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Ausgabe:

1930 Nr. 25

Spalte:

583-584

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Finkelstein, Louis

Titel/Untertitel:

The Pharisees: Their Origin and their Philosophy 1930

Rezensent:

Baumgartner, Walter

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 25.

584

zelausfuhrungen im Textlichen, Literarkntischen, Stoff- j schon in der vorexilischen Zeit. Es käme darauf an
liehen bleibt das Zentrale zu sehr verborgen. Es stehen j nachzuweisen, daß sie selber einmal wirklich Bauern ge-
zwar auf den allerletzten Seiten einige schöne, tief- j wesen sind und daß die wirklichen Bauern zu ihnen gegehende
Satze, aber der Leser wird doch nicht so von j halten haben. Aber eben für eine solche Entwicklung
den furchtbaren Nöten erschüttert, von der religiösen fehlt jeder Beweis; denn daß Josephus ihnen einmal
Ergriffenheit Hiobs erhoben, wie es in einem Hiob- i bäurisches Benehmen vorwirft (Bell. Jud. II 8, 14),
kommentar durchgehends sein sollte. Und die Lösung ; kann doch nicht im Ernst als, solcher gelten. Damit
des Problems ist doch zu dürftig gefaßt. Es genügt bei ! hängt aber der von F. behauptete wirtschaftliche Gegenweitem
nicht zu sagen, wie K. es im Vorwort forum- satz der beiden Parteien in der Luft. Und was er dafür
liert, der Sinn des Hiobbuches sei „die große Frage aus den zwischen ihnen strittigen Punkten anführt, ist
nach der Vernünftigkeit des Übels im Naturbestande und kein Ersatz; denn das ist meist nicht eindeutig und
nach der Zweckmäßigkeit des Leidens im Geschichtsver- : unterliegt z. T. selber wieder Bedenken. Daß die
laufe". Damit ist selbst für einen, der die didaktische ! Städter sich für den Eintritt der Regenzeit mehr interAuffassung
des Gesamtbuches und die Zugehörigkeit essiert hätten als das Landvolk (S. 194), ist wenig
von Kp. 38 ff. zu 3—31 anerkennen wollte, die Sonder- glaublich. Die pharisäische Lehre, daß die heiligen
Stellung des Hiobbuchs innerhalb des Theodizeepro- Schriften die Hände verunreinigen, entspringt nicht dem
blems nur ganz oberflächlich gezeichnet. Wunsch sorgfältigerer Behandlung der Bücher (S.

Zu hoffen bleibt, daß durch diesen soliden, den 216 f.), sondern fließt aus dem alten Heiligkeitsbegriff

Forschungsstand so trefflich darlegenden Kommentar j usw. — Daß der Satan, auch schon in der bei Zacharia

die Hiobforschung, die lange geruht hat, stark angeregt ! bezeugten Form, kurzweg „apparently the Persian Ahri-

und neu in Fluß gebracht werde. man" heißt (S. 224), trifft in dieser Form doch nicht

Tübingen. Paul Voljz. j zu. In den Ausführungen über die Engel (S. 236 f.), ist

--- | zwischen dem „Engel Jahwes" und den übrigen Engeln

Finkelstein, Louis: The Pharisees: Their Origin and their llicht unterschieden. Daß die Essener ursprünglich eine

Philosophy. Cambridge: Harvard Univ. Press. (S. 185-261) I Unterabteilung der Pharisäer gewesen seien, wird S.

gr. 8°. = Sonderabdruck aus „The Harvard Theological Review" Vol. I 189 " einfach als anerkannt vorausgesetzt. In der Ein-

xxil, Nr. 3. leitung vermißt man eine Auseinandersetzung mit Höl-

Der Verf. will der immer noch nicht eindeutig : schers Auffassung (Gesch. d. isr.-jüd. Rel. § 93), dessen

gelösten Frage nach dem Wesen der Pharisäer und ! Beurteilung der Quellen F.s Ausführungen von vorn-

Sadduzäer von einer neuen Seite her beikommen, indem j herein weithin den Boden entziehen würde,

er sie als „antagonistic social groups" faßt. Die Phari- Basel. w. Baumgartner,

säer waren ursprünglich eine städtische, die Sadduzäer ! ~ — - — — — - - . '. 7~

eine ländliche Partei. Erstere machten teils infolge der ! D, man; ° ^ ™£e JesuJmit Berucks.cht.Kung d.uach-

i-i- i ,„i j i j w i i. j r- -u -i. • kanonischen uidischen Schrifttums u. d. aramäischen Sprache. Bd. 1:
politischen Wendung, als der Verlust der Freiheit im Einleitung u. wichtige Begriffe. 2. Aufl. m. Anhang A. Das Vater-
Jahre 63 v. Chr. den sadduzaischen Hoffnungen ein : unser. B Nachträge u. Berichtigungen. Leipzig: J. c. Hinrichs
Ende machte, teils durch ihre eschatologische Lehre und , 1930. (x, 410 S.) gr. 8°. RM 25 — ; geb. 27.50.
ihre demokratischen Ideen den letzteren die Mehrheit j 1898 erschien die erste Auflage der , Worte Jesu I'<
ihrer Anhänger abspenstig, sodaß zur Zeit des Josephus ! von Dalman. Das ist nun 32 Jahre her. 1922 erschien
die sadduzäische Partei nur noch aus den vornehmsten I der zweite Teil dieses Perkes unter dem Titel „Jesusund
reichsten Familien bestand (S. 188. 2o3f.) Aus 1 jeschua". Das ist nun 8 Jahre her. „Jesus-Jeschua"
diesem Gegensatz zwischen Stadt und Land glaubt nun hat iedigiich ig2g einen Nachtrag erhalten, eine 2. Auf-
F. die wichtigsten Unterschiede der beiden Richtungen , ]age aner nocj1 mcn^. erie'0t.

alle erklären zu können (S. 193—217). Für die Saddu- : Di,ese Tatsachen erklären sich nur daraus, daß noch
zäer blieb z. B. Sukkot einfach das Erntetest, wahrend imrner nicht viel mehr erreicht ist als das, was mir D.
die Pharisäer eine historische Motivierung einführten vor einiger Zeit geschrieben hat: „Immerhin ist ein
und damit zugleich den Eintritt der Regenzeit feierten. Fortschritt darin geschehen, daß die Notwendigkeit der
Die Sadduzäer verboten den Gebrauch von Feuer am rabbinischen Studien nicht mehr geleugnet wird". Die
Sabbat, weil sie als Bauern gewohnt waren, sich mit 1 rabbinischen Studien, das Lebenswerk Dalmans, beEintritt
der Dunkelheit schlafen zu legen, wahrend die t deuten nicht eine Winkelsache und Spezialität, sondern
Stadter, die auch am Abend allerlei Unterhaltung hatten, | sind tür die Bergpredigt, für das Vaterunser, für die
das Bedürfnis empfanden für den Sabbat Licht be- ; Gleichnisse Jesu, für die Wunder Jesu, für die synop-
reitzustellen usw. Daraus will er auch die menschlichere 1 tiscne Frage, für das Johannesevangelium, für ein wirk-
Beurteilung der Sklaven und die milderen Strafen im | liches Verständnis des Abendmahls, für ein sachkundiges
Zivilgesetz der Pharisäer erklären (S. 218 ff.), ferner j Urt,eii über die Geschichtlichkeit Jesu, für die Formge-
die aus der Fremde stammenden Elemente ihrer Theo- ; schichte von grundlegender Bedeutung. Da die Dogma-
logie, Auferstehung und Angelologie, da die Stadter per- j tik sicn mit Notwendigkeit auf das N. T. stützt, da das
sischen wie griechischen Einflüssen starker ausgesetzt | Verständnis der ältesten christlichen Liturgien ohne
und offen waren (S.224ff.), endlich ihre verschiedenen | Rabbinica unmöglich ist, da die heutige Predigt ohne
politischen Ideale: den stadtischen Pazifismus der Phari- ! die Einsicht in die hebräisch-aramäische Wortkunst Jesu
säer, den Nationalismus der Sadduzäer (S. 248 ff.). und der Evangelisten in Schematismen und Abstrak-
Die Arbeit enthält allerlei gute Beobachtungen, ■ tionen verkümmert, da die für die heutige kirchliche
z. B. über eine gewisse Verwandtschaft des Jesus 1 Praxis des Abendmahls brennenden Fragen ohne die
Sirach mit den späteren Sadduzäern (S. 226 ff.), er- ; Rabbinica überhaupt nicht sachkundig erörtert werden

mangelt aber m. E. gerade an der entscheidenden Stelle
der Durchschlagskraft. Es hält nicht schwer, bei den
Pharisäern ein „städtisches" Element nachzuweisen;

können, sollte man meinen, es müßten die Werke Dalmans
als Handwerkszeug, als tägliches Brot in aller
Händen sein. Wer da weiß, welche Bedeutung die

schwerer dagegen ein ländliches auf der Gegenseite. j Sprache, die man spricht, nach allen Seiten geistiger Be-
Die Sadduzäer sind doch, nach allem was wir von ' tätigung hin hat, sollte doch eigentlich alles daransetzen,
ihnen wissen, die Aristokratie von Jerusalem und woh- um sich in der Muttersprache Jesu heimisch zu machen,
nen, wie auch F. zugibt, in der Stadt. Wenn ihre Güter j Ein Zeichen des nun doch allmählich erreichten Fortauf
dem Lande liegen, ändert das daran nichts und Schrittes ist der Abschnitt über „Die Bodenständigkeit
macht sie noch lange nicht zu Bauern. Die Entwicklung, ! der evangelischen Überlieferung", den Feine in sein
die wesentliche Teile des Landes in die Hände von 1 Jesusbuch (Gütersloh, Bertelsmann, 1930) eingefügt hat.
Städtern brachte, reicht sehr viel weiter zurück als die j Das Neue, das die 2. Aufl. von Dalmans „Worte
Ausbildung der beiden Parteien und hat ihr Vorspiel Jesu I" bringt, liegt namentlich darin, daß er hier zum