Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 26

Spalte:

614

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Quint, Joseph

Titel/Untertitel:

Deutsche Mystikertexte des Mittelalters, zusammengest. u. bearb. I. Bd 1930

Rezensent:

Dörries, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

613

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 26.

614

absoluten Bestimmung in cap. 25 später der Wille, die
iussio abbatis in cap. 26 als das regulierende Moment
nachträglich hinzugefügt sein soll. Hier fehlt der
Analogie das auch nur indirekt Zwingende. Wesentlicher
ist aber, daß Gradenwitz über den Anstoß hinaus,
den er durch seine an der Pandektenkritik geschulte
Kunst. Schichtungen in Schriftwerken zu fühlen, in sich
trägt, die Idee der Pandektenkritik in Beziehung zu der
regula im ganzen setzt. Die Pandektenkritik hat ihre
Grundlage in der Erkenntnis, daß durch sie das Werden
des Rechtes in der Zeit von etwa 250 n. Chr. bis zum
Abschluß und zur Festlegung des Bestandes von an- !
tikem Recht durch Justinian erkennbar wird. Durch sie J
wird eine Lücke geschlossen, die den für die Rechtsentwicklung
besonders wichtigen Zeitraum des Überganges
vom römischen Recht zum byzantinischen Recht leer
ließ. An den unter dem Namen eines klassischen Ju- |
l isten überlieferten Fragmenten werden durch die Inter- '
polationenforschung verschiedene Schichten, die aus
verschiedenen Zeiten stammen, aufgedeckt. Ohne dies j
Element des zeitverschiedenen Urspungs wäre die Inter- j
polationenkritik nicht wertvoll oder ohne tieferen
Sinn. Das aber, die Folge verschiedener Zeiten, will
Gradenwitz in dem Bestand der regula St. Benedicti ;
garnicht behaupten oder beweisen. Bei ihm ist der Text
grundsätzlich auf St. Benedikt zurückzuführen und die
Änderungen sind nicht der Ausdruck einer zeitlich über
Benedikt hinausführenden Entwicklung. Eine Kritik an
den regulae, wie sie an den Pandekten geübt wird,
würde die bindende Kraft der regula gefährden.
Göttinnen. Hans Niedermeyer.

Otmar Schissel von Fieschenberg, Prof. Dr.: Marinos
von Neapolis und die neuplatonischen Tugendgrade. Athen:
P. D. Sakellarios 1928. (VII, 124 S.) 4°. = Texte u. Forschgn. zur
byzantinisch-neugriechischen Philol., Nr. 8.

Die umständliche aber gründliche Studie will zeigen
, daß zum Verständnis antiker Schriftwerke die Bedeutung
des formalen Elements höher veranschlagt werden
müsse, daß aber zugleich die Struktur der rhetorischen
Gesetze nicht ohne die philosophischen Traditionen
begriffen werden könne.

Als Beispiel wird die berühmte Rede des Marinos
auf den letzten großen Neuplatoniker Proklos schulgerecht
analysiert und das ihr zugrundeliegende Schema
der Tugendgrade philosophiegeschichtlich abgeleitet. Danach
geht die Einteilung der Tugenden auf Aristoteles
zurück, aber erst im Neuplatonismus — Plotin fügt die
„kathartischen", seine Schüler die „urbildlichen" und
^theurgischen" Tugenden hinzu — bildet sich allmählich
die feste und stufenreiche Skala der Spätzeit. Hier
entsprechen die Stationen der sittlichen nQOxoxr) genau
den Fortschritten der theoretischen Erkenntnis, sind die
höheren Grade der Einsicht von entsprechenden Tugenden
begleitet. In dieser, nicht überall freilich ganz
gleichbleibenden, Gestalt wirkt die Skala auf den byzantinischen
, wie auf den gelehrten Unterricht des
Abendlandes, zunächst auf Augustin, bei dem sie doch
eine bezeichnende Veränderung erfährt.

Herausgegriffen sei die Bemerkung, daß die sog.
logica vetus des Aristoteles, d. h. die im lateinischen
Mittelalter lange allein bekannten beiden Schriften
'/.arrjogiai und V«pt lo/:ir;rtia^'. auch im byzantinischen
Osten eine Sondergruppe darstellt. Sie gab die
Grundlage des Unterrichts ab, während sich für den
„ganzen Aristoteles", die logica nova, nicht leicht ein
Lehrer fand.

Die gelehrte Arbeit hat wichtigere Quellen, mit eigener
Handschriftenkontrolle, in den Text aufgenommen.
Die zahlreichen Druckfehler erklären sich aus dem
Druckort, Athen; die Setzer sind des Deutschen nicht
kundig gewesen.
Göttingen. Hermann Dörries.

Grünwald, Alois: Byzantinische Studien. Zur Entstehungsgeschichte
des Pariser Psalters Ms. grec. 139. Brünn: R. M.
Rohrer 1929. (43 S. m. 10 Abb.) 4°. = Schriften d. philos. Fakultät
d. dtschn. Univ. in Prag, H. 1. RM 8—.

In einem, in der Druckanlage fast zu üppig ausgestatteten
, mit 10 großen Abbildungen geschmückten
Heft untersucht der Verfasser die Malereien des der
Schrift nach ins 10. Jahrh. gehörigen Pariser Psalters,
welche immer schon die Kunstgelehrten angezogen
hatten. Während man darin meist Kopien altchristlicher
oder hellenistischer Werke sah, hält sie der Verf. nach
dem Vorgang von Kondakoff für ursprünglich, aber erklärt
ihren hellenistischen Einschlag auf überraschende
Weise. In dem „Gebet des Jesaia" (Jes. 26, 9—20;
warum XXVI/XXVII, S. 9 ?) und dem „Saitenspiel des
David" findet er mit Recht Unstimmigkeiten (im Verhältnis
von Gewand und Schleier der „Nacht", von Gewand
und Füßen des Jesaja usw.) und erklärt diese dadurch
, daß der Maler die einzelnen Stücke verschiedenen
antiken Vorbildern entlehnt habe, und zwar alle
von Figuren des kapitolinischen Endymionsarkophags
oder einer mit diesem der Hauptsache nach identischen
Darstellung (S. 21); es ist in diesen Bildern ein „verlegenes
Prunken mit einer Fülle entlehnter Kostbarkeiten
", „schrille Nebentöne stören die feine Musik der
Linien, die in der Antike zu prachtvoller Harmonie zusammenklang
" (S. 40). So ist die Handschrift ein
Zeugnis für die Art der mittelbyzantinischen Renaissance
mit ihrem künstlichen Antikisieren (S. 39). Es geht
diese Veröffentlichung in erster Linie den Kunstgeschichtler
an, aber der Berichterstatter, dem sonst die
Erforschung des Bibeltextes näher liegt, hat sie auch
gerne gelesen. — Zum Sprachlichen: Darf man die
Unterschrift bei dem sitzenden Mann, Abb. 6. 7, OPOE
B1WAEEM einfach mit „Berg g o 11 Bethlehem" übersetzen
(S. 27) in einer christlichen Handschrift? Oder
sollte überhaupt «fOß zu lesen sein? S. 9 lies oqO-qos
statt opi>poc.

Ulm a. D. Erwin Nestle.

Quint, Priv.-Doz. Dr. Joseph: Deutsche Mystikertexte des
Mittelalters, zusammengest. u. bcarb. I. Bonn: P. Hanstein 1929.
(IV, 63 S.) gr. 8°. RM 2.80.

Ein erstes Bändchen Übungstexte für eine Vorsehen
Mystik, das seinem Zwecke gerecht werden dürfte,
sehen Mystik, das seinem Zwecke gerecht werden dürfte.
— Nach dem persönlichen Bedürfnis des Verths zusammengestellt
, bringt diese Auswahl Stücke aus Mechthilds
von Magdeburg „Fließendem Licht der Gottheit" 1.
IV, 2. 14 VI 31 122 V 5 113 144, in dem nach der einzigen
Handschrift durchgesehenen Text der Ausgabe
von Gall Morel (Regensburg 1869). Darauf folgt die
1. Vision Hadewychs nach der Ausgabe von J. van
Mierlo (Löwen 1924), mit etwas vereinfachtem Apparat.
Den Beschluß machen Eckehart-Predigten (Pfeiffer Nr.
87, 85, 35, 6, 30, 76). Der Text ist der von Pfeiffer,
mit Korrekturen nach der gedruckten E.-Überliefe-
rung. Abweichungen von Pfeiffer sind kursiv gedruckt,
Auslassungen durch Sternchen kenntlich gemacht. Von
den Korrekturen bleibt, bei dieser Begrenzung der Aufgabe
, vieles unsicher, manches bedenklich. — Der Verf.
stellt eine Untersuchung über Pfeiffers Eckehartausgäbe
in Aussicht; möchte damit der Versuch einer Sichtung
der Eckehart-Handschriften verbunden werden!
Göttinsren. Hermann Dörries.

[Ficker:] Die Augsburgische Konfession in ihrer ersten Gestalt
als gemeinsames Bekenntnis deutscher Reichsstände. Zum 25. Juni
1930 in I.ichtdr. — Taf. hrsg. im Einverständnis mit d. v. Scheurl'schen
Familie von d. Gesellschaft d. Freunde d. Universität Halle-Wittenberg.
Halle a. S.: Gebauer-Schwetschke 1930. (24 S., 37 Tat., 37 Bl. Umschrift
) 4". = Schriften d. Gesellschaft d. Freunde d. Universität Halle-
Wittenberg. Veröffentlichg. 2. RM 36—.

Die repräsentative Ausgabe macht in würdiger Form
ein für die Entstehungsgeschichte der Augustana besonders
wichtiges Dokument der Öffentlichkeit zugäng-