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Ausgabe:

1930 Nr. 18

Spalte:

412-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Johannes

Titel/Untertitel:

Das Evangelium nach Markus 1930

Rezensent:

Staerk, Willy

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 18.

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haben zum B. in der Religionsgeschichte auf der Suche
nach Parallelen die ganze Welt durchstreift, aber wir
sind auf dem Wege nach Hause, und es mag uns gehen
wie den verlorenen Sohn, daß wir sehen, wie schön es
daheim ist" (S. 5). Andererseits darf die neutest. Exegese
nicht zu „einem Gemisch von Philologie, Systematik
und Predigtmeditation" gemacht werden (S. 9);
die einzelnen Fächer müssen fortwährend jedes seiner
Eigenart leben. Dagegen muß man, um in der gegenwärtigen
Situation Hilfe leisten zu können, die Hermeneutik
auf einer Lehre vom Verstehen aufbauen. Man
muß erkennen, daß jedes Verstehen nur annäherungsweise
möglich ist (S. 13), weil es um das Verstehen
des ganzen Menschen geht.

Im zweiten Kapitel folgt eine Übersicht über „die
bisherige Diskussion" (S. 18—77). Gegen die Ver-
wässerung und die Verflachung des Inhaltes des N.T.
durch die historisch-kritische Exegese haben sowohl die
Religionspsychologie als die dialektische Theologie Einspruch
erhoben. Aber wenn Wobbermin „den Weg vom
religiösen Erlebnis zum Ausdruck dieses Erlebten kennzeichnen
" will (S. 20), „bedeutet seine produktive Einfühlung
Eintragung fremder Gedanken" (S. 25), und
Girgensohn bleibt mit seiner Forderung einer pneumatischen
Exegese in einer tiefen Unklarheit stecken. „Es
gibt pneumatische Exegeten, aber keine pneumatische
Exegese" (S. 28). — Unter den Vertretern der dialektischen
Theologie versucht der Verfasser erst den Standpunkt
Barths festzustellen. Nach Barth soll nicht „Zeitnähe
", sondern nur „Sachnähe" erkannt werden (S. 35).
Und um die „Motive des Denkens oder Handelns eines
Paulus" kümmert er sich nicht. Dann besteht aber die
Gefahr, daß „alle Geschichte zum ,Gleichnis' und alle
religiösen Persönlichkeiten zum ,Beispiel' für eine theologische
Wahrheit werden" (S. 36). — Bultmann
schließt sich der Philosophie Heideggers an. Der Begriff
der Geschichte „wird von vornherein aus Interessiertheit
an meiner Existenz verengt" (S. 55). Der
Verstehende muß ein geschichtloses Wesen werden (S.
59). Bultmann versucht seine Einseitigkeiten durch Einschaltung
der Begriffe „Tradition" und „Vorverständnis
" zu korrigieren (S. 62). Aber die Unklarheit bleibt.
Eine Anleitung zu einem methodischen Verstehen wird
nicht gegeben und kann nicht gegeben werden, „weil
die von der Existenzfrage bewegte Exegese eben nur in
der Lebendigkeit des Vollzugs existiert" (S. 72). —
Was Windisch betrifft, erkennt er, daß die historischkritische
Exegese unzureichend ist, und er fordert daher
eine „theologische" Exegese. Es gelingt ihm aber nicht,
das Verhältnis zwischen diesen beiden zu klären, weil er
das Problem des Verstehens nicht scharf ins Auge faßt.

Auf dieses Problem geht der Verfasser im dritten
Abschnitt seines Buches „Das Verstehen und die Geschichte
" näher ein. Er betont hier die subjektive Bedingtheit
des geschichtlichen Erkennens. In der kritischen
Geschichtsforschung hat man sehr oft „dem Zweifel
an den Nachrichten der Tradition den starken Glauben
an die Richtigkeit der eigenen kritischen Operationen
gegenübergesetzt" (S. 80). „Das Ergebnis von
150 Jahren eifriger Forschung" ist aber, „daß man kein
halbwegs gültiges ,Leben Jesu' schreiben kann" (S. 83).
„Etwas günstiger" liegt die Sache da, wo man bloß Jesu
Lehre darzustellen wünscht. Hier vermißt man in den
Ausführungen des Verfassers, daß er diese letzte Behauptung
nicht begründet. Liegt von einem strengen geschichtswissenschaftlichen
Gesichtspunkt aus die Sache
wirklich hier viel günstiger? Jedenfalls ist es aber verdienstvoll
, daß der Verfasser in diesem Zusammenhang
die Aufmerksamkeit auf das Problem von dem Verhältnis
zwischen Person und Werk hinleitet. Eben
bei der Behandlung der Person Jesu scheiden sich hier
die Geister. Ist die Person unwichtig gegenüber der
„Lehre"? Hier muß man mit aller unklaren Rede von
dem Worte Gottes aufräumen. „Es geht doch nicht gut,
vom Anspruch des Wortes abstrakt zu reden, ohne zu

fragen, ob dieser ein Niederschlag persönlicher Meinung
oder Glaubensausdruck von Anhängern ist" (S. 87).
Man darf „im Interesse eines möglichst rechten Verstehens
die ,ideengeschichtliche' Seite nicht zu Ungunsten
ihres Sachträgers zu stark in den Vordergrund rücken"
(S. 89). Die Geschichte soll immer sowohl von einem
psychologischen als von einem logischen Gesichtspunkte
aus betrachtet werden. Wie der Verfasser in einem
| späteren Zusammenhang sagt, findet das Verstehen
i immer zwischen Personen statt. Daher können wir
j die transzendenten Faktoren aus der Geschichte nicht
ausschließen. „Über der Geschichte als der Domäne des
; sittlichen Handelns der Menschen gibt es ein Handeln
; Gottes mit uns" (S. 98). Aber selbstverständlich muß
j man dann zwischen „Erklären" und „Verstehen" scharf
j unterscheiden (S. 100 ff.) „Es gilt der von Gomperz ge-
! prägte Satz: „gerade das, was wir am besten verstehen,
■ gerade das vermögen wir am wenigsten zu erklären"
! (S. 104). Selbstverständlich kann man dann die histo-
I rische Wahrheit nicht als eine Abspiegelung der
historischen Wirklichkeit bezeichnen. Aber andererseits
ist die Subjektivität nicht nur als ein Hindernis,
sondern „zugleich als die wichtigste Vorbedingung für
das historische Verstehen" anzusehen (S. 111). Wenn
das geschichtliche Verstehen immer zwischen Personen
stattfindet, darf man niemals die Tatsache vergessen,
daß beim Verstehen „das Fremdseelische Kräfte in mein
Ich überströmen läßt" (S. 114).

Der Verfasser hat sich mit großer Energie um die
Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem „Erklären"
und dem „Verstehen" bemüht. Den Unterschied zwischen
diesen beiden hat er trefflich erwiesen; es ist ihm
aber nicht in demselben Maße gelungen, ihren engen
Zusammenhang aufzudecken. Das „Verstehen" wird als
eine Art von Intuition von dem „Erklären" beinahe ganz
losgerissen. Und doch ist einerseits ein Erklären ohne
ein Verstehen unmöglich, und andererseits hat ein
Verständnis, dem ein methodisches Erklären nicht zu
Grunde liegt, keinen Wert; es wird dann demjenigen
Verstehen ähnlich, das der Verfasser im Gegensatz zu
einem „unproduktivem Verstehen" „ein produktives Mißverstehen
" nennt (S. 149). Um das gegenseitige Verhältnis
hier aufzuklären, hätte der Verfasser die verschiedenen
Arten des Verstehens — auch im Hinblick
auf eine mögliche gemeinsame Grundlage — genauer
untersuchen müssen wie ich es in meiner Hermeneutik
erstrebt habe.

Jn einem vierten Abschnitt seines Buches hat der
Verfasser viel Wertvolles über das Problem: „Das Verstehen
und die Sprache" ausgeführt. Er unterstreicht die
Schwierigkeit einer Übersetzung von einer Sprache in
eine andere. „Jesu Gedanken haben das ihm adäquate
sprachliche Gewand nicht mehr, sie sind in das fremde
griechische übergegangen". Durch viele Beispiele zeigt
er, wie schwierig eine exakte Begriffsinterpretation unter
diesen Umständen ist. Er erkennt, daß hier das Meiste
noch getan werden muß (S. 125). Im Vergleich mit
dem, was der Verfasser in den ersten drei Abschnitten
gegeben hat, wird doch hier weniges geleistet.

Der Verfasser hat sein Buch als „ein Beitrag zur
Grundlegung einer zeitgemäßen Hermeneutik" bezeich-
j net. Das Interesse der Theologen hat sich gegenwärtig
| aufs neue um die hermeneutischen Probleme konzentriert
. Viele Leser werden daher ohne Zweifel die Gelegenheit
ergreifen, sich mit diesem Buch bekannt zu
machen, und werden sich der Fülle feiner Beobachtungen
und wertvollen Anregungen erfreuen.

Kopenhagen.___Frederik Torrn.

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Jeremias, Pfr., D. Dr. Johannes: Das Evangelium nach Markus.

Versuch e. urchristl. Erklg. f. d. Gegenwart. Bilder [Tat.) v. H.

Schubert. Chemnitz: M. Müller 1928. (260 S.) 8°. RM6.50; geb. 7.60.
Ders.: Das Evangelium nach Lukas. Eine urchristl. Erklg. f. d.

Gegenwart. Ebd. 1930. (XXIII, 316 S.) 8°. geb. RM 12—.

Der Verf., der sich als praktischer Religionspädagoge
einen Namen gemacht hat, legt in diesen beiden