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Ausgabe:

1930 Nr. 25

Spalte:

585-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Malden, R. H.

Titel/Untertitel:

Religion and the New Testament 1930

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 25.

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ersten Mal seine Behandlung des Vaterunsers im Zusammenhang
mit den Rabbinica und mit Darbietung
einer Fülle von Vergleichsmaterial vorlegt. Zu dem bisherigen
Text der „Worte Jesu I" steuert er außerdem
wichtige Nachträge und Erörterungen bei. Der Unterschied
der Zeiten tritt dadurch deutlich in die Erscheinung
, daß in dem ersten Teil, der den ursprünglichen
Text bis S. 280 wörtlich wiederholt, hebräische Typen
angewandt sind, in den Nachträgen aber alles — um der
Verbilligung des Druckes willen — in Umschrift geboten
wird. Nicht minder äußert sich unsere Not —
und auch sicher das bezeichnende Urteil des Verlages,
das sich aus jener eigenartigen Lage der Theologie ergibt
, hinsichtlich der Absatzfähigkeit eines solchen monumentalen
und völlig unentbehrlichen Werkes — dann,
daß das Buch 25 — resp. 27 — Mk kostet! Das ist
sehr schade. Nur dann wird in diesen Auswirkungen
der theologischen Lage etwas Grundlegendes geändert,
wenn die Rabbinica an der Universität mit größtem
Nachdruck geltend gemacht werden können. Auch davon
aber sind wir gegenwärtig noch allzu weit entfernt.

An Einzelfragen möchte ich folgendes namhaft machen: Infolge
der Veneandtschaft der Sprachen gewinnt man nicht nur vom Aramäischen
aus, sondern auch schon von dem rabbinischen Hebräisch aus
viele grundlegenden Erkenntnisse. So kann man sich schon mit Hilfe
des hebräischen N. T.s von Dclitzsch-Dalman einarbeiten. — In seiner
Bearbeitung des Vaterunsers betont D. viel mehr die Verankerung des
Vaterunsers in der rabbinischen Umwelt im allgemeinen, als er Beziehungen
zu bestimmten Gebeten - z. B. zum Qaddisch — zugibt.
Ich verkenne das Gewicht seiner Gründe nicht. Mit Recht hebt D. hervor
, dall die Hauptsache dabei nicht unsicher gemacht wird: das Licht,
das die jüdischen Gebete und Gedanken auf Form und Inhalt des Vaterunsers
werfen. — S. 287 ff. gibt D. wichtige Nachweise über die Zahl
IS, 5 und 7, wie er überhaupt hier wiederum eine reiche Materialsammlung
bietet, die ausgenutzt werden muß. - Was D. S. 321 zu dem
Aufbau der Gebete und auch des Vaterunsers sagt, sähe man gern noch
mehr herausgehoben und betont. D.s Vaterunsererklärung will genau
in allen Einzelheiten studiert sein. Möglich ist das jedem, da alles auch
in deutscher Übersetzung geboten wird. — Für den ersten Teil des
Vaterunsers scheint mir bei D. die Form des Gebetswunsches — im
Unterschied von der imperativischen Bitte — nicht genügend hervorgehoben
zu sein. — Für das trrioüoioc befürwortet D. die Beziehung
auf die ..Tagesration". Sicherheit ist hier bisher nicht zu erreichen. —
S. 341, unten, sind für die Anmerkungen 2 Zahlen ausgefallen. — Bei
der 6. Bitte, der Versuchung, erörtert D. mit Recht nicht den Unterschied
zwischen dem griechischen [iij und dem aramäischen und dem hebräischen
Dieser Unterschied ist nicht vorhanden, denn das aramäische
x; bedeutet sowohl das griechische inj, als das griechische ov.
Ich erwähne das, weil mir dieser Irrtum, also die Auffassung dieser Bitte
in dem Sinne: „Du führst uns nicht in Versuchung", kürzlich einmal
entgegengetreten ist. — Durch D.s reichhaltige Sammlung von Vergleichsmaterial
zum Vaterunser ist eine solide Grundlage geschaffen, die
niemand übersehen sollte, der über das Vaterunser zu predigen und zu
belehren hat. — Die Bemerkungen über Passaliabend und Abendmahl
S. 491 f. zeigen, wie kompliziert hier die Probleme liegen. Dali bei
„Matthäus und Markus Brot und Wein das Mahl beginnen", scheint mir
keine richtige Auffassung zu sein. Das Mahl ist m. E. deutlich hier
schon im Gange, als Jesus seine Deutewortc spricht. Keineswegs sicher
ist auch, daß bei dem letzten Mahl Jesu „der Wein nur sparsam zur
Verfügung stand" und daraus dann das Herumreichen des Weines als
selbstverständlich folgte.

Leipzig. Paul Fiebig.

Maiden, R. H.: Religion and the New Testament. London:
Oxford Univ. Press. 1928. (204 S.) 8°. 6 sh. 6 d.

Ein lehrreiches Buch über den Tatbestand des
N.T. aus der Feder eines anglikanischen Theologen.
Sein Ausgangspunkt ist der Anspruch, den die Kirche in
der ihrem Wesen nach ihr so gänzlich abgekehrten modernen
Welt erhebt: daß sie dem Gesetz des icävxa.
Qtl enthoben ist, daß sie die universale und absolute
Religion darstellt und daß sie befugt ist, die Wahrheit
zu sagen über den Menschen, sein Verhältnis zu Gott
und seine endgültige Bestimmung.

Zur Rechtfertigung dieses Anspruchs beruft sich
der Kirchenmann einfach auf die Tatsache, the Fact,
auf dem die Kirche beruht, the historical fact oder facts,
gegeben in dem christlichen Kerygma, etwa Joh. 3,16,

Jesus Christus und sein geschichtliches Leben, seine
Kreuzigung, Auferstehung und Erhöhung. Die Begründung
auf diese Facta unterscheidet die christliche Religion
von Buddhismus — für dessen Lehre die Geschichte
Buddha's selbst eben nicht wesentlich ist — wie
; von jeder, rein philosophischen Morallehre. Gegründet
ist die Evidenz dieser Facta auf zweierlei: die lebendige
Tradition, die von Anfang bis zur Gegenwart reicht
i — hier redet der Anglikaner! — und die geschriebenen
Dokumente des N.T. Die „Tradition" exempliziert der
Verf. sehr anschaulich an den zwei Institutionen des
Abendmahls — der Tod — und des Sonntags — die
! Auferstehung. Des weiteren beschäftigt er sich mit der
; ,documentary evidence'.

Zunächst mit dem Zeugnis der Briefe. Gelegen-
; heitsbriefe, die nicht für Kanonisierung bestimmt waren,
können darum wirkliche Dokumente für das Christentum
sein, weil diese Religion eine philosophy of history,
kein Gedankensystem ist. Von den 21 Briefen des N.T.
sind mindestens 14 echt, Briefe von Paulus, Petrus (I)
; Jakobus, Johannes und 1 anonymer (Hebr.). Sie ent-
i halten ein ganz bestimmtes geschichtliches Zeugnis und
die Adressen bezeugen, daß in den verschiedensten
Orten des römischen Reiches sich Gemeinden um dieses
Geschichtszeugnis geschart hatten. Apostelgeschichte
und Apokalypse geben dazu die Geschichte dieser
Mission, die in den Briefen vorauszusetzen ist. In diesem
Abschnitt würde der Verf. die Probleme wie die
Facta noch schärfer gekennzeichnet haben, wenn er
j mit der radikalen Skepsis, die doch auch in England
vertreten ist, sich näher bekannt gemacht hätte.

Das Zeugnis der nichthistorischen Bücher ist —
i — nach Meinung des Verf.s — unabhängig von den
! Evangelien: Christentum steht und fällt auch kaum
mit den 4 Evangelien. Über diese orientiert Mr. Maiden
j im wesentlichen an der Hand der englischen Evangelienkritik
: Zweiquellentheorie, durch die die alte Inspi-
i rationstheorie ausgeschlossen wird; Streeter's, dem Verf.
1 sehr sympathische Hypothese von der ursprünglichen
| Gebundenheit der ältesten Evangelienschriften an be-
: stimmte Ortsgemeinden, denen sie damit ihr kirchliches
imprimatur zu danken haben, Mc = Rom, Q = Antiochien,
j M = Jerusalem, L = Cäsarea. Er nimmt die Vorstellung
! so ernst, daß er meint, die Möglichkeit, daß die hinter
; den Evangelien stehenden Autoritäten ,any dement of
legends' zugelassen haben sollten, sei ganz gering.

Der Übergang von den Synoptikern zu Johannes
wird von der sehr bedeutsamen Bemerkung getragen:
es besteht eine Kluft zwischen dem Propheten von Na-
: zareth (der Synoptiker) und dem Christus der Kirche;
; hätten wir kein weiteres Porträt, dann müßte die Mög-
! lichkeit, die christliche Schätzung von Person und Werk
Christi sei „übertrieben" (exaggerated), ernstlich ins
Auge gefaßt werden.

Zur rechten Würdigung von Johannes sammelt
der Verf. alle Momente und Motive, die diese Schrift
als Arbeit eines geschichtliche Genauigkeit verfolgenden
Augenzeugen erscheinen lassen. Der Kritik gibt er nur
insofern nach, daß er Streeter's Hypothese, Verfasser
I sei der Älteste Johannes, der in Jerusalem teilweiser
| Augenzeuge war, diskutiert. Endergebnis: die Argu-
mente für und gegen die Identifikation des Apostels mit
; dem Evangelist halten sich die Wage. Persönlich neigt
! Mr. M. der Tradition zu. Von den Differenzen zwischen
; synoptischer und johanneischer Geschichtsüberlieferung
redet er im übrigen wenig, die Verschiedenheit erklärt
sich zur Genüge aus der besonderen Persönlichkeit des
! vierten Evangelisten.

So lesenswert diese Ausführungen sind, man vermißt
natürlich das Eingehen auf die Geschichtspunkte
der neueren deutschen Forschung, die dem Verf. offenbar
unbekannt ist. Kaum berücksichtigt ist das „Factum
", daß die Evangelien nicht bloß das geschichtliche
Leben für uns bezeugen, auf dem das Christentum der
| Briefe und der Gemeinde, für die sie bestimmt waren,