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Ausgabe:

1930 Nr. 23

Spalte:

544-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofstaetter, Walther

Titel/Untertitel:

Sachwörterbuch der Deutschkunde. Bd. II: K - Z 1930

Rezensent:

Beyer, Hermann Wolfgang

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543

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 23.

544

„Bruno hat ja gar kein Verständnis für die Unsinnigkeiten
, die er uns hier in gutem Glauben auftischt"
zeigt, wenn er auch sachlich nicht falsch ist, (und gerade
weil er nicht falsch ist), das mangelnde Distanzgefühl
des Verf., sein Unvermögen, zu einer historisch zutreffenden
und dadurch den Leser an der Sache beteiligenden
Würdigung zu kommen.

Besonders anfechtbar sind die Ausführungen des
Verf., die sich auf das Mittelalter beziehen und sich
offenbar auf keine gute Kenntnis dieser von ihm heftig
verabscheuten weltgeschichtlichen Periode, sondern mehr
auf Vorurteile stützen. Man mag in mancher Beziehung
etwa vom „Dunstkreis des Mittelalters" sprechen können
, wenn man so will; dieser Ausdruck (vgl. S. 108)
aber ist völlig verfehlt der mittelalterlichen Kosmologie
gegenüber. Der Abschnitt über „Die soziale Frage" (S.
174 ff.) wäre wesentlich anders ausgefallen, wenn der
Verf. die Bedeutung des Naturrechts in der Scholastik
gekannt und berücksichtigt hätte. Einzelheiten auszuführen
ist hier leider nicht der Raum. Auch die Sätze
S. 122 f., welche die Einschätzung der sinnlichen Wahrnehmung
durch Bruno werten, bedürfen von einer Berücksichtigung
der mittelalterlichen Erkenntnistheorie
aus weitgehender Korrektur. So leichthin wie auf S. 53
kann man nicht ernstlich vom mittelalterlichen Geist
sprechen.

Wie fern der Verf. den Problemen des Mittelalters
und damit auch einer wichtigen Seite dessen, was Bruno
beschäftigte, steht, sieht man daraus, wie er S. 103 f.
— viel zu kurz, doch vgl. auch S. 130 f. — über die
Gottesvorstellung Brunos spricht. Die Aussagen, die
Bruno hier zu machen hat, werden erstaunlich verständnislos
behandelt.

Mit den Sätzen „Die Natur ist die herrlichste Gottheit
" oder etwa „Gott ist die Monade der Monaden" sei
„nicht viel anzufangen. Es sind Phrasen" (S. 103).
„Gott als das Eine, das Gute, das Wahre sind immer
wiederkehrende Behauptungen, — das kann man noch
verstehen. Aber was fangen wir mit Sätzen an, wie
Gott als Wesen und Quelle alles Seins . . . die wirkende
Ursache aller Ursachen . . . oder Gott als Anfang,
Mitte und Ende . . ." (S. 104; S. 131 passieren dieselben
Begriffe ungerügt).

Hier spricht Bruno freilich mit mittelalterlichen
Worten und Begriffen. Um zu einer tieferen Deutung
Brunos zu gelangen, kann man trotzdem an solchen
Gedanken nicht vorübergehen. Es ist im Gegenteil recht
viel mit diesen Sätzen anzufangen, wenn man sie zu
interpretieren weiß!

Wo Bruno gelobt wird, da geschieht es häufig in
einer Weise, die keineswegs überzeugt. Brunos theologische
Aussagen werden vom Verf. Phrasen genannt.
Was soll man nun sagen, wenn der Verf. S. 130
schreibt: „Er besaß jenen universellen Glauben, den
fast alle selbständig denkenden Menschen besitzen"?
Auch die folgenden Erörterungen vermögen die Leere
dieses Satzes nicht zu füllen.

Es sind Einzelheiten, die ich herausgehoben habe.
Aber diese Einzelheiten sprechen für das ganze Buch.
Der Verf. hat eine Fülle einzelner Beobachtungen gesammelt
, aber ihm ist kein neues geschlossenes Bild
daraus entstanden. Trotz übersichtlicher Gliederung begegnen
manche Wiederholungen (vgl. z. B. S. 50 u. 94,
24 u. 34).

Äußerlich stört, daß direkte Zitate nicht deutlich
genug (durch anderen Druck etwa) gekennzeichnet sind
(vgl. besonders S. 36).

So bleibt eine Darstellung Brunos noch zu wünschen
, die uns erkennen läßt, was Hegel (zitiert S. 52)
so treffend ausgesprochen hat: die schöne Begeisterung
eines Selbstbewußtseins, das den Geist sich innewohnen
fühlt und die Einheit seines Wesens und alles Wesens
weiß, das in dem Bemühen, bacchantisch seinen Reichtum
auszusprechen, sich selbst zum Gegenstande wird.
Berlin. Walter Dreß.

The Jewish Quarterly Review. New Series, ed. by Cyrus
Adler. Vol. XX, Nr. 3. Philadelphia: The Dropsie College for
Hebrew and Cognate Learning 1930. (S. 217 -300) gr. 8°.

in Subskr. 3 9.

Das erste Heft des Jahres 1930 bringt zunächst
(S. 217—247) einen biographischen Aufsatz von C.
Duschinsky über „Rabbi David Oppenheimer"
(1664—1736), Landesrabbiner erst von Mähren, später
von Böhmen. Aus den unpublizierten, in Oxford liegenden
Responsen O.s wird interessantes Material über sein
Leben, seine Wirksamkeit und die Lage der Judenschaft
j seiner Zeit (Auswirkungen der Türkenkriege, rituelle
Fragen) gewonnen. H. Biddulph, „The Pasek in the
scriptures" (S. 249—253), erneuert die Ansicht, daß
Pasek ein altes Worttrennungszeichen sei, das bei Einführung
der Akzentuation fast ganz verschwand. Den
Rest des Heftes (S. 255—300) nehmen Bücherbesprechungen
ein.
Qreifswald. Joachim Jeremias.

Sachwörterbuch der Deutschkunde. Unter Förderung durch d.
Deutsche Akademie hrsg. v. Dr. Walther Hofstaetter u. Prof. Dr.
Ulrich Peters. Bd. II. K-Z. Leipzig: B. G. Teubner 1930. (VW,
684 S. m. Namen- u. Sachverzeichnis.) 4°. RM 34 — -

Der zweite Band des groß angelegten Sachwörterbuches
erfüllt, was der erste versprochen hatte. Ja für
den evangelischen Theologen, dem er zur Beurteilung
und künftigen Benutzung vorliegt, ist er noch erfreulicher
als der erste Teil. Er enthält vor allem zwei Beiträge
, die es verdienen gelesen und beachtet zu werden
— auch über den Kreis der vielen hinaus, die sich in
dem nun fertig vorliegenden Sachwörterbuch Rat holen
werden, wenn sie sich über irgendwelche Erscheinungen
der deutschen Volkskultur rasch und zuverlässig unterrichten
wollen. Es ist das einmal der Aufsatz, in dem
der Freiburger Historiker Gerhard Ritter Luthers
allgemeine Kulturbedeutung schildert, nachdem vorher
Blanke einen kurzen Aufriß von Luthers Leben gegeben
hat. Wie hier die Linien, die von Luther her in
alle Erscheinungen des deutschen Geisteslebens hineinführen
, und von denen so viel geredet wird, während
man sie meist nur sehr oberflächlich kennt, in großen
Strichen wirklich nachgezeichnet sind, ist höchst eindrucksvoll
. Hoffentlich machen viele Lehrer Gebrauch
von den Anregungen, die ihnen hier geboten werden,
die deutsche Geschichte von ihren innersten Wirkungen
her zu verstehen. Ritters Abhandlung läßt zugleich den
Wunsch neu wach werden, daß uns einmal in Auswertung
dessen, was Karl Holl in seinem Aufsatz über die
Kulturbedeutung der Reformation begonnen hat, eine
wirklich umfassende Darstellung der Wirkungen, die
von Luther her auf die deutsche Geschichte ausgegangen
sind, geschenkt werden möge. Der andere Artikel
, der sich durch besondere Schönheit auszeichnet,
ist der von Helmuth Kittel über das Wesen des
Protestantismus. Wie hier die Eigenart eines vom Evangelium
bestimmten Menschseins vom protestantischen
Grunderlebnis aus bis in die Entfaltung dieser Grundhaltung
in den Begriffen der Persönlichkeit, der Gemeinschaft
, der Ehe, des Berufs, des protestantischen
Denkens hinein gezeichnet wird, das ist bei aller knappen
Geprägtheit des Ausdrucks so erschöpfend, daß
man sagen kann: Eine bessere Zusammenfassung
dessen, was das Wesen des Protestantismus ausmacht,
wird es zur Zeit kaum geben.

Umrahmt sind diese wichtigsten Artikel durch eine
Fülle kleinerer, die Teilgebiete evangelischen Lebens
in der deutschen Kulturgeschichte schildern. So behandelt
Rückert die Reformation und den Pietismus,
Blanke Leben und Bedeutung Zwingiis, Born-
kämm, der als Fachberater die evangelische Religionskunde
überhaupt betreut hat, die protestantische Mystik

| und die evangelische Sittenlehre. Von Campenhausen
gibt eine knappe Darstellung der geschicht-

I liehen Entwicklung im Verhältnis von Kirche und Staat,