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Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

375-376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herz, D. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Verhandlungen des 36. Evangelisch-Sozialen Kongresses in Frankfurt a. M. 21. - 23. Mai 1929 1930

Rezensent:

Heyne, Bodo

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375

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 15/16.

376

satz, und ebenso der von Pater Andreas Eckardt über den Koreaner
Ludwig Chang, verdient aber deshalb Beachtung, weil er die Aufmerksamkeit
auf das Problem lenkt, wie weit ein Kopieren europäischer Vorbilder
innerhalb alter Kulturen wirklich als selbständige Kunstäußerung
anzusehen ist und wie weit das Christentum in solchen Ländern originale
Kunstwerke schafft. Die Mission sollte der Frage sorgfältig nachgehen.
Jeder Beitrag aus dem reichen Schatz des schon vorhandenen Materials
in guter Abbildung wird dem Verfasser hochwillkommen sein.
Tübingen. M.Schi unk.

Die Verhandlungen des 36. Evangelisch-Sozialen Kongresses

in Frankfurt a. M. 21.—23. Mai 1929. Nach d. Manuskr. u. Stenograph
. Niederschriften hrsg. v. D. Herz. Oöttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht 1929. (167 S.) 8°. RM 4 —.

Die Frage nach Wesen und Gestaltung der Berufsethik
, wie sie in der Industriewirtschaft für Arbeitgeber
und Arbeitnehmer brennend geworden ist,
füllte als einziges Thema den letztjährigen Evangelisch-
Sozialen Kongreß aus und hob ihn — damit auch den
Kongreßbericht — vor den anderen bedeutsam hervor.
Gegenüber einer Abhandlung über dasselbe Thema bietet
der Bericht als treue Wiedergabe der 4 Referate und
der Aussprache den Vorzug einer anschaulichen Einführung
in die ganze Schwierigkeit der Fragestellung,
welche die vorzüglichen und bedachtsamen Ausführungen
der Referenten klar herausstellten, und an deren
Lösung nur zögernd herangegangen wurde.

Naturgemäß sahen der Vertreter der Arbeitgeber,
Müller-Örlinghausen, und der Arbeitnehmervertreter, der
freie Gewerkschaftler Tarnow, — dessen Gewinnung
als Referent dem Kongreß zu danken ist — die Lösung
in der Verwirklichung der von ihrer Gruppe vertretenen
Wirtschaftsanschauungen (Freiheit für den Unternehmergeist
des verantwortungsbewußten Wirtschaftsführers —
sozialistische Gemeinschaftswirtschaft), während der
Theologe Titius und der christliche Arbeitersekretär
Springer schwerer mit der Lösung zu ringen hatten, weil
sie die Frage in die großen Zusammenhänge des unter
ewig gültigen Forderungen stehenden menschlichen Gemeinschaftslebens
hineinstellten.

Anders als bei Titius, der ausgehend vom lutherischen
Berufsgedanken die Einordnung der als Erfüllung
von Gottes Willen hingestellten „vollen Sachlichkeit
" des Arbeitgebers in letzte, unbedingte Ziele
(„das gemeinsame Streben nach der Vollkommenheit,
die Gott betätigt in ewiger Liebe") förderte, trat bei
Springer die Isolierung hervor, in der sich heute das
christliche Berufsethos befindet, weil die Entwicklung
des Wirtschaftslebens der menschlichen Führung entglitten
ist und das Betriebssystem sich von der
persönlichen Verantwortung und dem gestaltenden
Willen (wenigstens was den Arbeitnehmer anbetrifft),
unabhängig gemacht hat bzw. darüber hinweggegangen
ist. Über eine einfache Aufrechterhaltung des kapitalistischen
Systems, das auch heute noch nach Müller
einer neuen Sinngebung der Arbeit nicht im Wege steht,
mußte sich deshalb Springer ausschweigen. Aber während
Tarnow den Untergang des Berufsethos als eines
sozialen Ethos nicht in der Wandlung der Arbeit,
sondern der gesellschaftlichen Organisation und in deren
neuen Wandlung zur Vergesellschaftung der Wirtschaft
das Heil erblickt, wurde in Weiterführung der, Springer-
schen Gedanken in der Aussprache darauf aufmerksam
gemacht, daß das Zusammentreffen der Änderung der
Wirtschaftsform mit der Auf k 1 ä r u n gs zeit für das
Arbeiterschicksal entscheidend war. Und weiter betont
Springer gegenüber Tarnow, daß nur dort ein neues
Berufsethos entsteht, wo weder das Leben in Arbeitsund
Feierabendhälfte gespalten, noch der Glücksgedanke
das Bestimmende ist, sondern eine Haltung der Zucht
und des Dienstes in Menschen vorhanden ist, die sich
von Gott angefordert wissen.

Die Ausführungen rückten im Einzelnen manches
Schlagwort, manches Vorurteil, manche landläufige
Laienvorstellung zurecht. Eine Lösung des Problems
konnten sie noch nicht bringen. Als Ganzes sind sie ein

: äußerst wertvoller Beitrag zur Weckung gerechten Verständnisses
für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Daß die
Spannungen für das Zusammenkommen der feindlichen
J Gruppen nicht in Böswilligkeit, sondern tiefer liegen,
i haben sie gezeigt. Und die Kirche? Hat sie eine Auf-
| gäbe? Welche? Darüber wurden nicht viele Worte
verloren.

I Bremen. Bodo Heyne.

|---.

Seeberg, Reinhold: Die Geschichte und Gott. Betrachtungen
über Wesen u. Sinn d. Geschichte. Sechs Vorlesungen, geh. an d.
Univ. Bonn im Mai 1928. Bonn: F. Cohen 1928. (120 S.) 8°. RM 3.50.
In engem Raum eine Fülle geschichtsphilosophi-
scher Erörterungen, mit manchem anregenden Worte
wie: „in der Geschichte haben zwar die Lebenden immer
; Recht, aber die Toten behalten nicht selten Recht"; „sie
I ist der Bankrott der Geister und der Triumph des Gei-
1 stes", „der Weg durch das Allzumenschliche zum Ewig-
'. menschlichen". Die Themen der Vorlesungen sind: die
i Geschichte und die menschliche Gemeinschaft; die Geschichte
und die Entwicklung der Menschheit; die typi-
; sehen Epochen der Geschichte; das Problem der Geschichte
; die Religion und die Geschichte; der Sinn der
Geschichte. Von den menschlichen Gemeinschaften wird
besonders die des Volks erörtert, bei den Epochen der
Geschichte fallen gute Bemerkungen über konservative
und liberale Geistesart, über den Materialismus auch
' mancher völkischer Gewaltpolitiker. Auf die Frage nach
; dem Fortschritt in der Geschichte, nach ihrem Sinn gibt
1 nach S. nicht nur die Ansicht keine wirkliche Antwort, es
I sei alles Zufall, sondern auch der Hinweis auf den
menschlichen Egoismus als Triebfeder des Handelns
(und ihn ergänzende soziale Instinkte); Hegels Geschichtsphilosophie
stellt er hoch, aber da S. nicht bei
der Vergänglichkeit der Einzelnen und der Völker stehen
bleiben will, setzt seine religiöse Geschichtsbetrachtung
ein. Er äußert sich über das Christentum als die höchste
Religion, die Kirche im Verhältnis zum Staat und ihre
Entartungen, vor allem darüber, daß das Leben der Einzelnen
mit ihrem Tode nicht abgeschlossen sei. Der
| Härte des Gedankens, daß Gott alles wirke, steht auch
bei ihm die Apokatastasis gegenüber. „Wenn Gott straft,
tut er es, um zu bessern"; so schwinden die ewige Verdammnis
wie auch die Verdammnis der Nichtchristen.

Die Verbindung eines starken Willens zur Zusammenschau
, eines konstruktiven Zugs, mit der Beobachtung
einer Fülle von Einzelheiten gibt dem Buche erhöhtes
Interesse; andrerseits machen sich die Schwierigkeiten
, die alle Geschichtsphilosophie bedrücken, natürlich
auch hier geltend, das Mißliche aller Versuche, zu
zeigen, wie es kommen mußte und immer wieder kommen
müsse, oder, was dasselbe sagt, das Mißliche aller
Versuche, das in der Geschichte Wirkliche als notwendig
zu erweisen. Und wenn S.'s Geschichtsphilosophie reli-
i giösen Charakter hat, so verlieren zwar einige Probleme
! an Schärfe, es treten aber neue auf, daß nämlich wir
i Theologen — das ist einfach die Kehrseite unsrer hohen
Aufgabe — immer in Gefahr sind, so zu reden, als
; hätten wir von Gottes Wegen mehr Kenntnis, als wir
tatsächlich haben. Dabei weicht S. doch, wie gezeigt,
j an wichtigen Punkten stark von der überlieferten christ-
1 liehen Denkweise ab.

Wer einen umfassenden Gegenstand so kurz behandelt
, wie Seeberg das hier tut, kann Vieles nur
! andeuten; ausführlichere Darlegungen würden man-
j chen Einwand von vornherein erledigen, manchen wohl
auch verstärken. Auch ich deute manche Einwendungen
1 nur an: soll man das Verlangen nach Weltherrschaft des
eignen Volkes, den Imperialismus, überhaupt Kosmopolitismus
nennen, nämlich einen intoleranten, wie S.
es tut? Und wenn S., die verschiednen politischen Denkweisen
schildernd, von der Demokratie sagt: „Es gehört
' geradezu zum freien Bürger, daß er es besser weiß, als
die Regierung", so scheint mir dieses Besserwissenwollen
vielmehr eine Kinderkrankheit in anfangenden