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Ausgabe:

1930 Nr. 3

Spalte:

59-61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kochs, Theodor

Titel/Untertitel:

Das deutsche geistliche Tagelied 1930

Rezensent:

Strauch, Philipp

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 3.

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und Papstgegner in einer Person bewerkstelligt er mit
skrupelloser Verschlagenheit die Wahl Clemens' V. —
man darf ihn darum den Schöpfer des französischen
Papsttums nennen — und die Johanns XXII., ist Mitwisser
des Überfalls von Anagni und eifriger Beförderer
des Prozesses gegen das Andenken Bonifaz' VIII. wie
später erbitterter Gegner Johanns XXII., dem er überall
in den Weg tritt, in der italienischen Politik wie im
Streit mit Ludwig dem Baiern. Jahrelang steht er in
engster Verbindung mit Jakob IL von Aragon, unterstützt
mit allen Mitteln dessen sardinisches Unternehmen
und ist immer bemüht, ihn zu noch weitergreifenden
italischen Plänen zu bewegen: ein Königreich Tuscien
schwebt ihm für Jakob IL vor. Aus dem Gewirr von
maßlos ehrgeizigen politischen Plänen, Intriguen, Verrätereien
heben sich einige bestimmende Linien deutlich
hervor: einmal das alles beherrschende Streben nach
Macht, dann das Streben, den Einfluß des Kardinalskollegiums
zu vergrößern, endlich, seit dem Pontifikat
Clemens' V., das Streben die Kurie nach Italien zurückzuführen
. Für den Verf. ist das letzte der alles übrige
beherrschende und in seinen Dienst stellende Gedanke
Napoleons und letzten Endes nichts anderes als heißer
römischer, ja italienischer Patriotismus.

Nicht alles, was der Verf. berichtet, ist neu; Finke hat in der Einleitung
zu Acta Arag. I. bereits die Hauptlinien des Lebens Napoleons
gezeichnet; seine Rolle bei den Papstwahlen und anderes mehr ist längst
bekannt; aber die Einordnung dieser Episoden in das Gesamtbild des
Mannes ist hochinteressant. Ich zweifle allerdings, ob der Verf. nicht
hie und da in der Einzelschilderung über das durch die Quellen Gesicherte
hinausgeht. So wenn er den berühmten Brief aus Carpcntras
als „das beste Zeugnis dafür" bezeichnet, „daß nicht Philipp dem
Schönen, sondern Napoleon die entscheidende Bedeutung bei der Wahl
Clemens' V. zukommt." Vielleicht ist das richtig, aber daß der
Brief den Beweis liefere, davon hat der Verf. mich nicht überzeugt.
Überhaupt vermisse ich eine klare Begründung, warum eigentlich Napoleon
— und zwar schon vor Anagni — zum unentwegten Parteigänger
Philipps geworden ist. Man liest an verschiedenen Stellen Verschiedenes:
Eindruck der Persönlichkeit des Königs (S. 157) — aber diese Vermutung
steht auf recht schwachen Füßen; religiöser Gegensatz gegen
das Regiment Bonifaz' und Sorge für das Wohl der Kirche (S. 61) -
doch das ist eine erst 10 Jahre später und unter ganz bestimmten Umständen
berichtete angebliche Äußerung von zweifelhaftem Wert; am
einleuchtendsten scheint doch Erbitterung über persönliche Zurücksetzung
als Ursache der Feindschaft gegen Bonifaz zu sein, und wohl
auch persönliche Vorteile, die Philipp dem ehrgeizigen jungen Kardinal
zuwandte. Auch sonst ist die Darstellung nicht immer klar genug; so
wird z. B. seitenlang (93 ff.) in geheimnisvollen Andeutungen von den
großartigen Plänen gesprochen, die Napoleon durch das Bündnis mit
Jakob II. von Aragon verfolgte, bis wir (S. 104 und genauer S. 117)
Tatsächliches darüber erfahren. In der Gesamtbeurteilung seines Helden
ist der Verf. wohl etwas zu optimistisch; die Schatten sind doch wohl
tiefer, das Licht (z. B. italienischer Patriotismus) weniger hell. Ein merkwürdiges
Problem ist die religiöse Stellung Napoleons: wie vereinigen
sich die fast verbrecherische Skrupellosigkeit des Politikers und seine
rücksichtslose Härte in Geldsachen mit dem tiefen religiösen Gefühl, das
der Verf. ihm zuschreibt? Wer sich mit der Geschichte der mittelalterlichen
Frömmigkeit beschäftigt, wird hier einen interessanten Fall
finden.

Die Darstellung ist sehr flüssig, allerdings, wie erwähnt, nicht immer
klar genug, der Stil manchmal etwas blühender als angebracht ist (vgl.
z.B. S. 121 oben, S. 129!). Unangenehm fallen einige sprachliche Nachlässigkeiten
auf: Sardinienzug, Toskanapolitik, geldliche Unterstützung
u. a. m. ist Zeitungsgestammel; Schatten pflegen nicht zu leuchten
(S. 160 Z. 1). In den Beilagen sind einige wertvolle Archivalien abgedruckt
; auf die Leichenpredigt, die Kardinal Roger, der spätere Papst
Clemens VI., dem Verstorbenen hielt, möchte ich als auf eine interessante
Probe mittelalterlicher gelehrter Predigtweise besonders aufmerksam
machen.

Tübingen. H. Dannenbauer.

Kochs, Dr. Theodor: Das deutsche geistliche Tagelied.

Münster i. W.: Aschendorff 1928. (VI, 127 S.) gr. 8°. = Forschungen
u. Funde, H. 22. RM 5.55.
Es ist dankenswert, daß die geistliche Tagelieddich-
tung, das Gegenstück des künstlerisch und ästhetisch
höher stehenden und durch seine Beziehungen zum
Minnesang von der Forschung stets bevorzugten weltlichen
Tageliedes in der vorliegenden Studie eine ein
reiches Material sorgfältig und methodisch zergliedernde

und würdigende Untersuchung erfährt, die zunächst
den Quellen nachspürt, aus denen diese Gattung geist-
j licher Lyrik ihre Motive geschöpft und dann in Anleh-
; nung an die Metaphorik des Tageliedes weiter ausge-
' bildet hat. Die Quellen sind vor allem die Bibel, die
ältere lateinische Hymnenpoesie (Abend-Nacht-Morgen-
) hymnen, Weihnachts-, Osterlied), die Marienlyrik, die
Mystik mit ihrer religiösen Erotik. Das Wächter- und
Weckmotiv im ausgebildeten weltlichen Tagelied erfuhr
im 13. Jahrhundert seine geistliche Umdeutung
| und moralisierend-religiöse Ausgestaltung. Das geist-
[ liehe Tagelied erscheint in der Nachblüte des Minne-
i sangs als selbständige, dann durch Jahrhunderte ge-
1 pflegte Gattung, bis es um die Wende des 16. Jahr-
hunderts dem Kirchenlied das Feld räumen muß. Drei
| Gruppen heben sich schärfer von einander ab: das
j geistliche Tagelied als religiöses Kunstlied seit dem 13.
Jahrhundert, die kirchlich-volkstümlich gefärbte Tage-
lieddichtung in der zweiten Hälfte des 14. und im 15.
Jahrhundert, das geistliche Tagelied auf dem Boden
des zünftigen Meistergesangs. Daß der Verf. bei der
ersten Gruppe (S. 35 ff.) Walther v. d. Vogelweide und
Reinmar von Zweter, die das Weckmotiv mit dem Thema
des Jüngsten Gerichts verbinden, gegenüber anderer
Auffassung einbezieht, wird man gutheißen dürfen, des
weiteren kommen Reinmar der Fiedler, v. d. Hagens
Minnesinger 3, 428 f. Nr. XXXIV, Peter von Reichenbachs
Hort, Hugo von Montfort, der Wolkensteiner
in Betracht. Die von diesen im Allgemeinen doch nur
sparsam verwerteten Tageliedmotive werden besprochen,
der formale Aufbau und der Stil dieser Lyrik charakterisiert
. Man wird abgesehen von Walther, Reinmar von
Zweter und Oswald von Wolkenstein die von diesen
Dichtern geübte Kunsttechnik nicht überschätzen. In
der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zeigen die
vier geistlichen Tageweisen des Peter von Arberg eine
Fortbildung in mehr kirchlich-volkstümlichem Sinne; den
Spuren einer Verschmelzung von Weihnachtslied und
Tagelied wird bei ihm und in anderer bisher unveröffentlichter
Lyrik nachgegangen. Wächter und Weckruf
vermitteln konkret und in bildlich-metaphorischer
Ausdeutung, doch bleibt auch hier die Angleichung
mehr äußerlich; von innerlicher Annäherung kann nur
sehr bedingt die Rede sein. Den geschlossensten Eindruck
eines geistlichen Weckliedes hinterläßt Peter von
Arbergs geistliche Tageweise (Bartsch, Kolmarer Meisterlieder
Nr. 180), in der der Weckruf an den Sünder
mit einer biblischen Szene — die schlafenden Jünger in
Gethsemane — wirksam verbunden ist. Bei Hermann
von Salzburg und Heinrich von Laufenberg, die nach
allgemeiner Ansicht die Periode äußerer Blüte des geistlichen
Tageliedes (S. 81 ff.) einleiten, scheint es angezeigt
, einmal stärker zu betonen, daß diese Wiederbeleber
altkirchlicher Hymnendichtung als wichtige Vorläufer
des Kirchenliedes im engeren Sinne gewiß mit Recht
zu gelten haben: für die Gattung, die hier in Frage steht,
; hat der liederreiche Heinrich von Laufenberg nur wenig
1 beigesteuert und bei Hermann von Salzburg ist, wie der
1 Verf. selbst hervorhebt, ein eigentliches geistliches Tagelied
überhaupt nicht zu finden. Die Blütezeit dieser Dichtungsart
steht seit dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts
im Zeichen der Kontrafaktur, über die zuletzt
L. Berthold aufschlußreich gehandelt hat. Aber in der
äußeren Blüte zeigt sich zugleich der Verfall, der schon
: im Wesen der Kontrafaktur begründet liegt, wie S. 86 ff.
I überzeugend dargestellt ist. Als ein besonderer Typus
' kann das Wecklied vor dem Tode gelten, eine engere
: Verquickung des Todesgedankens mit dem Weckruf. Wie
j im vorhergehenden Abschnitt werden S. 94 ff. auch für
j diese Periode die formalen und stilistischen Merkmale
zu einander in lehrreiche Parallelen gestellt. Im zünftigen
Meistergesang, in dem sich die bildhaften Elemente
| oft zur Allegorie verflüchtigen oder das abstrakt Theologische
mehr und mehr die Oberhand gewinnt, er-
| scheint das geistliche Lied mit Vorliebe als Weihnachts-