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Ausgabe:

1930 Nr. 22

Spalte:

522-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maurenbrecher, Max

Titel/Untertitel:

Der Heiland der Deutschen. Der Weg der Volkstum schaffenden Kirche 1930

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 22.

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meines über die Innere Mission und über die Liebesarbeit
. Walter Künneth behandelt die Volksmission,
Wilhelm Engelmann die öffentliche Mission. Endlich
werden die liturgischen Bewegungen (Wilhelm j
Thomas) und die Kirchenverfassung (Hans Li ermann
) geschildert. Es ist unmöglich, diese Beiträge
hier inhaltlich zu erörtern. So will ich nur kurz sagen,
daß neben sehr vielem Wertvollen auch Anfechtbares
steht. Das Referat über die liturgische Bewegung kann
kaum anders als einseitig genannt werden. Es kommt :
dem hochkirchlichen .Standpunkt sehr weit entgegen, j
In einem weiteren Abschnitt werden die freien kirch- ]
liehen Gemeinschaften behandelt. Alfred Scheve bespricht
die Freikirchen, Mennoniten, Baptisten, Freie
evangelische Gemeinden (diese sind im Inhaltsverzeich- j
nis versehentlich ausgefallen), Brüdergemeine, Methodismus
, Salutismus, Evangelische Gemeinschaft. Die re- ,
formierten Freikirchen sind im Zusammenhang mit die- j
sen Gemeinschaften behandelt; richtiger hätten sie eben- |
so wie die Altlutheraner (Verfasser Gottfried Nagel) ]
einen Abschnitt für sich gebildet. Grundsätzlich sind
Berichterstatter aus den Kreisen der betreffenden Reh- :
gionsgemeinschaften gewonnen worden. Damit ist der
Standpunkt der Beurteilung von vornherein gegeben.
Oskar Bruns berichtet sachkundig über evangelische
Diasporapflege, Heinrich Fr ick über die ökumenische '
Bewegung. Sein Aufsatz bringt in aller Knappheit viel
Stoff. Das Urteil würdigt die ökumenische Bewegung
sehr freundlich. Im einzelnen wie auch im Gesamturteil j
scheint mir diese Würdigung allzu optimistisch; die l
Schwierigkeiten, aber auch die Einseitigkeiten der Be- j
wegung müssen m. E. stärker betont werden. Siegfried !
K n a k steuert eine in großen Zügen gehaltene Schilderung
der gegenwärtigen Lage der Weltmission bei. Es |
ist wunderschön, wie er die großen Fragen heraushebt,
die der werdenden selbständigen Kirche, der Schule und '
der Missionierung der großen Masse des Landvolkes.
In einem Abschnitt „Kunst" sind zwei Beiträge zu- j
sammengefaßt: Oskar Beyer, „Bildende Kunst und
Musik", und Harald Braun „Zeitbildung". Gerade
diese verhältnismäßig kurz gehaltenen Überblicke bedeuten
für manchen eine Wohltat. Nur habe ich den
Eindruck, daß die allgemeinen Gedanken zumal bei '
Braun etwas zu stark in den Vordergrund treten. Man j
würde gern mehr Konkretes finden. Drei Aufsätze über
„Die Ehe" (Hellmut Schreiner), „Die Frau" (Anna j
Paulsen), „Die Jugend" (Friedrich Peter) sind zu
einem weiteren Abschnitt zusammengefaßt. Es kommt >
hier darauf an, nicht nur die neue Lage zu schildern,
sondern auch die Probleme darzulegen. Dabei ist den
sexualethischen Problemen der gebührende Raum zugewiesen
. Anna Paulsen faßt so zusammen: Bei der
Frauenfrage handelt es sich heut nicht mehr um einzelne
Berufe und Rechte, die die Frau sich sichern will,
sondern um sie selbst; ob es ihr gelingt, in der Wandlung
ihrer Lage sich selbst treu zu bleiben. Peters Aufsatz
vereinigt Mitteilungen der wichtigsten Tatsachen
über die evangelische Arbeit an der Jugend mit grund- i
sätzlicher Beleuchtung. Das Tatsächliche steht im Vordergrund
, und das ist zu begrüßen. Den Schlußabschnitt
bilden Aufsätze über „Pädagogik" (Elisabeth Nitz-
sche), „Singbewegung" (Artur Ro h r m o ser), „Volksbildung
" (Wilhelm A dickes) und „Soziale Neuge- ,
staltung" (Heinz Dietrich Wendland). Gern würde |
ich mich mit Wendland über sein Thema näher auseinandersetzen
. Besonders bewegt mich seine Forderung,
daß die konkrete Gemeinschaft der Kirche nur in den
Einzelgemeinden dargestellt werden kann. In diese aber
sei die soziale Neubesinnung der Kirche noch kaum gedrungen
. Hier begegnet sich Wendland mit dringenden
Forderungen des Gemeindetages (vgl. dessen Verhandlungen
in Dortmund 1929 und Pforzheim 1930). Ich !
halte das hier eben wiedergegebene Urteil für viel zu
scharf. Aber ich begrüße Wendland gern als Bundes- 1
genossen in der Arbeit für die Gestaltung der Kirchengemeinde
zu wirklicher Gemeinschaft.

Jedem der zahlreichen Aufsätze ist eine Literaturangabe
beigefügt, die in meist glücklicher Auswahl auf
das Wesentliche aufmerksam macht. Ein Sach- und ein
Personenregister sind beigefügt. Ich habe das Personenregister
durch Stichproben nachgeprüft. Hier finden sich
leider sehr viele Lücken. Das Sachregister scheint mir
weniger anfechtbar zu sein.

Jeder Herausgeber eines solchen Sammelwerkes hat
seine Schwierigkeiten bei der Gewinnung der Mitarbeiter
. Er muß ihnen eine gewisse Freiheit lassen und
doch ein geschlossenes Ganzes zu schaffen suchen.
Kein Wunder, daß dabei Beiträge unterlaufen, die einseitig
gehalten sind, vielleicht auch manche, die berechtigten
Forderungen nicht ganz entsprechen. Niemand
darf in einem derartigen Werk seine eigenen Ansichten
suchen. Auch vielen Beiträgen dieses Buches gegenüber
müßte ich allerhand kritische Bedenken erheben. Was
man aber mit Recht suchen kann, wird geboten: eine
weitreichende große Übersicht über alles, was zur religiösen
Lage der Zeit gehört, eine Einführung in die
Hauptprobleme, die freilich dem Fachmann viel mehr
besagt als dem einfachen Leser. Dazu kommen weiterführende
Hilfen, wie die Literaturangaben. Man wird
daher ein solches Buch nicht etwa von dem Standpunkte
aus beurteilen dürfen, ob man allem, was darin steht,
zustimmen kann oder nicht. Man wird es vielmehr als
ein wertvolles Hilfsmittel zu vertiefender Einsichtnahme
in die religiösen Bewegungen im gegenwärtigen Deutschland
zu begrüßen haben. Ein solches Hilfsmittel ist es
ohne Frage, und als solches hat es erheblichen Wert.
Breslau. M. Schian.

Maurenbrecher, Max: Der Heiland der Deutschen. Der

Werf der Volkstum schaffenden Kirche. Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht 1930. (207 S.) 8°. RM 5.80; geb. 7.50.

Dieser Band stellt das Vermächtnis des unmittelbar
nach seiner Vollendung verstorbenen Verf.s dar.
M.s Wandlungen sind bekannt; daß er zuletzt wieder
den Weg ins Pfarramt genommen hatte, war vielen eine
Freude. Von M.s Stellung zu Christus und zur Kirche
reden die beiden letzten Abschnitte des Buchs (5. Der
deutsche Heiland, 6. Das Jahrhundert der Kirche). Sie
zeigen, daß er, bei aller „Wendung zur Kirche" (170 ff.),
doch in dem Einen der Gleiche blieb: er sah alles vom
Gesichtspunkt des Deutschtums, des deutschen Volks an.
Christus ist ihm „der Heiland der Deutschen" (161 ff.),
„Jesus Christus, der Lebendige, der Auferstandene, aber
so, wie ihn kraft ihrer Anlage und ihres Schicksals einzig
die Deutschen zu sehen vermögen" (165). „Werkzeug
des gestaltenden Christus in der Welt aber ist die
Kirche. Und darum ist allein die Kirche befugt, das
Wort Gottes auch über den Staat und über das Volkstum
zu sagen" (173). Sie soll es sagen als Gottes
Weisung im Streit der Parteien, Gehorsam des Glaubens
im Wirbeltanz der volkverderbenden Selbstsüchte
und Klassen" (177). So zu reden, hat sie oft unterlassen
; hier liegt ihre Schuld. Über die deutsche
Kirche und das Alte Testament spricht in solchem Zusammenhang
ein höchst beachtenswerter Abschnitt
(179 ff.). M. ist von der groben Einseitigkeit vieler
Deutschtümler gegenüber dem AT. frei; er würdigt es,
daß Jesus mit dem Prophetenwort des AT.s „unabding-
lich verbunden" ist. Zwei Linien unterscheidet er im
AT.; die eine, die prophetische, Linie führt auf Jesus
hin; er ist der Prüfstein für die Unterscheidung im
AT. Höchst bemerkenswert ist, wie M. innerhalb der
Kirche und in „bewußt kirchlicher" Arbeit das, was er
als rechtes Wort Gottes an das Volk versteht, zur Geltung
bringen wollte; er plante die Herausbildung einer
Arbeitsgemeinschaft, die eine Gemeinschaft des „Kirchenstils
" sein sollte (196 ff.). Weniger neu sind die
in den ersten 4 Abschnitten (1. Das geschichtliche Beispiel
, 2. Die Offenbarung von 1914, 3. Deutsche Propheten
, 4. Gottes Wort an die Deutschen) dargelegten