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Ausgabe:

1930 Nr. 21

Spalte:

497-504

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lange-Eichbaum, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Genie - Irrsinn und Ruhm 1930

Rezensent:

Rohden, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 21.

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Auf diese Besprechung des englischen und amerikanischen
Idealismus folgt in einem zweiten Teil eine }
Abhandlung über die Reaktion gegen diesen Idealismus,
wo außer den Namen von Lotze, Martineau, James,
Ward und Whitehead noch Vertreter der „Religionsphilosophie
" und des sogenannten „Neuen Realismus"
erscheinen. H. Lot ze, durch den Hegel erst in England
bekannt wurde, kommt vom empirischen Studium
der Phänomene aus dazu, das konkrete Einzelne der
verallgemeinernden Idee überzuordnen. Oedanken erscheinen
ihm arm gegenüber den Tatsachen und Ereignissen
der Außenwelt. In ähnlicher Weise zeigt sich
Martineau völlig unberührt vom Hegelianismus. >
Was ist, kann nur verstanden werden im Licht dessen,
was sein müßte. Die schöpferische Eigenart des menschlichen
Intellekts ebenso wie das Gewissen, die beide
in der zeitlichen Existenz ihre Erfüllung nicht finden,
werden ihm Bürgen für die Unsterblichkeit der Seele, i
Als markantester Gegner Hegels unter den modernen
Psychologen wird W. James bezeichnet, dessen philosophische
Position der Verfasser „radikalen Empinzis-
mus" nennt. Ebenso weichen Wards metaphysische
Ansichten sehr von Hegel ab. Whitehead s Philosophie
ist noch sehr fließend und mit den Problemen
ringend. Er studiert die Phänomene vom mathematischen
Standpunkt aus und hat nicht vermocht, ein
Svstem zu bilden. Die Religionsphilosophen, zu denen
Schleiermacher, Ritsehl, Kaftan, Herrmann, Troeltsch
und Otto gezählt werden, von englischen Vertretern
Green, Illingworth, Bischof Gore und Männer des Ang-
lokatholizismus, werden von den „eigentlichen" Theologen
dadurch unterschieden, daß diese letzteren vom
Erfahrungsstandpunkt der Bibel und Kirchengeschichte
ausgehen, erstere von der Erfahrung im weitesten Sinne.
Der „Neue Realismus" verwirft alle Innenschau und
gewinnt sein Wissen nur durch äußere Beobachtung.
Nur unser „Verhalten" kann genau beobachtet werden;
von hier aus ergeben sich Rückschlüsse.

Ein Stück selbständige Philosophie bietet der Verfasser
im dritten Teil seines Buches. Die Einheit der
Persönlichkeit, psychologisch und ontologisch, wird untersucht
, doch kommt es nur zu tastenden Lösungsversuchen
. Die oberste Persönlichkeit wird als regulatives
Prinzip innerhalb des Absoluten verstanden. Folgerichtiger
Theismus, philosophisch betrachtet, wird als
tiefster Gesichtspunkt für eine Erklärung der Wirklichkeit
aufgefaßt. Von hier aus ergibt sich auch die Möglichkeit
persönlicher Unsterblichkeit, die in streng logischem
Sinne nicht bewiesen werden kann, vielmehr in
der moralischen und religiösen Persönlichkeit wurzele.

Eine kritische Beurteilung des Buches von Bra-
ham hinterläßt den Eindruck, daß die tiefgründigen Gedankengänge
deutscher Philosophie nicht immer voll
ausgeschöpft sind, wo es sich um ihre Folgeerscheinungen
im englischen Geistesleben handelt. Wie weit
die selbständig entwickelten Theorien Giltigkeit beanspruchen
dürfen, haben letztlich die Vertreter unsrer
wissenschaftlichen Philosophie zu entscheiden, deren Urteil
nicht vorgegriffen werden soll.

Dortmund. H. Ooetz.

Lange - Eichbaum, Wilhelm: Genie — Irrsinn und Ruhm.

München: E. Reinhardt 1928. (498 S.) gr. 8°. RM. 13 —; geb. 16—.
Psychiatrie und Theologie gehen neuerdings mancherlei
Verbindungen miteinander ein oder setzen sich
immer schärfer auseinander. Zu den gründlichsten und
grundsätzlichsten Auseinandersetzungen gehört das
große Werk von Lange-Eichbaum „Genie-Irrsinn und
Ruhm". Mit seiner Analyse des Geniebegriffs berührt
es die Theologie an einer ihrer Wurzeln. Der Geniegedanke
nämlich, will der Verfasser zeigen, hatte es von !
jeher mit Menschenvergötterung zu tun. Er ist das I
letzte Asyl der immer mehr sich auflösenden Gottesverehrung
, „der einzige Kultus, welcher den Gebildeten die- i
ser Zeit aus dem religiösen Zerfall übrig geblieben ist",
wie schon D. F. Strauß meinte (S. 189). Und diesen i

Rest gilt es nun bis aufs letzte zu erklären, zu rationalisieren
und damit zu erledigen; die Welt vollends zu ent-
göttern.

1. Genie und Geniewerdung. Der Geniebegriff
hat eine lange Geschichte. Aber ob man an die göttliche
Personifikation der männlichen Zeugungskraft oder
an das Daimonion des Sokrates, an einen Schutz- oder
an einen Quälgeist oder an die Personifikation der geistigen
Schöpferkraft denkt und damit zur Genieauffassung
der Renaissance, wie sie heute noch gilt, übergeht
, — immer „gehen irrationalistische Tendenzen in
den Geniebegriff ein" (S. 30). Er ist „dem Gottesbegriff
ganz nahe verwandt; darum grenzt auch das
moderne Verhältnis des Verehrers zum Genie sehr oft
an religiöse Inbrunst und Ekstase" (S. 33). Eben durch
diese magische Wurzel unterscheidet sich Genie vom
bloß gesteigerten Talent. „Die Unbegreiflichkeit und
Unheimlichkeit gehört zu seinem übernatürlichen Wesen,
ebenso seine Regellosigkeit, Wildheit, Urwüchsigkeit"
(S. 34). Andererseits spricht man freilich vom Genie als
einer biologisch-psychisch höheren Stufe der Menschheit,
die vielleicht züchtbar wäre (S. 40).

Vor allem will nun Lange-Eichbaum zeigen, daß
Genie nichts biologisch Greifbares, Organisches ist, sondern
wie das Licht, ein Relationsbegriff. Niemand wird
als Genie geboren; er wird erst bei der Menschheit allmählich
zum Genie. Es handelt sich also nicht um das
Genie, sondern um die Genie w e r d u n g. Der Verbraucher
schafft das Genie; das Werk selbst und die
verehrende Gemeinde macht den Wertbringer zum Genie
(S. 82). Das Genie erhebt sich auf der Grundlage
des Eindrucks, den es hervorruft, ist also ohne diesen
Eindruck garnicht vorhanden. „Napoleon und
Goethe waren vor ihrem Ruhm keine Genies, sondern
nur Hochtalente; wären sie mit 20 Jahren gestorben
, — kein Mensch dächte daran, sie Genies zu
nennen" (S. 135). Genieheißen ist also eine Unterform
des Ruhms.

Das Eindrucksvolle gibt sich in sechs Formen
kund als das Überlegene, das Zwingende, das
Lockende, das Unheimliche, das Besondere (Fremdartige
, Staunenswerte), das Herrschende (allgemein Anerkannte
). Diesen Formen entsprechen genau R. Otto's
sechs Momente des Numinosen: das genus majestati-
cum, energicum, fascinans, tremendum, mirum („das
ganz andere") und sanetum. Lange-Eichbaum findet
diese Bezeichnungen so zutreffend und methodisch
brauchbar, daß er nunmehr ausschließlich mit ihnen,
bezw. ihren Chiffern mj, en, fc, tr, rar u. sa operiert.
Von dem Tremendum z. B. heißt es, daß jemand, der
kein tr aufzuweisen hat, viel schwerer als Genie erscheinen
kann; „er müßte schon ein gewaltiges mj mitbringen
" (S. 152). Ein starkes tr trägt auch eine
schwache Begabung unglaublich weit. Insbesondere geht
der Eindruck des tr vom Schicksal des Betreffenden
aus. Das Mindeste, ist der Tod; vorher wird selten
jemand als unantastbares Genie verehrt. Zumal das
schlimme Schicksal, wie das des Prometheus, kommt der
Geniewerdung zu gute. „Das ganze 18. Jahrhundert
schwärmte von diesem Genie-Prometheus" (S. 169). „Genies
werden gern wie Götter ,mit Seligkeit und Grausen'
erlebt" (S. 171). Das Genie war ein leuchtendes, gekreuzigtes
Sein. „Wo Scheiterhaufen flammen, wird
auch der tiefste Kern der Persönlichkeit mit erhellt"
(S. 173). „Und ebenso strahlt das goldene Kleinod des
Werkes um so heller, je mühsamer und je tiefer es
herausgehoben wird aus Dunkel und Leid" (S. 173).

Genug, bei der Geniewerdung handelt es sich um
Erweckung n u m i n o s e r Gefühle. In ihr vollzieht sich
die Dynamik des Genie-Ruhms. Neben dem Mirum-
Tremendum der äußeren Erscheinung ist es vor allem
die öffentliche Meinung, die das Genie kreiert.
Napoleon sagt geradezu: „Die öffentliche Meinung
macht alles" (S. 178). Also Genie-Wirkung ist
„Massenpsychologie". Sie kann vom kleinsten Jüngerkreise
ihren Ausgang nehmen wie bei Jesus und M u -