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Ausgabe:

1930 Nr. 3

Spalte:

56

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huhn, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung des Wortes Sacramentum bei dem Kirchenvater Ambrosius 1930

Rezensent:

Michel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1030 Nr. 3.

56

wäre eben Sinn und Bedeutung dieses an sich nicht unrichtigen
Ausdrucks darzulegen. Diese Art, wichtige Probleme
nur in Form von Andeutungen zu behandeln, ist
im Laufe dieses ganzen Kapitels zu beobachten.

Ich erwähne einige Punkte, die in besonderem Maß der Untersuchung
bedürften. Daß Polykarp den Gedanken des Ignatius von der
Leidensgemeinschaft verstanden hat (S. 130), wird man gewiß nicht behaupten
dürfen. - Grünewalds Isenheimer Altar und sein „mystisches
Stoffgefühl" kann man nicht behandeln, ohne das Rätsel der weiblichen
Figur im Glorienschein wenigstens zu erwähnen, da hier vielleicht eine
mystische Deutung aber natürlich nicht eine paulinisch - mystische
Deutung! - am Platz ist. — Die Matthäuspassion Bachs darf in diesem
Zusammenhang nicht mit Zitaten von Spemann und Beyer abgetan
werden; gerade hier wäre das Nebeneinander individueller Mystik und
kirchlichen Gemeindeglaubens zu zeigen. Nach der Verleugnung durch
Petrus reagiert die fromme Seele, sich mit dem weinenden Jünger eins
wissend, in der berühmten Arie „Erbarme dich, mein Gott, um meiner
Zähren willen" ; danach aber wird das kirchliche Gemeindebewußtsein
wieder hergestellt, nicht in Angleichung an Petrus, sondern zum seelischen
Ausgleich nach dem reuevollen Zusammenbruch, einem Ausgleich,
der notwendig ist zur epischen Fortsetzung der Passionsgeschichte:
„Bin ich gleich von dir gewichen, stell' ich mich doch wieder ein" —
völlig unmystisch!

Ich verkenne nicht das Verdienst, das darin liegt,
daß diese Linien überhaupt gezogen werden. Nur scheint
mir die Lage der Forschung hier wie vor allem bei Paulus
nicht derart zu sein, daß man bei allgemeinen Bemerkungen
stehen bleiben dürfte. Daß S. vieles richtig
gesehen hat, will ich nicht bestreiten; die Aufgabe aber
wäre gewesen, das Gesehene in eindringender Untersuchung
zu verdeutlichen und erst damit sicher zu
stellen.

Heidelberg. Martin D i bei ins.

Stein, Dr. Edmund: Die allegorische Exegese des Philo aus
Alexandreia. Gießen: A. Töpelmann 1929. (V, 61 S.) gr. 8°. =
Beihefte z. Zeitschr. f. d. alttest. Wissensch., 51. RM 3.20

Die vorliegende Studie Edmund Steins setzte ursprünglich
an der Quellenfrage bei Philo ein. Das bekannte
Problem: Hat Philo Hebräisch gekonnt oder
nicht? entschied sich für ihn im negativen Sinn. Dann
entstand aber die Frage: Woher hat Philo die genauen
hebräischen Etymologien? St. formuliert das Problem
folgendermaßen: 1. Philo kann nicht der Verfasser
sein, 2. sie gehen zum kleinen Teil auf den agadischen
Midrasch und andere Quellen zurück, im Wesentlichen
setzt aber die Ausbildung eines etymologischen Systems
die Allegoristik voraus, 3. es muß darum nach den
Quellen dieses allegorischen Systems gesucht werden
(S. 251). St. stellt fest, daß die vorphilonische Allegoristik
die verschiedenen allegorischen Gattungen schon
ausgebildet hat: symbolische und allegorische Deutungen
des gesetzgebenden, physische und ethische Allegorien
des erzählenden Teiles der Bibel (S. 31). Von
den physischen und ethischen Allegorien enthält nur die
ethische hebräische Etymologien. Es finden sich aber
keine hebräischen Etymologien in den Allegorien, welche
Philo als eigen anführt, die jedoch nicht philonisches
Gut gewesen sein müssen (S. 41). Die nach Philo von
den Therapeuten und Essäern gehandhabte Allegoristik
war eine ethische, für die essäische Allegoristik ist auch
der Gebrauch von hebräischen Etymologien wahrscheinlich
(S. 41). In den alexandrinischen Kreisen herrschte
völlige Unkenntnis der hebräischen Sprache. Ihre ethische
Allegorie konnte keine hebräischen Etymologien
enthalten (S. 42). Nun kann man bei Philo selbst —
Stein folgt hier Bousset („Jüdisch-christlicher Schulbetrieb
in Alexandria und Rom") — zwei Richtungen
unterscheiden, eine theologische und eine profane. Die
profane Quelle hat keine Etymologien, was aus ihrer
Unkenntnis des Hebräischen zu erklären ist. Philo kann
nicht der Autor der profanen Exegese sein, dazu war
er zu konservativ. Die Verwendung der hebräischen
Etymologien spricht dagegen, daß Philo der Autor der
theologisierenden Richtung gewesen ist (S. 61). Philo
war kein Bibelexeget im eigentlichen Sinne, sein Verdienst
besteht lediglich in der Erhaltung der Überlieferung
(S. 61). Die Ausführungen Steins sind weithin
einleuchtend, das Problem der Quellen kann durch die
vorliegende Untersuchung allerdings weitergeführt werden
. Zwei Fragen sind es allerdings, die m.E. noch
nicht völlig erledigt sind und auf die St. vielleicht noch
größeren Wert hätte legen müssen:

1. Ist Philos Anteil an der Exegese wirklich damit
erschöpft, daß man ihm die Erhaltung der Überlieferung
zuschreibt? Die Frage des philonischen Gutes ist noch
nicht entschieden, muß aber auch dann gestellt werden,
wenn man die Quellenfrage ernst nimmt.

2. Der Zusammenhang mit der palästinensischen
Tradition bleibt ein wichtiges Problem, das auch für die
Frage der Allegorie nicht unbedeutend ist. Einerseits
kennt das Rabbinentum allegorische Exegese, andererseits
nimmt Philo an der palästinensischen Tradition
teil (vgl. dazu meine Studie „Paulus und seine Bibel"
1929, S. 91—111). St. verspricht auch in seinem Vorwort
eine demnächst erscheinende Abhandlung „Philo
und der Midrasch", aber das letzte Urteil über diese
Quellenarbeit fällt erst dann, wenn auch hier Klärung
geschaffen wird.

Halle a. S. Otto Michel.

Huhn, Studienrat Dr. Joseph: Die Bedeutung des Wortes

Sacramentum bei dem Kirchenvater Ambrosius. Fulda: Fuldaer

Actiendruckerei 1928. (108 S.) gr. 8°. RM 5—.

Die Arbeit von Huhn ist als Vorarbeit für eine
Darstellung der Sakramentslehre des Ambrosius anzusehen
und will lediglich zeigen, in welcher Bedeutung
Ambrosius das Wort gebraucht hat (s. Vorwort). Sie
ist nicht rein philologisch, sondern will auch über die
Gedanken orientieren, die sich für Ambrosius mit dem
Begriff verbinden. Huhn stellt fest, daß die alte Bedeutung
„Fahneneid" nur einmal bei dem Kirchenvater
vorkommt (de virginibus III 20), also selten geworden
ist. Umgekehrt tritt die früher seltene Bedeutung „Eid"
! jetzt stark hervor. Die Vorstellungen vom Eid sind bei
Ambrosius nicht unbeeinflußt von Cicero (de offieiis)
| und Origenes (S. 12). Daneben ist sacramentum Über-
[ Setzung von nvaxr^iov, ein Ausdruck, der nach H.
j lediglich auf formale Abhängigkeit von der Mysterien-
| spräche hinweist. In diesem Sinne bedeutet es Kult-
[ handlung (A) und meint Taufe, Fußwaschung, Eucha-
I ristie, Buße, Ehe, Sakrament i. allg., alttestamentliche
1 Vorbilder; auch als Typus und Symbol kehrt es wieder
(vgl. H. v. Soden, Z.N.W. 1911, S. 202). Zuletzt
wird sacramentum auf christliche Glaubenswahrheiten
bezogen (B.). Schon Origenes im Osten, Tertullian im
Westen haben diesen Sprachgebrauch. Als Geheimnis
im streng christlichen Sinn können nach kirchlichem
Brauche die heilige Dreieinigkeit, die Menschwerdung,
die Person und Passion Christi, die Kirche, und
— vielleicht ist dieser letzte Sprachgebrauch vorher
nicht zu belegen — die Gnade Gottes bezeichnet
werden. Die Untersuchung führt nicht wesentlich über
das hinaus, was man schon vorher über dies Thema
i wußte, leidet zudem an dogmatischer Gebundenheit, die
teilweise der Aufgabe hinderlich ist (kann man mit
dem Gegensatz: Wort — Sache, terminologische Abhängigkeit
— sachliche Unabhängigkeit von den antiken
Mysterien wirklich auskommen?), teilweise in gefährliche
Fragestellungen hinüberführt (Sakramentslehre des
Ambrosius und der Scholastik bezw. der kirchlichen
Lehre). Hier stehen wir vor schweren Fragen, für die
H.'s Lösungen nicht ausreichen.
Halle a. S. Otto Michel.

Chroust, A.: Quellen zur Geschichte des Kreuzzuges Kaiser
Friedrichs I. (Historia de expeditione Friderici imperatoris et
quidam alii rerum gestarum fontes eiusdem expeditionis. Berlin:
Weidmann 1928. (CIV, 252 S.) gr. 8°. = Monumenta Germaniae
historica. Scriptores rerum germanicarum. N. S., Tom. 5. RM18-.
Von den Quellen zur Geschichte des Kreuzzuges Friedrich Barbarossas
liegen die Gesta Friderici I. imperatoris in expeditione sacra und