Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

365-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zeitler, Julius (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Epochen der deutschen Literatur. Bd. II, 1. Tl. u. V 1930

Rezensent:

Petsch, Robert

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

365

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 15/16.

366

eintreten zu lassen. Dann wären sinnstörende Ausdrücke
<S. 213 der 3. Bußpsalm Z. 1 droben-drohen S. 188
Z. 17 v. u. dankesmögst S. 184 Z. 6 v. o. „einreichung
") ganz von selbst unterblieben. Out wäre es
gewesen, wenn bei allen besprochenen Exemplaren auch
der jetzige Standort angegeben worden wäre (S. 13Anm.
38. 48. 53. 118. 179. 132). Welches von den 2 Exemplaren
der Seelen-Cymbeln v. 1672 (S. 69) ist nun ei- [
gentlich besprochen worden? Die Zitierung läßt auch
manches zu wünschen übrig. Z. B. wäre S. 127 die
Seite noch anzugeben. Besonders wäre der Literaturnachweis
umzugestalten. Statt „Muck" begegnet hier
ein „Merck"; „Enchividion" statt „Enchiridion". Dann
wäre zu trennen: in „archivalische Quellen" und „benutzte
Litteratur". In ersterer Sparte wären bei jedem
Archiv die benützten Bestände anzugeben. Hier lesen
wir als 3. Quelle: Kreisarchiv in Nürnberg, das jetzt
„Staatsarchiv" heißt, und auf der folgenden Seite:
„Rothenburger Konsistorialakten im Kreisarchiv Nürnberg
". Die benützten Bücher wären bibliographisch genau
zu bezeichnen. Erscheinungsort und Erscheinungsjahr
immer anzugeben. Von den Zeitschriften wären die
Jahrgänge zu notieren. Warum wird die R. E. zweimal
zitiert?

Das prächtige Werk verdient eine zweite Auflage.
Möge es da dem Verfasser gelingen, nicht nur die eben
erwähnten Beanstandungen zu beheben, sondern auch
die vermißten Ausgaben noch zu finden. Die Hoffnung
braucht wahrlich nicht aufgegeben zu werden. Die antiquarischen
Kataloge können noch manches an den Tag
bringen. So steht im Katalog 9 v. M. Edelmann-Nürnberg
unter Nr. 3632 eine Seelenharfe von 1758, im Katalog
289 von Seligsberg-Bayreuth eine von 1750 (2732);
im Katalog 598 von Hiersemann-Leipzig eine solche
von 1767 (Nr. 727). Bemerkt sei noch, daß S. 99/100
bemerkenswerte Ausführungen über den Verfasser des
Liedes „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende" sich finden
, die in den Kreisen der Hymnologen Beachtung
finden müssen.

Roth. Karl Schornbaum.

Epochen der deutschen Literatur. Geschichtliche Darstellung
unter Mitwirkung von Prof. Dr. Wolfgang Golther u. a. hrsg. von
Prof. Dr. Julius Zeitler. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
.

Bd II 1.T1. Prof. Dr. W. Stammler: Von der Mystik zum
Barock. 1400—1600. Ebd. 1027. (VII, 554 S.) gr. 8°.

RM 15—; geb. 17—.

Bd. V. Prof. Dr. Hugo Bieber: Der Kampf um die Traditio
n Die deutsche Dichtung im europäischen Geistesleben 18 3 0
bis l'sSO. Ebd. 1928. (VII, 646 S.) gr. 8°. geb. RM 20—

Die Darstellung des ganzen Verlaufs unserer nationalen
Dichtung geht, z. Z. wenigstens, über die Kraft
des Einzelnen. Die vorhandenen neueren Gesamtdarstellungen
haben durchaus volkstümliches oder gar tendenziöses
Gepräge oder sie zwingen den gewaltigen
Stoff unter einzelne Gesichtspunkte. Die Zeit für eine
wirklich lebendige „Synthese" scheint noch nicht gekommen
. So wird das' Prinzip der Arbeitsteilung auch
hier angewandt und die Verteilung des Stoffes auf
mehrere Mitarbeiter hat sogar ihren eigenen Reiz. Was
darüber an Einheitlichkeit der Auffassung verloren geht,
kann durch die besondere Eignung der Bearbeiter für
den einen oder den andern Abschnitt gewonnen werden.
Der Herausgeber des vorliegenden Werkes läßt denn
auch seinen einzelnen Mitarbeitern volle Freiheit und
wir können heut schon darauf hinweisen, daß W. G o 1 -
thers (Bd. I) sorgfältig wählende und abwägende,
immer besonnene Art unserm ältesten Schrifttum ebenso
zugute gekommen ist, wie die kraftvolle Stoffbeherrschung
und der Mut zum eigenen Urteilen der Darstellung
unserer „Dichtung der Gegenwart" durch Hans
Naumann, dessen Band (VI) zum vierten Male ausgehen
soll.

Unter den beiden uns heute vorliegenden Bänden
zeichnet sich derjenige von W. Stammler durch

jene sichere Beherrschung einer ungeheuren Stoffülle
aus, die wir an den zusammenfassenden Arbeiten dieses
Gelehrten schätzen. Er gibt daher mehr als eine bloße
Übersicht, er ist auf vielen Gebieten, nicht zuletzt auf
dem schwierigen Felde des 14. und 15. Jahrhunderts gut
bewandert und gibt viel Eigenes und Neues. Freilich
ist seine Gesamteinstellung durchaus philologisch-literarisch
und seine ästhetischen Urteile, ja seine kulturgeschichtlichen
Bewertungen z. B. des Humanismus sind
oft stark durch die Tradition gebunden. Man könnte
sich fragen (und gerade vom Standpunkt dieser Zeitschrift
aus fragen), ob Stammler nicht noch besser einen
andern Abschnitt der Gesamtentwicklung in diesem
Werke behandelt hätte als das Reformationsjahrhundert.
Nicht als ob er es an Kenntnissen, an Sorgfalt und Geschmack
fehlen ließe. Aber die eigentlich religiösen
Vorgänge, die diesem Zeitalter sein Gepräge aufdrücken
und denen alle literarischen Gebilde ihre Lebenskraft
verdanken, liegen ihm wohl ferner. So fern, daß er auf
die Auswirkung „neuen Lebensgefühls" später eine
„Lutherische Pause" folgen läßt, in die doch Luthers
Reformationsschriften, das evangelische Kirchenlied und
das Reformationsdrama hineinfallen. Es ist kein Zweifel
, daß man die Dinge so ansehen kann und Stammler
führt seinen Standpunkt auch kräftig durch. Ob man
der innersten Lebendigkeit des 16. Jahrhunderts auf diese
Weise gerecht werden wird, ist eine andere Frage. Doch
sei eigens hervorgehoben, daß der Verf. der literarischen
Entwicklung durchweg neue Einsichten und
Maßstäbe zu gute kommen läßt. Seine Charakteristik
des Meistergesanges und des Kirchenliedes z. B. übertrifft
frühere Darstellungen bedeutend und seine Geschichte
des protestantischen und des katholischen Dramas
darf kein Fachmann, auch kein theologisch gerichteter
übersehen.

Wenn Stammlers Darstellung mitunter kräftig
dreinschlägt und durchweg jenen frischen Kampfmut
zeigt, jenes mannhafte Geradezu, ohne den eine so vielschichtige
und vielspältige Epoche kaum zu bewältigen
wäre, so bewahrt Biebers feine und besonnene Darstellung
des 19. Jahrhunderts immer eine gewisse epische
Distanz. Sie führt etwa von Jean Paul und von der
Romantik bis zu Konrad Ferdinand Meyer. Sie umfaßt
also vor allem die liberalistischen und positivistischen
Strömungen und kommt auf religiöse Werte in
der Dichtung immer nur gelegentlich zu sprechen: wo
sie negiert, wo sie gebrochen und verfälscht werden
oder wo sie (wie bei Annette und bei J. Gottheit) in
mehr oder weniger bewußten Gegensatz zu der geistigen
Gesamthaltung des Zeitalters (wenigstens aber des literarischen
Zeitgeistes) treten. Es sind immer nur knappe
Seiten und oft wenige Zeilen, die der Verf. diesen Dingen
widmen kann. Aber gerade hier zeigt sich seine
Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen, was selbständig
erobert und in das Gesamt-Weltbild eines vornehmen
und überlegenen Geistes eingegangen ist.

Liebers Gesamthaltung ist im wesentlichen geistesgeschichtlich bestimmt
. Das Dichterisch-Literarische kommt nie bei ihm zu kurz, wo
es sich um die Darstellung von Entwicklungen und Zusammenhängen
handelt oder wo der Verf. ein Urteil sprechen soll. Seine Analyse der
dichterischen Werke tritt dagegen weit hinter diejenigen Stammlers zurück
. (Wie sich eine grolizügige Gesamtdarstellung mit liebevollem
Eingehen auf das einzelne Kunstwerk vereinigen läßt, zeigt der III. Band
des Gesamtwerkes: Ferd. Josef Schneiders „Deutsche Dichtung vom
Ausgang des Barocks bis zum Beginn des Klassizismus", 1700—1735.)
Dafür gelingen B. scheinbar rasch hingeworfene, in Wahrheit sorgfältig
abgewogene Beurteilungen z. B. der religiösen Haltung der Romantik
(S. 50: „Die religiöse Schwungkraft der romantischen Bewegung erscheint
nur so lange bedeutend, wie man sie an der vorausgehenden
und folgenden Phase moderner Bildung mißt; gegenüber den großen
Epochen religiösen Lebens kann sie sich nicht behaupten"); wir verweisen
noch auf die Darstellung „Christlicher Zerknirschung und weltlicher
Zerrissenheit" um 1830 (S. 72 f.), auf die gerechte Würdigung
J. Gotthelfs (S. 192) und die feine, nur zu knappe Darstellung Annettes
(S. 342), auf die gut orientierende und charakterisierende Behandlung
von D. Fr. Strauß und Bruno Bauer (S. 400 ff.) und der konfessionellen
Gegensätze um die Mitte des Jahrhunderts (S. 451 f.) und, was die