Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

347-348

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oesterley, W. O. E.

Titel/Untertitel:

The Book of Proverbs with Introduction and Notes 1930

Rezensent:

Kuhl, Curt

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

317

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 15/16.

348

Oesterley, Prof. D.D. W. O. E.: The Book of Proverbs with
Introduction and Notes. London: Methuen & Co. 1929. (LXXXVII,
294 S.) gr. 8°. = The Westminster Commentaries, edited by Proff.
D. D. Walter Lock and C. Simpson. 18 sh.

An modernen wissenschaftlichen Auslegungen des
Buches der „Sprüche Salomonis" besteht zur Zeit ein
empfindlicher Mangel. Die letzten deutschen Kommentare
datieren schon über ein Menschenalter zurück; und
auch die neueste große englische Gesamtdarstellung von
Toy im .International Critical Commentary' von 1914
ist ebenso wie die treffliche Bearbeitung von Volz in der
.Gegenwartsbibel' (1921) durch die Auffindung der
Lehre des Amen-em-ope und die dadurch geschaffene
neue Problemstellung in entscheidenden Punkten wesentlich
überholt. Eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen
(jetzt zusammengestellt und verarbeitet in
dem schönen Buch von Humbert, Recherches sur les
sources egyptiennes de la litterature sapientielle d'Israel
Neuchätel 1929, S. 17—74) ist der Frage der gegenseitigen
Beziehungen von ägyptischer und israelitischer
Weisheitsliteratur nachgegangen, mit dem Ergebnis, daß
sich die überwiegende Zahl der Forscher für eine Abhängigkeit
auf Seiten der israelitischen Weisheitsliteratur
entschieden hat. Zu den wenigen Vertretern eines entgegengesetzten
Standpunktes gehörte auch Oesterley,
der die These eines gemeinsamen hebräischen Originals
für Proverbien und Amen-em-ope aufstellte (vgl.
,Teaching of Amenemope' and the Old Testament in
ZAW 1927, S. 9—24 und The Wisdom of Egypt and
the Old Testament London 1927); eine Ansicht, die der
Herr Verfasser aber im vorliegenden Kommentar, ohne
Humberts Einwände (S. 31 ff.) zu kennen, stillschweigend
fallen gelassen hat. Auch Oesterley anerkennt
jetzt das obige Ergebnis und stellt sich für seinen
Kommentar die Aufgabe, zu zeigen „that the Hebrew
Wisdom Literature was part of a world literature, and
that the Hebrew Sages were largely influenced by
Babylonian, and especially by Egyptian, thought . . .
they sought out the wisdom of other lands; studied it,
submitted to its influence, appropriated it, and often
ennobled it with a deeper and fuller oontent" (S. VI).
So wird denn auch, gerade im Hinblick auf Prov. 22,
17—23, 14 voll anerkannt: „here, for a variety of
reasons, we are forced to the conclusion that the Hebrew
sage has made copious use of the Egyptian Wisdom
book" (S. LIV); nur für Prov. 20, 9 möchte Oesterley
bei aller Vorsicht im Urteil doch versucht sein, den umgekehrten
Fall anzunehmen (S. 168). Die Stärke dieses
Kommentars Hegt in seinen elf großen, 54 Seiten umfassenden
Exkursen, von denen wieder der erste mit
dem Titel ,The Wisdom Literature of the Ancient Orien-
tal World' (S. XXXIII—LV) besonders willkommen ist
um der Ausführlichkeit willen, mit der die Berührungen
mit dem aramäischen Ahikar (worauf Verf. schon in
seinem ZAW-Aufsatz nachdrücklich hingewiesen hatte)
und die Beziehungen zur ägyptischen und babylonischen
Weisheitsliteratur behandelt werden. Besonders das
Letzte sei anerkennend hervorgehoben, da dies ein Gebiet
ist, das mir unter dem Eindruck der durch die Lehre des
Amen-em-ope eröffneten Perspektiven sehr in Gefahr der
Vernachlässigung zu stehen scheint. Der eigentliche
Kommentar bietet ein reichliches Material zum Verständnis
der Weisheitsliteratur, ohne sich aber — seiner besonderen
Bestimmung für Studenten und Geistliche entsprechend
— in philologische und textkritische Details
zu verlieren. Mit Bedauern konstatieren wir das Fehlen
einer eigenen selbständigen Übersetzung; statt ihrer ist
dem Programm der Westminster Kommentare entsprechend
der englische Text in der Revised Version abgedruckt
worden. Das mag denn auch die Ursache sein,
daß die Sinnabschnitte nicht immer genügend von einander
abgesetzt sind. Auch die literarische Form der
Sprüche hätte eingehendere Behandlung verdient, wie
denn auch in einem derartigen Kommentar metrische
Bemerkungen weder bei der Übersetzung noch in der

| Einleitung übergangen werden durften. — Vorausgeschickt
ist dem Ganzen auf 21 Seiten in sieben Kapiteln
in äußerst knapper Form eine Behandlung der Einleitungsfragen
. Oesterley sieht in dem Buch der Proverbien
eine Zusammenstellung von zehn Sammlungen
I aus den verschiedensten Zeiten: II (10, 1—22, 16) und
VI (25 bis 29; ursprünglich aus zwei Teilen bestehend)
I stammen etwa aus der Mitte des 8. Jahrhunderts; III
: (22, 17—23, 14), IV (23, 15—24,22) und V(24, 23—34)
1 aus dem 7. Jahrhundert; VII (30, 1—14), VIII (30,
15—33) und IX (31, 1—9) sind höchstwahrscheinlich
| auch noch vorexilisch und stammen wohl aus anderen
Weisheitsbüchern, „not necessarily all from Hebrew
j books"; I (1, 7—cap. 9) und X (31, 10—31) werden in
das 3. Jahrhundert und vielleicht sogar noch später anzusetzen
sein; in dieselbe Zeit gehöre wohl auch die
Vorrede, die vielleicht auf den Sammler von I zurück-
' zuführen ist. Abschnitt VI ,The Ancient Versions' ist
j zu knapp und bringt die Probleme der Abweichungen
1 des LXX-Textes nicht deutlich genug zum Ausdruck;
! was über andere Versionen gesagt wird, ist überaus
! dürftig. Auch Kapitel VII .Selected Bibliograph)'' hätte
eine weniger stiefmütterliche Behandlung verdient. —
j Trotz dieser Ausstellungen begrüßen wir doch das Erscheinen
dieses Kommentars mit Genugtuung und sind
dem Herrn Verfasser dankbar für sein Buch, das unter
; Verwertung der neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse
wohl geeignet ist, seinen gedachten Leserkreis in die
1 hebräische und altorientalische Weisheitsliteratur bestens
j einzuführen.

Berlin-Frohnau. Curt Kühl.

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft. (Sitz: Frankfurt
a. M.) XX. Frankfurt a. M.: J. Kauffmann 1929. (VIII, 384,
! 27 u. 35 S.) gr. 8°. eeb. RM 17—.

Erinnerungsworte von Jonas Bondi und Salomon
i Funk, wichtigen früheren Mitarbeitern des Jahrbuches,
i bilden die Einleitung. Der neueren Geschichte der Juden
! in Salzburg, Kapstadt, Großherzogtum Hessen, Mähren
gelten die Mitteilungen von A. Altmann, D. Levin,
J. Lebermann, H. Flesch, der Geschichte einzelner
Personen und Familien die Deszendenztafel von
Rabbi Low, herausgegeben von S. H. Lieben, und der
Briefwechsel S. J. Rapoport-Kirchheim, mitgeteilt von
S. Unna, einem ergebnislosen Ritualmordprozeß von
j 1476—1480 in Regensburg die aktenmäßige Darstellung
von M. Stern.

Über die hebräischen Handschriften der Landesbibliothek
Fulda berichtet M. Weinberg S. 273ff.
Von einem Pentateuch mit Targum, Megillot und Haph-
| taren wird Herkunft aus dem 13. Jahrhundert vermutet,
I Talmudtraktate sind als Abschriften nach Drucken —
ohne Bestimmung derselben — bezeichnet. S. 21 ff.
ediert M. Kober nach Handschriften Piutim mit Übersetzung
, die zum Machzor Jannai gehören und wegen
i ihrer palästinensischen Punktation besondere Bedeutung
! beanspruchen. Zum talmudischen Sklavenrecht gibt L.
Fischer S. 71 ff. Beiträge, indem er von den Urkunden
über Kauf und besonders Freilassung von Sklaven
handelt, ohne klare Scheidung der altisraelitischen
! und der nachbiblischen Zeit. Talmudisches und nach-
! talmudisches Recht behandelt E. E. Hildesheimer,
! wenn er S. 337ff. zeigt, auf welche Weise die Rechts-
| form der iskä ähnlich, aber doch anders wie die com-
S menda des kanonischen Rechts das Zinsverbot des Ge-
I setzes umging. Der praktischen Behandlung der Psal-
! men dient der Vortrag Stein's über Psalmenlektüre
; S. lff. S. Grünberg bietet S. 297ff. exegetische
' Beiträge. 1. Sam. 10, 2 soll so verstanden werden,
j daß die zwei Männer, welche Saul bei dem Grabe
Raheis in der Gegend von Bethlehem trifft, ihm sagen,
daß die Eselinnen in Zelzach an der Grenze Benjamins
gefunden wurden. Die traditionelle Lage des Rahel-
grabes sei auch hier vorausgesetzt. Aber eine genaue
Erörterung des von Saul genommenen Weges und der