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Ausgabe:

1930 Nr. 22

Spalte:

511-514

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rosen, Georg

Titel/Untertitel:

Juden und Phönizier. Das antike Judentum als Missionsreligion und die Entstehung der jüdischen Diaspora 1930

Rezensent:

Hempel, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 22.

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Rosen, Georg: Juden und Phönizier. Das antike Judentum als
Missionsreligion und die Entstehung der jüdischen Diaspora. Neu
bearb. u. erweit, von F. Rosen u. G. Bertram. Tübingen: J. C. B.
Mohr 1929. (VIII, 185 S.) gr. 8°. RM 11-; geb. 14—.

Das vorliegende Buch ist aus Beobachtungen herausgeboren
, die sich in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts dem damaligen preußischen Konsul in Jerusalem
, dem auch für die Anfänge der archäologischen
Erforschung Palästinas interessierten und an ihr mitarbeitenden
Georg Rosen aufgedrängt haben. Die damals
gegen heute noch ungleich größere Unfruchtbarkeit
des nur mangelhaft angebauten Landes ließ ihn zu
der Erkenntnis kommen, daß aus diesem wenig ergiebigen
Stückchen Erde unmöglich eine Auswanderung so
großer Menschenmengen in die Welt hinaus gezogen
sein könne wie sie angenommen werden müßte, wenn
wirklich der damaligen wissenschaftlichen Meinung entsprechend
die jüdische Diaspora der Spätantike auf
Deportationen, Auswanderungen und Sklavenverschleppungen
beruhen sollte. Sie müsse vielmehr aus dem
Übertritt fremder Bevölkerungsschichten zur jüdischen
Religion erklärt werden, und zwar müsse angesichts des
im wesentlichen einheitlichen Typus des Juden auch dies
assimilierte Fremdelement ein einheitliches gewesen
sein. Georg Rosen fand es in den Phöniziern, die
zur selben Zeit von der Bildfläche verschwinden, die das
Hochkommen der jüdischen Diaspora erlebt hat. Auf
Grund einer Sammlung aller antiken Nachrichten über
beide Völker konnte er Ende der achtziger Jahre seine
These in feste Form bringen, das Manuskript ging jedoch
1891 in Kairo auf unaufgeklärte Weise verloren
und nur wenige Seiten vermochte er vor seinem Tode
noch wiederherzustellen. Sein Sohn, der frühere deutsche
Konsul in Jerusalem und spätere Reichsaußenminister
, der durch seine Forschungen und Übersetzungen
auf dem Gebiete der persischen Literatur und durch
seinen Vorsitz in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
um die Deutsche Orientalistik hochverdiente
Friedrich Rosen, hat die Ideen seines Vaters aufgenommen
und in einer durch den politischen Dienst
immer wieder unterbrochenen, durch Adolph Harnack
stets aufs Neue angespornten Arbeit aus den Notizen
seines Vaters und aus eigener Erforschung der Probleme
das Buch zum zweiten Male aufgebaut und nun das um
1905 hergestellte Manuskript durch Georg Bertram
noch einmal durcharbeiten und auf den Stand der Frage
bringen lassen.

Diese etwas komplizierte Vorgeschichte mußte berichtet
werden, um eine gerechte Einstellung zu dem vorliegenden
Werke zu gewinnen. Es trägt durchaus die
Spuren seiner Entstehung an sich. Die Grundthese von
der Bekehrung fremder Volksschichten zum Judentum
als Grundlage der Diaspora hat sich, seitdem G. Rosen
sie konzipierte, weithin durchgesetzt; soeben ist sie auch
in Amerika gegenüber den immer wieder auftauchenden
Spekulationen, die Verbreitung des Judentums in der
Welt auf die 722 deportierten Nordstämme zurückzuführen
, mit besonderer Kraft vertreten worden (A.
G o d b e y, The Lost Tribes, a Myth, Duke University
Press 1930). In dieser Hinsicht kann also das Werk
auf weitgehende Zustimmung rechnen. Die Art aber,
in der Bertram diese Seite der Frage behandelt, indem
er die Missionstätigkeit der Diaspora aus den inneren
Kräften der Jahwereligion hervorwachsen läßt und
vor allem die Septuaginta neben der Fremdengesetzgebung
und Fremdentypologie des Alten Testaments
ausnutzt, verleiht ihm dauernden Wert, sodaß man über
einzelne Unsicherheiten wie die Behandlung von Ex.
23, 12 in dem Abschnitt über die nachexilische Zeit
oder die gerade bei Bertram überraschende Behauptung,
das Griechisch der Septuaginta sei die Koine der
Kaiserzeit, gern hinwegsieht.

Auch die zweite These G. R o s e n s, der Zusammenhang
phönikischer und jüdischer Kolonisation
ist heute nicht mehr unerhört. Vor allem Nahum

Slouschz hat mehrfach, zuerst 1909 in einem in den
Anmerkungen mehrfach zitierten Werke, namentlich aber
in seinen den Verfassern leider entgangenen, dafür soeben
von J. J. Williams in seinen Hebrewisms of
West Africa, New York 1930 umso kräftiger ausgeschlachteten
Travels in North Africa, Philadelphia 1927
auf die hier bestehenden Zusammenhänge hingewiesen,
den „hebräischen" Anteil an der phönikischen Kolonisa-
' tion dabei freilich kräftig übertreibend. Es wäre somit,
wissenschaftsgeschichtlich angesehen, durchaus der Zeit-
I punkt gekommen, von der Behauptung der als solcher
schwerlich zu bestreitenden Möglichkeit eines Aufgehens
der Reste phönikischer Kolonisation im Diasporajudentum
zum Nachweis seiner Tatsächlichkeit überzugehen
| und damit G. Rosens Lebenswerk zu vollenden. Eine so
weitreichende Aufgabe haben sich die Verfasser nun
I freilich nicht gestellt. In klarer Erkenntnis der gewaltigen
Schwierigkeiten, die sich angesichts des Materials
und seiner Beschaffenheit einem solchen Versuch
i entgegenstellen müssen, haben auch sie sich darauf be-
| schränkt, die Möglichkeit dadurch darzutun, daß sie
■ zunächst die Voraussetzungen einer solchen Verschmel-
I zung in religiöser und kultureller Beziehung geprüft
; und sodann an einer Reihe von Punkten, vor allem
! Nordafrika und Rom, gezeigt haben, daß dort beides,
i phönikische Kolonisation und jüdische Diaspora, neben-
j einander bestanden haben, sodaß eine Aufsaugung der
ersten durch die zweite vor sich gehen konnte. Auch
insofern macht sich in dem vorliegenden Buche eine
! kluge Selbstbeherrschung geltend, als die Einheit des
Rassetypus des Juden auf das Mittelmeerbecken und
: den vorderen Orient eingeschränkt, im übrigen aber die
Beimischung andersrassiger Volkselemente angenommen
wird; damit verliert freilich der versuchte Nachweis,
daß auch auf den Handelswegen nach Indien und China
: Juden und Phönikier gemeinsam gezogen seien, an
Wert, wie er ja auch an sich über die Konstatierung
j ziemlich vager Möglichkeiten nicht hinauskommt.

Fragt man nun aber, wieweit die Verfasser ihr be-
; grenztetes Ziel erreicht haben, so bleiben erhebliche
| Zweifel zurück. Unzulänglich ist zunächst vom heutigen
Stande der Fragen aus das Kapitel „Voraussetzungen".
Weder archäologisch noch ethnologisch noch religionsgeschichtlich
sind die Forschungen der letzten zwanzig
Jahre wirklich verarbeitet, wenngleich man sich bemüht
! hat, namentlich die Arbeiten des Grafen Baudissin, aber
| auch von D. Nielsen und R. Dussaud fruchtbar zu machen
1 oder wenigstens auf sie zu verweisen. Ich sehe ganz ab
i von Sonderbarkeiten wie der Behauptung, der Sabbath
sei „bis zu einem gewissen Grade Gemeingut der Nord-
I semiten" gewesen, oder der noch überraschenderen von
' der „monolatrischen Verehrung", die „Marduk der
} Hauptgott der Babylonier" genossen haben soll, wobei
der „in der Monolatrie gegebenen monotheistischen Neigung
" freilich die doppelte „Tendenz" gegenüber ge-
standen habe, „sich die Götter vermählt zu denken" und
„die Anerkennung von an anderen Orten verehrten göttlichen
Wesen" zuzugestehen, oder von Unmöglichkeiten
wie der Behandlung des kananäischen und ägyptischen
Felsengrabes im wesentlichen an der Hand von Aufsätzen
G. Rosens aus den Jahren 1863, 1864. Ein
Blick in den Band IV, 2 des Reallexikons der Vorge-
| schichte hätte genügt, dem Leser die jetzige unzu-
I reichende Darlegung zu ersparen. Dieser ganze Abschnitt
muß bei einer Neuauflage von Grund aus neuge-
i arbeitet werden, um kananäisches und israelitisch-jüdi-
] sches, kananäisch-phönikisches und ur- bez. gemein-
j semitisches Religions- und Kulturgut sicher zu scheiden,
' ägyptische (Byblosü) und babylonische Einflüsse nach
i Bedeutung und Wirksamkeit zuverlässig zu erfassen und
abzugrenzen, vor allem aber die Religionsentwicklung
j Phönikiens selbst in ihrem Ablauf und ihren Besonder-
I heiten zu begreifen. Baudissins Zusammenstellung der
I Quellen der phönikischen Religion in ARW. 16 (1913),
' 309 ff., die den Verfassern leider entgangen zu sein