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Ausgabe:

1930 Nr. 4

Spalte:

93-94

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sawicki, Franz

Titel/Untertitel:

Lebensanschauungen alter und neuer Denker. 3. Bd.: Von der Renaissance bis zur Aufklärung. 3. Aufl 1930

Rezensent:

Koch, Ottfried

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 4.

94

Gute heißt auch in slawischen Sprachen das Schöne. Mit
der Demut ist Leidenswilligkeit gepaart; Z. erwähnt das i
Wort eines russischen Bischofs, die westlichen Christen
verstünden zu leben, die östlichen zu sterben.

Wenn nun Z. auch zugibt, daß Seelsorge und Heidenmission
im morgenländischen Christentum nicht in
erwünschter Weise ausgebildet sind (was aber geschichtlich
zu begreifen sei), so stimmt er doch keineswegs
der landläufigen Meinung bei, das morgenländische
Christentum unterscheide sich vom westlichen durch
einen sittlich unwirksamen kontemplativen Quietismus.
Weder erkennt er einen Unterschied im Gottesbegriff
an (S. 42), noch einen Mangel an Kraft, das öffentliche ;
Leben mit christlicher Sittlichkeit zu durchdringen. Auch ;
wenn man Einiges, was er hier gegen abendländische j
Vorurteile sagt, durchaus gelten läßt und z. B. glaub- |
haft findet, daß für die Stärkung der Macht des Zaren
über die Kirche durch Peter den Großen nicht so sehr
byzantinische Tradition als das west- und mitteleuropäische
Staatskirchentum vorbildlich war, wird doch der
westliche Leser hier nicht überall ganz zustimmen. Klen-
kalismus gibt es allerdings im Osten nicht, aber ob der
Gegensatz zwischen konservativem Kirchentum und fort- .
schreitender Kultur nicht auch im Osten noch manchmal
scharf sein wird, bleibt abzuwarten. Ich wünschte natürlich
, Z.'s mit seiner milden Art zusammenhangende
Hoffnung, dgl. werde nicht eintreten, möge sich erfüllen
. ,

Oft sind auch sehr spezielle Angaben von Interesse,
z. B. daß, als in neuester Zeit der Plan aufkam, beim
ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel einen allgemeinen
orthodoxen Kirchenrat einzurichten (und so allmählich
über die landeskirchliche Zerspaltenheit der 1
orthodoxen Christenheit hinwegzukommen), schon (oder
gerade?) die Theologen der Universität Athen widersprochen
haben.

Mit einem Wort: kommen wir zu immer lebendigerem
Austausch mit unseren östlichen Mitchristen, so
wird auch manches in Z.'s Buch genauer zu erörtern
und dabei wohl zu berichtigen sein; aber zunächst ist es
ein Gewinn, daß wir dieses Buch haben. Und wenn Z. |
heute eine Frührenaissance des morgenländischen Christentums
wahrnimmt, abendländische Beobachter aber
deutlich sehen, daß oft rationale Aufklärung zu ungestüm
in die östlichen Länder vordringt, so wollen wir
wünschen, daß auch im Osten neben humanistischrationalen
und Renaissancemotiven echt reformatorische
mächtig wirksam werden — er wird dem gewiß zustimmen
— und daß solche Reformation, östliche Eigenart
-tragend, doch im Kerne der verwandt sei, die einem
Teile der westlichen Christenheit seit dem 16. Jahrhundert
geschenkt worden ist.

Das Deutsch ist gut; man denkt kaum je daran, daß ein Ausländer
das Buch geschrieben hat; nur S. 61 Anm. 76 ist der Ausdruck
schvrer verständlich. S. 139 Anm. 10 bei Trubetzkoi L „Untersuchungen
" oder „Versuche" (st. Versuchungen). Die Berliner theologische
Fakultät ist nicht, wie es S. 19 geschieht, als „evangelischlutherisch
" zu bezeichnen.

Kiel.___ Hermann Mulert.

S a w i c k i, Präl. Domkanitul. Prof. Dr. Franz: Lebensanschauungen
alter und neuer Denker. 3 Bd. Von d. Renaissance bis z.
Aufklärung. 3. Aufl. Paderborn: F. Schöningh 1929. (VIII, 238 S.) 8°.

RM 4.80.

Der erste Band dieser „Lebensanschauungen" ist
dem heidnischen Altertum, der zweite der christlichen
Antike und dem Mittelalter gewidmet (siehe diese Ztg.
1924, Sp. 211 f.). Der in 3. Auflage vorliegende dritte
Band umfaßt die Zeit von der Renaissance bis zur Aufklärung
mit den Abschnitten: Der Übergang vom Mittelalter
zur Neuzeit, Francis Bacon und der moderne Empirismus
, Rene Descartes und der moderne Rationalismus
, Baruch Spinoza und der moderne Pantheismus,
Leibniz und die deutsche Aufklärung, Rousseau und die
französische Aufklärung, die großen deutschen Dichter
und der deutsche Humanismus. Dieser letzte Abschnitt
ist in der 3. Auflage neu aufgenommen. Die Vorzüge

der früheren Bände schmücken auch den vorliegenden:
sachliche Darstellung der einzelnen Gedankengebäude,
verständnisvolle Einfühlung, ruhiges, vornehmes Urteil
mit Hervorhebung der Vorzüge und Schwächen, gerechte
Zeichnung der Persönlichkeiten, klare und
flüssige Sprache. Selbst bei Voltaire (S. 160 ff.) verläßt
den Verf. bei aller Schärfe des Urteils die wissenschaftliche
Ruhe nicht. Daß „die ganze Scholastik ihre
Schwächen hat" und die Spätscholastik eine Gestalt angenommen
hatte, die „eine Reaktion geradezu herausforderte
", wird (S. 8 f.) glatt zugegeben. „Das Recht
des konfessionellen Unterrichts, so altgewohnt derselbe
ist, ist in der Tat nicht etwas Selbstverständliches, sondern
ein ernstes Problem", ist S. 190 zu lesen. So zeigt
S. in seinem ganzen Werke, wie man mit dem katholischen
Standpunkt weitgehendes Verständnis für eine
andere Weltanschauung verbinden kann.
München. Hueo Koch.

Berggrav, D. Dr. Eivind: Der Durchbruch der Religion im
menschlichen Seelenleben. Göttingen : Vandenhocck & Ruprecht
1929. (IV, 184 S.) 8°. RM 8—; geb. 9.80.

Mit Recht ist dies Buch des Norwegers Dr. Berggrav
ins Deutsche übersetzt worden. Es bahnt in der
Tat eigentümliche, neue und wertvolle Wege in der Religionsphilosophie
an. Wenn man mit dem Buche fertig
ist, bleibt ein Wort im Gedächtnis, das sozusagen das
Ganze umfaßt: die grenzüberschreitende Tendenz, sie
ist es, die in der Religion ihre zentrale Funktion findet.

Suchen wir uns erst klar zu machen, was mit diesem
Worte gemeint ist. Berggrav fängt mit einer Untersuchung
der Behauptung an, daß die Religion in der
Furcht ihren Ursprung habe. Indem er dann den Unterschied
des seelischen Lebens bei dem Tiere und bei dem
Menschen vergleicht, findet er es als das für den Menschen
Charakteristische, daß der Mensch stets weiter
strebt, über den Augenblick und das schon Erreichte
hinaus, die Erwartung hat bei dem Menschen immer
neue Perspektive. Allem menschlichen Seelenleben ist
dies eigentümlich. Es wird eine Schranke empfunden,
und über diese Schranke hinaus geht die Tendenz. Der
Sinn des Ausdrucks wird besonders deutlich durch die
Zusammenstellung und Vergleichung mit dem Begriff
des Unendlichen. Im Unendlichen ist keine Schranke
und auch kein Fortschreiten. Aber das Eigentümliche
des menschlichen Seelenlebens ist nicht die Freiheit von
Schranken, sondern dies, daß die Grenze da ist und
überschritten wird, indem doch dann immer eine neue
Grenze hervortritt.

Wo im Verhältnis zu dem Ich ist nun die Religion?
Um dies zu beantworten macht Berggrav geltend, daß
die zwei formalen Hauptmerkmale in dem Erscheinungs-
Ich Einheit und Richtung sind. Wenn Höffding sagt
daß die seelische Wirksamkeit die Svnthese ist, dann ist
er doch an mehreren Stellen der 'Wahrheit nahe gekommen
, daß die Synthese immer richtungsbestimmt ist.
Religion ist, wo die Seele zentral die Richtung auf Gott
hat, indem sie die Grenze überschreitet. Um diese Bestimmung
aber richtig verstehen zu können, muß man
auf die Art und Weise acht geben, wie die grenzüberschreitende
Tendenz sich in den übrigen wesentlichen
Funktionen des Seelenlebens äußert. Deshalb wird geschildert
, wie diese Tendenz das Charakteristisch-Menschliche
ist, sowohl in dem intellektuellen wie in dem moralischen
und dem ästhetischen Leben.

Diese drei Abschnitte, „Gedanke und Tendenz".
„Das Motiv der Moral" und „Kunst und Seele", sind
besonders wertvoll. Sowohl in dem mythischen wie in
dem wissenschaftlichen Denken spüren wir diese ewige
Unruhe des immer weiter fragenden und forschenden
Denkens. Und das Eigentümliche der wahren Moral ist
die innige Verbindung des Absoluten und des Fort-
j schreitens über die Grenzen, das Excelsior, in das Un-
1 mögliche hinein. Und namentlich in der Kunst tritt die
| grenzüberschreitende Tendenz klar zu Tage, wenn die