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Ausgabe:

1930 Nr. 23

Spalte:

545-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Joël, Karl

Titel/Untertitel:

Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philosophiegeschichte als Geschichtsphilosophie. Lfg. 7 u. 8 1930

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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545

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 23.

546

Helmuth Kittel einen Aufriß der protestantischen
Staatsanschauung. Auch Dinge der praktischen Theologie
werden besprochen, so von Cordier die Geschichte
der Predigt, von Blanke die des Katechismus,
von B e r n t und A. Meyer aus Zürich das Kirchenlied,
von Moser die Kirchenmusik.

Interessant ist es, mit dem Artikel über das Wesen
des Protestantismus den über den Katholizismus von
R i c h a r z zu vergleichen, der sich gliedert in die Unterteile
: Idee, Gehalt und Gestalt. Rademacher ergänzt
ihn durch einen Abschnitt über katholische Weltanschauung
und Lebensauffassung, Mausbach durch
einen solchen über Autorität und Freiheit. Richarz
gibt eine klare und übersichtliche Darstellung von Wesen
und Verfassung der katholischen Kirche. Den katholischen
Gottesdienst behandelt von Lassaulx. Erstaunlich
ist an diesem Artikel, wie offen hier das
„christliche Mysterium", das den tiefsten Sinn der Messe
ausmache, als „Weiterführung und Läuterung des hellenistischen
Mysteriums" verstanden wird. Die katholische
Staatsanschauung behandelt Tischleder, die
Scholastik Steinbüchel.

Rein theologische Dinge behandelt schließlich noch
der Artikel Religion, in den sich Carl C lernen, Gerhard
Fricke und Stolzenburg geteilt haben.

Im Übrigen gilt von dem Bande, was ich über den
ersten gesagt habe: Er enthält eine Fülle von klugen
Abhandlungen, aus denen der Theologe gerne lernt. Genannt
seien nur die schönen Artikel von Beber meyer
über Mariendichtung, Legende, und Karolingische und
Ottonische Renaissance oder der von Halb ach über
Kreuzzu gsd ic htung.

Interessant sind auch wieder einige Artikel, die Gesamtbilder
großer Zeitabschnitte geben, so der von
Z e 11 e r über das Mittelalter und der von H e 11 p a c h
über die geistige Lage der Gegenwart, den man freilich
nicht ohne weiteres unter dem Buchstaben N suchen
wird. Er geht nämlich unter dem Stichwort „Nachkriegszeit
". Er ist sehr eigenwillig geschrieben und
sieht die Dinge natürlich einseitig, wie wir alle es im
Blick auf die Gegenwart ja wohl mehr oder weniger
tun. Aber der große Überblick über die Probleme der
Zeit ist nicht zu verkennen. Die Art, wie der Nicht-
theologe bei der Schilderung der geistigen Vorgänge
der Gegenwart von dem „Erwachen der evangelischen
Welt" spricht, ist ein schönes, aber auch ernstes Zeichen
dafür, was man heute von der evangelischen Kirche erwartet
und fordert. Auch Hellpachs Ausführungen über
die Bildungs- und Tugendkrise treffen ausgezeichnet
die Wirklichkeit.

Wenn schließlich noch gesagt werden kann, daß das
Sachwörterbuch bei der Besprechung all der Dinge, die
mit der politischen Lage der Gegenwart zusammenhängen
, sich eines vornehm zurückhaltenden, dabei aber
doch bestimmten Tones befleißigt, so kann zusammenfassend
das Urteil wohl gewagt werden: Das Buch
wird an seinem Teile nicht unerheblich dazu beitragen,
das große Kulturgut deutschen Volkstums lebendig zu
machen für die Vorbereitung einer kommenden Generation
auf den geistigen Kampf, dem sie entgegengeht.
Greifswald. Hermann Wolfgang Beyer.

Joel, Karl: Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philosophiegeschichte
als Geschichtsphilosophie. I fg. 7 u. 8. Tübingen : J. C.
B. Mohr 1929, 30. gr. 8°. In Subskr. je RM 3.50.

Die gesonderte Besprechung dieser beiden Hefte
rechtfertigt sich nicht bloß durch die allgemeine Bedeutung
dieses einzigartigen Werkes, sondern auch durch die
besondere Bedeutung ihres Inhaltes. Stellen sie doch in der
Romantik und im Neubarock die Schwelle zum 19. Jahrhundert
dar, auf dessen Verständnis das ganze Werk
hinausläuft. Diese beiden Perioden gehören im Geist
des Rhythmus von Bindung und Lösung, der das Werk
beherrscht, völlig auf die Seite der Bindung. Auch,
allem entgegengesetzten Anschein und Vorurteil zum
Trotz, die Romantik. Mit ihrem universalen Einheitsdrang
ist sie eine Profezeiung auf das Jahrhundert der
Organisation und der Masse. Mannigfach wird ihr
Wesen noch näher gekennzeichnet, im ausgesprochenem
Gegensatz zu der ihr vorangegangenen Aufklärung. Sie
bedeutet Natur im Gegensatz zur Stadtkultur der vorhergehenden
Zeit, Sehnsucht, Jugend, Rausch im Gegensatz
zu der Herrschaft des Maßes und der Vollendung
in der Klassik. Poetisierung, Musikalisierung, Weltver-
webung. Traum—Goetheanisierung der Welt; Pathos im
Gegensatz zum vorangehenden Ethos, Mythen, Märchen
im Gegensatz zur Philosophie, Geschichte im Gegensatz
zur Gegenwartsstimmung, der Orient anstatt Griechenlands
— das sind einige der Merkmale, mit denen J.
unerschöpflich diese Zeit zu kennzeichnen sucht. Die
Religion der Romantik, teils dionysischer Pantheismus,
teils katholisierende Neigung, bestätigt ihr die Sehnsucht
nach dem Objektiven, die Flucht zur höchsten Hingabe
und die Allverbindung der Welt. — So bedeutet
die Romantik die Brücke von der Morgenstimmung des
18. zur Abendstimmung des 19. Jahrhunderts, vom Ich
zum All, vom Maß zur Maßlosigkeit, wie die Klassik
mit ihrem Sinn für das Maß die Maßlosigkeit von
Sturm und Drang abgelöst hatte.

Mit noch größerer Energie wird von Joel die
Parallele des 19. mit dem 17. Jahrh. auf dem Gebiet
des Barock durchgeführt. Alle Gebiete der Kultur geht
er durch, von der Philosophie über die Naturwissenschaft
bis in die einzelnen Künste hinein. Spinoza, Des-
cartes, Locke und Bacon tauchen gemäß der Analogie
der ungraden Jahrhunderte wieder auf. Gesetz, Zahl,
Empirie, darum Mathematik und Physik sind die Mächte,
die nun die Wissenschaften regieren. Wallenstein und
Colbert finden in Napoleon, in Bismarck und in dem das
Jahrhundert beherrschenden Kaisergedanken ihre Auferstehung
, weil es wieder wie alle analogen Zeiten die
Macht verherrlicht. Bossuet und Bacon erneuern sich in
dem allem Liberalismus entgegengesetzten Restaurationstrieb
des Jahrh., Comenius ersteht wieder in seiner Wertschätzung
aller Schulung und Methodik, Rembrandt und
Shakespeare erscheinen wieder in seiner Malerei und
Dichtung.

So schildert J. das Neubarock im Sinn eines fortschreitenden
Parallelismus zum 17. und allen andern ungraden
, bindenden Jahrhunderten. Die monistische Bindung
des eigentlichen Barock ist durch die Aufklärung
synthetisch gelockert; wie einst dieses Barock die bunte
Fülle der Renaissance in sich eingeschwungen hat, so
hat das Neubarock das Werden und die Entwicklung in
sich aufgenommen und die Bindung mit der vorangegangenen
Lösung zur Vielheit gestaltet. So hat es dem
aufgehenden neuen Jahrhundert Wertvolles zugebracht:
Organisationsgeist und Sinn für das Subjekt und die
Entwicklung, vor allem aber als romantisiertes Barock
in der von diesem erweckten Liebe den Antrieb zu der
Macht des Sozialgeistes gegeben, die das kommende
Jahrhundert auszeichnen wird.

Wie in allen früheren Lieferungen besteht die Darstellung
auch hier aus einem ungeheueren Mosaik, das
Großes und ganz Kleines umfaßt. Wer kann hier kontrollieren
, der dem Verf. nicht an Kenntnis der Geschichte
überlegen ist? Man kann nur staunen und sich
vorbehalten, am Ende des Werkes das Recht des beherrschenden
Gedankens vom Rhythmus von Bindung
und Lösung zu prüfen.
Marburg a. L.___Friedrich Nieberga II.

Stange, Prof. D. Karl: Die Verklärung Jesu am Kreuz.

j Gütersloh: C. Bertelsmann 1929. (23 S.) gr. 8°. = Studien des
apologetischen Seminars 26. Heft. RM 1—.

Der „Entzifferung des Geheimnisses des Todes
Jesu" soll die Studie Carl Stanges, die er unter dem
Titel „die Verklärung Jesu am Kreuz" ausgehn ließ,
dienen. Sein Bemübn geht dahin, „aus der Mannigfaltigkeit
der Eindrücke", die von dem Anblick des Gekreuzigten
ausgehn, eine Einheit zu gestalten. Von der
i Wirkung des Todes Jesu auf unser Empfinden geht er