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Ausgabe:

1930 Nr. 19

Spalte:

437-438

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sellin, Ernst

Titel/Untertitel:

Das Zwölfprophetenbuch, übers. u. erkl. 2. u. 3., umgearb. Aufl. 1. Hälfte: Hoesa - Micha. 2. Hälfte: Nahum - Maleachi 1930

Rezensent:

Staerk, Willy

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 19.

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sehen, die mit der Ursünde ihren Anfang genommen hat, nicht
eine Erbsünde im kirchlich - dogmatischen Sinne. Ebenso ist diese
Jesus völlig unbekannt. Paulus aber kommt von seiner Betrachtung
des .Menschenwesens aus, wonach das Fleisch zwar nicht die Sünde
selbst, aber doch der Sitz der Sünde ist, zu einer Anschauung, die
nahe an die magische Auffassung grenzt und die dann in der weiteren
Entwicklung unter dem Einfluß des Brauches der Kindertaufe, namentlich
durch Augustin, dem ehemaligen Manichäer, bis zum Einklang mit der
primitiv-magischen Vorstellung verschärft wird. — S. 538—544 beginnt
Maude Petre eine Abhandlung über „Das Schicksal des
Lamennais", worin sie dessen Philosophie im einzelnen zergliedern
will, mit einer allgemeinen Schilderuug dieses Feuerkopfes und des
unmöglichen Zieles, das er sich gesetzt hatte.

München. Hugo Koch.

Sellin, Prof. D. Ernst: Das Zwölfprophetenbuch, übers, u. erkl.

2. u. 3., umgearb. Aufl. 1. Hälfte: Hoesa-Micha. (VIII, 352 S.)

2. Hälfte: Nahum-Maleachi. (V, S. 353-619). Leipzig: A. Deichert

1929 30. gr. 8°. = Kommentar z. A. T., Bd. XII.

1 Hälfte RM 14—; geb. 16.50.
2. Hälfte RM 11- ; geb. 13.50.
Die verhältnismäßig kurze Zeit zwischen der 1. und
2. Doppel-Auflage dieses Kommentars hat der Verf.
zu eingehenden Studien an den vielen Problemen benutzt
, die die Sammlung profetischer Literatur im Do-
dekaprofeton stellt, und diese unermüdliche Weiterarbeit
ist der Exegese in allen Teilen des Kommentars zu gute
gekommen. So ist das, was S. fetzt vorlegt, weithin
ganz neue Arbeit, die der Schrifterklärung eine Fülle
von Anregung zu kritischer Auseinandersetzung bietet.
Daß sich die nachbessernde Hand des Forschers in unzähligen
Einzelheiten zeigt, ist ja selbstverständlich.
Aber nicht jeder at. Exeget wird, wie der verehrte
Verf., so beweglich und zugleich so wenig auf einmal
gefaßte Meinungen eingeschworen sein, daß er kein
Bedenken trägt, das in der 1. Anlage des Buches exegetisch
Verteidigte mit einem entschlossenen Federstrich
zu tilgen und auf Grund der fortschreitenden exegetischen
Arbeit anderer neue Resultate an die Stelle davon
zu setzen. S. hat den Mut dazu gehabt, und das
gibt seinem Kommentar erhöhte Bedeutung im gegenwärtigen
Stadium der at. Exegese. Nimmt man dazu,
daß die inzwischen erschienene Literatur fast vollständig
verarbeitet worden ist, so darf das Werk als eine hervorragende
Leistung deutscher theologischer Gelehrtenarbeit
begrüßt und zur Beachtung nachdrücklich
empfohlen werden.

Immerhin bleiben kritische Bedenken genug, bei
aller Anerkennung der gesunden exegetischen Methode,
die den Verf. immer weiter hat abrücken lassen von
der Übersteigerung in den literarkritischen Ansätzen der
Zeit, die etwa durch den Martischen Kommentar zu dem
Zwölfprofetenbuch tvpisiert wird. Ich greife einiges
heraus. Es ist mir zweifelhaft, ob die jetzt vorgelegte
Aufteilung des Hosea Bestand haben wird: 1, 2—9; 4a
und 6; 4, 11 jetzt am Anfang gelassen; 7, 8—12 von
13—16 getrennt; Kap. 9 in 4 Sinnabschnitte zerlegt,
dagegen Kap. 11 1—11 nicht mehr geteilt; am Schlüsse
4. Abschnitte 12,1-2; 12,3-13,1; 13,2-11; 14,
2—10. Die Verwendung der gattungsgeschichtlichen
Forschung zur Erklärung solcher Schriften wie Joel,
Nahum und Habakuk (profetische Liturgien, bzw. Festliturgien
) bedeutet sicher einen Fortschritt in der Erkenntnis
, aber es bleibt dabei die Frage offen, ob man
Nahum wegen der genauen Angabe 2, 7 und 3, 13
hinter 612, oder noch bestimmter mit Humbert (Archiv
für Orientforschung 1928, 14 ff.) August 612 ansetzen
darf; desgleichen die Frage, ob nicht Hab. 1, 5ff. als
babylonische Umdeutung eines auf das assyrische
Imperium in seiner höchsten Machtentfaltung im 7.
Jahrhundert gehenden Profetenspruches anzusehen ist,
wofür mir nach wie vor die enge Verwandtschaft der
Schilderung der Größe der Weltmacht in Nahum und
Habakuk zu sprechen scheint. Daß S. die von Duhm
^gebrachte Hvpothese vom Ursprung des Buches
Habakuk in der Zeit Alexanders d. Gr. hat fallen lassen,

a n ei als einer der großen Fortschritte dieser 2.
Autlage besonders zu begrüßen.

Entgegen seiner ursprünglichen Absicht hat Verf.
über der Revision sich entschlossen, auch seine Ansicht
J von der Entstehung des sog. 2. Sacharja ganz neu zu
; formen. Während er in der 1. Auflage gegen die zeitgeschichtliche
Erklärung des schwierigen Abschnittes
11, 4 ff. 13, 7—9 stark polemisierte und den Weg der
eschatologischen Erklärung durch den Text gewiesen
fand, setzt er sich jetzt für die (auch vom Ref. vor fast
40 Jahren in seiner Doktordissertation vertretene) zeitgeschichtliche
Erklärung ein: er sieht in den 3 Hirten
von 13, 8 die Tobiden Simon, Menelaus und Lysi-
machus, und deutet den bösen Hirten auf Menelaus.
Freilich wird das alles mit großer Zurückhaltung vorgetragen
, was ja auch bei der apokalyptischen Dunkelheit
der Aussagen methodisch gerechtfertigt ist. Der getötete
gute Hirte wird dann folgerichtig, aber mit dem
eschatologischen Grundzuge der eigenartigen Darstellung
in Kap. 11, 4 ff. doch nicht recht vereinbar (vgl.
S. 545 „eine geheimnisvoll und in Anlehnung an Ez.
34, 37 gezeichnete Gestalt") auf Onias III. gedeutet.
Ob diese Lösung des Problems von Sach. 9 ff. befriedigen
wird, erscheint mir zweifelhaft.

Aber ich will nicht mit Kritik schließen. Sellin hat
uns aus seinem feinen Verständnis der Profetenschriften
und aus mühevoller Kleinarbeit heraus wieder soviel
Wertvolles in seinem Kommentar geboten, das lebhafter
Dank der Grundton der Besprechung sein und
bleiben soll.

Jena. V. Staerk.

Flebig, Rani: Der Talmud, seine Entstehung, sein Wesen, sein
Inhalt, unter bes. Berücksichtige, seiner Bedeutung f. d. neutestamentl.
Wissenschaft dargest. Leipzig: E. Pfeiffer 1929. (VI, 140 S.) gr. 8°.

RM 5.50.

Trotzdem derartige allgemein gehaltene Einführungen
über den Talmud zur Genüge vorhanden sind,
rechtfertigt sich das Erscheinen dieses Schriftchens dadurch
, daß es im Zusammenhang mit der neuen Übersetzung
des babvlonischen Talmud von Lazarus G o 1 d-
schmidt (Berlin 1929) auf den Plan tritt und offenbar
dazu bestimmt ist, zum Gebrauch jener Übersetzung
anzuleiten. Der Gegenstand ist so weit als möglich gefaßt
: Nicht nur Mischna und Gemara, sondern auch
Kabbala und Gebetbuch werden besprochen. Unglücklicherweise
hat der Verfasser in die Darstellung noch
zwei andere Zwecke verwoben: auf die Beziehungen
zwischen Talmud und Neuem Testament hinzuweisen
und den Talmud gegen antisemitische Angriffe in
Schutz zu nehmen. Dieser dreifache Zweck wäre besser
in gesonderten Abschnitten zur Sprache gekommen, an-

j statt wie jetzt bald hier, bald dort aufzutauchen und die
Lesbarkeit und Übersichtlichkeit des Buches außerordent-

, lieh zu erschweren. Man kann nicht Darstellung, Neues
Testament und Apologetik in einem Atem behandeln.

Bei einzelnen Punkten empfindet man eine gewisse
Einseitigkeit; z. B. bedürfte der Satz: „Es handelte sich
(für die Rabbinen) darum, das mosaische Gesetz auf
die fortschreitende geschichtliche Entwicklung anzuwenden
" (S. 5 f.) — der Ergänzung, daß in vielen Partien
der Mischna und Gemara doch auch völlig theoretische
Luft herrscht, und die Gesetzesspekulation sich so oft
im leeren Raum ergeht, was sich durch Beispiele wie

| Jadajim 4, 3 anschaulich machen ließe (Eli'ezer ben

I Hyrkanos weint vor Rührung, als Jose von Jabne ihm
erzählt, nun sei mit Mehrheit entschieden, daß auch
Moab und Amnion im Sabbatjahre den Armenzehnten
entrichten müssen). Von Interesse wäre auch gewesen,
zu zeigen, daß einzelne Halakhot (z. B. eine Anzahl
Schächtgebote) ihren wahren Ursprung in alten religionsgeschichtlichen
Zusammenhängen haben, und daß
ihnen die biblische Begründung und Beziehung zur Tora
erst künstlich vorgeheftet worden ist.

Den evangelischen Theologen wird am meisten der
Hinweis auf die Beziehungen zum Neuen Testament
interessieren. Wofür F. seit langen Jahren eingetreten

! ist, und was Gerhard Kittel in seinen „Problemen des