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Ausgabe:

1930 Nr. 17

Spalte:

401-402

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stephan, Horst

Titel/Untertitel:

Die systematische Theologie 1930

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Seite 1

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401

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 17.

402

C o u 1 a n g e, Louis: Catexhisme pour adultes. Les Dogmes.
Paris: Les Editions Rieder 1929. (237 S.) 8°. = Christianisme,
29. 12 Fr.

Dieser .Katechismus" dient offensichtlich nicht religiöser Erziehung,
sondern der „Aufklärung" moderner Menschen über die rationale, wie
historisch-kritische Unhaltbarkeit des alten Dogmas. Äußerst geschickt,
z. T. geistreich und mehr als das geschrieben, mit zahlreichen Quellenbelegen
für die dogmengeschichtliche Entwicklung, könnte ein solcher
„Katechismus" allenfalls ein sehr gesundes Gegengift sein für gewisse
jüngere Vertreter der neuesten Theologie in Deutschland, die mit verdächtiger
Virtuosität auf den Stelzen des alten Dogmas daherstolzieren —
für sich betrachtet ist ein Buch, das nicht aus religiöser Selbstkritik
zur Vertiefung religiösen Verständnisses geschrieben ist, recht unerfreulich
.

Zum Beleg für die „Sprache" dieses Katechismus: S. 11 heißt es
„Dieu se depouilla de sa livree hebraique et y substitua une livree
philosophique". Oder man vgl. die Religionstheorie S. 25: „La femme,
dont les passions charnelles sont moins fougueuses et surtont plus vite
aparsees que Celles de 1'homme, a soif de devouement. Et cette soif
inextuguible, ne trouvant point ä s'etancher ici-bas, se precipite dans
l'are-delä".

Münster i. W. Fr. W. S c h m i d t.

Stephan, D. Horst: Die systematische Theologie. Hailea. S.:
Buchh. d. Waisenhauses 1928. (V, 93 S.) gr. 8°. = Die evangel.
Theologie, 4. TL RM 3-6n-

Ein Literaturbericht ist eine Sammelrezension. Soll man nun über
diese wieder eine Rezension schreiben? In einer Hinsicht wenigstens
bin ich dafür zuständig; wie mißlich es ist, solchen Literaturbericht zu
machen, weiß ich. Vor zehn Jahren habe ich mit anderen einen solchen
über die Jahre 1914 — 19 geliefert („Theologie", Heft 6 der bei Klotz
erschienenen wissenschaftlichen Forschungsberichte). St. hatte für den
seinen ungleich mehr Raum zur Verfügung. Aber nicht nur dies ist
seiner Arbeit zu gute gekommen. Wer St.'s Art aus seinen Büchern
kennt, durfte gerade von ihm einen besonders umsichtigen, im Urteil
besonnenen Bericht erwarten. Solchen hat St. durch die vorliegende
Schrift in der Tat gegeben. Seine Stoffgliederung: Religionsphilosophie,
Glaubenslehre, Weltanschauungsfragen, Ethik, ist in der Einordnung des
dritten Abschnitts zwar individuell, aber keineswegs gewaltsam; St. hat
bereits in der Anlage seiner eigenen Glaubenslehre Ernst damit gemacht,
„daß die christliche Weltanschauung nicht Grundlage sondern Anwendung
der Glaubenslehre ist". Innerhalb dieses Schemas hat er eine Fülle von
Schriften verarbeitet, wobei doch einzelne charakteristische Erscheinungen
der Gegenwart deutlich genug hervortreten wie das stärkere Interesse an
der Mystik. An irgend einem Punkt, sei es in der Religionsphilosophie,
sei es bei speziellen ethischen Fragen, wird jeder Fachgenosse aus St.'s
Literaturangaben Neues kennen lernen. Und es wird über diese vielen
Schriften nicht nur berichtet, sondern St. gibt dabei eine Menge anregender
Urteile.

Er hat nicht versucht, nur einzelne Hauptträger systematisch-theologischer
Gedankenarbeit genauer zu kennzeichnen und dafür viele
kleinere Geister und ihre Schriften beiseite zu lassen. Da ich seine
Überzeugung teile, daß die systematisch-theologische Arbeit heute das
Gepräge einer Übergangszeit trägt und sozusagen in aufgelösten Linien
vorwärts geht, kann ich diese Methode nur billigen. Wer nichts von
St. wüßte und das Buch vor allem mit der Frage läse, welcher Richtung
wohl dieser Beurteiler angehöre, würde saure Mühe haben, das festzustellen
. Und daß St. Stoffgebiete sondert, nicht nach theologischen
Schulen anordnet, ist an sich schon gut und namentlich heute für die
systematische Theologie richtig, weil in ihr manche überlieferte Gruppengegensätze
an Bedeutung verloren haben (was ja nicht in allen theologischen
Fächern gleichmäßig gilt). Er würdigt auch solche Bücher,
die von der gelehrten Zunft wenig beachtet wurden wie Baumgartens
praktische Sittenlehre. Daß er, meist nur die Literatur der Nachkriegszeit
behandelnd, einige ältere' Schriften erwähnt, ist zweckmäßig. Für
seine Art, die Motive der neueren Bewegungen herauszuspüren, sie aber
mit Sätzen solcher älterer Denker zusammenzustellen, gegen die sich
die Neuesten gerade recht lebhaft wenden, nur einen Beleg: gegenüber
der jüngsten Wendung zur Eschatologie zitiert er Schleiermacher „mitten
in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein
in einem Augenblick" und bemerkt: „das trägt eine eschatologische
Wahrheit in sich; immer ist die letzte"Stunde; immer ist der Richter
und die Rettung vor der Tür".

An einigen heute umstrittenen Punkten stehe ich St. zu nahe, um
Kritik üben zu können ; mir scheinen die folgenden Sätze sehr richtig,
die er in Auseinandersetzung mit den Dialektikern schreibt: „Die
schärfste Scheidung läuft nicht zwischen Ewigkeit und Zeit, sondern
zwischen Gott und Sünde, also mitten durch das Menschenherz, das
c«ristenherz hindurch. Die Gnade waltet nicht jenseits der Geschichte,
sondern mitten in ihr. Wie in der Geschichte die Sünde in die Welt
einbricht, so auch die Gnade." (S. 35) Nicht mit Stephan gehen kann

^n « (S- 29) sagt, der Glaube „weiß sich als Geschenk Gottes
•.■ • 1 sychologische Deutung und Inhalt des Glaubens stehen also in
einem unversöhnlichen Widerspruch." Der Gläubige empfindet doch

nicht nur seinen Glauben als ein Geschenk Gottes, sondern sein ganzes
Leben; psychologische Deutung des Glaubens und Inhalt des Glaubens
stehen also kaum in schärferem Widerspruch zu einander als die moralische
Betrachtung unseres Handelns und der Inhalt unseres Glaubens; vielleicht
würde St. das zugeben.

Natürlich kann man einiges vermissen. Ich nenne hier keine ausländischen
Werke, da St. das ausländische Schrifttum ausdrücklich im
Wesentlichen bei Seite gelassen hat. Gern erwähnt sähe ich dagegen
einige zwar gemeinverständliche aber auf gründliche Denkarbeit ruhende
Arbeiten Paul Jaegers. Und eine Frage wie die nach der Bedeutung
des Alten Testaments für den Christen gehört immerhin auch in die
systematische Theologie hinein; Harnacks These in seinem Marcion und
die Literatur, die sich gegen die völkische Geringschätzung des Alten
Testaments wendet und die z. T. wissenschaftlichen Charakter hat, sind
indessen nicht erwähnt. Unter den eschatologischen Arbeiten hätte trotz
ihres wesentlich philosophischen Charakters die von Heinrich Scholz
über den Unsterblichkeitsglauben Nennung verdient.

Heims Schrift von 1920 heißt die Weltanschauung der Bibel (zu
S. 37 unten); S. 83 Anm. 2 1. Preisker st. Peisker.

Kiel. Hermann Mulert.

Bornhausen, Prof. D. theol. Karl: Die Offenbarung. Über
die Verbindung von Gott und Mensch in der Zeit. Leipzig: Quelle
& Meyer 1928. (XVI, 284 S.) 8°. geb. RM 12—.

B.s Buch „Die Offenbarung" gehört zusammen
mit seinem Buch über den Erlöser (s. meine Anzeige in
der Theol. Litzt. 1927) und dem 1929 erschienenen:
die Schöpfung. In dieser zusammengehörigen Reihe
steht aber jedes einzelne Buch als ein in sich geschlossene
monographische Abhandlung für sich, ist dem Leser
auch ohne Kenntnis des vorhergehenden voll zugänglich
und bedarf keiner Ergänzung in ihm vorhandener
Lücken oder Unausgeführtheiten aus einem der andern.

Von dem Gedankenaufbau des Buches zumal in der
hier gebotenen Kürze einen wirklichen Eindruck zu
geben, ist nicht wohl möglich. M. E. liegt darin auch
nicht die Stärke des Buches. Wohl geht eine klare Dispositionslinie
durch das Ganze hindurch; aber es ist
nicht leicht, sie aus der immer wieder überquellenden
Fülle von mancherlei Gedanken herauszufinden; und
es ist nicht zufällig, daß man dem vorausgeschickten
Inhaltsverzeichnis zunächst ratlos gegenübersteht, wenn
man es danach befragen möchte. Und noch in einem
Andern bin ich dem Verf. nicht immer mit ungeteilter
Freude gefolgt. Der kritische Leser sieht sich im Vorbeigehen
immer wieder vor Aussagen gestellt, die ihm
kaum ebenso rasch einleuchten, wie sie dem Verf. einleuchtend
sind.

„Das Lamm als Kennzeichen der Gemeinde ist ein Totem", wenn
auch mit der Hiiizufügung: „Der Sinn dieses Symbols ist durch geschichtliche
Offenbarimg vertieft" (58). „Als der Mensch der Urzeit zum
erstenmal Offenbarung erfuhr, da staunte er, und seinem Munde entrang
sich ein seltsamer Klang der Neugierde und Angst, der Anziehung
und Abwehr. So bekam Offenbarung den Gedanken und Begriff: Gott"
(112). Die Deutung des „Ich bin, der ich bin" in Exod. 3, 13. 14:
der Elohist, „dieser philosophische Kopf" (107), „unterschied offensichtlich
und echt rational das Sein vom Dasein"; „der Sinnenschein des
Daseins verschwindet vor dem einzigen Sein der Gottheit" (108). Für
den Griechen ist Gott „Aitia alles Lebens" (111), das von sich aus Bewegte
(110); für den Israeliten „absolute Ruhe in Raum und Zeit" (108)
und so „über aller Geschichte" (109).

Wichtiger als eine Auseinandersetzung über solche
I Einzelheiten erscheint mir die Heraushebung und Bewertung
desjenigen, was mir — unberührt von dergleichen
Einzelausstellungen — als Hauptgedanken des
Buches ernsthaftester Beachtung wert erscheint. B. beginnt
seine Darlegungen über die Offenbarung nicht
mit Gott (44) als einer irgendwie fest umrissenen
Erstgegebenheit. Wir haben ihn nicht als ein der Offenbarung
Vorgegebenes; wir haben ihn, soweit wir ihn
überhaupt haben, so ganz und gar nur in der Offenbarung
, daß B. geradezu sagen kann: „Was die Menschen
in der Offenbarung haben, ist Gott" (43). Darum
„beginnt die Theologie mit der Offenbarung" (44).
Diese aber ist ein „eigenartiges und selbständiges Fak-
; tum vor dem Menschengeist" (44); nicht irgend ein.
bestimmtes äußeres Konkretum, sondern „überall, wo
der Mensch in der Geschichte über die Geschichte hin-