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Ausgabe:

1930 Nr. 2

Spalte:

41-44

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Communio sanctorum. Die Gemeinde im lutherischen Kirchengedanken 1930

Rezensent:

Nygren, Anders

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 2.

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mit denen sich Pastor in einem wertvollen kritischen Anhange
S. 1020 ff. auseinandersetzt, können um so we- ,
niger befriedigen, als sie vielfach auf den venezianischen '
Gesandtschaftsberichten fußen. Diese sind jedoch von
Ranke überschätzt worden. Sie können in dem, was sie
über Urban VIII. mitteilen, schon deshalb keinen uneingeschränkten
Glauben verdienen, weil zwischen Venedig
und Rom auch unter Urban VIII. fast immer eine pein-
liehe Spannung herrschte. Nicht eine protestantenfreundliche
, wohl aber eine überaus vorsichtige, vom Erfolge
übrigens wenig begünstigte Vermittlungs- und Schaukelpolitik
hat der Papst zumal angesichts des Antagonis-
mos der katholischen Mächte getrieben, mit einem gewissen
Hang zu jenem Opportunismus, den die Päpste
ja auch gegenüber andern Welthändeln als dem Dreißig-
jährigen Kriege bekundet haben.

Es ist unmöglich, von dem sonstigen überaus reichen
und im Einzelnen sehr viel Neues bietenden Inhalte
des Bandes auch nur im entferntesten eine Vorstellung
zu geben. Sehr aufmerksam werden auch die englischen j
Verhältnisse verfolgt. Als der mächtigste Gegenspieler
Urbans VIII. erscheint der Kardinal Richelieu, „eine der i
verhängnisvollsten Gestalten der neueren Geschichte" ]
<S. 16), aber freilich „ein politisches Genie". Man
sieht nicht recht ein, warum sein Charakterbild S. 502ff.
so breit angelegt ist. Aber als wirkliche und symbolische
Kontrastfigur zum Papste war der Kardinal dem
Verfasser offenbar willkommen.
Hamburg. J- Hashagen.

Alt haus, Prof. D. Paul: Communio sanetorum. Die Gemeinde
im lutherischen Kirchengedanken. Li Luther. München: Chr. Kaiser
1929. (VIII, 96 S.) gr. 8°. = Forschungen z. Geschichte u. Lehre
d. Protestantismus, l. Reihe, Bd. 1. RM 3.20; in Subskr. 2.40.

Durch den Individualismus der letzten Jahrhunderte
ist die Tatsache, daß Luther, wenn er gegen die katholische
Kirchenauffassung kämpfte, gleichzeitig den
Grund zu einem neuen, vertieften Kirchen- und Gemein-
schaftsgedanken gelegt hat, in hohem Grade verdunkelt j
worden. So hat man einen wesentlichen Unterschied
zwischen katholischem und evangelischem Christentum
darin sehen wollen, daß man sie als Gemeinschafts-
christentum und individualistisches Christentum einander
gegenüberstellte. Es liegt jetzt klar zu Tage, daß dies
eine vollständige Entstellung des evangelischen Christentums
ist und daß es deshalb eine der wichtigsten
Aufgaben der Theologie ist, die Bedeutung des Gemeinschaftsgedankens
bei Luther und wie dieser seiner
Auffassung von der Kirche sein Gepräge aufgedrückt
hat, klarzulegen. Diese Aufgabe hat sich Althaus in
dem jetzt vorliegenden eisten Teil seiner Arbeit „Communio
sanetorum" gestellt.

In seinem Überblick über die Lage der Forschung
konstatiert Althaus, daß man früher im Allgemeinen
schweigend an dieser Seite der Anschauung Luthers
vorübergegangen ist und daß man erst in den beiden
letzten Jahrzehnten innerhalb der Forschung im Ernst
einen Blick für ihre Bedeutung gewonnen hat. In der
deutschen Lutherforschung werden an erster Stelle K.
Holls Darstellung Luthers „als Erneuerer des christlichen
Gemeinschaftsgedankens" und daneben W. Walthers
Arbeit über „Luthers Kirche" genannt. In diesem
Zusammenhang sei erwähnt, daß ähnliche Gedanken
schon früher in der schwedischen Theologie geltend
gemacht worden sind (E. Billing: „De heligas
gemenskap"; G. Aulen : Till belysning af den luthers-
ka kyrkoiden, dess historia och värde.), was wohl teilweise
damit zusammenhängt, daß der oben genannte
religiöse Individualismus niemals solchen Einfluß auf
die schwedische Frömmigkeit erlangt hat, daß er einen
kraftig ausgeprägten Kirchen- und Gemeinschaftsgedanken
hätte verdrängen können.

Wenn Althaus dem jetzt erschienenen Teil der
MCommunio sanetorum" den Titel „Luther" gegeben
hat, so ist zu bemerken, daß es sich"hauptsächlich um

die Gedanken Luthers während der Jahre 1515—1525
handelt. Die Ursache dieser Begrenzung besteht nach
Althaus darin, daß der Gemeindegedanken in Luthers
späterer Theologie mehr zurücktritt. Schon bei Luther
liegt der Anfang der Entwicklung vor, die im Luthertum
zur Schwächung des Kirchengedankens geführt hat. Luthers
spätere Theologie gehört deshalb nach Althaus
sachlich aufs innigste mit der des folgenden Luthertums
zusammen und wird am besten als Einleitung zu dieser
behandelt.

Wenn Luther von der Kirche als Gemeinde spricht,
fühlt er sich als Erbe, nicht als Schöpfer von etwas ganz
Neuem. Dies gibt der Darstellung von Althaus die Einteilung
. Der erste Hauptteil behandelt „das Erbe", der
andere „die Erneuerung". In dem ersteren wird eine
kurzgefaßte Darstellung des neutestamentlichen Gedankens
der Kirche als Gemeinschaft und der Entwicklung
des Communio sanctorum-Gedankens innerhalb der katholischen
Kirche gegeben. Wenn hier nur das Notwendigste
als Hintergrund zum Verständnis der kirchlichen
Gemeinschaftsgedanken Luthers geboten wird, so fällt
der Schwerpunkt in der Untersuchung entschieden auf
den zweiten Hauptteil, „Die Erneuerung: Luthers Bild
der Kirche als Gemeinde".

Worin bestand denn Luthers Gegensatz zum katholischen
Communio-Gedanken? Althaus' Antwort kann
in folgenden drei Punkten ausgedrückt werden: 1. Für
den Vulgär-Katholizismus mit seiner Heiligenverehrung
war der Schwerpunkt des Communiogedankens immer
mehr in den Himmel der vollendeten Seligen verlegt
worden. Luthers Tat besteht nun darin, daß er die Gemeinschaft
der Heiligen „vom Himmel auf die Erde"
(Holl) heruntergeholt hat. Diese Gemeinschaft soll hier
auf Erden unter den Lebenden verwirklicht werden.
2. Innerhalb des Katholizismus begegnet uns eine verdinglichte
Gemeinschaft. Sie kommt vor allem in der
Lehre vom „Schatz der Kirche", überhaupt in dem Gedanken
von der Übertragung der Verdienste durch die
Schlüsselgewalt der Kirche zum Ausdruck. Hier mußte
Luthers Gottesgedanke und Rechtfertigungslehre eine
Umwandlung zuwege bringen. Da unsere Erlösung
allein von Gottes freier Gnade abhängt, so verliert jede
Übertragung von Verdiensten ihre Bedeutung. Aber damit
ist auch der Grund für eine tiefere Gemeinschaft gelegt
. „An die Stelle des Verdienstes tritt der Dienst aneinander
" (S. 31). „An die Stelle ausschließender, sachlicher
Stellvertretung wird die umschließende, personhafte
gesetzt" (S. 33). 3. Innerhalb des Katholizismus
wird durch den Moralismus und die damit zusammenhängende
religiöse Selbstsucht eine Grenze für die Gemeinschaft
gesetzt. Auch da, wo die Liebe sich auf den
Nächsten richtet, beabsichtigt sie letzten Endes die
I Sicherstellung der eigenen Seligkeit. Hiergegen stellt
I Luther das Evangelium von der Rechtfertigung durch
Gnade als dem einzig wirklich Gemeinschaftstiftenden
auf. Wenn die Erlösung des Menschen ganz in Gottes
Hände gelegt wird, wird er ailer selbstischen Sorgen
um sein eigenes Geschick überhoben und frei zum
Dienen.

Wenn es daraufhin gilt, den positiven Sinn von
Luthers Gemeinschaftsgedanken anzugeben, zeigt der
Verfasser, wie wir durch denselben zu dem Allertiefsten
in Luthers Theologie, zu seiner Theologie des Kreuzes,
zu seiner Auffassung von der Liebe, zum „amor crucis"
geführt werden. „Aus der Theologia crucis, aus dem
Rechtfertigungsgedanken folgt Luthers neuer Liebesund
Gemeinschaftsgedanke. Weil dem Menschen von
Gott alles gegeben ist, dessen er bedarf, braucht er nicht
mehr dazu mit anderen Gemeinschaft zu suchen, um zu
dem Seinen zu kommen. Weil der Mensch an sich selber
die Wirklichkeit schöpferischer, von sich aus ein Verhältnis
begründeter Liebe Gottes erlebt hat, wird er
nun ihr Werkzeug an anderen. Diese Begründung des
Liebes- und Gemeinschaftsgedankens in der theologia
crucis macht Luther zum Reformator auch in der Liebes-