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Ausgabe:

1930 Nr. 4

Spalte:

86-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schornbaum, Karl

Titel/Untertitel:

Aktenstücke zur ersten Brandenburgischen Kirchenvisitation 1528 1930

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 4.

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Äußerungen Luthers (auch vorwärts auf spätere). Aber
er hält es doch für richtig, durch sein Thema erfordert, j
wesentlich oder grundsätzlich die christologischen Äußerungen
Luthers in den fünf eigentlichen Streitjahren
heranzuziehen, um von ihnen aus Luthers Oedanken
über das Abendmahl, die Art von Christi „Gegenwart"
in ihm, zu beleuchten und, wie er meint, als für Luther
„notwendig" zu begreifen.

Soweit Gennrich Neues zu bieten hat, handelt es
sich, nach Lage der schon gewonnenen Resultate bisheriger
Forschung, um Einzelheiten. Es verbietet sich,
darauf genau einzugehen, da es allzu weitläufige Auseinandersetzungen
verlangen würde. G. geht aus von Luthers
Gedanken über die Offenbarung, S. 11—46. Es ist
sehr richtig, wenn er hervorhebt, daß Luther großes
Gewicht darauf legt, Gott sei überall „gegenwartig"
und „wirksam", also in n e r weltlich, und doch ebenso
unbedingt üb er weltlich; seine Gottesidee ist so fern
von Deismus, als Pantheismus. Vielleicht hätte G. den
Gedanken von den „Larven" Gottes mitheranziehen mögen
. In diesem Gedanken gipfelt ja Luthers Idee vom
Deus absconditus. Auch in seiner Weise sich zu offenbaren
verfährt Gott so, daß er verborgen bleiben w i 11
für die bloße Vernunft, auch in Christo i h r ein Ärgernis
, bloßes Rätsel — wenn sie denn Acht auf ihn gibt,
sich fragt, wie sie ihn zu verstehen vermöge — sein
will. Da kommt die Bedeutung des Wortes Gottes
zur Geltung. Nur wo Gott ein ausdrückliches „Wort" gegeben
, darf der Glaube gewiß sein, ihm gegenüberzustehen
, ihn zu hören, auch sich klar werden zu können,
was er ihm biete. Was G. über das Wort sagt, ist vortrefflich
. Immerhin hätte die Frage weiter verfolgt werden
mögen, „w i e" einer dazu gelange, ein Wort Gottes
wirklich als eben solches zu unterscheiden und inhaltlich
zu verstehen. Natürlich hat G. die Gleichung
von „Christus" und „Wort" (Logos) und die
Heranziehung des Gedankens vom Geiste bei Luther
bemerkt. Aber der Hintergrund der Gedanken Luthers
hier wäre aufzulichten gewesen. Ich denke an Luthers
Stellung in der kirchlichen Tradition von der Bibel
(die er doch nicht überall gleich bewertet: hat er
ein Auge für Differenzen in Worten Christi selbst? wie
weit?) und ganz zumal von Christus als wesensgleich
mit Vater und Geist und dabei doppel-„naturig".
Diese Stellung gibt Luther in höherem Maße die Sicherheit
im Abendmahlsstreit, als G. erkennen läßt.
Luther weiß sich als „dogmatisch" korrekt im Sinne
der Überlieferung von der Kirche der Väter her. Das
war für ihn nichts geringes, sondern sehr auch tragend.
Hatte Luther recht, wenn er glaubte, dem altkirchlichen
„Dogma" zu entsprechen? Die letzte Instanz war ihm
dieses ja nicht. Aber es war und blieb ihm doch ein
Halt. Hat er es richtig gedeutet? Soviel ich sehe,
hat er bei gleicher Formel eine andere geistige Schau.

Wenn G. dem Problem, das da auftaucht, näher nachgegangen
wäre, hätte er für seine ausgezeichnete Erörterung
des Begriffs des „Wesens" (S. 64—75) weiteres
Interesse wecken können, zumal für seine Beleuchtung
des Worts „substantia", das ja gerade in Bezug i
auf das Abendmahl wichtig wurde. Da er diesem Worte
so bewußt nachgegangen ist, wundert es mich, daß er
garnicht darauf zu sprechen kommt, weshalb Luther die
Idee der transsubstantiatio (des Brotesund Weines in den
leibhaften Christus) schroff ablehnt, aber die einer con-
substantiatio ebenso schroff vertritt: sie entspricht seiner
Vorstellung von Gottheit und Menschheit in Christus.
Sehr richtig zeigt G., daß Luther die „leibhafte" Gegenwart
Christi in keiner Weise als phvsisch-magisch I
sich vorstelle, vielmehr ganz und gar geistlich und doch j
zugleich fleischlich. Was Luther das „Fleisch" Christi
Henne, wiefern es ihm „geistlich" und doch wirklich i
„menschlich" sei, hat er eigens dargelegt, S. 75—79. |
Aber nun erhebt sich wieder eine Frage, die G. nicht
bemerkt hat. Wenn er das „wie" der Sakramentalität
des Abendmahls für Luther gut beleuchtet, so übersieht

er doch die Frage, „warum" Luther auf das Sakrament,
speziell dieses, solches Gewicht legt, wie er getan.
Mir scheint zweierlei dafür in Betracht zu kommen. Auf
der einen Seite die spezifische Ehrfucht des ehemals
katholischen Priesters vor gerade diesem Sakrament.
Luthers inneres Empfinden war zu lebendig erfüllt von
der Herrlichkeit desselben, als daß er irgend etwas von
i h r preiszugeben vermocht hätte. Die consubstantiatio
war ihm dabei eher das größere als das geringere Wunder,
wie die transsubstantiatio, selbst wenn er letzteren Ausdruck
von seinem „Substanz"begriff gedeutet hätte: im
Abendmahl ist ihm die Menschwerdung Gottes für
den Glauben immer erlebbare Gegenwart, die immer
neue „geschichtliche" Selbstd a r s t e 11 u n g, Selbst d a r-
bietung Christi für die „Seinen". Die consubstantiatio
ermöglichte Luther auch, daß er die „Personhaftigkeit"
der Gemeinschaft mit Christus in der Feier betonte. Das
Brot an sich ist auch im Abendmahl nichts nütze. Aber
es ist, kraft des Einsetzungswortes Christi (das „ist"
mein Leib, d. h. für Luther: da „bin" ich, so wie ich
der Versöhner und Erlöser bin) sicher, daß Christus
„da", wo das Brot „ist" wo man es greift und genießt,
dem Sünder begegnet, in ihn, in sein „Herz" eingeht
, sein eigen wird (etwa in einer Vorstellung, wie
auch in dem Traktat de lib. christ.). Gewiß trägt die
Christologie Luthers in der spezifischen Personhaftigkeit
der Idee des Gottmenschen als des Voll ganzen der
Offenbarung Gottes (seines Herzens, seines Gnadenwillens
, seiner Heran- und Heraufziehung des Sünders
zu Kindesverkehr) seine Idee vom Wie des Abendmahls
. Aber das bevorzugende Interesse desselben für
Luther ist aus seinen Erlebnissen bei der Feier
und „kraft" ihrer zu begreifen. Alles ist da letztlich untheoretisch
, ganz und gar praktisch. Gerade auch,
daß Luther über den Gedanken, daß das Brot bloß ein
Symbol für den „Leib" Christi (den „geschichtlichen",
den für Menschen „anschaulichen" Christus) sein solle,
sich so entsetzt. Ein Zeichen ist das Brot, das ist für
Luther ganz was anderes als daß dieses ein Symbol sei.
Wo das Brot ist und wo über es Christi Einsetzungswort
„gesprochen", da „ist" Christus, „totus Christus
", Christus unter dem Eindruck (für den Glauben
an das „ist") von seiner „ganzen" geschichtlichen,
d. h. so ehemaligen wie augenblicklichen Wirklichkeit
. Auch gerade über den Gedanken des „Zeichens"
bei Luther und die Idee des „ganzen" Christus bringt G.
sehr gute, richtige, in gewissem Maße neue Ausführungen
. Aber er hat, was er selbst bringt, nicht ganz
ausgekauft.

Halle a- S-_ F. Kattenbusch.

Schornbaum, Dekan D. Dr. Karl: Aktenstücke zur ersten
Brandenburgischen Kirchenvisitation 1528. München: Chr.
Kaiser 1928. (vii, 116 S.) gr. 8°. = Einzelarbeiten a. der Kirchengesch
. Bayerns, 10. Bd. rm 3.50.

Zur Reformationsgeschichte einzelner Bezirke der
Markgrafschaft Ansbach liegen Arbeiten von Schornbaum
und Bossert vor. Schornbaum gibt jetzt das noch
vorhandene Aktenmaterial zur ersten Kirchenvisitation
und damit die beste Einführung in die Nöte und Schwierigkeiten
der werdenden evangelischen Landeskirche.
Zuerst erhalten wir einen Überblick über das Zustandekommen
der Visitation unter dem Eindruck der sächsischen
und im Einvernehmen mit dem benachbartem
Nürnberg, mit dein der Markgraf sich auch politisch
auseinanderzusetzen hatte und wo das Volk die alten
Zeremonien leichter abschüttelte als im Ansbachischen.
Dann folgt eine geschickte Zusammenstellung der Visitation
nach Amt, Tag, Ort, Patron, Namen der Pfarrer
und Visitationsergebnis für 27 Ämter. In extenso werden
mitgeteilt das Ausschreiben des Markgrafen Georg und
die zur Visitation eingeforderten Berichte von 24 Ämtern,
darunter von den heute württembergischen Crailsheim
und Creglingen, die Listen der Visitationstermine, die
Bemerkungen und Notizen der Visitatoren Althamer und
Rurer. Unter den visitierten Pfarrern findet sich noch