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Ausgabe:

1930 Nr. 5

Spalte:

107-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Grundriß der Neutestamentlichen Theologie 1930

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 5.

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Zahn, Theodor: Grundriß der Neutestamentlichen Theologie.
Leipzig: A. Deichert 1928. (VI, 132 S.) 8°. RM 4.80; geb. 6—.
Der Wert dieses Buches, das die „Quintessenz" der
Zahnschen Vorlesungen über die Neutest. Theol. enthält,
scheint mir darin zu liegen, daß es eine knappe Zusammenfassung
der Anschauung Zahns von den Gedanken des
N. T.s gibt, die bisher in seinen Kommentaren und seinen
anderen Arbeiten zum N. T. zerstreut war. Ich glaube
dem Buch am besten gerecht zu werden, wenn ich im
wesentlichen über seinen Inhalt referiere.

Die Aufgabe einer „biblischen Theologie" bezeichnet
der Verf. als die Beschreibung der „in der Bibel
vorliegenden religiösen Lehre und Erkenntnis in ihrer
geschichtlichen Entwicklung"; innerhalb derselben ist
auch die neutestamentliche Lehre nach den „Knotenpunkten
der Entwicklung" darzustellen (§ 1). Den Ausgangspunkt
gibt die Predigt des Täufers als
Voraussetzung der Predigt Jesu (§ 2). So wird im I.
Abschnitt jene beschrieben (§§ 3—7) und dabei vor
allem der Begriff der ßaaiXela rov &eoi als eschatolo-
gischer erklärt (§ 4) wie auch Jesu Taufe durch Johannes
besprochen: die Taufstimme gehe auf die schon
in der Vergangenheit liegende Erwählung Jesu, die sich
darauf gründe, daß Jesus der Sohn Gottes ist, der „von
Natur in einem einzigartigen Verhältnis zu Gott"
steht (§ 7).

Der II. Abschnitt stellt die Lehre Jesu dar,
indem synoptische und johanneische Texte durcheinander
oder abwechselnd verwendet werden. Zunächst
wird die Predigt vom Gottesreich entwickelt, das in Jesus
gekommen ist und somit bereits auf Erden begonnen
hat, wenn auch seine Vollendung erst eine Sache der
Endzeit ist (§ 8). Jesu Wunder bezeugen diese Tatsache
(§ 9). Jesus bezeugt sich als den Messias (§ 10)
und nennt sich den Menschensohn, um seine „Zugehörigkeit
zum Menschengeschlecht" in der Weise zum
Ausdruck zu bringen, daß er sich „als den wahren
Menschen oder den Menschen in seiner vollkommensten
Erscheinung" bezeichnet, der die Geschichte der Menschheit
zum Ziele führt (§ 11). Verfügt er über ein Wissen
und Können, das Menschenmaß überschreitet, so ist er
doch in seinem Beruf an die stufenweise ihm zuteil werdende
göttliche Mitteilung gebunden. Er ist versuchbars
aber faktisch ohne Sünde vermöge eines „spezifischen
Unterschiedes seiner sittlichen Naturanlage
von derjenigen der sündigen Menschheit"
(§ 12). Die Einzigartigkeit seiner Gottessohnschaft ist
„in seiner Natur begründet", doch entwickelt sich
sein Bewußtsein davon durch innere und äußere Erfahrung
. Dies Bewußtsein ist jedoch älter als sein
Messiasbewußtsein, denn dieses ist das Erlebnis
bei der Taufe, das Resultat jener inneren Entwicklung
(§ 13). Daß er als Gottessohn präexistent
ist, lehrt sein Selbstzeugnis bei Job..; er ist also
„seinem Wesen nach nicht vom Begriffe Gottes auszuschließen
" (§ 14). Selbst Träger des ewigen Lebens,
vermittelt er dieses durch die Erkenntnis Gottes und der
Heilswahrheit und verlangt als solcher Mittler den
Glauben an seine Person (§ 15). Seine Sendung ist in
der allgemeinen Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit
wie -fähigkeit der Menschen begründet (§ 16).
Seine Forderungen heißen panfoota, ntartg und dixcuoavvt]
(§ 17). In ihrem Verhältnis zu Jesus werden die Jünger
zu Söhnen Gottes und haben die Sündenvergebung; als
Lohn ihres daraus erwachsenden „richtigen sittlichen
Gesamtverhaltens" wird ihnen die Vollendung des
Heilsstandes, das ewige Leben, zuteil (§ 18). Jesus
verkündet sein Sterben, seine Auferstehung und Erhöhung
(§ 19), und zwar sein Sterben als die Betätigung
der menschlichen Sünde an ihm, als ein schmerzliches
Leiden und zugleich als seine Tat der Berufserfüllung
, eine Tat des Gehorsams wie der Liebe. Zweck
und Wirkung des Todes ist der Loskauf Vieler aus der
Schuldlast der Sünde, aber auch die Befreiung vom Tode
und Teufel. Zugleich ist sein Tod die Vorbedingung

seines Berufswirkens an der ganzen Menschheit (§ 20).
Dies wird sich zunächst in der Gründung seiner Gemeinde
vollziehen, der er seine Gegenwart und die Sendung
des Geistes verheißt (§21). Der Geist, den die
Jünger empfangen werden, ist ein „von Jesus wie von
! Gott unterschiedenes Subjekt", das vor allem als Lehrer
; wirken wird (§ 22). Auch die Taufe, deren Matth. 28,19
mitgeteilte Formel echt ist, hat Jesus angeordnet als die
i Einverleibung in die Gemeinde und das Mittel der Ein-
i Pflanzung des Geistes( (§ 23). Er verheißt weiter die
Mitteilung seiner verklärten Leiblichkeit, die nicht etwa
schon vom Glauben angeeignet wird, sondern durch das
von ihm gestiftete Abendmahl gegeben wird (§§ 24.
25). Für die Zeit zwischen der zeitweiligen Verwerfung-
Israels und seiner Wiederaufnahme ordnet er die Hei-
i denmission an (§ 26). Seine Parusie wird das Gottes-
reich vollenden. Sie wird die Erlösung, aber auch das
! Gericht bringen, und zwar wird die Zerstörung Jerusa-
i lems der Anfang dieses Gerichtes sein (§27). Nach
I seinem Tode hat Jesus die Jünger „in einer allen Zwei-
j fei ausschließenden Weise von seiner Auferstehung überzeugt
" und sie in der Zwischenzeit bis zu seiner Erhöhung
über den Sinn seines Leidens, über das Kommen
I des Geistes und über ihren Beruf belehrt (§ 28).

Der III. Abschnitt behandelt die apostol.
Lehre. Diese ist, wie einleitend betont wird, die gradlinige
Fortsetzung der Predigt Jesu, jedoch so, daß jetzt
Jesus als der unsichtbare Gegenstand des Glaubens und
die grundlegenden Heilstatsachen, Tod, Auferstehung
und Erhöhung Jesu, in den Vordergrund treten (§ 29).
Solche Fortentwicklung sei nicht das Produkt des Nach-
! denkens Einzelner, sondern des Erlebnisses der Ge-
samtheit, und so sei denn die Lehre, bei aller durch die
Differenz der Arbeitsgebiete gegebenen Mannigfaltigkeit
, eine einheitliche (§ 30).

Fünf Kapitel breiten nun die apostol. Lehre aus.
| C. 1 Der Gemeinglaube der apostol. Kirche
. Jesus wird als der Messias und Davidsohn (§ 31)
: und als der Gottessohn verkündigt (§ 32; hier die Erörterung
der Jungfrauengeburt, in Bezug auf welche
i Übereinstimmung zwischen Matth., Luk., Joh., Paulus
und Hebr. bestehe), vorwiegend aber als der erhöhte
Herr über Gemeinde und Welt betrachtet (§33; das Bekenntnis
, daß er der Herr ist, sei aus der regelmäßigen
Anwendung des respektvollen Titels „Herr" im Verkehr
der Jünger mit Jesus erwachsen). Der erhöhte
j Herr ist von Anfang an in der Gemeinde angebetet wor-
j den; denn für die Gemeinde fiel Jesus „seinem persönlichen
Wesen nach unter den Begriff Gottes", und diese
i Anschauung „schließt den Glauben an seine ewige Präexistenz
ein" und an seine Beteiligung bei der Weltschöpfung
. Solcher Glaube ist nicht erst das Ergebnis
einer Lehrentwicklung, sondern war Gemeingut von An-
i fang an (§ 34). Die Wahrheit und Wirklichkeit des
menschlichen Lebens Jesu, freilich als eines sündlosen,
wurde daneben festgehalten (§ 35). Jesu Tod hat aus
I der Knechtschaft des Sündenlebens befreit, die Sündenschuld
getilgt und dem Tode die Macht genommen,
i Bei neuen Sünden tritt Christus fürbittend bei Gott ein
1 (§ 36). In der Gemeinde wirkt der Geist Gottes „in der
' Bestimmtheit, wie er in dem als Mensch erschiene-
j nen Gottessohn gewohnt", also unterschieden sowohl
I vom Schöpfergeist, da er „eine ohne Vermittlung des
| Naturzusammenhangs" von Gott verliehene Gabe ist,
j wie von dem Geist, der in den Propheten wirkte. Er
wirkt in der Gemeinde und ihren Gliedern als eine von
Gott und Christus unterschiedene Person, und zwar bewirkt
er die Gotteskindschaft als ein „substanzielles Ver-
, hältnis" des Christen zu Gott; und dieser „Naturprozeß
höherer Ordnung" begründet und verbürgt die zukünftige
Leibesverklärung (§ 37). Das Heil wird zu-
; nächst vermittelt durch das Wort des Evangeliums,
i dem der Glaube als Gehorsam korrespondiert. Das im
Evangelium enthaltene Gesetz wird dem Christen zu
einer immanenten Norm (§ 38). Aber der Glaube allein