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Ausgabe:

1930 Nr. 22

Spalte:

515

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Galling, Kurt

Titel/Untertitel:

Die israelitische Staatsverfassung in ihrer vorderorientalischen Umwelt 1930

Rezensent:

Jirku, Anton

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515

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 22.

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wandten Krankheitsgöttern und illustriert die Belege mit [
dem Satz des Mar Jakob von Sarug (Homilie über den
Fall der Götzenbilder v. 71 f.), „den Assyrern gab er
(der Teufel) anstelle von Göttern die Elemente, so daß I
sie Hitze und Kälte anbeteten". Die Identität all dieser !
Dämonenpaare scheint mir zur Evidenz gebracht. Das
Ganze eine wertvolle Ergänzung zu Gunkel's Bemer-
kungen, S. 404 seines Psalmenkommentars.

P. M. Baumgarten gibt (S. 301—307) Mittei- I
lungen über „Francisco de Borjas Plan einer
Bibel ausgäbe vom Jahre 1 5 63".

Die zweite Hälfte (S. 308—413) nehmen F. Sicken-
berger's unentbehrliche „Bibliographische Notizen" ein,
die sich über die Jahre 1926—1929 erstrecken.
Kiel. H. Windisch.

Galling, Professor Lic. Dr. Kurt: Die israelitische Staatsverfassung
in ihrer vorderorientalischen Umwelt. Leipzig:
J. C. Hinrichs 1929. (64 S.) 8°. = Der Alte Orient, Bd. 28 H. 3/4.

RM 2.60.

Der Verfasser will zeigen, inwieweit zwischen dem
staatlichen Leben Israels und dem der altorientalischen
Völker parallele Entwicklungen festzustellen sind. So
erörtert er nacheinander Fragen des Territoriums, des
Königtums, des Heeres, der Beamten und der Staats- i
Verfassung. Zu allen diesen Kapiteln weiß er allerhand
Material aus der altorientalischen Umwelt Israels bei-
zubringen, das freilich noch reichlicher hätte gestaltet !
werden können, wenn der Verfasser noch weitere, sekundäre
Literatur herangezogen hätte. Als Materialsamm- <.
lung hat diese kleine Schrift zweifellos einen gewissen
Wert. Was ihr fehlt, ist ein einheitlicher und verbindender
Gedanke, der das Ganze durchziehen müßte;
dem entspricht auch der abrupte Schluß, statt dessen
man noch eine Zusammenfassung wünschen würde.
Breslau. Anton J i r k u.

Beer, Prof. D. Dr. Georg: Faksimile-Ausgabe des Mischna-
kodex Kaufmann A 50. Haag: Martinus Nijhoff 1929. (16 u.
572 Taf.) 2°. $ 90.

Neben zahlreichen größeren und kleineren Fragmenten
, die zum größten Teile aus der Geniza von
Kairo stammen, besitzen wir nur drei vollständige Handschriften
der Mischna. Von ihnen ist die erste und zugleich
wohl die jüngste, der Cod. Add. 470 (II) der
University Library in Cambridge, in dem Abdruck von
W. H. Lowe unter dem allerdings irreführenden Titel
„The Mishnah on which the Palestinian Talmud rests"
bereits seit 1883 den Interessenten bequem zugänglich
gemacht und daher auch häufig benützt worden. Die
zweite (Codex de Rossi No. 138) ist im Besitze der
Bibliotheca Palatina in Parma. Am längsten von allen
dreien bekannt, stammt sie nach ihrem früheren Besitzer
de Rossi, von dem sie auch den Namen hat, aus
dem 13. Jahrhundert; doch ist ihr Alter von ihm wohl
ziemlich überschätzt. Wohl beide Handschriften — ich
habe selbst allerdings nur die Cambridger gesehen —
übertrifft an Alter wie an äußerer Schönheit der sogenannte
Kodex Kaufmann. Erst Ende des vorigen Jahrhunderts
gelang es dem Professor an der Landesrabbineranstalt
in Budapest Dr. David Kaufmann, ihn
für seine Privatbibliothek zu erwerben, mit der er nach
seinem Tode (1899) in den Besitz der Ungarischen
Akademie der Wissenschaften in Budapest übergegangen
ist. Diese zählt ihn heute zu ihren wertvollsten Beständen
. Kaufmann selbst hat sich, obwohl er den
hohen Wert der Handschrift sofort erkannt hatte, öffentlich
niemals ausführlich über sie geäußert. Die weitere
wissenschaftliche Welt ist auf sie überhaupt erst durch
die umfassende Beschreibung aufmerksam geworden, die
ihr S. Krauß in der Monatsschrift für Geschichte und
Wissenschaft des Judentums LI (1912) gewidmet und
in der er u. a. unter genauem Eingehen auf die textliche
Eigenart des Kodex seine Zusammengehörigkeit
mit der Cambridger Mischna im Sinne einer besonderen

Textgruppe erwiesen hat. Bereits durch Krauß' Darlegungen
wurde deutlich, daß jede weitere Textarbeit
an der Mischna, die diesen Zeugen nicht berücksichtigte,
von vorn herein unvollkommen sein müsse. Trotzdem
ist es zu seiner Verwertung im eigentlichen Sinne bis
heute nicht gekommen. Das lag vor allem daran, daß
die gegenwärtige Besitzerin, ungefähr seitdem die Bedeutung
der Handschrift erkannt war, ihre Benutzung
nur noch an Ort und Stelle gestattete und sie damit der
Einsichtnahme so gut wie ganz entzog, ebenso wie ihre
weitere Erforschung damit erschwert bzw. unmöglich
wurde. An den Textausgaben von Mischnatraktaten, die
in den letzten 15—20 Jahren erschienen sind, hat sich
das in fast verhängnisvoller Weise ausgewirkt.

Der Kodex ist auf Pergament in wundervoller
Quadratschrift geschrieben, umfaßt 287 doppelseitig beschriebene
Blätter und hat u. a. auch darum Anspruch
auf besonderes Interesse, weil er allein von allen
Mischnahandschriften vollständig vokalisiert ist, dies
allerdings von einer späteren Hand, wie die etwas
blassere Tinte zeigt. Spätere Hände haben sich auch am
Texte selbst zu schaffen gemacht, aber vielfach doch so,
daß man den ursprünglichen Wortlaut rekonstruieren
kann, etwa durch Auszählung der Buchstaben. Aber
selbst unter Berücksichtigung einer Reihe von Stellen,
wo das nicht möglich ist, bleibt der hohe Wert dieses
wohl ältesten Textzeugen für den ganzen Mischnatext,
und zwar den Mischnatext in seiner reinen Form, also
ohne Gernara, bestehen.

Es kann nicht die Aufgabe dieser Anzeige sein, die
Wichtigkeit des Kodex für die textliche Arbeit an der
Mischna im Einzelnen aufzuzeigen. Wer sich dafür
interessiert, der sei auf Krauß' bereits angeführten Aufsatz
verwiesen, der allerdings als ein Provisorium anzusehen
ist. Vor allem aber möchte ich alle die, welche
mit und an der Mischna arbeiten, ermutigen, sich selbst
mit ihm zu beschäftigen, nachdem er nun in einer
ganz hervorragenden photolithographischen, von G.
Beer besorgten Reproduktion vorliegt. Es ist höchst erfreulich
, daß dieser in dem kurzen Vorwort zu der Ausgabe
noch dazu eine besondere Arbeit über die Geschichte
und die Bedeutung der Handschrift in Aussicht
stellt, die hoffentlich nicht allzulange auf sich
warten läßt. Von welcher Bedeutung für die kritische
Behandlung des Mischnatextes der Kodex ist, hoffe
auch ich selbst in einer vor dem Abschluß stehenden
Abhandlung über das Textproblem der Mischna demnächst
zeigen zu können.

Der Dank an den Herausgeber kann also gar nicht
warm genug sein, daß er es gewagt hat, an ein so kostspieliges
und umfangreiches Unternehmen wie die Her-
[ ausgäbe des Kodex Kaufmann zu gehen. Schwierigkeiten
j auf dem Wege zum Ziele hat es genug gegeben; das
1 zeigt schon die Geschichte der Edition. War sie zunächst
als Schrift der Straßburger Wissenschaftlichen Gesellschaft
gedacht, so war schließlich ihr Erscheinen nur
dadurch möglich, daß die Alexander Kohut-Gedächtnis-
stiftung, der die spätjüdische Wissenschaft schon die
Veröffentlichung manches wertvollen Werkes verdankt,
< sie unter ihre Publikationen aufnahm. Unter diesen wird
sie nun für alle Zeit einen Ehrenplatz einnehmen. Die
| Reproduktion ist so vorzüglich, daß sie das Original so
; weit ersetzt, wie es überhaupt ersetzt werden kann; so-
; gar die Unterschiede in der Farbe der von den verschiedenen
Überarbeitern benützten Tinten lassen sich
ohne weiteres erkennen. Die Herstellung hat sich über
1 Jahre erstreckt. Man wird dem Herausgeber wie allen
denen, die sie ermöglicht haben, nicht besser für ihre
Mühe danken können, als daß man dem Kodex in Zu-
| kunft nun die Beachtung schenkt, die er verdient. Im
I übrigen kann und wird die Textkritik der Mischna nur
1 Gewinn davon haben, wenn er endlich in dem Maße
[ verwertet wird, das ihm zukommt. Je länger und je
i eingehender er so benutzt wird, desto deutlicher wird
auch werden, welchen Schatz wir in ihm haben. Und