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Ausgabe:

1930 Nr. 18

Spalte:

419-421

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Streit, Carolus

Titel/Untertitel:

Atlas hierarchicus. Ed. II 1930

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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419

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 18.

420

soll freilich hier (WA. 3, 174) der Zorn Gottes noch
„vorangestellt" bleiben. Er sei das eigentliche Thema
dieses Abschnitts. Das will mir nicht einleuchten. Denn
Luther entwickelt hier so deutlich und sicher wie später
die für sein Verständnis der Rechtfertigung grundlegende
Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zorngericht
stehen und daß wir allein durch Christus, also unter
Verzicht auf alle Zusätze der Scholastik zum Glauben
gerettet werden. Gewiß hat Luther die erste Erkenntnis
„vorangestellt". Aber nicht, weil er noch nicht von der
zweiten sicher zu zeugen vermochte, sondern weil nur
auf der Grundlage der aus der Offenbarung des Evangeliums
gewonnenen Erkenntnis des über allen ohne
Unterschied schwebenden Zornes Gottes die Vergebung
und Rettung durch Christus allein erwächst. Darum
erinnert er zunächst an Rom. 1, 18. Aber dies Wort ist
ihm mit Rom. 1, 17 eine in sich geschlossene Einheit.
Die dem Zitat folgenden Erläuterungen „sensus est"
usw. lassen dies auch anschaulich genug erkennen. Was
also diese Scholien bieten, ist das reformatorische Verständnis
der ira und iustitia dei (vgl. dazu meine Ausführungen
im § 13 der 3. und 4. Aufl. meines zweiten
Lutherbandes, besonders S. 593). Als Luther die Scholien
zum 30. Psalm niederschrieb, war er und wußte
er sich demnach schon im Besitz der neuen Erkenntnis.
Nicht erst, als er den Scholien zum 70. Psalm sich zuwandte
, hat er die entscheidende Entdeckung gemacht.
Ich möchte deswegen für wahrscheinlich halten, daß
Luther schon im Herbst oder Winter 1513 die neue
Gottesanschauung besaß. Vogelsang selbst hat auch des
öfteren Ausführungen der Psalmenvorlesung, die vor
den Scholien zum 70. Psalm liegen, zur Erläuterung des
neuen religiösen Verständnisses Luthers herangezogen
(vgl. S. 150 Anm. 4 und S. 151 Anm. 1), also anscheinend
seinen eigenen Ansatz nicht festzuhalten vermocht.

Auf Weiteres möchte ich mich hier nicht einlassen.
Einiges habe ich in der neuen Auflage meines 2. Lutherbandes
behandelt. Anderes könnte nur in längeren Ausführungen
erörtert werden. Mein Gesamturteil über
Vogelsangs Untersuchung würde davon nicht berührt
werden.

Kiel._Otto Scheel.

Fehleisen, Georg: Die Bauten des Klosters Alpirsbach.

Mit 19 Taf. u. Zeichn. Leipzig: B. G. Teubner 1929. (III, 32 S.

u. 19 Taf.) gr. 8°. = Beiträge z. Kulturgesch. d. Mittelalters u. d.

Renaissance. Hrsg. v. W. Goetz. Bd. 39. RM 4—.

Um die Baugeschichte des Württembergischen Klosters
Alpirsbach zu ergründen, geht der Verfasser eigene
Wege. Er eruiert die in den Grundformen desselben zu
Trage tretenden Maße und zeigt, wie sie die Gestaltung
des Baues folgerichtig bedingten. Damit rechnet er um so
mehr, weil Nachgrabungen seine Aufstellungen zu bestätigen
scheinen. Auch ist dadurch allein den Grundsätzen
, die die Hirsauer Klosterschule nach dem Vorbild
Clunys an ein Kloster stellte, Rechnung getragen.
Allerdings ist Alpirsbach kleine skavische Nachbildung
Hirsaus, es wahrt vielmehr trotz aller Verwandtschaft
seine Eigenheit. Weitere Nachforschungen müssen
zeigen, ob alle Ergebnisse dieser Rückschlüsse den
Tatsachen entsprechen; die Einsichtnahme der literarischen
Überlieferungen wird sich doch nicht umgehen
lassen; verdienstvoll aber ist, wie gezeigt wird, wie in
der ganzen Bauanlage die von Cluny kommende Richtung
sich verkörpert.

Roth.___Karl Schornbaum.

Streit, P. Carolus: Atlas hierarchicus. Descriptio geographica
et statistica sanctae Romanae ecclesiae tum occidentis tum orientis
juxta statum praesentem. Accedunt nonnullae notae historicae necnon
ethnographicae. Ed. II. Paderborn: Bonifacius - Druckerei 1929.
(VII, 2 S., Doppel. 3-65, S. 66-68, 47* S. 38 [färb. Kt. H.
Doppeibl.] Kartenbl., 3 Kt. S., XIII S.) 2°. geb. RM 50—.

Dieser Atlas besteht aus drei Teilen. Der erste
gibt geschichtliche Notizen über die Entstehung der
katholischen Kirche für jedes einzelne Land. Der
zweite enthält statistische Tabellen, welche Zahl der
Katholiken, „Akatholiken", Erzdiözesen, Diözesen, Vika-

j riate, Präfekturen, und dann die der Dekanate, Pfarreien,

j Weltpriester, Ordenshäuser und Ordensleute und Seminaristen
für jede einzelne Diözese usw. enthält. Der
dritte bringt Karten, für Europa meist im Maßstab 1:3
Mill., für die andern Länder meist 1:10 Mill., in welche
Archidiözesan- und Diözesangrenzen eingetragen sind,
Orte von Bistümern usw., aber auch Seminarien, Wallfahrtsorte
usw. durch Zeichen kenntlich gemacht sind.

Wer selber jemals konfessionskundliche Statistiken
für Kollegzwecke versucht hat, weiß, daß die gegebnen
Zahlen und Auskünfte relativen Wert haben. Wenn
z. B. für China ohne Angabe eines Jahres 2 377 459
Katholiken, 370 833 Katechumenen und 439 677 583
Akatholiken festgestellt werden, so wird niemand diese

I Zahlen für mehr als Anhaltspunkte nehmen. Zugrunde

I liegen für die Gesamtbevölkerung die Angaben von O.
Hübner's geographisch-statistischen Tabellen (wohl
Jahrgang 1927). Ich hätte persönlich die Zahlen aus
The Statesman's Yearbook vorgezogen, zum mindesten
gewünscht, daß sie zum Vergleiche mitgeteilt würden.
Auch hätte ich gewünscht, daß überall das Jahr angegeben
wäre, das den statistischen Zahlen zugrunde liegt.
Für Island z. B. bekommt man ohne Jahr die Angabe
von 94 600 Akatholiken und 300 Katholiken, dazu die
Notiz, daß für die Akatholiken ein Census civilis zugrundeliege
. Die Zählung von 1920 ergab als Gesamtbevölkerung
94 690. Ich vermute, daß der damalige
Census darunter 90 Katholiken zählte. Dann hätte
Streit einfach als Akatholiken die Restsumme von
94 600 eingesetzt und dazu die neueste nach Schätzungen
der amtlichen römischen Stelle in Reijkjavik ihm zugängliche
Zahl von 300 Katholiken. Daß das unmethodisch
ist, braucht nicht gesagt zu werden. Aus dem
letzten Jahrgang von The Statesman's Yearbook, der ihm
zugänglich gewesen wäre (1928), hätte er entnehmen
können, daß man für Island 1926 eine Bevölkerung
von 101 764 errechnet hat; aus den ihm sicher mit
vorgelegnen Tabellen Hübners von 1927 wenigstens,
daß man Ende 1924 schon 98 370 Isländer zählte. Man
wird also eine gewisse Tendenz, für die Zahl der
„Akatholiken" möglichst kleine Ziffern zu wählen, für die
der Katholiken möglichst hohe (stets aus katholischkirchlichen
Quellen stammende) nicht leugnen können,
auch nicht leugnen können, daß eine Nachkontrolle dadurch
erschwert ist, daß die zugrunde liegenden Jahre
nicht immer genannt sind.

Die schwerste statistische Verdunkelung ist bei
Frankreich begangen. Wenn man die Tabelle nachschlägt
, fällt einem auf, daß hier die „Akatholiken" gegen
den gewöhnlichen Brauch nicht angegeben sind, dagegen
40 007 504 Katholiken für Frankreich, 20 953

' für Monaco. Aus den im geschichtlichen Teil gemachten
Angaben kann man sich ausrechnen, daß Streit für
Frankreich „jetzt" 41 674 000 Einwohner zählt; als
Protestanten nennt er davon „etwa 900 000", als Juden
70 000, als „andre" 33 042. Die amtliche französische
Statistik für 1926 hat 40 743 851 Einwohner ergeben.
Die Herkunft von Streits Zahlen kann ich nicht auf-

I klären. Nur soviel ist klar, daß systematisch verdunkelt
ist, daß Frankreich heute der weitaus überwiegenden

j Mehrheit seiner Bevölkerung nach ein akatholisches
Land ist. Das Gewissen ist salviert mit folgenden
schönen Sätzen im geschichtlichen Teil:

„Nach ihrer Konfession gehören 98% der Bevölkerung der katholischen
Kirche an; doch gaben sich bereits bei der allgemeinen Zählung
von 1881 nicht weniger als 7 684 000 als konfessionslos an".

Was er mit diesem Satze anfangen soll angesichts
der Angaben der Statistik, wird dem Leser überlassen.
Die Krone von allem ist die Nachricht der Statistik,
daß die Zahl der Katholiken nach dem Census civilis
von 1926 gegeben werde!!

Man sieht, daß die Benützung der Statistik größte
Vorsicht fordert und man gut tut, überall wo man
brauchbare Zahlen aus The Statesman's Yearbook oder
Hübner entnehmen kann, diese vorzuziehen. Es fehlt