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Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

13-14

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Der Einfluß Alberts des Großen auf das mittelalterliche Geistesleben 1930

Rezensent:

Betzendörfer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 1.

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Beschäftigung mit den reich fließenden Quellen — 2200 Pergamenturkunden
und 30 Lagerbücher des Klosters verwahrt das wiirttem-
bergische Staatsarchiv — und von gesundem Urteil ein rühmliches
Zeugnis ablegt. Sie ist um so verdienstlicher, weil man annehmen
darf, daß in andern Klöstern gleicher oder ähnlicher Art die Verhältnisse
und der Gang der Entwicklung in den wesentlichen Zügen mit Bebenhausen
übereinstimme.

Tübingen Theodor Knapp.

Grabmann, Prof. Dr. Martin : Der Einfluß Alberts des Großen
auf das mittelalterliche Geistesleben. Innsbruck: F. Rauch
1928. (74 S.) gr. 8°. = S.-Abdr. a. d. „Zeitschrift für kathol.
Theologie" 25 (1928) S. 153—182, 313—356.

Der hochverdiente Erforscher der mittelalterlichen
Theologie und Philosophie entwirft hier ein Bild der
geistigen Persönlichkeit des Albertus Magnus und verfolgt
die Einflüsse derselben auf die zeitgenössischen
und nachfolgenden Denker und Dichter.

Die im 1. Teil (S. 1—30) enthaltene Charakteristik Alberts schließt
»ich an die verschiedenen Titel an, die dieser im Lauf der Geschichte
erhalten hat. Während die Bezeichnung Albertus Coloniensis
auf seine geistige Heimat anspielt, weist der Titel Albertus Teuto-
nicus auf das deutsche Element in seinem geistigen Leben, auf seine
Vertrautheit mit der deutschen Natur und seine Teilnahme am Leben
des deutschen Volkes hin. Der Name Albertus Magnus drückt
die Hochachtung der Zeitgenossen und der Nachwelt vor seinem Scharfsinn
und seinem Wissen aus, die Bezeichnung Doctor Universalis
seine staunenswerte Viel- oder Allseitigkeit, mit der er nicht bloß die
Gedankenwelt der Vergangenheit, die aristotelische, neuplatonische, arabisch
-jüdische Literatur umspannte und kritisch aufnahm, sondern auch
das weite Gebiet der Natur beobachtete und selbständig durchforschte,
um darauf seine philos. Spekulation zu gründen. Grabmann zeigt, wie
A. auch um seiner (bisher noch wenig durchforschten) Theologie
willen den Titel eines Doctor universalis verdient.

Der 2. Teil der Schrift (S. 31 ff.) stellt die Einflöße dar, die von
Albertus Magnus ausgingen. Unter denen, die von ihm befruchtet wurden,
stehen obenan seine unmittelbaren Schüler, allen voran: Thomas von
Aquin, sodann Ulrich von Straßburg, und Dietrich von
Freiberg, auf die besonders die neuplatonische Strömung in Alberts
Denken wirkte. Albert von Orlamündc, der Verfasser der
„Philosophia pauperum" vermittelte die naturphilosophischen und psychologischen
Gedanken Alberts dem ausgehenden Mittelalter. Vom Neu-
platonismus Alberts sind beeinflußt: Berthold von Moosburg, von
seiner naturwiss. Forschung: Heinrich von Lübeck, Konrad
von Megenberg u. a.

Auch auf die deutsche Mystik übte Albertus Magnus Einflüsse
aus, so z. B. auf Mechthild von Magdeburg. Inwieweit Meister
Eckhart von Albert abhängig ist, muß noch im einzelnen untersucht
werden.

Tau ler beruft sich verschiedentlich auf Albert. Besonders stark
wirkten die eucharistischen Schriften Alberts auf die mystische Literatur
des späteren Mittelalters. Der „Liber de corpore et sanguine Domini"
des Mönchs von Heilsbronn stellt eine Übersetzung von Alberts
„De sacramento eucharistiae" dar. Auch die unter dem Namen „Dcvotio
moderna" zusammengefaßte niederländische Mystik, die auf die spanische
Mystik des 16. Jahrhunderts weiterwirkte, steht unter dem Einfluß der
Eucharistielehre Alberts.

An Albertus Magnus schloß sich im 15. Jahrhundert die Schule der
Albertisten an der Kölner Universität an mit Gerhard u. Arnold
von Härder wik, Jakob von Stralen, Gottfried von
Groningen und besonders HeimericusdcCampo als Verfechtern
albertinischer Lehren gegenüber der Thomistenschule. Auch auf Nicolaus
Cusanus, Dionys ius Ryckel Carthusianus u. Johann
Eck erstreckten sich Einflöße der Gedankenwelt Alberts. Ja Grabmann
zeigt in einem letzten Abschnitt, wie diese auch auf außerdeutsche
Denker u. Dichter des Mittelalters wirkte, auf Tolomeo vonLucca,
Pietro d'Abano, Johannes de Jandun, Dante, Savona-
rola, Pico da Mirandola, Johannes deTurre crem ata, und
wie sich der Einfluß des Doctor universalis sogar auf den Orient erstreckte.

Durch diese Ausführungen sucht Grabmann die
These H. von Schuberts in seiner Geschichte des
deutschen Glaubens 1Q25, 92, Albertus Magnus sei mehr
ein Sammler und Enzyklopädist als ein produktiver
systematischer Geist gewesen, zu widerlegen. Grabmann
meint, dagegen spreche schon der über Jahrhunderte
sich erstreckende wissenschaftliche Einfluß des mittelalterlichen
Denkers. Doch glaube ich nicht, daß die
Wirksamkeit einer Persönlichkeit ohne weiteres ein
Gradmesser ihrer Bedeutung ist. Man denke nur an
einen Mann wie Petrus Lombardus — Was Albertus
Magnus betrifft, so muß man H. von Schubert

zugeben, daß Alberts Werke oftmals den Eindruck
machen, als ob ihr Verfasser mit der Bewältigung des
Riesenstoffes, den er bearbeitete, nicht fertig geworden
wäre; jedenfalls fehlt es seinem System vielfach an
innerer Geschlossenheit und Folgerichtigkeit.

Dadurch soll die Bedeutung des Doctor universalis
als des Begründers des christlichen Aristotelismus
und des Neuplatonismus in der Dominikanerscholastik
und als des größten mittelalterlichen Naturbeobachters
in keiner Weise geschmälert werden. Mit Recht sprach
bereits ein Alexander von Humboldt mit Beziehung
auf ihn von der „herrlichen Figur des Mittelalters
". M. Grabmann hat sich ein wirkliches Verdienst
erworben, in der vorliegenden Abhandlung die Einwirkung
seines Denkens auf Zeitgenossen und Nachwelt
verfolgt zu haben.
Ludwigsburg. Walter Betzen dörfer.

Maurer, Friedrich: Studien zur mitteldeutschen Bibelübersetzung
vor Luther. Heidelberg: Carl Winter 1929. (XII,
144 S.) 8°. = Germanische Bibliothek, 2. Abteiig., 26. Bd.

RM 7 - ; geb. 9—.

Vorbedingung für eine einstmalige Feststellung der
Bedeutung von Luthers Bibelübersetzung, auch für die
deutsche Sprache, ist eine Erhellung der Verhältnisse,
die das Entstehen solcher Übersetzungen bereits vor
Luther bedingten und begrenzten. Diese aber stehen,
soweit sie nicht überhaupt unbeachtet blieben, noch im
ersten Stadium ihrer Erforschung und dazu im Widerstreit
außerordentlich verschiedener Ansichten. Wenn
wir durch exakte Lösung von Fragen, die diese Gebiete
betreffen, solcher Unsicherheit die Grundlage immer
mehr entzogen sehen, haben wir folglich alle Ursache
dankbar zu sein.

Die seit kurzem vorliegenden Studien Friedrich
Maurers zur md. vorlutherischen Bibelübersetzung unternehmen
es, die Überlieferungsgeschichte des Beheim-
schen Evangelienbuchs und der Levens van Jezus und
das Verhältnis dieser zwei wichtigen vorlutherischen
Übersetzungen zueinander aufzudecken, also ein Kernproblem
dieses Gebiets klarzulegen.

Diese Studien, die auf einem gründlichen methodisch
-geschichtlichen Einleitungskapitel ruhen, widmen
ihre größte Breite der Charakterisierung des Überliefe-
rungsmaterials und der Herstellung der Beziehungen
zwischen den einzelnen Urkunden, um dann von mehreren
Seiten her Heimat und anscheinend sichtbare Geschichtsdaten
dieser Haupthandschriften festzustellen.
Daß die Arbeit darüber hinaus noch unveröffentlichte
Textproben zum Belege bietet, ist nicht nur aus diesem
Zwecke von Interesse.

Ein Einblick in die Forschung über die vorluthe-
rische Bibelübersetzung zeigt diese noch von grundlegenden
Unklarheiten gehemmt. Von Kehrrein zu Walther
und Pietsch sind wir zwar handgreiflich weitergekommen
. Aber die Breite des Stoffes und die dadurch
verlangsamte Erledigung der quantitativen Vorfragen
hat bislang eine wirklich überschauende Methode zum
Weiterforschen uns nicht geschenkt.

Da es Maurer nun darum zu tun ist, eine Zusammengehörigkeitsforschung
zu geben, muß er aber auf
eine solche Methode aus sein, um wirklich giltige Feststellungskriterien
zur Verfügung zu haben.

Was zunächst die Beweiskraft von Übereinstimmungen
und Abweichungen im Text angeht, so setzt
Maurer für beide eine solche nicht ohne weiteres an.
Der gleiche Sprachraum bedingt notwendig vielfache
Textgleichheit. So hat Ziesemer1 an seinem ostdeutschen
Beispiel einleuchtend gemacht, welche Sprachsubstanz
Luther zu seiner Verfügung vorfand, als er an seine
Bibelübersetzung ging. Anderseits sind auch Textverschiedenheiten
allein nicht folgerungskräftig. Da ist es
nun eine methodische Einsicht von Bestand, wenn

1) Eine ostdeutsche Apostelgeschichte des 14. Jahrhunderts, hrg. von
Walther Ziesemer, Aufl. 1927.