie z. B. in den Sätzen über Jesus als den „Herrn".
Stärker spürt man konfessionelle Interessen wie in der
Darstellung der Abendmahlslehre oder der paulinischen
Rechtfertigungslehre. Jede ^Rücksicht auf die religions-
gcschichtlichen Zusammenhänge der neutestamentlichen
Vorstellungen und Begriffe fehlt. Nicht nur wird für
das Verständnis des Paulus und Johannes die synkre-
tistische Gnosis nicht in Betracht gezogen, sondern es
wird nicht einmal die urchristliche Eschatologie aus
ihren Beziehungen zur jüdischen Apokalyptik verstanden
oder der Titel Menschensohn aus seinem Ursprung in
der orientalischen Mythologie. Man würde das in Kauf
nehmen, wenn ein Ersatz dafür in der Analyse des
sachlichen Gehalts der neutestamentlichen Begriffe gegeben
wäre in der Weise, wie etwa Schlatter eine solche
vollzieht. Aber nirgends liegt dazu ein Ansatz vor, etwa
zu zeigen wie Jesus oder Paulus das Dasein des Menschen
in der Sünde einerseits, im Glauben andrerseits verstanden
haben, was denn Sünde und Glaube eigentlich
bedeuten. Wie schwer solche Begriffe wirklich zu verstehen
sind, ja, wie schwer ein Verständnis des N.T.s
überhaupt zu erringen ist, kommt dem Leser nicht zum
Bewußtsein. In die intellektualistischen und moralisti-
schen Begriffe einer rationalistischen Orthodoxie werden
alle neutestamentlichen Gedanken aufgefangen, sodaß
z. B. ein Problem wie das des paulinischen Imperativs
sich gar nicht erheben kann, und daß zur Beschreibung
der über das moralische Leben hinausliegenden Bedeutung
der Offenbarung in Christus die Begriffe „Natur"
und „Substanz" dienen müssen. Eine Diskussion mit

und der in seinem menschlichen Leben die vom ersten > dem Verf. ist mir schon deshalb nicht möglich, weil

Adam ausgegangene Wirkung der Sünde überwunden
und eine für die ganze Menschheit giltige Gerechtigkeit
hergestellt hat. Weil er zugleich der Gottessohn ist,
war er „den durch seinen Zusammenhang mit dem
Menschengeschlecht auch ihn berührenden verderblichen
Einflüssen und Mächten überlegen", und deshalb ist
v>ln *-eDen nicht eine isolierte Erscheinung, sondern der
Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit (§ 47).
ru ist eine objektive Veranstaltung der Liebe

über die Verwendung der Quellen keine Verständigung
zu erreichen ist.

Marburg a. l. r. Bultinann.

Liechtenhan, Pfr. Piiv.-Doz. I.ic. Rudolf: Paulus. Seine Welt
n. s. Werl;. Basel: Friedrich Reinhardt [1028]. (251 S.) 8°.

RM 4.80; geb. 6.40.

Das Buch ist aus einem Volkshochschulkurs hervorgegangen
und will nicht die vielen gelehrten Dar-
Gottes, die den Menschen aus der Schuldlast befreit, die | Stellungen des Heidenapostels mit einer neuen vermehren
, sondern zunächst der nicht-theologischen Gemeinde
eine geschichtliche Anschauung des Lebens und
des Wirkens des Paulus vermitteln. Das Hauptgewicht
ist auf das Biographische gelegt, aber auch die Briefe
werden in den Rahmen des Lebensbildes eingefügt, und

Sunde sühnt, vom Gesetz und der Sündenherrschaft
bfj/eit und die Mächte der Finsternis besiegt (§ 48).
Mit Recht ^ wird der eschatologische Charakter der
ör/.aioüivr. &sov d. h. der „von Gott stammenden und
für die Menschen bestimmten Gerechtigkeit" betont.

Sie ist die von Christus geleistete Rechtserfüllung, die ! Gedankengang, Veranlassung und Zweck derselben er-

im Evangelium angeboten und im Glauben angeeignet j örtert. Auch von der Missionspredigt und der Theologie

wird. Die Rechtfertigung bedeutet also „eine Verände- j des Apostels wird eine kurze Darstellung gegeben,

rung nicht der sittlichen Eigenschaften oder des Ver- Man merkt es dem Buche wohltuend an, daß es

haltens gegen Gott, sondern des Verhältnisses und der j von einem Fachmann geschrieben wurde, der selber an

Stellung zu Gott". Der Glaube, der sie sich aneignet, ist j der Forschung beteiligt ist; unter steter Berücksichti-

keine Leistung, sondern die sittliche Tat des Gehorsams, ! gung der neueren Literatur rollt der Verfasser die Pro-

der Gott die Ehre gibt; seine Folge ist die Heilsgewiß- ; bleme auf und nimmt selbständige Stellung dazu. Sein

heit (§ 49). Zur Rechtfertigung kommt die Wieder- Standpunkt ist im Ganzen gemäßigt kritisch; der

geburt, die den Christen in eine „substantielle i Apostelgeschichte bringt er ein relativ großes Vertrauen

Lebensgemeinschaft" mit Christus und Gott I entgegen. Besonders die Abschnitte über die Welt und