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Ausgabe:

1930 Nr. 19

Spalte:

435-437

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buonaiuti, Ernesto

Titel/Untertitel:

Ricerche Religiose. Vol. V 1930

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 19.

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trägen wirkungsvoll zur Geltung, ruft freilich jetzt, wie
stets, auch Widerspruch wach. Daß sich geschichtliche
Entwicklungen niemals durch Mißverständnisse vollziehen
(S. 85), scheint mir übertrieben. Und wenn das
Christentum den Mithraskult deshalb aus dem Felde
geschlagen haben soll, weil es den „historischen Jesus"
besaß (S. 157), so ist das wohl mehr stimmungsgemäß
geurteilt als historisch richtig gesehen. In der Zeit, in
der die Entscheidung fiel, zog das Christentum aus dem
historischen Jesus gewiß nicht die stärksten seiner
Kräfte.

Dem Druck würde eine aufmerksamere Überwachung
gut getan haben. Versehen wie Neandermuster
(S. 59), Oronthes (64), Origines (94), Thiatyra (118),
amblichius (119), Ponthus (148) hätten in einer
chrift Greßmanns nicht stehen bleiben dürfen.
Göttingen. W. Bauer.

Rlcerche Religiöse, dirette du Ernesto Buonaiuti. Vol. V. Roma
(37) [Via Giulio Alberon 7]: E. Buonaiuti 1929. (568 S.) gr. 8°. 50 L.

H. 1, S. 1 —19: Anknüpfend an sein, von Buonaiuti auch ins
Italienische übersetzte Buch über „Das Heilige" handelt R. Otto über
das „Gotteserlebnis bei den Propheten", näherhin bei Jesaia,
als Vorstufe zur christlichen Gotteserfahrung: Gott ist das „Ganz Andere",
ist Geist, das „Numinose", Leben, Licht, Wahrheit in einzigartiger,
wunderbarer und tatkräftiger Weise, ist Gott des Bundes, des Heiles
und der Gnade, und hierin kündigt sich der Gott des Evangeliums,
der „suchende Gott", der dem Verlorenen nachgeht, der seine „Herrschaft
" in der Endbeseligung verwirklicht. — S. 20—34 und in H. 2,
S. 109—136 setzt Hock seine „Sintesi Stoica" fort (siehe diese
Ztg. 1929, Sp. 76), indem er weiter den Wandlungen des Gottesbegriffs
in der griechischen Philosophie nachgeht. — S. 35—49 erörtert Sereni
als Fortsetzung seiner Studien über „Das Buch Tobit" (siehe diese
Ztg. 1929, Sp. 73) das Verhältnis des weisen Achikar zum Helden des
Buches nach den verschiedenen Fassungen im cod. Vaticanus und im
cod. Sinaiticus. — In dem Artikel „Der Stil der alten Glaubenserklärungen
" (S. 50—59) zeigt H. Koch an zahlreichen Belegen,
daß Formeln wie 'Eyco olöa xtX nicht, wie behauptet wurde, der
römischen Kirche eigentümlich und Kennzeichen einer „Kathedralentscheidung
" sind, sondern zu einem allgemeinen kirchlichen Brauche
gehörten, der wahrscheinlich von Kleinasien ausgegangen war. — S. 60 - 67
legt Buonaiuti zur Ergänzung einer Studie von Delehaye und zur
Beherzigung durch die Archäologen den Bedeutungswandel des Wortes
„Ref ri g eri um" bei Tertullian und in der abendländischen Christenheit
dar, das zuerst auf die Agapen, ohne jede Beziehung auf die Verstorbenen
, angewandt wurde und dann im Kampfe gegen die spiritua-
listische Eschatologie Marcions in den Dienst der realistischen Vorstellungen
über das Jenseits und die Beziehungen zwischen Lebenden
und Hinübergegangenen getreten ist.

In H. 2 möchte Lowrie in seinen Ausführungen „O Fede
O Religione" (S. 97—108) das Christentum aus geschichtlichen und
sachlichen Gründen nicht eine „Religion", sondern einen „Glauben",
einen von Christus geoffenbarten Glauben, genannt wissen. — S. 137—163
und in Ergänzung dazu in Ii. 6, S. 523—537 sucht H. Koch entgegen
der herrschenden Meinung, daß Cyprian vom vorausgegangenen
griechischen christlichen Schrifttum nichts gekannt habe, zahlreiche Berührungen
mit griechischen Schriftstellern nachzuweisen,
vor allem mit Irenäus, der ihm allerdings wohl schon lateinisch vorgelegen
habe, aber auch mit Justin, Hippolyt, der Didache, den beiden
Klemensbriefen, Hermas, der Grundschrift der Ps.-Klementinen und der
Didaskalia. Seine Bekanntschaft mit Irenäus darf als sicher gelten, und
die andern Ubereinstimmungen zeigen zum mindesten, daß er im Strome
der damals in der Kirche herrschenden Gedanken und Ausdrucksformen
stand. — S. 164 — 173 spricht Maude Petre in geistvoller Weise von
den „Schöpferischen Elementen im religiösen Gedanken
Tyrrells", namentlich von seinem Grundgedanken „Lex orandi, lex
credendi". S. 174-179 weist Zoller unter dem Titel „La Psico-
analisi e la scienzadell' Ebraismo" auf Übereinstimmungen
von Symbolen der Psychoanalyse mit Wortbedeutungen in semitischen
Sprachen hin, die umso merkwürdiger seien, als Freud nach seinem
eigenen Geständnis davon nichts wisse und auch vom Unterricht im
Hebräischen, den er in seiner Jugend genossen, nur noch verblaßte Erinnerungen
habe. Andererseits tadelt der Verf. die Einseitigkeit und den
„Apriorismus", wodurch manche Forscher dem „sapere ebraico" und der
Psychoanalyse selber nur schadeten.

H. 3, S. 193—200 zeichnet Lowrie den heutigen „humanistischen
Optimismus hinsichtlich des Menschen" als eine „Chiesa senza
pentimento" und als Seitenstück zur „Kirche ohne Glauben" in
Oskar Wildes „De profundis" ; er selber denkt an eine „Chiesa (,1a
congregazione di El') colma di Elohim penitenti". — S. 201—222
handelt Benz von der „Preghiera individuale in Geremia":
das religiöse Leben dieses Propheten bewegt sich auf der Linie innigster

Verbundenheit mit Gott und er ist so durch seine geschichtliche Wirkung
ein unmittelbarer Vorläufer Jesu Christi geworden. — S. 223—232 beleuchtet
Hendrix den namentlich von Ps.-Dionysius ausgeprägten
„Mystischen Charakter der byzantinischen Liturgie"
im Unterschied von der nüchterneren, mehr „juridischen" Haltung der
römischen actio. Zur Fortsetzung seiner Studien über Joachim von
Floris (siehe diese Ztg. 1929, Sp. 75) zeigt Buonaiuti unter der
Überschrift „II simbolismo Gioachimita" (S. 233—244) an
mehreren Beispielen, wie vorsichtig man zu Werke gehen müsse, um
bei Abgrenzung der damaligen mystisch-spekulativen Strömungen vor
Mißverständnissen bewahrt zu bleiben, und in H. 5, S. 392-411 gibt
er unter dem Titel „II misticismo di Gioacchino da Fiore"
weitere Anhaltspunkte zur richtigen Erklärung und Würdigung des
Sehers von Calabrien. — S. 245—250 berichtet Jos. Schnitzer über
„Das Zweigeschlechterwesen bei den primitiven Völkern
", näherhin bei den Gunantuna im Bismarck-Archipel und bei den
mittelaustralischen Stämmen der Aranda und Loritja, im Anschluß an
das außerordentlich lehrreiche Buch von J. Winthuis (1928). —
S. 251—258 gibt Buonaiuti eine italienische Übersetzung der
Irrisio philosophorum gentilium des Herrnias.

H. 4, S. 289—317 zeichnet Lowrie in seiner verblüffenden,
zum Widerspruch reizenden Art „Due profili: il protestante
e il cattolico", die hier nicht in verkleinertem Maße wiedergegeben
werden können, ohne daß die beiderseitigen Schiefheiten noch schiefer
herauskämen. Der Herausgeber Buonaiuti hat S. 317 f. vom katholischen
Standpunkt aus Vorbehalte angebracht; ebensowenig wird der Protestant
alles unterschreiben, was hier über seine Haltung gesagt ist. — Im
Gegensatz zur Anschauung von R. Paribeni, La Famiglia Romana (1929)
will Niccoli in seinem Aufsatz „Famiglia Roma na e Familia
Christiana" (S. 319—334) den tiefgehenden Unterschied des christlichen
Familiengedankens von dem des römischen Rechtes herausstellen und
er erörtert zu diesem Zwecke nach einem kurzen Blick auf die wesentlich
soziale u. politische Abzweckung des letzteren zunächst die Anschauung
des N. T.s hierüber, die der ganzen Haltung des Urchristentums entsprechend
zur römischen in Gegensatz steht und bei Paulus in den
Kirchengedanken einbezogen ist. — S. 335 — 338 trägt Buonaiuti
im Hinblick auf eigene Erlebnisse und zur Rechtfertigung seines Verhaltens
einige Gedanken über „Critica storica ed esperienza
cristiana" vor. - S. 339—346 handelt Zoll er, selber von Geburt
Jude, über „La forza unificatrice e disgregatrice nella
religione di Israele" mit Belegen aus der jüdischen Geschichte.

H. 5, S. 385-391 erklärt derselbe Zoller das „Zum Zeugnis
für sie" (Mt. 8,4) gegen Zeitlin, der in der Revue des Stüdes Juives
1929, S. 79 ff. diese Stelle unter Änderung des Textes von der Halachah
her deuten möchte, mit Recht in dem Sinne: für sie, die keine andere
Reinigung gelten lassen als die amtlich bestätigte (sc. nicht für mich,
der ich dich wegen deines Glaubens an mich gereinigt habe). —
S. 412 — 428 beginnt Costa eine Abhandlung über „L'essenza del
reale in Duns Scoto", indem er zunächst einen kurzen, natürlich
nicht erschöpfenden Überblick gibt über die wechselnde Schätzung des
berühmten Franziskaners im Laufe der Geschichte und dann seine eigene
Auffassung im allgemeinen ausspricht, wonach Duns die Scholastik u.
Denkweise seiner Zeit überwunden hat, aber keineswegs als Vorläufer
des Idealismus angesprochen werden kann. — S. 428—434 berichtet
Schnitzer über „Das Leben Savonarolas, geschrieben
vom Grafen Giovanfrancesco Pico von Mirandola", dem
Neffen des berühmten Philosophen Giovanni Pico und glühenden, aber
auch leichtgläubigen u. wundersüchtigen Bewunderer des Predigers von
San Marco. Die vita liegt in drei Fassungen, teils handschriftlich, teils
gedruckt vor, und alle drei stammen von Pico selber, der die ursprüngliche
kürzeste Fassung nach und nach erweitert hat. — S. 435—439
wendet sich Anna Celli, die Witwe des Erforschers der Geschichte
der Malaria Angelo Celli, gegen Schnitzers Anschauung, daß Alexander
VI an Gift gestorben sei (siehe diese Ztg. 1929, Sp. 359f.), und
stimmt für Malaria als Todesursache. — S. 440—453 gibt Maria
Zappalä, die in den Ricerche 1925, S. 132ff. u. S. 327ff. über
Tertullians Schrift de pallio gehandelt hat (siehe diese Ztg.
1926, Sp. 128 u. 495), eine italienische Übersetzung dieser Schrift.

In H. 6 zeigt Buonaiuti in dem Aufsatz „ Contraddizioni
salutari. Intorno al „De civitate Dei" (S. 481—493), wie
in dieser „sozialen Apologie des Christentums", an der Augustin viele
Jahre arbeitete, Optimismus und Pessimismus miteinander ringen und
der letztere unter dem Einfluß des Kampfes gegen Pelagius immer mehr
die Oberhand gewinnt. — S. 494—522 handelt Schnitzer über
„Die Erbsünde in der Religionsgeschichte", im Anschluß
an das Werk von R. Pettazzoni, La confessione dei peccati (I. Bd. 1929):
Die Naturvölker betrachten das Böse als einen Giftstoff, der durch Übertretung
eines sozialen Gesetzes oder des Tabu, namentlich durch ein
geschlechtliches Vergehen, in den Leib eindringt, durch das laute Bekenntnis
aber wieder ausgestoßen wird. Diese magisch-stoffliche Auffassung
von der Sünde hat auch im A. T. Spuren hinterlassen, so in
der Erzählung vom Sündenfall der Stammeltern und seinen Folgen im
III. Kap. der Genesis. Doch kennt das A. T. und das spätjüdische
Schrifttum nur eine tatsächliche allgemeine Sündhaftigkeit der Men-