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Ausgabe:

1930 Nr. 26

Spalte:

607-608

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Asting, Ragnar

Titel/Untertitel:

Die Heiligkeit im Urchristentum 1930

Rezensent:

Bauer, Walter

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607

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 26.

608

daß Arnos ins Nordreich kam, um seine Wolle zu
verkaufen, und dabei seine profetische Botschaft
ausrichtete, und sei auf das auffallend optimistische Urteil
des Verfassers über die gegenwärtigen Aussichten
des Christentums (S. 59 f.) hingewiesen.
Gießen. W. Rudolph.

Schlatter, Prof. D. A.: Die Kirche des Matthäus. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1929. (37 S.) 8°. = Beiträge z. Fördg. christl.
Theologie, 33. Bd., 1. H. RM 1.40.

Diese geschlossene, tief grabende Darstellung, ohne
Stellenangaben und Anmerkungen, ist ein Ertrag von
Schl.s Arbeit an seinem großen Mtth.-Kommentar. Aus
dem ersten Evangelium und unter Beschränkung auf
dieses als Quelle schildert er die palästinische Kirche.
Wenn er dabei mit der vielfach einseitig geübten Methode
bricht, aus für unecht gehaltenen Stellen eine
„Gemeindetheologie" zu konstruieren und statt dessen
das ganze Mtth.-Evangelium zur Grundlage seiner Darstellung
macht, so geschieht das mit Recht: in der Gesamtheit
der Überlieferung der Worte und Taten
Jesu spiegelt sich das Glaubensleben der ältesten Christenheit
wider. Mit Schlatter zu reden: das erste Evangelium
„wurde gelebt" (S. 5).

Zunächst (S. 5—22) schildert Schi, die Stellung
der palästinischen Kirche zur Judenschaft: ihre Stellung
zur zelotischen Bewegung, zu Rabbinat und Pharisäis-
mus, zum Volksganzen; ihre missionarische Wirksamkeit
und deren nationales Ziel; ihre Bereitschaft zum Martyrium
; ihre Verkündigung des Evangeliums. Ein zweiter
Abschnitt (S. 22—31) behandelt die innere Organisation
der palästinischen Kirche: Amt und Lehre; Gemeinschaft
der Gläubigen, Liebestätigkeit, Seelsorge und Kirchenzucht
; Kirche und Reich Gottes. Der dritte Abschnitt
(S. 31—37) führt zur wichtigsten Frage, der Frage nach
dem Gottesglauben der palästinischen Kirche: die Gründung
der Gottesgemeinschaft auf den Glauben an Jesus
und die durch ihn geschenkte Vergebung der Sünden;
das Wort Gottes im Evangelium als der Schatz der
Kirche; der Besitz des Geistes; die Gewißheit der
Vollendung.

Schon die Stichworte der Inhaltsangabe zeigen, wie
die Arbeit allenthalben in die Tiefe führt. Sie hat der
Wissenschaft und der Gemeinde gleich viel zu sagen.
Greifsvrald. Joachim Jeremias.

Asting, Ragnar: Die Heiligkeit im Urchristentum. Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht 1930. (14* u. 332 S.) gr. 8°. = Forschungen
z. Relig. u. Literatur d. A. u. N.T., hrsg. v. R. Bultmann u.
H. Gunkel. N. F. 29. H. Der ganzen Reihe 46. H.

RM 19.50; geb. 22.50
Der Norweger R. Asting beschenkt uns mit einer
seinen drei Marburger Lehrern, R. Bultmann, G. Hölscher
und W. Mundle gewidmeten Untersuchung der
Heiligkeit im Urchristentum, die deutlich zeigt, daß
wenigstens der erste der Genannten einen erheblichen
Einfluß auf ihn gewonnen hat. Als A. sich seinen
Gegenstand wählte, bestimmte ihn die Tatsache mit,
daß die einzige vollständige Monographie, die von Ernst
Issel, Der Begriff der Heiligkeit im NT., bereits im
Jahre 1887 erschienen war. Seither aber- ist auf theologischer
wie religionsgeschichtlich-philologischer Seite
sehr eifrig weitergearbeitet worden, und die Veränderung
der Betrachtungsweise geht auch daraus hervor,
daß A. sich nicht darauf beschränkt, vom NT. zu handeln
, sondern das ganze Urchristentum berücksichtigt.
Praktisch wirkt sich das so aus, daß er als Quellen
für die Erforschung unserer Religion neben den ntl.
Schriften auch die apostolischen Väter und die Apostellehre
verwertet. Die Apokryphen, unter denen besonders
die Apostelgeschichten allerlei Stoff ergeben hätten für
das Verständnis des Heiligkeitsempfindens oder -ideals
der christlichen Masse, sind beiseite geblieben.

Heute ist — vor allem auch angesichts der Arbeit
der Philologen — eine wissenschaftliche Behandlung

unseres Themas, die nicht „religionsgeschichtlich" eingestellt
wäre, unmöglich. So läßt Verf. denn auf eine
Einleitung zunächst ein erstes Kapitel folgen „die Wurzeln
des urchristlichen Heiligkeitsbegriffes". Dieses
I deutet schon an, wie sich A. die Lösung des Problems
j denkt. Sind doch von 60 Seiten nur 4 dem ersten Teil
gewidmet: „aytog auf griechischem und griechisch-hellenistischen
Boden", der ganze Rest der Darstellung
des Heiligkeitsbegriffes in der atl.-jüdischen Religion.
! Das ist nicht so zu verstehen, als hätte das Heidentum
' alles, was es zur Sache zu sagen hat, in diesen kurzen
' Minuten vorbringen müssen. Das Corpus Hermeticum
j und die Mandäischen Schriften kommen auch später
i noch zu Wort, bei der Behandlung des „Hl. Geistes"
! und des Johannes. Aber wir sind doch auf das Ender-
j gebnis vorbereitet (S. 321): „in der Hauptsache ist der
j Heiligkeitsbegriff durch das ganze Urchristentum hindurch
jüdisch bestimmt geblieben".

Erheblicher hellenistischer Einfluß wird für Paulus
zugegeben, über diese so wichtige Persönlichkeit sogar
der, Bousset beipflichtende, Satz geschrieben: „Paulus'
Anschauung (vom Hl. Geist) ist in weit höherem
1 Grade vom Heilinismus beeinflußt worden als vom
I Judentum" (S. 191). Bevor wir freilich im 3. Ka-
' pitel zu Paulus kommen, schiebt sich das 2. ein, das
zweigeteilt „die Heiligkeit im Gemeindechristentum vor
und neben Paulus schildert". Die erste seiner Hälften
enthält eine längere Ausführung (S. 75—85) über die
Heiligungsbitte des Vaterunsers, die „indirekt eschatolo-
I gisch" gefaßt wird und den Inhalt hat, „daß die Men-
! sehen Gottes Namen heiligen sollen dadurch, daß sie
I sich in Gehorsam und Anbetung an Gott hingeben"
(S. 83). Begreiflicherweise bleibt in diesem Kapitel
i allerlei zweifelhaft, denn die hier zu verwendenden und
i von A. mit anerkennenswertem Mute ausgenützten Quellen
sind nicht so aufschlußreich und eindeutig, wie man
wünschen möchte.

Das 4.—7. Kapitel handeln von dem „Christentum
unter paulinischem Einfluß" (Past. 1. Petr.), dem „Christentum
unter dem Einfluß der jüdischen Diaspora"
(Hebr., 1. Klem., Apostellehre, Barn. Hermas), dem
„Christentum unter dem Einfluß des hellenistischen
Synkretismus" (Apok., Jud. u. 2. Petr., Ign.), endlich
dem Johannesevangelium und 1. Joh.brief.

Etwas geärgert hat mich, soll ich aufrichtig sein,
das Kokettieren mit einer Unvoreingenommenheit, die
j für eine historische Untersuchung die Wirklichkeit der
I vaterlosen Erzeugung Jesu mit in Rechnung stellen will,
weil sich erst damit alle Möglichkeiten erschöpfen, die
i der Forscher ins Auge fassen müsse (S. 120, 1). Aufs
i Ganze gesehen habe ich — unbeschadet dessen, daß ich
! das „heidnische" Element stärker betonen würde und in
mancher Einzelfrage eine andere Auffassung vorziehe
| oder doch für ebenso wahrscheinlich halte, wie die vom
Verf. vertretene — einen günstigen Eindruck von dem
Buche, seinem Reichtum an Stoff wie seiner Art, diesen
i zu meistern. Auf Einzelheiten gehe ich hier nicht ein.

Nur eine Ergänzung sei mir gestattet. Unter den Ar-
j beiten v. Harnacks zu dem Begriffe „Knecht Jahwäs" ist
I gerade die umfassendste nicht genannt (113, 3): Die
J Bezeichnung Jesu als „Knecht Gottes" und ihre Ge-
I schichte in der alten Kirche, Sitzungsberichte der Ber-
I liner Akad. 1926, 212—238.

Göttingen. W. Bauer.

| Francke, Lic. Dr. phil. Karl: Das Woher der neutestament-
lichen Lastertafeln. Eine religionsgeschichtl. SpezialStudie. Leipzig:
M. Heinsius Nachf. Eger 8t Sievers 1930. (32 S.) gr. 8°. RM 1.50.

F. untersucht — unter Zuhilfenahme einiger Werke
; bekannter Forscher, die in Anm. jeweils angegeben wer-
; den — die Herkunft der neutest. Lastertafeln. Er geht
dabei nicht von den neutest. Lastertafeln aus, sondern
[ sucht in der Weltliteratur noch „Lasterhäufungen". Er
! findet solche bei den Primitiven, bei den Orientalen, im
! Hellenismus, dem palästinensischen Spätjudentum und