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Ausgabe:

1930 Nr. 4

Spalte:

91-93

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zankow, Stefan

Titel/Untertitel:

Das orthodoxe Christentum des Ostens. Sein Wesen und seine gegenwärtige Gestalt 1930

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 4.

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nach ihrer derzeitigen Umgebung oder augenblicklichen
Stimmung sich als konfessionslos bezeichnen oder nicht;
wird einem dann, weil er sich bei der Volkszählung als
evangelisch einschrieb, wieder Kirchensteuer abgefordert
, so beschwert er sich vielleicht darüber, daß die
Kirche diese auch von längst ausdrücklich Ausgetretenen
noch zu verlangen die Stirn habe! Soweit Sehn, den
Blick in die Vergangenheit zurücklenkt, ist er natürlich
z. T. auf Vermutungen angewiesen. Immerhin halte ich
für glaubhaft, daß er recht hat, wenn er annimmt, daß
früher die Binnenwanderung überwiegend dem Katholizismus
Vorteile gebracht habe d. h. es seien viele Evangelische
, die in katholische Teile Deutschlands wanderten
, dort (namentlich wohl auf dem Weg über die
Mischehe) katholisch geworden. Im allgemeinen beschäftigt
sich aber die Schrift mit der Gegenwart, und
hier bringt sie eine Fülle von lehrreichen Mitteilungen.
Daß bei den Monisten die Männer, bei manchen Sekten
die Frauen durchaus vorwiegen, ist charakteristisch.
Wenn die Juden trotz zweifellos starker ostjüdischer
Einwanderung abgenommen haben (zwischen 1910 und
1925 von 615 000 auf 564 000), so liegt das, außer an
Übertritten und an geringer natürlicher Vermehrung,
natürlich an der Tatsache, daß gerade in abgetretenen
Gebieten, dem polnischen Osten einerseits, Elsaß-Lothringen
andrerseits, viele Juden wohnen. Geradezu belustigend
ist die Aufzählung von einigen der 750 verschiedenen
Konfessionsbezeichnungen, die bei der Zählung
1925 zu Tage gekommen sind (jeder kann ja
seine Konfession angeben wie er will): Lutherisch-Re-
formierte, Schweizerisch-Unierte, Gnostiker, Agnostiker,
Antignostiker, Anhänger der freien Vernunft, Irredentisten
, Sextanten usw. Besonders beachtenswert ist die
Warnung vor naiver Überschätzung relativer Zahlen, die,
namentlich im Blick auf die Zunahme des Katholizismus,
sich oft auch in evangelisch-kirchlichen Blättern findet.
Wenn in einem kleinen deutschen Staat oder in einem
kleineren Verwaltungsbezirk, der bisher fast rein evangelisch
war, die Zahl der römischen Katholiken sich
verhältnismäßig sehr vermehrt, so braucht das objektiv
nicht viel zu bedeuten. Wenn in einem märkischen Dorfe
z. B. die Zahl der Katholiken von 1905 bis 1925 um
300 o/o gewachsen ist, so ist das für manche Evangelischen
erschreckend; tatsächlich geht die Sache so zu:
es zog dorthin ein katholischer Arbeiter mit seiner Frau;
sie bekamen in diesen 20 Jahren 6 Kinder; so stieg die
Zahl der Katholiken dieses Ortes von 2 auf 8, also um
300 o/o! Schneider hat ganz recht: wenn man die Zunahme
der Konfessionslosen oder mancher Sekten ins
Auge faßte, würden sich noch gewaltigere Prozentzahlen
ergeben. Die Zunahme der Katholiken in manchen evangelischen
Gegenden beruht wesentlich auf Binnenwanderung
, ist also fürs ganze Reich keine Zunahme. Durch
Übertritte gewinnt seit Jahrzehnten der Protestantismus
stärker als der Katholizismus; vor allem fällt ihm der
größere Teil der Kinder aus Mischehen zu, und die
Mischehen werden immer zahlreicher: 43 o/o aller Ehen,
die im Rheinland geschlossen wurden, waren Mischehen
, in den wirklich konfessionell gemischten Gebieten
des Rheinlands also sicher mehr als die Hälfte aller
Eheschließungen; wie will die römische Kirche da ihre
Gläubigen von den Protestanten abschließen?

S. 6 mittl. Abs. muß es statt 1921 wohl 1919 heißen. Für eine
2. Aufl. wäre, damit die lesenswerte Schrift wirklich in weiteste Kreise
kommt, die Verdeutschung einiger unnötiger Fremdworte wie „Progenitur"
erwünscht.

Kiel. Hermann Mulert.

Zankow, Prof. Dr. Stefan: Das orthodoxe Christentum des
Ostens. Sein Wesen u. s. gegenwärt. Gestalt. Gastvorträge, geh. an
d. Berliner Univ. Berlin: Furche-Verlag 1928. (148 S.) gr. 8°.

RM 6-; Lwd. 7.20.

Z. hat in deutscher Sprache bereits Bücher über die
Verfassung und die Verwaltung der bulgarischen Kirche
geschrieben. Das vorliegende Werk ist aus Gastvorträgen
erwachsen, die er 1927 an der Berliner Universität
gehalten hat. Jeder abendländische Theolog, der
bei Versuchen, morgenländisch - christliches Wesen
kennen zu lernen und darzustellen, die Schwierigkeit emp-
■ funden hat, daß die Meisten von uns nicht Russisch
I verstehen (und die russische Literatur macht nun einmal
die Hauptmasse der neueren morgenländisch-theologischen
aus) und daß der Orient uns überhaupt eine
fremde Welt ist, wird unter allen Umständen für Zan-
kows Buch dankbar sein. Es erscheint mir als sehr
sachkundig, übersichtlich und im Urteil gemäßigt (so
gewiß Sätze gegen Harnack, bei dem Z. eine zu große
Vorliebe für römisch-katholisches Wesen findet, Katten-
busch und andre protestantische Theologen nicht fehlen,
während er z. B. die alte Symbolik der griechischen
Kirche von Gaß hochschätzt). Wir besaßen m. W. bisher
keine solche deutsch geschriebene Darstellung des
morgenländischen Christentums von einem seiner Theologen
, und das Buch braucht sich neben Adams Wesen
des Katholizismus und Heims Wesen des evangelischen
Christentums nicht zu schämen. Adams geistvolles Buch
geht zwar gewiß tiefer, mußte aber auf sehr prinzipielle
Fragen eingehen, weil diese zwischen römischen Katholiken
und Protestanten längst viel verhandelt worden
sind. Daß wir und die morgenländischen Christen eingehend
miteinander reden, hat dagegen überhaupt erst
im letzten Jahrhundert angefangen. So war Z.'s Aufgabe
bescheidener. Und wie Heims anregende Schrift keineswegs
allen Protestanten in gleicher Weise als Darlegung
ihres evangelischen Christentums gelten kann und will,
so würde natürlich auch mancher andre morgenländische
Theolog Vieles anders darstellen als Z. es tut, nicht so
vorsichtig und abwägend, sondern polemischer gegen
uns Abendländer. Aber warme Liebe zu seiner Kirche
lebt auch in Z. Den Grundgedanken des morgenländischen
Christentums, die Vereinigung des Göttlichen und
des Menschlichen in Christus, der solche Vereinigung in
uns zu einer (wie die Russen sagen) Zweieinigkeit folgen
soll, das Mystische des morgenländischen Kirchenbegriffs
, die Begeisterung des morgenländischen Christen
für seine Kirche sucht er dem Leser in einer solchen
Weise nahe zu bringen, daß mancher sagen wird: „man
muß wohl hier das Empfinden jener Christen haben,
um ihren theologischen Gedankengängen gerecht zu
werden".

Nach einer Übersicht über gegenwärtige Lage und
gegenwärtigen Bestand des morgenländischen Kirchen-
tums folgen Abschnitte über das Credo, über das Wesen
der Kirche, über den Kult und die Frömmigkeit. Auf die
Krisen z. B. in der heutigen russischen Kirche ist dabei
nicht genauer eingegangen; hier ist ja aber auch noch
alles im Flusse. Das Schlußkapitel handelt von der
Stellung der morgenländischen Kirche zu den abendländischen
. Wie sehr Z. an die Zukunft seiner
Kirche glaubt, zeigt seine Einteilung ihrer Geschichte:,
nach der Zeit der Väter (bis zum 5. Jahrh.), der Befestigung
(bis zum 11.), der Drangsale und der Behauptung
(bis zum 19.) sieht er die seit dem 19. Jahrh.
als die einer Frührenaissance seiner Kirche an. Wichtig
| und soviel ich sehe richtig ist seine Darlegung, daß die
morgenländische Kirche keinen andren Bekenntnissen
eine irgend der des NC. vergleichbare Autorität zuerkennt
, ferner der Hinweis auf die große Rolle, die Jenseits
-, Engel- und Dämonenglaube im morgenländischen
Christenvolk spielen, auf die positive Schätzung des Leibes
(S. 58), endlich darauf, daß, obgleich die Lehre des
Origenes verworfen wurde, doch die Hoffnung auf
schließliche Beseligung Aller nicht ausgestorben ist. Sie
entspricht der starken Liebe zu Allen, die im morgen-
: ländischen Christentum lebt; Dantes Hölle hätte von
! keinem Russen gedichtet werden können. Demut und
Liebe sind die beiden Haupttugenden morgenländischen
Christentums. Und mag uns die Demut manches mor-
genländischen Mönchs recht fern von ästhetischer Kultur
! zu sein scheinen, die alte griechische Verbindung von
Ästhetischem und Ethischem wirkt doch noch nach; das