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Ausgabe:

1930 Nr. 4

Spalte:

83

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofstaetter, W.

Titel/Untertitel:

Grundzüge der Deutschkunde. 2. Bd 1930

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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83

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 4.

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rakter aller Wertbegriffe nachzuweisen, so gründet sich
diese Ansicht zwar auf die richtige Erkenntnis, daß
Werte stets in Beziehung zu einem Bewußtsein stehen,
daraus folgt aber nicht, daß wir ihnen objektive Giltig-
keit absprechen müssen.

Brunner weist andererseits nach, wie Spinoza tatsächlich
den Wertbegriff nicht zu eliminieren vermochte.
Nach seiner Ansicht bemißt sich der Wert eines Dinges
nach dem Verhältnis, in dem dieses zur Substanz steht.
Mit diesem Werte hat Spinoza selbst einen Zweck und
Sinn wieder eingeführt, auf den alles hinweist. Indem
Spinoza erklärt, daß das Denken unter Anerkennung
einer bestimmten Norm vor sich gehen müsse, drückt er
aus, daß das Denken einen bestimmten Zweck verfolgt,
nämlich den: die Denknorm zu verwirklichen, d. h. wahr
zu denken.

Auch die spinozistische Lehre vom Hervorgehen der
Dinge aus der göttlichen Substanz nach geometrisch-
logischen Gesetzen, seine Theorien von der Bestimmtheit
alles einzelnen Geschehens durch das Ganze und von
der Harmonie der Teile entsprechend dem höheren
Prinzip, ja sogar der Parallelismus der Attribute enthalten
teleologische Gedanken.

So stellen sich an den verschiedensten Stellen des
spinozistischen Gedankengebäudes die teleologischen
Momente, die ausgeschaltet werden sollten, unvermerkt
wieder ein. Werden sie aber bewußt ausgestoßen, so
zeigt Brunner, wie dann Härten und Schwierigkeiten entstehen
, sodaß man sagen kann: die antiteleologische
Haltung Spinozas wird durch sein eigenes System
widerlegt.

Durch diese Kritik an dem bedeutendsten Gegner
teleologischer Weltansicht sucht Br. die Möglichkeit
teleologischer Betrachtungsweise darzulegen und freie
Bahn für ein neues Durchdenken dieser Begriffe zu
schaffen. Man wird zugeben müssen, daß ihm dies in
jeder Hinsicht gelungen ist.
Ludwigsburg. Walter Betzendörfer.

Hofstaetter, Stud.-R. Dr. W., u. Prof. F. Schnabel: Grund-
zflge der Deutschkunde. 2. Band. Mit Beiträgen von H. W.
Beyer, A. Bigelmair u. a. Leipzig: B. G. Teubner 1929. (VIII,
304 S.) gr. 8°. RM 8-; geb. 10—.

Aus diesem für die Hand des Deutschlehrers an höheren Schulen
bestimmten Werke sind herauszuheben in dieser Zeitschrift die Beiträge
von Andreas Bigelmair, Die katholische Religion (S. 153—205) und
Hermann Wolfgang Beyer, Die evangelische Religion (S. 206—229).
Was einem zunächst auffällt, ist das Mißverhältnis des von der Redaktion
zur Verfügung gestellten Raumes. Die für die Geschichte des deutschen
Geistes entscheidend gewordene, alle unsre klassischen Denker und
Dichter mitformende evangelische Religion hat weniger als die Hälfte
des für die katholische Religion gewährten Platzes.

Sinn einer solchen Darstellung kann natürlich nicht die Vermittlung
von Einzeldaten sein, sondern die Heraushebung der großen entscheidenden
Verbindungszüge zwischen deutschem Geist und christlicher Religion
. Der katholische Beitrag hat sich diese aus dem Geist des
Ganzen folgende Zielsetzung nicht hinreichend klar gemacht. Er bietet
eine kurze deutsche katholische Kirchengeschichte, mit manchen hübschen
Einzelheiten, klug und geschickt das zusammenstellend, was man
an nationalen Momenten in ihr auffinden kann, aber ohne einen tieferen
Zusammenhang und ohne einen eigentlichen Leitgedanken. Der evangelische
Beitrag ordnet sich dem Zweck des Ganzen bewußt unter. Die
Namen und Tatsachen sind als bekannt vorausgesetzt. Es ist ein manches
Eigene und Schöne bringender Versuch, den Geist der einzelnen
Epochen deutscher evangelischer Kirchengeschichte in seinen nationalen
und kulturellen Auswirkungen zu fassen; was auf lVa Bogen zu leisten
war, ist geleistet.

Göttingen. E. Hirsch.

Gennrich, Pastor Lic. theol. Paul Wilhelm: Die Christologie
Luthers Im Abendmahlsstreit 1524 1529. Göttingen: Vanden-
hoeck & Ruprecht [in Komm.] 1929. (160 S.) 8°. RM 5—.

Die Schrift ist wohl eine (erweiterte?) Licentiaten-
Dissertation. Der Verfasser (der im Sommer, wo die
Schrift erschien, noch Hilfsprediger in Rom war, ist
jetzt, soviel ich weiß, Pastor in Lissabon) spricht
Erich Seeberg seinen Dank aus für die „Anregung",
die er ihm zu der Arbeit geboten, und für die „Förderung
", die er insonderheit in seinem Werke „Luthers

Theologie I (Die Gottesanschauung)" ihm geschafft
habe. Auch den großen Werken von Theodos ius
Harnack, Reinhold Seeberg, Karl Holl ver-
! danke er „Anregungen und Gesichtspunkte". Ich stelle
gern fest, daß Gennrich durch diese seine wissenschaftliche
(wie ich annehme:) Er s 11 i n gs leistung sich vortrefflich
als Lutherforscher einführt. Er zeigt sich als
umsichtig und scharfsichtig in der Durcharbeitung der
Werke Luthers, die für sein Thema in Betracht kommen,
und gewinnt ihnen belangreiche Erkenntnisse ab. So
! wie er sein Thema formuliert, ist es noch nicht gestellt
! worden. Es ist gerade in seiner Begrenzung nützlich.
! Die Zeit ist gekommen, meine ich, wo es das richtige
! ist, Luthers literarisches Schaffen in seinen geschicht-
I liehen Abschnitten, d. h. seinen besonderen, zeitlichen
i Veranlassungen und dadurch bedingten Ideenzusammen-
1 hängen zu untersuchen. Ziemlich gleichzeitig mit Genn-
richs Schrift ist eine noch etwas umfangreichere über
„Die Anfänge von Luthers Christologie" (besonders
nach der ersten Psalmen Vorlesung), von E. Vogelsang
, erschienen. Wir kommen wirklich so am besten
weiter im Lutherverständnis, wenn wir „Entstehung",
„Wachsen", konkretes M o m e n t Interesse seiner
theologischen Theorien ins Auge fassen. Der Moment
bietet Anlaß, lockt, zu bestimmten Fragen, oder
i wenn nicht das, so etwa zu bestimmten, vielleicht blei-
I benden, dennoch vielleicht nur für den Augenblick in
den Vordergrund gestellten Formulierungen.
Gewiß, Luther steht seit dem Momente, wo er überhaupt
selbständiger Forscher in Glaubensfragen zu werden
den Antrieb hatte, in Fragen, die wesentlich die gleichen
für ihn blieben. Aber er hat nicht mit einem Schlage
das, was ihm die „Wahrheit" wurde, gefunden, hat
gründlich auch das „Suchen" gekannt. Und dann
doch auch sein Leben lang irgendwie ein Wachsen der
Erkenntnis. Zum Teil ist mit der Zeit eine gewisse
) „Verhärtung" im Ausdruck bei ihm eingetreten. Seine
Abendmahlslehre ist dafür mit eine Probe. Gennrich
besondert sein Thema nach dem doppelten Gesichtspunkt
1. des großen Streites, in den Luther bezüglich
des Abendmahls teils verwickelt wurde, teils von sich
aus eintrat, 2. der Bedeutung seiner Christologie
für diesen Streit. Beides stellt eine spezifische Konkretisierung
seines Themas dar, die man sich immer gegenwärtig
halten muß, wenn man nicht unbillige Ausstellungen
machen will. Gennrich bietet weder für das
Abendmahl, noch für die Christologie Luthers „Alles",
was sich darüber, auch nur im Blick auf den Streit,
oder auf die „Jahre" (1524—1529), sagen läßt. Sein
| Grundthema ist mehr die Christologie, als die Abend-
; mahlslehre Luthers. Das kommt daher, daß er zu erkennen
glaubt, Luther sei in seiner Auffassung, positiven
i Bewertung, polemischen „Sicherung" des Abendmahls
j in seinem Charakter als Sakrament (also als einer ganz
! eigenartigen Darbietung, die der Kirche gestattet, aber
auch ernsteste Pflicht sei) in erster Linie geleitet
von seiner Christologie, will sagen: von der Erkenntnis,
1 daß die Person Christi als so Mensch, wie Gott, der
Gemeinde, dem Glauben in doppelter Weise, geistlich
und leiblich, „die" Gabe sei, um dje es gehe. Um
j Christus, den ganzen wahren, alleinigen, jedem jeden
i Augenblick nötigen Repräsentanten Gottes, ihn als „die"
I Offenbarung Gottes, ihn als Versöhner und Erlöser, als
, „die Rechtfertigung", den Bringer des „Geistes", kurzweg
um Christus so wie er wirklich ewig und zeitlich
„ist", den Gläubigen zu erhalten, sei das Abendmahl
gestiftet. So komme für den Historiker bei Verfolgung
des Abendmahlsstreites auch vorab, d. h. zum
■ Verständnis dieses Streites und der Thesen, die Luther
wider die Schwärmer und Zwingli (der ihm auch als
„Schwärmer" galt) vertrat, die Christologie Luthers,
jedenfalls seine Christologie in dieser Zeit, in Betracht
. Gennrich ist nicht der Meinung, daß Luther da
> eine besondere „neue" Christologie herausgearbeitet
i habe. Wiederholt blickt er auch rückwärts bis auf älteste