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Ausgabe:

1930 Nr. 21

Spalte:

484-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Alfred

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients. 4., völlig erneuerte Aufl 1930

Rezensent:

Jirku, Anton

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 21.

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doch auch weite Schichten der hebräischen Literatur, daß
man sich das Handeln dieses Gottes bedingt dachte j
durch das Handeln der Menschen (S. 14 f.). Die Sünde ,
ist Grund für eingetretenes Unheil, die Sünde, deren
Unterlassung durchaus in der Macht der Menschen
steht. Wird damit die Irrationalität göttlicher Willkür •
aufgehoben, so verlegt man doch den Schwerpunkt der I
Geschichte in das menschliche Handeln, das Gottes
Handeln nach sich zieht. Aber über diese anthropozentrische
Denkweise drängt hinaus 1. Der Glaube an I
Jahwe als den Bundesgott, der sich den Vätern als der !
wahre Gott offenbart hat und auch je und je dem Volke |
weiter offenbart (Elohist!). Er ists, der die Geschichte
seines Volkes im Hinblick auf die Geschichte der
Menschheit bildet (Jahwist). Er hat aus seiner Liebe,
nicht wegen besonderer Verdienste Israels, sein Volk erwählt
und wird seinen Eid, den er den Vätern schwur
(Deuteronomium) auch ihren Nachkommen gegenüber
halten. 2. Die Einordnung der Sünde in den Heilsplan
Gottes. Man kann wohl von einer „allgemeinen Richtung
des göttlichen Handelns" reden, würde den mißverständlichen
Ausdruck „Heilsgeschichte" besser vermeiden
. Immerhin wird dies Handeln als gegensätzlich
empfunden gegenüber der Auffassung der Geschichte
als Lohn und Strafe. An die Stelle des göttlichen Richters
tritt der Vatergott. Der Gerichtsgedanke wird dem
Heilsplan untergeordnet, sofern die Strafe erzieherischen
Zweck hat. Aber diese innerzeitliche Entwicklung wird
ihre Vollendung in der Endzeit finden, in der Jahwe
selbst und nicht der Messias die eigentlich handelnde
Persönlichkeit ist „Der Gedanke einer Geschichtsvollendung
ist im A.T. geboren" (S. 31).

Dieser Gott hat sich nun durch sein Handeln (wo- i
zu natürlich auch sein Reden rechnet) seinem Volk
offenbart, gewiß auch in der Natur, sei es durch wunderbare
außerordentliche Taten (Erdbeben, Gewittersturm
), sei es durch Herstellung des ordnungsmäßigen
Verlaufes des Ganzen (Ps. 104!), aber vornehmlich j
doch auf dem Boden der Geschichte, in der Gott selbst
sich als gegenwärtig und tätig erweist (S. 37). Aber er
ist von Anfang nicht an sein Volk und Land gebunden.
Vom Sinaj schreitet er zur Hilfe seines bedrängten Volkes
nach Kanaan (Rieht. 5, 4f. Deut. 33, 2). Er ist ein
Gott der nahe und ferne ist. Damit ist Raum geschaffen
für seine Stellvertreter („Engel", „Name", „Geist",
„Wort"), auch unter den Menschen, sei es den Heiden
(vgl. „mein Knecht Nebucadnesar", mein „Freund und
Messias" Kyros!), sei es und zwar vornehmlich Israel
(„Richter", „Propheten", „Könige"). Das was die
menschlichen Vermittler von Jahwe trennt, ist die „Unreinheit
" (Jes. 6), ist die „Sünde". Ihre Entfernung
macht die Offenbarung möglich. Aber bei alle dem
bleibt Jahwe der Erhabene und Ferne, von einer Eins-
werdung nach Weise der Mystik darf man nicht reden.

Bei diesen Erörterungen legt sich von selbst die
Frage nahe nach „der Stellung des A.T. in der Geschichte
des religiösen Bewußtseins". Und dieser Frage
ist der II. Teil (S. 49—83) gewidmet. Da ist von
Wichtigkeit, daß den Inhalt der Offenbarung nicht eine
Gotteslehre spekulativ-mystischen Charakters, sondern
der göttliche Wille bildet. Dieser voluntative Gottesbegriff
, der bedingt ist durch den voluntaristischen Charakter
des israelitischen Seelenlebens überhaupt, wird
nun anderseits durch einen stark rationalen Zug berührt,
der darauf drängt, die Buntheit des Lebens des Einzelnen
wie der Völker auf eine einheitliche Formel zu
bringen. Diese Rationalisierung zeigt sich vor allem auf
dem Gebiet der Ethik, man denke an die Betonung der
„Lehr- und Lernbarkeit der Jahwereligion". Sie zeigt
sich auch in der Prophetie bei dem Appell an die Vernunft
und das Wissen der Hörer (Arnos 3, 3 ff.). Dazu
kommt noch, was eine Zeichnung der Frömmigkeit des
A. T. besonders zeigt, eine realistisch-impressionistische
Struktur, ein Haften am Einzeleindruck — was Israel
mit einer bestimmten Strömung des altorientalischen |

Geisteslebens gemein hat. — Wje kann nun eine solche
Religion mit allen Bedingtheiten und Schranken einer
solchen zugleich ewige Größe, Anfang eines Gottes-
reiches sein? Und wie kann die Urkunde dieser
Religion uns noch als Offenbarungsurkunde gelten? —
Die Schwierigkeit einer theologischen Erfassung des
A. T. liegt nicht sowohl in der zeitgeschichtlichen Bedingtheit
, sondern darin, daß sich uns nicht das Ganze
des A. T. als lebendiges Gotteswort bezeugt. Die große
Aufgabe der Zukunft ist die theologische Begründung
des Kanons. Also Hempel. — Man kann und wird
diesen Ausführungen im Ganzen nur zustimmen können
und ihrer Weiterbildung mit Spannung entgegensehn.
Bonn. Johannes Me i n h o 1 d.

Klein, Rabbiner Prof. Dr. Samuel: Galiläa von der Makkabäer-
zeit bis 67. (Sonderabdr. aus „Jüdische Studien".) Wien [II, Heine-
Straße 16]: Verb. „Menorah" 1928. (IV, 63 S.) gr. 8°. = Palästina-
Studien, H. 4.

Das Heft setzt sich zum Ziel, gegen Schürer u. a.
den Nachweis zu erbringen, daß Galiläa schon in der
Makkabäerzeit und dann in den folgenden Jahrzehnten
in starkem Maße judaisiert war, und zwar keineswegs
durch Proselyten, sodann durch echte Juden (S. 20 f.).
Es ist im Grunde ein Streit um das Mehr oder Weniger.
Denn daß es in der angegebenen Periode in Galiläa jüdische
Siedelungen gegeben hat, wird von keinem Einsichtigen
bestritten. Ihre Zahl, Größe, Bedeutsamkeit,
das ist es, was man wissen möchte. Die Aufklärung
aber, die man darüber von Kl. empfängt, ist nicht sehr
erheblich. Er macht von einigen galiläischen Ortschaften
wahrscheinlich, daß sie jüdische Bewohner gehabt
haben. Aber man hat nicht den Eindruck, daß er
seine Ergebnisse aus unbefangener Prüfung der Quellen
gewänne. Vielmehr stehen sie ihm von vornherein fest.
An der Richtigkeit talmudischer Notizen oder daran,
daß des Josephus Zahlen- und sonstige Angaben zutreffend
seien, zweifelt er nicht. Aber wenn es l.Makk.
5, 23 heißt: „Simon nahm die in Galiläa befindlichen
Juden samt Weibern und Kindern und allem, was ihnen
gehörte und führte sie nach Judäa", so darf man diesen
Bericht dahin verstehen, daß „Simon die Bewohner
nur aus den gefährdeten Gegenden und
Orten ausgezogen habe, während er die übrigen an
Ort und Stelle wohnen ließ" (S. 17).

Aus der Feststellung „in der zu Galiläa gehörigen
Ebene Jizre'el gab es jüdische Siedlungen" (S. 9) ist
unter der Hand geworden „die große Ebene war eben
nicht heidnisch sondern jüdisch" (S. 13). Von der
„überragenden Bedeutung der galiläischen Judenheit im
großen Kriege" (S. 70) vernehmen wir auch jetzt wieder
, ohne daß der Bericht des Josephus der so dringend
nötigen kritischen Behandlung unterworfen würde. Dagegen
wird uns eine Beweisführung zugemutet wie die:
„Alexander zog mit 30 000 Juden dem Gabinius entgegen
, wurde aber am Tabor geschlagen. In einer
heidnischen Umgebung hätte Alexander einen Angriff
sicherlich nicht gewagt" (S. 30).

Im Gegensatz zur rabbinischen Literatur wird Josephus
in recht unzureichender Weise, werden die Evangelien
so gut wie gar nicht verwertet. Die Frage nach
der Bedeutung der Schriftgelehrsamkeit für das damalige
Galiläa ist von Kl. der Lösung nicht näher geführt
worden. Leider ist seine Arbeit durch zahlreiche
Druckfehler, auch falsche Stellenangaben verunziert.

Göttingen. w". Bauer.

Jeremias, Prof. D. Dr. Alfred: Das Alte Testament im Lichte
des Alten Orients. 4., (Deutsche) völlig erneuerte Aufl. Mit 293
Abb., 3 Ktn. Deutsches u. hebr. Motivregister, Register d. neutesta-
mentl. Stellen. Leipzig: J. C. Hinrichs 1930. (XVI, 851 S.) gr. 8°.

RM 42—; geb. 45—.

Der Verfasser hat es sich in seinem, nunmehr in
4. Auflage erscheinenden Werke zur Aufgabe gemacht,
darzustellen, wie das Alte Testament im Lichte des
Alten Orients weitaus besser verstanden werden kann