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Ausgabe:

1930 Nr. 2

Spalte:

44-47

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stockholm. Internationale sozial - kirchliche Zeitschrift. Jahrg. 1928, Heft 1 - 4. Jahrg. 1929

Titel/Untertitel:

Heft 1 - 2 1930

Rezensent:

Rendtorff, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 2.

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idee" (S. 48). Diese Gebundenheit an die theologia
crucis ist es, die Luthers Liebesgedanken sein charakteristisches
Gepräge gibt und ihn dem Wesen nach von
dem antiken Liebesgedanken des Eros, der in so hohem
Grade die mittelalterliche Liebesanschauung bestimmt
hat, unterscheidet.

Aber gleichzeitig wie die theologia crucis der Liebesauffassung
Luthers ihre Stärke gegeben hat, soll
sie nach Althaus auch die Ursache ihrer Begrenzung
sein. Als amor crucis wird die christliche Liebe vor allem
zur Sünderliebe, Liebe zu dem Geringen und Verachteten
(S. 81—84). Verglichen mit dem neutestamentlichen
Liebes- und Gemeinschaftsgedanken ist Luthers Liebesgedanke
enger. Er hat mehr das Gepräge von Barmherzigkeit
gegen den Schwachen als von Freude an dem
Starken. Und dies spürt man dann auch an der Gemeinschaft
überhaupt.

Wie bereits aus diesem kurzen Überblick hervorgehen
dürfte, dringt Althaus in dieser gründlichen Studie
in die tiefsten Schichten der Anschauung Luthers. Mit
Genugtuung stellt man die Kongenialität mit den reformatorischen
Gedanken, die man bei diesem Verfasser
zu finden gewöhnt ist, fest.

Doch sei zuletzt die Frage aufgeworfen, ob Althaus
den Intentionen Luthers ganz gerecht wird, wenn er in
dem arnor crucis-Gedanken eine Begrenzung und Verengung
sehen will. Zwar hat Althaus selbst seine Anmerkung
wesentlich beschränkt, wenn er S. 81 Anm. 2
hinsichtlich der Mitfreude hinzufügt: „Ich behaupte
selbstverständlich nicht, daß Luther den Gedanken nicht
gehabt habe, sondern nur, daß er im Ganzen seines
Wortes von der Gemeinschaft zurücktritt". Daß die andere
Seite, nämlich die Bannherzigkeit, bei der christlichen
Liebe mehr hervortritt, ist ja ganz in seiner Ordnung
und durch die Umstände geboten. Eine andere
Sache ist es, ob die Mitfreude prinzipiell in Luthers Liebesgedanken
keinen Platz hat, weil dieser an der theologia
crucis orientiert ist. Nur wenn dies der Fall wäre, hätte
man recht, zu sagen, daß Luthers Liebesgedanke „durch
die theologia crucis seine Grenze mitbekommen hat" (S.
83). Aber das würde gleichzeitig bedeuten, daß seine
Liebesauffassung im Grunde verfehlt wäre. Daß Luther
indessen für diesen Gedanken prinzipiell Platz hat, zeigt
am deutlichsten eine Stelle wie seine Auslegung zu Gab
5,22 im Kommentar zum Galaterbrief vom Jahr 1519
(W.A. 2,593), auf die Althaus auch hinweist, aber ohne
ihr eine Bedeutung für diese Frage zuzumessen. Hinsichtlich
der „Frucht des Geistes" heißt es da: „Gaudium,
secundus fruetus, aeque ut Charitas, in deo et proximo
est: ... In proximo vero, quando illius bonis non invi-
demus, sed congratulamur tanquam nostris propriis, lau-
dantes dona dei in illo". Wie sollte die Freude über die
Gaben Gottes am Nächsten besser ausgedrückt werden
können? Und dies muß um so viel mehr beachtet werden
, als der Text hier Luther keinen Anlaß zu diesen
Gedanken gibt. Vielmehr ist es gerade seine prinzipielle
Liebesauffassung, die sie ihm nahe legen. Es scheint
deshalb nicht berechtigt, mit Hinsicht auf Luther den
Satz aufzustellen: „Darum kommen wir in eine Enge,
wenn wir nur das Entweder-Oder von Eros und amor crucis
kennen" (S. 84). Luther kennt nur ein solches Entweder-
Oder, ohne deshalb „in eine Enge zu kommen". Alles
hängt hier davon ab, wie man den Begriff amor crucis
auffaßt. Gibt man ihm nur einen negativen Inhalt,
unterscheidet man wie der Verfasser eine „Schöpferliebe
" und eine „Sünderliebe" bei Gott, läßt man amor
crucis nur mit der Sünderliebe korrespondieren und
nichts anderes sein als Barmherzigkeit, dann führt zwar
die Alternative Eros — amor crucis „in eine Enge"... Aber
so hat Luther niemals den amor crucis verstanden. Überall
in der Welt hat er Menschen lieben sehen mit einer
Liebe, deren Signatur „quaerere quae sua sunt" ist. Am
Kreuze hat er eine Liebe ganz anderer Art kennen gelernt
, eine Liebe, die nicht das Ihre sucht, die barmherzig
gegen die Schwachen ist und die sich an Gottes

reichen Gaben am Nächsten freut. Deshalb gibt es bei
Luther auch keinen Platz für eine andere Liebe als amor
crucis. Aber dies ist keine Begrenzung. Amor crucis enthält
in sich alles; sie ist im Grunde identisch mit
„Agape". — In diesem Zusammenhang weist Althaus
i auf Luthers Schrift „Tessaradekas consolatoria" hin und
| macht darauf aufmerksam (S. 83 Anm. 7), daß Luther
i hier zwar von der Freude an den geistigen Gaben des
Nächsten spricht, aber daß doch der Ton darauf liegt,
j daß diese Freude unsere Schwäche und Armut bedeckt!
I „Die Freude ist also als Mittel der Hilfe in der Not verstanden
, sie kommt nicht in ihrem Eigen-Sinne zur Gel-
| tung". Indessen kann man von hier aus keinen Schluß
i über Luthers Stellung in dieser Frage ziehen. Denn zunächst
ist der hier angedeutete Gedankengang durch die
j spezielle Absicht dieser Lutherschrift bedingt. Es handelt
sich hier doch um eine Trostschrift, die auf die vie-
; len Dinge, die für den in Not befindlichen Christen
Hilfe und Trost werden können, hinweisen will. Daß
die Freude über die Gaben des Nächsten hier als „Mittel
der Hilfe in der Not" betrachtet wird, liegt ja in der
i Natur der Sache, ohne daß es deshalb auszuschließen
braucht, daß sie auch einen „Eigen-Sinn" hat. Aber
hierzu kommt noch, daß gerade diese Schrift verschiedene
Spuren der mittelalterlichen Frömmigkeit bewahrt
hat. Wie vorsichtig man sein muß, aus dieser Schrift
Beweise für Luthers Anschauung zu holen, wird auch
durch Luthers Vorwort bestärkt, aus dem hervorgeht,
daß er sie nicht ohne weiteres, sondern nur als ein Do-
1 kument seiner Entwicklung anerkennen will. „Volo
I enim hoc libro testimonium ostendere mei profectus et
I gratificari Antilogistis, ut habeant quo suam malitiam
exerceant" (W.A. 6, S. 104).

Mit größtem Interesse sieht man dem folgenden
Teil von „Communio sanetorum" entgegen. Wie oben
angedeutet, wird er mit Luthers späterer Anschauung
I beginnen. Es wird sich zeigen, ob die Grenzlinie zwi-
I sehen Luthers früherer und späterer Auffassung von
1 der Kirche nicht zu scharf gezogen ist, wenn die Letz-
| tere zur Einleitung für den geschwächten Kirchenbegriff
'■ des Luthertums, in dem die Gemeinschaft nicht zu ihrem
i Recht kommt, dienen soll. Überhaupt kann man ja in
Luthers späterer Anschauung eine Verschiebung in der
Richtung zu einem stärkeren Betonen des Objektiven
hin beobachten. Ohne Zweifel macht sich diese Verschiebung
auch in der Auffassung von der Kirche geltend
. Aber es ist zweifelhaft, ob dies gleichzeitig eine
j Schwächung des Gemeinschaftsgedankens bedeuten muß.
; Selbst wenn der Schwerpunkt immer mehr auf das Evan-
| gelium als das Objektive fällt, so ist es doch andrerseits
j Luthers Überzeugung, daß gerade dies Objektive die
I größte gemeinschaftsbildende Kraft ist, die es überhaupt
gibt. Es war leicht für das Luthertum von
Luthers späterer Anschauung aus in diesen Fragen in
eine andere Bahn zu kommen und dabei zu glauben,
daß man sich noch immer auf Luthers Weg befände,
i Es fragt sich indessen, ob die schärfste Grenzlinie nicht
i eher zwischen Luther und dem Luthertum, als zwischen
Luthers früherer und späterer Anschauung verläuft.

Durch diese wertvolle Untersuchung hat der Verf.
i einen Beweis dafür geliefert, daß auch die Gegenwart
bei der Besinnung auf den Kirchen- und Gemeinschafts-
; gedanken von Luther viel zu lernen hat.

Lund.______A. Nygren.

Stockholm. Internationale sozial - kirchliche Zeitschrift. Qöttingen :
Vandenhoeck & Ruprecht. Jahrg. 1928, Heft 1—4. 1929, Heft 1 -2.
4°. Jährl. RM 10—; Einzel-Nr. 3.50.

Gewertet zu werden beansprucht schon die Tatsache
; und die Form des Erscheinens dieser Zeitschrift, die
eine der ersten sichtbaren Auswirkungen der Stockholmer
Konferenz darstellt. Die Kommission für das
Internationale sozial-wissenschaftliche Institut ist rasch
zur Herausgabe der Zeitschrift geschritten, deren erstes
Heft Anfang 1928 vorlag, den beiden Stockholmer
I Grundsätzen folgend, sich praktischer Arbeit zuzuwenden