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Ausgabe:

1930 Nr. 3

Spalte:

64-66

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, K.

Titel/Untertitel:

Die katholische Kirche in der Schweiz seit d. Ausgang d. 18. Jahrh. Eine historische Rundschau 1930

Rezensent:

Muralt, Leonhard

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 3.

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sehr günstiges Bild des ganzen jesuitischen Betriebes 1
ergibt. Hierbei hätte allerdings m. E. der Referent
noch schärfer die schwierigen Verhältnisse berücksichtigen
können, unter welchen damals die Gesellschaft in
Böhmen, Mähren und Schlesien arbeitete. Mußte sie
sich ihre Stellung doch vielfach erst im Kampfe mit
Gegnern inner- und außerhalb der Kirche erringen und
sah sich in ihren Subsistenzmitteln nicht nur aufs
äußerste eingeschränkt, sondern auch oft genug bedroht
und geschmälert!

Die Fortsetzung war bis 1658 schon vor Kriegsbeginn
fertig. Jetzt wird zunächst ihr erster Teil bis
zum Prager Frieden vorgelegt. Diese Halbierung ist insofern
bedauerlich, als dadurch die wichtigsten Fragen
des vorliegenden Bandes, die böhmische Gegenreformation
und der Universitätsstreit, nicht bis zu ihrem
Abschluß geführt werden, sondern ihre Darstellung
mitten unterbrochen wird. Man würde dadurch wenigstens
vorläufig vielfach kein ganz klares Bild der ganzen
Auseinandersetzungen gewinnen, wenn nicht glücklicherweise
zufällig eine Reihe anderer Gelehrten die
Dinge in größerem Zusammenhange geschildert, namentlich
Frl. Spiegel dem Universitätsstreit eine eigene
Abhandlung gewidmet hätte.

Vergleicht man Kröß' Werk mit Duhrs Parallelarbeit
, über die deutschen Jesuiten, so bemerkt man,
daß beide Gelehrte ihre Aufgabe ganz verschieden aufgefaßt
haben. Dühr beschäftigte sich zunächst mit den
einzelnen Ordensprovinzen, innerhalb derselben mit den
verschiedenen Kollegien und sonstigen Niederlassungen,
ging darauf zu den mannigfachen Arbeitsgebieten und
Betätigungsarten der Gesellschaft über und schloß daran
noch biographische Notizen über einige besonders hervorragende
Ordensbrüder. Die Zusammenhänge mit den
großen Zeitereignissen wurden mehr vorausgesetzt als
eingehend geschildert. Hauptsächlich kam es Duhr auf
Einblicke in den ganzen Betrieb und auf große Längendurchschnitte
an. Im ersten Bande hatte Kröss sich an
Duhrs Beispiel noch einigermaßen angeschlossen. Wir
lernten dort nicht nur den Charakter des Prager Klemenskollegs
, sondern auch die Sondereigenschaften und
Sonderbedingungen der anderen Niederlassungen kennen
. Im 2. Bande bildet aber die Geschichte der böhmischen
Jesuiten einen Bestandteil der allgemeinen Landesgeschichte
und Gegenreformation, und was Kröß
über die verschiedenen Gegenden, Kollegien und Missionen
zu sagen hat, ist in Querschnitten verarbeitet. Wer
also die Entwicklung einer bestimmten Anstalt durch
einen längeren Zeitraum verfolgen will, muß sich die
Notizen an verschiedenen Stellen zusammensuchen und
manche angesehene Ordensmänner kehren im Buche
immer wieder, ohne daß der Leser ihre Gesamtbedeutung
sich hinreichend vergegenwärtigen kann. Aber vielleicht
ließe sich der letztere Nachteil mildern, wenn sich
Kröß entschlösse, ergänzungsweise etwa in der Zeitschrift
für katholische Theologie noch einige biographische
Artikel zu veröffentlichen.

Die weitverzweigte Literatur ist sorgfältig benutzt;
doch kannte Kröß die oben erwähnte Abhandlung von
Fräulein Spiegel noch nicht und außerdem ist nach seinem
Buche Pastors Urbansband erschienen, der sich
allerdings großenteils auf die Forschungen Kollmanns
und Krößs stützt. Daneben hat Kröß ein umfassendes
ungedrucktes Material ausgebeutet. Es verdient besondere
Anerkennung, daß er selbst offen hervorhebt,
durch den Verlust zahlreicher Originalbriefe über die
jesuitische Missionsarbeit sei er auf Berichte angewiesen,
die nicht eigentlich ein objektives Bild vermitteln sollten,
sondern gleichzeitig asketischen Zwecken dienten und darum
in allgemeine Wendungen oder Lobreden ausmündeten
. Bekanntlich leiden neben den Festbeschreibungen
vielfach die Jahresberichte und Tagebücher der Kollegien
unter diesem Nachteil. Doch sind anderseits die
von Kröß herangezogenen Quellen reich an statistischen
Notizen, welche natürlich einer solchen Überarbeit
weniger zugänglich waren. Auch bewahrten sich
die Ordensoberen, namentlich die Generale, gegenüber
dem Optimismus und Wagemut der Nächstbeteiligten
ein nüchternes Urteil, welches in vielen Erlassen und
Visitationsberichten zu Tage tritt. Übrigens beschränken
sich Kröß' Archivstudien keineswegs nur auf Papiere
jesuitischer Herkunft. So hat er z. B. in Kremsien die
dortigen bischöflichen Kopialbücher und in Olmütz die
Papiere des Domkapitels eingesehen, auch hat ihm Kollmann
seine Auszüge aus dem römischen Propagandaarchiv
in weiterer Ausdehnung, als er sie selber bisher
in seiner Aktenpublikation verarbeitet hat, zur Verfügung
gestellt.

Auf den Inhalt des aufschlußreichen neuen Bandes
einzugehen würde hier zu weit führen. Doch sei darauf
hingewiesen, daß Wallenstein auch bei seinen Beziehungen
zu den Jesuiten in einem merkwürdig zwiespältigen
und wechselnden Lichte erscheint, worauf übrigens
schon Duhr in einem Artikel des Histor. Jahrbuchs
hingewiesen hatte. Vor seiner ersten Absetzung
begünstigte er den Orden in jeder Hinsicht; später
machte er zwischen den einzelnen Kollegien große
Unterschiede. Auffallend ist auch, wie Kardinal Franz
v. Dietrichstein dessen Haltung im Übrigen sehr viel
klarer und konsequenter war, gegen die Olmützer Jesuiten
anders auftrat als gegen die Brünner.

Freiburg i. Br. Gustav W o 1 f.

Müller, Prof. K-: Die katholische Kirche in der Schweiz

seit d. Ausgang d. 18. Jahrh. Eine histor. Rundschau. Einsiedeln:
Verlagsanstalt Benziger & Co. 192S. (341 S.) 8°.

RM 8-; geb. 10-.

Das Buch will in einer „Rundschau dem Leser die
wichtigsten Ereignisse" der katholischen Kirchengeschichte
in der Schweiz seit dem Ende des 18. Jahrhunderts
bis in die Gegenwart darbieten. Es will eine
Lücke ausfüllen, die die Mittelschulen entstehen lassen,
indem im Geschichtsunterricht die jüngste Vergangenheit
oft nicht so eingehend behandelt wird wie ältere
Epochen. Das Buch wendet sich also an den gebildeten
katholischen Laien. Zuerst werden die kirchlichen Zustände
der Schweiz am Ende des 18. Jahrhunderts kurz
geschildert. Mit Recht kann der Verf. auf ein lebendiges
kirchliches Leben hinweisen, das seinen Ausdruck in den
großen Neubauten der Gotteshäuser in Einsiedeln, St.
Gallen, Solothurn und andern Orten findet. Die Eingriffe
des Staates in die Freiheit der Kirche werden als
Vorboten des Sturmes der Revolution aufgefaßt. Diese
bringt auch eine gänzliche Umgestaltung der kirchlichen
Verhältnisse. Die helvetische Republik ist der schärfste
Gegensatz gegen die kirchlichen Grundsätze, indem sie
die völlige Vorherrschaft des Staates durchsetzt und die
Religion als reine Privatsache beiseite schiebt. Gefährlicher
als die Eingriffe von außen wurden für die Kirche
die Reformbestrebungen eines Wessenberg, weil in ihnen
die Tendenz zur Loslösung von Rom steckte. Diese bildeten
dann auch den entscheidenden Beweggrund, daß
der Papst die schweizerische Quart vom Bistum Konstanz
loslöste und einem apostolischen Vikar unterstellte.
Der „Neubau der kirchlichen Verhältnisse" vollzog sich
nun auf nationalem Boden. Ein schweizerisches Bistum
kam nicht zustande. Die Gebiete des ehemaligen Bistum
Konstanz fielen auseinander und kamen an die wieder
neu errichteten, jetzt nur schweizerischen Bistümer Basel
und Chur. Erneuert wurden die Bistümer Sitten, Lausanne
und Genf, die beiden letzteren vereinigt mit Sitz
des Bischofs in Freiburg i. Ue. Im folgenden Abschnitt
wird der „Kampf des Liberalismus und Radikalismus

! gegen die katholische Schweiz" dargestellt. Der Libe-

j ralismus wird in grundsätzlichen Erörterungen abgelehnt
. Der Straußen-Handel in Zürich bedeutet für den
Katholiken eine Klärung und Festigung seines Glau-

! bens, indem die verwirrenden Konsequenzen des geistigen
Liberalismus deutlich werden. Die Aufhebung der

i Klöster im Aargau wird als klare Verletzung des Bun-