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Ausgabe:

1930 Nr. 23

Spalte:

550

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Künkel, Fritz und Ruth

Titel/Untertitel:

Die Grundbegriffe der Individualpsychologie und ihre Anwendung in der Erziehung. 3. Aufl 1930

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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649

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 23.

560

Besinnung für die folgenden geschichtlichen Ausfüh-
rungen wachzuhalten. Durch den Hinweis auf die j
Grundbegriffe des Verstehens (Verstehen und Deuten;
Sinn und Sinnerhebung usw.) und durch einen systematisch
-historischen Aufweis der hermeneutischen Problemstellung
seit Sch'r. (singuläre^generelle Hermeneutik,
Hermeneutik und Dogmatik usw.) erhält der Leser
gleichsam seine Instruktion — auf ihre Kritik wird bei
dem zu erwartenden systematischen Band einzugehen
sein — für die Unterscheidung der wechselnden Gestalten
in der geschichtlichen Reihe.

In vier Kapiteln wirklich eine beinahe beängstigende
Fülle verschiedenartigster Figuren. Vertreter des
Spätrationalismus, Nachfolger Schleiermachers, Theologen
der Erweckung, spekulative Theologen, Theo-
sophen, Kritiker, Heilsgeschichtler. Um Namen zu
nennen, Keil, Bretschneider, Griesbach, Stäudlin, Lücke
oder Olshausen, Stier, Beck oder Rosenkranz, Strauß;
Rothe und v. Hofmann. Wenn man von der beabsichtigten
und geübten Gewissenhaftigkeit der Autors dem
geschichtlichen Bestand gegenüber absieht, so könnte
man doch fragen, ob es nicht zweckmäßiger und fruchtbarer
ist, nur die Repräsentanten der theol. Hermeneutik
herauszuheben, in denen sich eine theologische Bewegung
des Jdts konzentriert und von ihnen aus die Geister
dritter Ordnung nur illustrativ zu beleuchten. Ich gebe
zu, daß sich die Theorien der theologischen Hermeneutik
oft merkwürdig überkreuzen. Ein Musterbeispiel hierfür
ist Richard Rothe: in seiner Theorie Schleiermachers
Nachfolger; von seiner eigenen Schrifttheologie her und
in der praktisch geübten Hermeneutik sein Antipode.
Aus dieser Überkreuzung ergibt sich m. E. die grundsätzliche
Nötigung sich mit der Theorie der Hermeneutik
allein nicht abzufinden, sondern sie an dem Ganzen
der Theologie, sei es der systematischen wie etwa
bei Rothe oder an der exegetischen zu erproben. Der
Verf. geht diesen Weg nicht. Die praktische Exegese
läßt er ganz aus dem Spiel. Das führt zu dem völligen
Fehlen der Tübinger Schule und einer im Verhältnis zu
ihrer Bedeutung zu knappen Darstellung des Erlanger
Theologen von Hofmann.

Wenn ich hiermit eine grundsätzliche Frage des
Ansatzes zur Besinnung stellen möchte, so noch eine
tatsächliche Bemerkung zur geschichtlichen Darstellung.
J. Wach nimmt mit staunenswerter Belesenheit die Resultate
der Theologiegeschichte auf. Dies ist ihm als
Philosophen nicht zu verargen. Tatsächlich sind aber
grade auf diesem Gebiet die Ergebnisse der Forschung
durchaus problematisch. In eigenen Studien über die
„Erweckungstheologie" habe ich mich von diesem Stand
der Dinge erneut überzeugt. Die Individualität ihrer
Hermeneutik erschöpft sich nicht in ihren Theorien über
die H. Das Wach'sche Buch fordert ungewollt zu neuen
theologie-geschichtlichen Forschungen auf dem Gebiet
der Hermeneutik auf.

Wenn ich es nicht als den geringsten Wert des
Buches ansehe, daß Wach ein ausführliches Handbuch
der hermeneutischen Theorien der Theologie geschaffen
hat und schafft, so verdient doch darüber hinaus ein
dreifaches hervorgehoben zu werden. 1. Der Philosoph
macht den Philosophen Problem und Geschichte der
Theologie zur wissenschaftlichen Gewissensfrage (ef.
S. 35). 2. Im Spiegel der hermeneutischen Theorien
zeigt er uns den Kampf um eine Einheitschaffende
Macht des Geisteslebens — hier von der Theologie her.
Habe ich oben kritisch bemerkt, daß die Ordnungsprinzipien
in dieser Bewegung straffer gruppiert und
schärfer individualisiert sein dürften, so möchte ich aus
der von theologischer Gewohnheit freien Unbefangenheit [
des Verf.s her es als einen Vorzug buchen, daß seine |
Anordnung die gegeneinanderwogenden Fronten des
Kampfes in sinnliche Nähe rückt und dadurch eindrück- i
hch macht, wie die Tendenz zur Einheit in Teile sich {
auflöst. Was der Verf. in dem schönen 4. Kapitel der j
Einführung ausspricht, wird hier gegenständlich. „Während
unsere Schilderung im ersten Band bestimmt war
durch den engen Zusammenhang, in den die
großen Systeme die theologische, philosophische, ästhetische
, philosophische und historische Verstehensproble-
matik gerückt haften, werden die folgenden Darlegungen
die dauernd sich verstärkende Scheidung, Verselbständigung
und zum Teil Entfremdung
in den einzelnen Disziplinen zu skizzieren haben, die mit
dem Fortschritt des Jahrhunderts erfolgt" (S. 40).
3. Was in diesem Stück Theologiegeschichte erscheint,
ist kein nur geschichtliches Problem, sondern ein Grundproblem
der reformatorischen Theologie, das von der
neuen theologischen Bewegung der Gegenwart mit Ernst
aufgenommen ist: Gottes Wort und Theologie.
Berlin-Charlottenburg. Theodor Heclcel.

Künkel, Dr. Fritz, u. Ruth Kflnkel: Die Grundbegriffe der
Individualpsychologie und Ihre Anwendung in der Erziehung
. 3. Aufl. Berlin: A. Hoffmann. (67 S.) 8°.

RM 1.20; kart. 1.50; geb. 1.75.

Mit sehr glücklicher Hand haben die Verfasser
die leitenden Grundgedanken der Individualpsychologie
herausgestellt und auf ihre pädagogische Bedeutsamkeit
aufmerksam gemacht. Es wird gezeigt, wie durch falsche
Behandlung, die die Persönlichkeit des Kindes verletzt
, reizbare Menschen entstehen, deren Minderwertigkeitsgefühle
und Geltungsbedürfnisse sich in allerhand
Neurosen entladen. Die Schrift lehrt alle Erzieher ihre
große Verantwortung erkennen und zeigt, wie durch
seelische Zergliederung und Bewußtmachung des Unbewußten
seelisch belasteten Kindern geholfen werden
kann. Ich weiß die therapeutische Bedeutung der Psychoanalyse
zu schätzen, vermisse aber noch die Psycho-
synthese, die weiterhilft, wenn die Aufklärungen der
Analyse noch nicht aufrüttelnd und stärkend genug auf
den Willen wirken.
Düsseldorf. Kurt Kessel er.

In Kürze erscheint:

Die Komposition der
Samuelisbücher.

Von Prof. D. Dr. Otto Eißfeldt, Halle a. S.

72 Seiten. Lex. 8°.

Nachdem der Verf. 1922 eine Analyse des Hexateuch
und 1925 eine solche des Richterbuches vorgelegt hat,
untersucht er jetzt die Samuelisbücher auf ihre Komposition
. Im Gegensatz zu der in den letzten Jahren
wiederholt vertretenen Auffassung der Samuelisbücher
als einer ganz lockeren Aneinanderreihung zusammenhangsloser
Einzelerzählungen zeigt er das Vorhandensein
durchlaufender Erzählungsfäden auf. Indes nimmt
er nicht wie die namentlich von Budde vertretene
„ältere Urkunden-Hypothese" zwei Fäden an (J und E)
sondern drei (I, II, III), wobei die Frage, ob diese
die im Hexateuch und im Richterbuch vorliegenden
Fäden fortsetzen, noch offen gelassen ist. Obwohl sich
die Untersuchung auf die literarische Analyse b-»
schränkt, dürfte sie doch, etwa in der Aufzeigung des
Kompositionscharakters von 2. Sam. 5, auch für die
historische Auswertung der Samuelisbücher nicht
ohne Bedeutung sein. Eine den Schluß des Büchleins
bildende synoptische Ubersicht über die Erzählungsfäden
der Samuelisbücher faßt die Ergebnisse der
Untersuchung zusammen.

Preis brosch. etwa RM 4.50

VERLAG DER J. C. HIIMRICHS'SCHEN
BUCHHANDLUNG IN LEIPZIG C1