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Ausgabe:

1930 Nr. 13

Spalte:

301-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwingliana. Mitteilungen zur Geschichte Zwinglis und der Reformation. 1929, Nr. 1/2. (Bd. V

Titel/Untertitel:

Nr. 1 u. 2.) 1930

Rezensent:

Bossert, Gustav

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301

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 13.

302

denen ein Teil mehr oder weniger vollständig zum Abdruck
gelangt sind, während von vielen Akten und
Aktenbündeln nur die Überschriften angegeben sind.
Wir erhalten zunächst wertvolle Aufschlüsse über die
speziell brandenburgische Geschichte, es gibt kaum ein
Gebiet der inneren und äußeren Geschichte, das nicht
irgendwie berührt würde. Eine besonders große Rolle
spielen auch die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes
, Schiffahrt, Handel, Gewerbe und anderes mehr.
Einen sehr großen Raum nehmen die ostpreußischen Verhältnisse
ein; hatte doch der Kurfürst die vormundschaftliche
Regierung erlangt. Von den Schwierigkeiten
seiner Stellung erhalten wir einen deutlichen Begriff.
Hierbei erhalten wir vielfach recht lehrreiche Berichte
über die Zustände in Polen, unter dessen Lehnshoheit ja
Preußen stand. — Auch die Jülich-Clevesche Erbfolge
beschäftigt die Regierung des Kurfürsten andauernd,
und die Verhandlungen mit den verbündeten Generalstaaten
, mit dem Pfälzer Markgrafen sind in außerordentlich
ausführlichen Berichten niedergelegt. Hiermit
erhalten wir bereits wertvolle Aufschlüsse über die
-allgemeine europäische Politik damals. — Im engsten
Zusammenhang mit diesen Dingen stehen die Verhandlungen
mit dem Kurfürsten von der Pfalz, mit Christian
von Anhalt wegen der Union. Wenn Brandenburg auch
erst 1610 beitrat, wir gewinnen aus den zahlreichen
und eingehenden Berichten von den Reichstagen doch
den Eindruck, daß der Kurfürst und seine Räte die
großen Gefahren wohl durchschauten, die dem Protestantismus
von Seiten der Katholiken drohten. Die
Berichte gewähren uns z. B. manchen Aufschluß über
die Vorgänge auf dem Regensburger Reichstag von
1608. Auch die Streitigkeiten zwischen Kaiser Rudolf
und seinem Bruder Matthias werden von Brandenburg-
aufmerksam verfolgt. — Daß in den zuletzt erwähnten
Berichten und Akten die speziell religiösen Fragen der
damaligen Zeit eine große Rolle spielen, liegt auf der
Hand. Aber auch sonst wird der Kirchenhistoriker
mancherlei wertvolle Einzelheiten finden. So erwähne
ich die Gründungsurkunde des Joachimstaischen Gymnasiums
sowie die sehr ausführliche Kirchen- und Schulordnung
für diese Anstalt vom 5. Mai 1608. Kirchliche
Angelegenheiten von mehr lokalgeschichtlichem Interesse
fehlen nicht, auch über die Universität Frankfurt
a. O. liegen Akten vor. — Der Anhang enthält zunächst
wirtschaftlich und kulturell recht lehrreiche Kam-
merrechnungen von Ostern 1607/08, dann Gutachten
über die Jülich-Clevesche Angelegenheit und schließlich
die Auseinandersetzung des Kurfürsten Joachim
Friedrich mit seinen Brüdern in Franken.
Beniburg. H. Peper.

Zwingliana, Mitteilungen z. Gesch. Zwingiis u. d. Reformation.

1929, Nr. 1/2. (V. Bd. S. 1-80) Zürich: Berichthaus. gr. 8°.
Die Reformationsjubiläen in Basel und Schaffhausen
geben Anlaß zu zwei Aufsätzen. W. Köhler,
der die Redaktion an L. von Muralt abgibt wegen seiner
Übersiedlung nach Heidelberg, zieht einen Vergleich zwischen
den Beziehungen Zwingiis zu Bern und Basel, das
Zwingli zwar nicht zum Reformator gemacht, aber ihm
seine Bildung und die erste Bekanntschaft mit Luther
vermittelt habe. Die Selbständigkeit der Basler Bewegung
wird nachgewiesen; ökolampad erscheint in
inniger Verbindung mit Zwingli, aber frei in seinem
Handeln. Das Züricher Vorbild ist in vielem maßgebend
, aber Basel wahrt in allem, besonders in der
Politik seine eigene Haltung, die mitbestimmt ist durch
seine Lage zwischen Zürich und Straßburg. J. Wipf
schildert Zwingiis Beziehungen zu Schaffhausen. Die
vorreform atorischen Zustände betrachtet er nach einem
Flugblatt des Stadtarztes Adelfi; er sieht darin eine
Verbindung mit Zwingli angedeutet, durch den auch die
erste Kunde von Luther nach Schaffhausen gekommen
sei- Allerlei Fäden zu Zwingli hin kann der Verf. nachweisen
. Aber die österreichische Nachbarschaft hielt

die Bewegung lange im Schwanken, bis 1529 das Züricher
Beispiel endgültig zur Reformation führte trotz
des Streits der Pfarrer Ritter und Burgauer, der erst
1536 mit der Entlassung beider endete. Der Verf.
kommt auch auf Chr. Kranz und seinen Sohn Hieronymus
zu sprechen, ohne Aufschluß zu geben über das
Verhältnis des Hier. Kranz, der in Wertbühl und Dießenhofen
genannt wird, zu dem in Kreuzlingen und Calw
erwähnten (Schieß, Blaurer, 1, 640; Blätter f. württ.
K. G. 28, 1924, 11). Über diesen ersten evang. Pfarrer
Calws und seine Laufbahn sollte man genauere Angaben
bekommen; aus Calw wurde er am 27. Mai 1537 ausgewiesen
(Schwäb. Merkur 1927, Nr. 470). E. St ä hei in
stellt als die vier offiziellen Schreiber bei der Badener
Disputation auf Grund einer in Zabern gefundenen Urkunde
fest: Konrad Kißling, Prädikant in Mengen (vgl.
Württ. Jahrb. f. Statistik u. Ldeskde 1908, 201), und
Leonhard Rüssel, bischöfl. Notar, der vielleicht mit dem
sonst genannten Altweger identisch ist, als Altgläubige
und Egmont Rysysen, dessen Wohnort nicht angegeben
ist, und Christoph Wvßgerber von Basel als Neugläubige
. Doch steht in der Aufhellung der Handschriften
noch viel in Frage, und St. fordert eine kritische Ausgabe
der Badener Akten. Weiter teilt E. Stähelin eine
unbeachtete Flugschrift des J.s 1524 mit, die eine Kritik
des Beichtinstituts in Form eines fingierten (?) Sittener
Gesprächs enthält, und als erstes Zeugnis des Eindringens
der Reformation in das Wallis gewertet werden
muß. Der Verf. bemüht sich, den unter einem Pseudonym
auftretenden Schreiber festzustellen in Seb. Rug-
gensberger-Ramsperger und in dem Adressaten glaubt er
den Buchdrucker Heinr. Steiner in Augsburg sehen zu
dürfen. Adressat und Briefschreiber wollen sich von der
Universität her kennen. Aber weder in Basel, noch in Tübingen
, Freiburg oder Heidelberg finden sich die beiden
Namen. Auch die weiteren Pseudonyme sucht St. zu erklären
, fordert aber zu weiteren Erklärungsversuchen
auf. Deshalb sei Schuster Michael Karg in Augsburg
genannt (Blätter f. württ. KG. 31, 1927, 197) und der
Buchdrucker Silvan Otmar, der 1523/4 das NT. Luthers
druckte (Roth, Ref. Gesch. Augsburgs 1, 61). Vielleicht
sind sie als Bekannte Steiners mit den Pseudonymen
Karg und Otmar gemeint. L. von Muralt schildert
in dem Landvogt Jörg Berger einen unbestechlichen
Tmppenführer und warmherzigen Beamten der Reformationszeit
. W. Köhler korrigiert eine Bemerkung der
Zwingliausgabe (4, 863 ff.) zu Zwingli und Pindar, daß
Zwingli hier nicht genial eine vom a.t. Hebräisch zum
n.t. Griechisch führende Sprachgeschichte ahnt, sondern
auf einer auf Joh. Mauburnus zurückführenden Tradition
fußt. H. Escher bespricht ein Bild des Simon Grynäus
von 1541 und die älteste Stadtansicht von Schaff hausen
von 1548. L. Caf lisch beschreibt das Bild des jetzt
abgegangenen sog. Ketzerturms in Zürich und gibt eine
kurze Geschichte desselben.

»orb-_ G. Bossert.

Thomas Murners Deutsche Schriften mit den Holzschnitten der
Erstdrucke. Hrsg. unter Mitarb. v. anderen von Franz Schultz. Bd. I,
Tl. 2: Badenfahrt. Hrsg. v. V. Michels. (XLIV, 269 S.). Bd. VIII,
Tl. 3: Kleine Schriften. Prosaschriften gegen d. Reformation. Hrsg.
v.W. Pfeiffer-Belli. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1927 und 1928.
(IV, 192 S.) gr. 8. = Kritische Gesamtausg. elsäß. Schriftst. d. M.-
A. u. d. Reformationszeit. RM 20 -; u. 12—.

Die große Murnerausgabe eilt ihrer Vollendung zu.
Die „geistliche Badenfahrt" hat, wie ihr Herausgeber
V. Michels selbst betont, künstlerisch sehr wenig Bedeutung
. Um so mehr fesselt sie uns als Zeugnis einer
verspäteten mittelalterlichen Geistesverfassung: Murner
hat ein Heilbad brauchen müssen, hat dabei die Handgriffe
und Bräuche der Bader beobachtet, sich auch
i weiterhin um die verschiedenen Arten der Heilbäder
j usw. bekümmert und endlich in der zeitgenössischen
I Literatur die nicht fernliegende Anregung dazu gefunden
, die äußere Säuberung des Leibes auf allegorische
| Weise mit der Reinigung der Seele durch Christus in