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Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wotschke, Theodor

Titel/Untertitel:

Caselius‘ Beziehungen zu Polen 1930

Rezensent:

Völker, Karl

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Seite 1

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355

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 15/16.

356

füllt die vorliegende Arbeit eine vorhandene Lücke aus.
Sehr schwierig war das Fehlen der Quellen, zumal das ;
Archiv der Stadt Berlin für diese Zeit, insbesondere mit j
Bezug auf die wirtschaftlichen und finanziellen Ver-
hältnisse, wenig enthält. Doch konnte der Verfasser
aus anderen Archiven wertvolle Aufschlüsse gewinnen.
Dann erhalten wir einen kurzen Überblick über das |
sogenannte Kreditwerk, das die Stände, also auch die
Stadt Berlin sehr stark belastete. In mehreren Abschnitten
wird nun das Berliner Kassen- und Schulden- j
wesen klargelegt. Die Kassenabschlüsse lassen Zweifel 1
an der Tüchtigkeit der Kassenführer zu, und mit der
Erfüllung der Steuerpflichten war es sehr schlecht be- i
stellt. Vergriff sich doch die Stadt an Geldern, die ihr
zu treuen Händen übergeben waren, weil sich die Stadtkasse
in einem trostlosen Zustand befand. Auch mit
dem Vermögen der Stadt war es zurückgegangen, und
die Schulden führten schließlich zu einem Zusammen- i
bruch der Stadtkasse. Der Kurfürst wollte oder konnte
trotz aller Bitten nicht helfen. Die Ursachen des Zusammenbruch
sind, wie der Verfasser nachweisen kann,
zunächst natürlich die Beteiligung an dem Kreditwerk,
dann aber auch die klägliche Verwaltung und mangelnde
Aufsicht. Die Ratsherrn haben nicht immer mit Treue j
ihres Amts gewaltet, und an Unterschlagungen fehlte es I
nicht. Wir vermissen eine ordnungsgemäße Organi- j
sation der Kassenverwaltung, und das Fehlen jedes Gemeinsinns
fällt uns auf. Man hat bei der Durchsicht der
Berliner Kassenbücher den Eindruck, sich bei einem
Bankrottierer umgetan zu haben. Ganz anders lagen
die Verhältnisse in dem viel kleineren Cölln. Unredlichkeiten
finden sich hier nicht, es herrscht peinlichste !
Ordnung und absolute Ehrlichkeit. Unehrliche Beamte
entließ man sofort. Obwohl Cölln genau wie Berlin
durch das Kreditwerk schwer belastet wurde, geriet
diese Stadt nicht in Schulden, hatte sogar Überschüsse.
Sie zahlte pünktlich ihre Steuern, ihr Vermögen ist
recht annehmbar und gut verwaltet. Während die Berliner
Kasse wenig Vertrauen genoß, ist bei Cölln das
Gegenteil der Fall. Während Berlin durch eine unfähige
und oft unredliche Verwaltung an den Rand des Verderbens
geführt wurde und so zusammengebrochen in
das Jahrhundert des großen Krieges eintrat, konnte
Cölln gestützt auf seine gute finanzielle Lage sich besser
behaupten, ohne freilich auf die Dauer den schweren
Kriegslasten gewachsen zu sein. Wenn die beiden Städte
später wieder aufblühten, so verdankten sie das außer der
Tatkraft ihrer Bürger vornehmlich der Fürsorge und der
Staatskunst des Großen Kurfürsten. So bietet die Schrift
von Thaus äußerst wertvolle Einblicke in die Finanzgeschichte
des ausgehenden 16. Jahrhunderts und wird
von jedem, der sich mit dieser Zeit und ihren wirtschaftlichen
Verhältnissen beschäftigt, herangezogen werden
müssen.

Bernburg. H. Peper.

Die brandenburgischen Kirchenvisitations -Abschiede und
-Register des 16. u. 17. Jahrhunderts. Bd. I: Die Priegnitz.
Hrsg. v. Viktor Herold. H. 5: Havelberg. Berlin: Gsellius'sche
Bchh. in Komm. 1930. (S. 543—609). gr. 8°. = Veröffentlichungen i
d. Histor. Kommission f. d. Prov. Brandenburg u. d. Reichshauptstadt
Berlin. IV. RM 2.50.

Das vorliegende Heft dieser schon mehrfach angezeigten
Veröffentlichung der Brandenburger historischen
Kommission enthält die Akten der Stadt Havelberg
und die der umliegenden Dörfer. Das Domstift
Havelberg ist dagegen nie in die Visitationen einbezogen
worden, im Gegensatz zum Brandenburger Domkapitel. ;
Das Heft enthält zunächst den Visitationsabschied vom j
29. September 1545 nebst dem dazugehörigen und 1558
ergänzten Register. Es folgt der Abschied vom 13. Februar
1558, auch hier hat Johann Agricola die Visitation
vorgenommen, worüber im Heft „Perleberg" ausführlicher
gesprochen ist. Das Register fehlt. Der Havel-
berger Abschied von 1581 stimmt vielfach mit dem von

Perleberg wörtlich überein. Die Visitation erfolgte im
Juli dieses Jahres, die letzte fand im September 1600
statt. Das Register von 1581 fehlt, dafür ist das von
1600 erhalten. Die Dörfer der Inspektion Havelberg
wurden 1545, 1581 und 1600, aber nicht 1558 visitiert
, die Dörfer der Inspektion Dom-Havelberg nur
1558, 1581 und 1600. Die Matrikeln liegen vor. Im
übrigen mag auf die Anzeigen der ersten Hefte verwiesen
werden. (53. Jahrg. Nr. 26. — 54. Jahrg.
Nr. 6. — 55. Jahrg. Nr. 2.)
Bernburg. H. Peper.

Wotschke, Theodor: Polnische Studenten in Frankfurt. Breslau
: Priebatsch's Buchh. 1929. (S. 228—244) gr. 8°. = Sonderdr.
a. Jahrbücher f. Kultur und Geschichte d. Slaven, N. F. Bd. V, H. II.
Die hohe Schule an der Oder, an der Sabinus Me-
lanchthons Schwiegersohn, 1538—1544 u. 1555—1560
wirkte, zog schon der Grenznachbarschaft wegen zahlreiche
Studierende aus Polen, Söhne des Adels sowie
der deutschen Bürgerschaft, an. Mit gewohnter Sachkenntnis
greift W. aus dem Kreis derselben die späteren
Teilnehmer an der religiösen Bewegung in Polen
heraus. Nach dem Abfall des Adels holten sich in der
Zeit des schweren Kampfes um den Bestand des Protestantismus
in Polen seine künftigen Pastoren mit Vorliebe
in Frankfurt ihre theologische Ausbildung.
Wien. Karl Völker.

Wo tschke, D. Dr. Theodor: Caselius' Beziehungen zu Polen.

Leipzig: M. Heinsius Nachf. 1929. (S. 133—152). 8'. = Sonderdr.
a. Archiv f. Reformationsgesch. Texte und Untersuchungen, Nr.
101/02; XXVI. Jahrg. H. 1/2.

Der Humanist Caselius wurde durch Melanchthons
Vermittlung als 21jähriger Magister Präzeptor des damals
in Wittenberg studierenden jungen Posener Grafen
Andreas Görka. Seither, von Rostock ebenso wie
von Helmstedt, woselbst er als Professor wirkte, unterhielt
er Beziehungen mit Polen, die schließlich dahin
führten, daß der Kanzler Johann Zamojski seinen Rat
bei der Einrichtung der Zamoscer Akademie einholte.
V. stellt diese Zusammenhänge auf Grund neuen
Quellenmaterials dar.
Wien. Karl Völker.

Hoffmann, Prof. Dr. Heinrich: Johannes Calvin. Frauenfeld:
Huber & Co. (111 S.) kl. 8°. = Die Schweiz im dtschen. Geistesleben
, 65. Bd. geb. RM 2.40.

Dieses Büchlein erfüllt in vorbildlicher Weise den
doppelten Zweck der Sammlung, der es angehört, es
bietet erstens eine knappe, jedem gebildeten Laien wohl
verständliche Darstellung auf Grund des gegenwärtigen
Standes der Forschung, die in einem Literaturverzeichnis
und in wenigen kurzen Anmerkungen sichtbar gemacht
wird, und zweitens einen besondern Abschnitt
über die Bedeutung Calvins für das „deutsche Geistesleben
". Ich möchte besonders auf die gute Lesbarkeit,
die ruhig sachliche Form und die, ausreichende Erklärungen
der schwierigen Fragen bietende, Darstellungsweise
aufmerksam machen. Die grundsätzliche
Einstellung des Buches ist die historisch-kritische. So
tritt zunächst scharf heraus, wie sehr Calvin seiner Zeit
verpflichtet ist und wie groß der Abstand zwischen
ihm und der Gegenwart ist. Trotzdem betont H., daß
Calvin auch uns heute etwas zu sagen habe. Mir scheint
nun, H. hätte in dieser für den Leser der Gegenwart
bestimmten Darstellung den historischen Gesichtspunkt
des Abstandes zwischen Calvin und heute zu Gunsten
des letzteren, der Gegenwartsbedeutung dieses uns ja
eher fremden Reformators, zurücktreten lassen dürfen,
indem er versucht hätte, uns zu sagen, welchen Sinn
Offenbarungsglaube, Trinität, Prädestination u. a. auch
für uns haben können, wenn wir diesen Sinn auch nicht
im Gewände Calvins erfassen. Doch hat sich H. in
erster Linie die Aufgabe gestellt als Historiker zu berichten
.