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Ausgabe:

1930 Nr. 24

Spalte:

563-565

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dessau, Hermann

Titel/Untertitel:

Geschichte der römischen Kaiserzeit. 2. Bd., 1. Abt.: Die Kaiser von Tiberius bis Vitellius. 2. Abt.: Die Länder u. Völker d. Reichs im 1. Jahrh. d. Kaiserzeit 1930

Rezensent:

Schur, W.

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 24.

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üher den „Wundertäter" oder „Wohltäter" (so heißt er
immer wieder, nicht aber Goet und Sophist, wie die
Christenfeinde sich ausdrücken) Jesus erzählt wird, den
echten christlichen Stempel trägt, so frage ich mich, ob
es bei der langwierigen, verworrenen, über verschiedene
Sprachen führenden Überlieferung einen gesunden Sinn
hat, für Einzelheiten, die sich nicht oder nicht auf den
ersten Blick als christlich geben, Josephus selbst über
weit mehr als tausend Jahre hin in Anspruch zu nehmen,
und lehne es ab, hier mehr als Vermutungen und Möglichkeiten
anzuhören. Methodisch richtig erscheint mir
auch jetzt wieder nur ein Verfahren, das bei Mehrdeutigkeit
zunächst mit dem prochristlichen Verständnis
Ernst macht. Es kommt mir also nicht, wie E., auf die
„strenge Ausscheidung der christlichen Einfügungen"
an, um so für den Rest die Anerkennung der Echtheit
zu erzielen (II 541).

Was bei der „strengen Ausscheidung" E.s herauskommt
, ist beispielsweise dies, daß er aus dem Satz
im Slaven: Pilatus erkennt aus dem Verhör des Wundertäters
, „er ist ein Wohltäter, aber nicht ein Übeltäter
noch ein Aufrührer noch ein nach der Herrschaft Begieriger
. Und er entließ ihn", einem Satz, der auch in
den christlichen Pilatusakten stehen könnte, den ursprünglichen
Josephustext gewinnt: „er ist ein Übeltäter
, ein Aufrührer, ein nach der Herrschaft Begieriger
" nichts weiter. Und sofort setzt wieder das Leitmotiv
ein: „Es ist undenkbar, daß Josephus..." und
weiter: „dagegen ist nichts leichter zu erkennen, als
daß ein entrüsteter christlicher Leser ..." (II 299 f.).
Ich werde so etwas immer als krasse Willkür bezeichnen
und der Gefahr trotzen, von der anderen Seite dafür
oberflächlich und unwissend genannt zu werden.

Ich scheide von E.s Buch mit dem aufrichtigen Bedauern
, daß es eigentlich keine geeignete Grundlage für
eine wissenschaftliche Auseinandersetzung abgibt. Man
kann seinen Offenbarungen gläubig lauschen oder sie
verstockt verwerfen, aber man ist — wenigstens von
mir gilt das — außer Stande, mit einem Manne ernstlich
zu verhandeln, der fortgesetzt Vermutungen mit Feststellungen
verwechselt, Einfälle für Gründe hält, Ausreden
zu Beweisen erhöht, bei dem eine Behauptung die
andere, dieser Machtspruch jenen stützen muß und dem
alles Gefühl für die Bedingtheit der bestenfalls zu erzielenden
Resultate abgeht. Was ihm sicher, ja selbstverständlich
vorkommt, erscheint mir höchst ungewiß,
mindestens unbeweisbar. Wie sollte da eine Einigung
möglich sein. Das auszusprechen fällt mir nicht leicht.
Ich hätte diesem zähen Erkenntnisdrang, diesem ungeheuren
Fleiß, diesem fast märchenhaften Einzelwissen
ein erfreulicheres Ergebnis gewünscht. Aber offenbar
mußten diese Vorzüge durch einen Mangel an Selbstkritik
und philologischer Exaktheit erkauft werden, über
den man nur mit den gleichen Superlativen reden kann.
Göttingen. w. Bauer.

Dessau, Hermann: Geschichte der römischen Kaiserzeit.

2. Bd., 1. Abt.: Die Kaiser von Tiberius bis Vitellius. 2. Abt.: Die
Länder u. Völker d. Reichs im 1. Jahrhundert d. Kaiserzeit. Berlin:
Weidmann 1926/1930. (VIII, III, 844 S.) gr. 8°.

1. Abt. RM 14-; geb. 16—.

2. Abt. RM 18-; geb. 20—.
Für die erste Hälfte des vorliegenden Bandes sind

die Geschichtswerke des Tacitus richtunggebend geworden
. Die zweite Hälfte nimmt die Arbeit des V. Bandes
von Mommsens Römischer Geschichte auf und spannt
die Überfülle des urkundlichen Materials, das uns die
Einzelforschung der letzten 50 Jahre erschlossen hat,
in den von Mommsen geschaffenen Rahmen einer universal
gerichteten Geschichte der Provinzen. Diese
starke Heranziehung der Provinzialgeschichte, die dem
Altmeister der römischen Epigraphik seit Jahrzehnten
so nahe liegt, ist der besondere Vorzug des Werkes vor
fast allen modernen Darstellungsversuchen der römischen
Kaisergeschichte.

Aber die Einteilung des Bandes zeigt deutlich, daß
j auch hier der innere Ausgleich zwischen der literar-
kritischen und der urkundenkritischen Aufgabe des
j Historikers der Kaiserzeit noch nicht voll gelungen ist.
Nur der Versuch, die Geschichte der Zentrale und die
der Provinzen für jede einzelne Regierung zu einem
Gesamtbilde zusammenzuarbeiten, gibt m. E. den richtigen
Maßstab sowohl für die Wertung der einzelnen
Kaiser, als auch für die Auswahl des Wesentlichen aus
der Masse des Überlieferten. Ein solcher Versuch
hätte wohl auch dazu geführt, durch Ausmerzung minder
! wichtiger Ereignisse namentlich der Hofgeschichte das
Gleichgewicht zwischen den einzelnen Perioden richtiger
i zu verteilen. Denn daß die Geschichte der Thronwirren
j nach Neros Tode genau ein Viertel des ersten Halb-
j bandes einnimmt, ist nicht in der Wichtigkeit der Ereignisse
selber, sondern in der Fülle und Genauigkeit
| der erhaltenen Berichte begründet. Und die Herrschaft
I des Tacitus im ersten Halbbande hat zu manchen Un-
j zuträglichkeiten geführt. So bildet der rein provinzielle
I Bataveraufstand des Civilis den Schluß des ersten Halbbandes
, weil der wichtigste Bericht darüber in den
Historien des Tacitus steht. Derartige Schwierigkeiten,
I aber auch die störende Doppelbehandlung mancher
j Probleme hätten sich vermeiden lassen, wenn der ver-
I ehrte Verf. den Versuch gemacht hätte, die überlieferten
I Formen des wissenschaftlichen Betriebes zu sprengen
i und die beiden bisher getrennten Gebiete der Regie-
rungs- und Provinzialgeschichte zu einer historischen
j Einheit zusammenzuschauen. Doch darf uns dieser prinzipielle
Einwand nicht blind machen gegen den großen
Fortschritt, daß hier aus gleichmäßiger Beherrschung
der beiden Materialgruppen heraus mit ihrer gleich-
j mäßigen Heranziehung Ernst gemacht wird.

Nach dem Gesagten liegt in der Provinzialgeschichte
, die den zweiten Halbband füllt, die Stärke des
! Buches. Hier wird mit sicherem Griff das Wesentliche
aus der Fülle des Materials herausgezogen und in vorbildlicher
Klarheit dargestellt, wenn auch manchmal die
j Häufung von Nebensätzen und Parenthesen die Lesbarkeit
etwas beeinträchtigt. Den breitesten Raum nehmen
hier mit vollem Rechte die ägyptische und die jüdische
Sonderentwicklung ein. Ist uns die eine in den
massenhaften Papyri besonders faßbar und später zur
j Grundlage der byzantinischen und der islamischen Ent-
: wicklung geworden, so bietet die andere die Voraus-
i Setzungen für Ursprung und Ausbreitung des Christen-
; tums, das ja von diesem engen Boden her die Welt
j revolutioniert hat. Die Spätgeschichte des Judentums
in Palästina, die ja in dieser Zeitschrift besonders inter-
i essiert, wird auf acht Bogen mit feinem psychologischem
| Verständnis und konservativer Kritik der Quellen abgehandelt
. Ed. Meyers Bearbeitung der Makkabäerge-
' schichte wird ebenso deutlich abgelehnt wie einige
Thesen der Josephusbücher von W. Weber und R. La-
queur. Die Darlegungen über die Pharisäer, die Saddu-
zäer und die wilden Sekten der Täufer usw. sind sehr
klug und maßvoll. In diesem Rahmen erscheint dann
auch Christus und wird in knappen Worten, die sich
auf das Faßbare beschränken, gekennzeichnet. Ebenso
knapp wird sein Prozeß und sein Tod, werden auch die
Prozesse seiner Jünger im Rahmen der Beziehungen
zwischen Juda und Rom dargestellt. Im ersten Halbbande
wird die neronische Christenverfolgung anläßlich
des Brandes von Rom kurz abgehandelt. Von Paulus ist
| nur hier und anläßlich der Charakteristik des Procura-
tors Felix mit je einem Satze die Rede. So sind die
Probleme der christlichen Urgeschichte, deren Behand-
1 lung man in diesem Bande erwarten sollte, nur angedeutet
. Das ist bewußte Zurückhaltung, wie sich aus
dem gelegentlichen Hinweis auf eine zusammenhängende
Darstellung dieser Dinge im nächsten Bande ergibt.

So ist die unmittelbare Ausbeute dieses Bandes für
den Theologen recht gering. Nur die Vorgeschichte des
Christentums im Volke Juda erfährt wertvolle Be-