Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1930 Nr. 1

Spalte:

8-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Alfred

Titel/Untertitel:

Jüdische Frömmigkeit. 2., neu bearb. Aufl 1930

Rezensent:

Weiser, Artur

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

7

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 1.

8

Die Hypothese von der essenischen Herkunft der
apokalyptischen Literatur stützt sich im Wesentlichen
auf die Überlieferung von den Geheimschriften der Essener
(Jos. Bell. II 142). In vollem Umfang ist sie kaum
zu halten; K. selbst kommt denn auch in seiner Analyse
der wichtigsten Apokalypsen selten auf sie zurück. Nur '
in der Himmelfahrt Mose's kann er eine essenische Tendenz
geltend machen, die Verherrlichung des Mose.
Richtig weist K. auf den starken Einfluß apokalyptischer
Traditionen im Talmud hin, woraus sich m. E. entweder
ergibt daß die Rabbinen Beziehungen zu den apokalyptischen
Sonderkreisen hatten, oder daß die Isolierung
der apokalyptischen Kreise so nicht aufrecht zu erhalten i
ist (vgl. jetzt die von Odeberg herausgegebene III. j
Henoch-Apokalypse).

Die These vom essenischen Ursprung des Urchristentums
wird vom Verf. aufgestellt, aber kaum
näher begründet. Die bezeichnende Tatsache, daß die
Essener im N.T. nie erwähnt werden, ist für ihn einfach
ein Beweis, daß sie in die älteste Kirche aufgegangen
sind, die ja die apokalyptischen Bücher für uns bewahrt
hat (p. 133). Im Übrigen hebt er nur die gewiß vorhandenen
Berührungen zwischen (Johannes und) Jesus
und den Essenern hervor, ohne die starken Unterschiede,
die eine Herleitung des Urchristentums aus essenischen j
Kreisen unmöglich machen, zu würdigen. Abgesehen !
hiervon bringt das Kapitel über den historischen Jesus
die bekannte Auffassung des dem vorkirchlichen und j
vorpaulinischen Evangelium sympathisch gegenüberstehenden
liberalen Judentums. Jesu Predigt war ein
vermenschlichtes Judentum, alle wesentlichen Ideen hat
man auch im Judentum. Es ist nach K. zu bedauern, daß |
das tragische Geschick, daß Jesus als galiläischer Messias
in Jerusalem erlitt, gerade seine wirkliche Größe als
Freund der Menschheit verdunkelte, und es ist Schuld
der Kirche, die ihn vergöttlichte, anstatt seinem Beispiel
zu folgen, daß es 1900 Jahre dauerte, bis sein wahres !
Wort ans Licht kam. Wie sich das tragische Geschick
und überhaupt der scharfe Gegensatz Jesu zu den Rabbi- '
nen erklärt, bleibt hier freilich vollkommen dunkel (vgl. I
meine Ausführungen im „Sinn der Bergpredigt" S. 92 ff.).
Nur wo K. das Leitmotiv des Wirkens Jesu anrührt,
das ihn über Pharisäer wie Essener hinaushebe, seinen !
Umgang mit den Sündern, kommt etwas von dem .
Anderssein Jesu zur Äußerung.

Jesus ist nicht der Stifter des Christentums, dieses
ist eine Neuschöpfung, die aus den Visionen des Auf- '
erstandenen hervorging. Ein Niederschlag dieser Geschichte
ist die Petrusüberlieferung Matth. 16,13—16.
In der Urgemeinde steigert sich der essenische Einfluß.
Die apokalyptischen Worte, die Jesus in den Mund gelegt
wurden, sind das Werk essenischer Apokalyptiker;
sie übermittelten der Kirche die apokalyptischen Schriften
; auch die Kirchenordnungen sind essenisch beeinflußt
(z. B. die Gebete in Const. apost. VII), wie K.
ausführlicher zu erweisen sucht.

Aus dem charakteristischen, leider nur kurzen Kapitel
über Paulus hebe ich nur noch hervor, daß K. das
Unrabbinische in Paulus stark betont; nur wer mit
rabbinischer Theologie nicht vertraut sei, könne in seinen
Schriften Spuren rabbinischer Schulung finden. Ohne
an Rom. 9, 1 ff. zu denken, spricht er daher von seinem
Haß gegen das Judentum. Gleichwohl erkennt er als
moderner Jude an, daß es sein Verdienst war, den
monotheistischen Glauben und die Ethik des Judentums
, wenn auch vermischt mit paganistischen Elementen
der Welt der Heiden übermittelt zu haben.

Obwohl das Buch an Wärme, Tiefe und Gelehrsamkeit
den Büchern von Cl. Montefiore und J. Klausner
nicht gleichkommt und in vielem nur skizzenhaft ist,
ist es doch als ein belangreiches Paradigma modern
jüdischer Würdigung des Spätjudentums und des ältesten
Christentums zu beurteilen und gut zu gebrauchen.
Kiel. H. Windisch.

Jeremias, Prof. D. Dr. Alfred: Jüdische Frömmigkeit. 2.,

neu bearb. Aufl. Leipzig: A. Klein ig2Q. (III, 65 S.) 8°. =
Religionswissenschaftliche Darstellgn. für die Gegenwart, H. 2.

RM 2—.

Die Sammlung, von der außer dem hier besprochenen
Heft eine Darstellung der buddhistischen und theo-
sophischen und eine der germanischen Frömmigkeit
schon vorliegt, solche der muhammedanischen, chinesischen
und japanischen und anthroposophischen Frömmigkeit
folgen sollen, hat sich die Aufgabe gesetzt,
„Typen der Frömmigkeit innerhalb der gegenwärtig
noch lebenden Religionen" einem weiteren Leserkreis
vor Augen zu führen. Daß das 2. Heft bereits nach
2 Jahren eine Neuauflage erleben darf, beweist, daß
diese Darstellung des jüdischen Frömmigkeitstypus einem
Bedürfnis entgegenkommt. Verf. beschränkt sich
auf das orthodoxe Judentum und den Chassidisnms.

Einleitend stellt er dem Antisemitismus mit Recht
den Versuch gegenüber, in die jüdische Volksseele einzudringen
, verbreitet sich kurz über den Zionismus,
Christus und die nationale Messiasidee und die kosmische
Symbolik der jüdischen Frömmigkeit. Ein besonderer
Abschnitt wird im Unterschied zur 1. Aufl. der
geschichtlichen Entwicklung des Judentums und dem
gemeinsamen Besitz jüdischer Frömmigkeit gewidmet;
gewiß eine Verbesserung, bei der die Darstellung an
Klarheit, Übersicht und Plastik gewonnen hat. Der
historische Überblick berührt das Judentum zur Zeit
Christi, Talmud, Halacha und Haggada, Ghetto, mystische
Richtung und Aufklärung; als gemeinsamer Besitz
wird neben Beschneidung, Tora, Sabbat mit Recht auch
der Judenfriedhof, das heilige Land unter beachtenswerter
Hervorhebung der Eigenart des jüdischen Palästinaideals
, die Stellung zum Christentum und die
Messiasfrage herausgestellt. Der 2. Abschnitt über die
Frömmigkeit des orthodoxen Judentums ist im wesentlichen
unverändert geblieben und behandelt Tora und
Torastudium, Feste, Ehe, Totenbräuche und Verhältnis
zu den Andersgläubigen. Eine Erweiterung und Verbesserung
hat auch der letzte Teil über die chassidische
Frömmigkeit erfahren; besonders dankbar wird man
für die stärkere geschichtliche Orientierung, für die eingehendere
Berücksichtigung der Nachrichten über den
„Beseht" und seinen Nachfolger Rabbi Beer von Mes-
ritsch und die Charakteristik des rationalistischen Typus
des Chassidismus in Litauen sein. Die weitere Ausführung
über die Brazlawer, das Mysterium des Geschlechtslebens
, Martin Buber und die abschließenden
Proben jüdischer Gebete gehen im ganzen parallel mit
der 1. Aufl.

Angenehm berührt die Achtung und das liebevoll
eindringende Verstehenwollen, das die durch persönliche
Erlebnisse reizvolle Darstellung durchzieht, ohne daß
dabei die Schattenseiten übersehen werden. Ein besonderes
Verdienst der Schrift besteht in der Einführung in
das dem Abendländer oft fremdartige „orientalische
Denken", in der besonderen Beachtung, die das Gebetsleben
und das Moment der Freude in der jüdischen
Frömmigkeit gefunden hat. Mag auch der Grundget-
danke der „Einheit aller vorchristlichen Religionen" und
die kosmische Symbolik nicht überall und allgemein
anerkannt werden, so ist es doch dem Verf. gelungen,
das Besondere des jüdischen Frömmigkeitstypus ein-
; dringlich klarzustellen. Erfreulicherweise ist in den
| gegenüber der 1. Aufl. erweiterten Anmerkungen die
i glatte Bestreitung der wissenschaftlichen Problematik
eines vormosaischen Volkes Israel zugunsten der Tradition
weggelassen; aber Sätze wie: „Das ältere, von den
Profeten geleitete Israel war wesentlich eine religiöse
Gemeinde gewesen . . ., deren Magna Charta das mosaische
Gesetz war" oder: „Wir wissen jetzt aufgrund
neuerer Forschung, daß David, die „Stiftshütte" auf dem
Ölberg belassend, mit seiner Burg ein Zentralheiligtum
als Offenbarungsstätte Jahwes in Jerusalem errichtet
| hat", hätten nicht ohne einen Hinweis auf die schwe-
I bende Diskussion bleiben sollen. Darüber, daß der Verf.