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Ausgabe:

1930 Nr. 10

Spalte:

229-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buonaiuti, Ernesto

Titel/Untertitel:

Il Cristianesimo nell‘ Africa Romana 1930

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 10.

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Provinz Ägypten gehörte und der bekanntlich besonders
grausam gegen die Christen wütete. Dabei werden wir
erinnert an den von Deissmann publizierten Brief des
Presbyters Psenosiris an den Presbyter Apollon in Kysis
(vgl. Licht vom Osten1 S. 180), denn auch dieser
stammt aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts, und auch
hier handelt es sich um eine Frau namens Politike,
welche als Christin nach der großen Oase verbannt ist
(ree(*q>&eioa vitb rifi r[yefj.oviad). Welches Schicksal unsere
Frauen betroffen hat, darüber schweigt die Geschichte,
aber auch so ist dieses unscheinbare Papyrusblatt ein
kostbares Denkmal des unüberwindlichen Heldenmutes
der christlichen Märtyrer und der unvergleichlichen
äydcjcrj der christlichen Gemeindeglieder untereinander.

Buonaiuti, Emesto: II Cristianeslmo nell' Africa Romana.

Bari: Gius. Laterza & Figli 1028. (XXII, 451 S.)

Mit der Geschichte der christlichen Kirche und ihres
Schrifttums im alten lateinischen Afrika in ihrem Gesamtverlauf
haben sich in letzter Zeit hauptsächlich
französische Gelehrte befaßt. Im vorliegenden Werke,
dessen Anzeige sich leider durch ein Mißverständnis
verspätet hat, packt nun der bekannte katholische Theologe
Buonaiuti, Prof. für Geschichte des Christentums
an der kgl. Universität Rom, diese reizvolle Aufgabe
seinerseits an und führt sie in seiner großzügigen und
weitblickenden, dabei aber auch kleinere Nebenzüge beachtenden
und Einzelfragen der Quellenforschung fördernden
Art durch. Wie er zum Schluß (S. 449) mit
Recht bemerkt, läßt sich ja wohl bei keiner Landeskirche
der geschichtliche Verlauf so verfolgen, wie bei
der alten Kirche Afrikas, deren Werden, Wachsrum,
Höhepunkt, Niedergang und Untergang sich in klaren
Linien und deutlich erkennbarer Verkettung von Ursache
und Wirkung abzeichnen.

Nach einer Einleitung über die geographisch-politischen
Verhältnisse des lateinischen Afrikas, mit einem
allgemeinen Überblick über das dortige Christentum und
seine Besonderheiten, behandelt B. im 1. Teil die Anfänge
der afrikanischen Kirche, wie sie uns zuerst in
den Akten der scillitanischen Märtyrer und der Perpetua
und Felicitas, dann im Schrifttum Tertullians entgegentreten
. Bezüglich der Zeitfolge der tertullianischen
Schriften stimmt er weitgehend mit Noeldechen überein,
während Adams Reihenfolge (im „Katholik" 1908) ihm
entgangen ist. Er kann aber auch seinerseits treffende
Beobachtungen über literargeschichtliche Zusammenhänge
beibringen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem
Kampf Tertullians gegen Marcion und gegen die Gnosis
geschenkt und dabei der Gegensatz der Grundanschauungen
und Haupttriebkräfte scharf hervorgehoben. Marcions
Ausgangspunkt ist nicht die Metaphysik, sondern
ein entschiedener anthropologischer Dualismus, seine
Zielpunkte liegen auf sittlichem Gebiet (S. 112 f.), sein
„Reich Gottes" ist „Christus selbst" (S. 120). Ter-
tullian aber, der in seinen ethischen Forderungen selber
Marcion nahe kommt, ist grundsätzlicher Millennarist
und beurteilt alles mehr oder weniger von dieser seiner
Eschatologie aus, weshalb er den Gegner vielfach gar
nicht verstehen kann (S. 120). Auch in seinem Kampf
gegen die Gnosis ist der Chiliasmus der leitende Gesichtspunkt
(S. 153 ff.) und ebenso haben ihn Eschatologie
und Ethik dem Montanismus zugeführt (S. 177).
Selbst seine „ökonomische" Trinitätslehre in adv. Prax.
steht im Zeichen der Eschatologie und dient zu ihrer
Verteidigung, indem sie „die unerschöpfliche Lebenskraft
des prophetischen Dienstes und die Berechtigung
der millennaristischen Hoffnung erweist" (S. 168. 182),
wie sich auf der andern Seite mit dem Monarchianismus
eine Gegnerschaft gegen die Charismen verbindet (S.
176). Dabei ist es eine eigentümliche Fügung der Geschichte
, daß gerade diese ökonomische Theologie von
adv. Prax. unter Abstreifung ihres eschatologisch-charis-
matischen Endzweckes und ihres subordinatianischen
Gepräges von der Kirche als die ihre aufgenommen

; worden ist. „Nur ein montanistischer , Ketzer' konnte
der lateinischen Kirche die Formel ihres trinitarischen
Dogmas geben" (S. 181). Der afrikanischen Theologie
aber bleibt dieser millennaristisch-eschatologischeGrundzug
bis auf Ticonius und Augustin. Cyprian läßt allerdings
den Chiliasmus zurücktreten, da er keinen Anlaß
hat, auf die Endereignisse näher einzugehen. Aber wenn
I er in der Einleitung von ad Fort. c. 2 (317, 22 Härtel)
| bemerkt, daß jetzt 6000 Jahre des Weltlaufes nahezu
i vollendet seien, so gehört das dem irenäisch-tertullia-
nischen Welt- und Geschichtsbild an, das den 6000
; Jahren das Jahrtausend des irdischen Gottesreiches fol-
| gen läßt. Wichtiger aber scheint mir ein anderer Um-
! stand zu sein, der mir bei Cyprian aufgefallen ist. Wie
Tertullian im apol. 36 von der Christenheit sagt: corpus
sumus de conscientia religionis et disciplinae unitate et
spei foedere, so stellt auch Cyprian im Christenleben
durchaus die Hoffnung in den Vordergrund. Von
Testim. III, 20 an, wo er den Satz belegt: fundamentum
et firmamentum spei et fidei esse timorein, erwähnt er,
wenn ich mich nicht irre, 21 mal Glaube und Hoffnung
miteinander, setzt aber 18 mal die Hoffnung voran und
nur 3 mal den Glauben: so sehr ist ihm das ganze Christenleben
auf die Hoffnung gestellt.

Die „Mittagshöhe" lautet die Überschrift des 2.
Kapitels, und seine Darstellung bildet gewissermaßen
eine Ellipse mit Cyprian und Augustin als Brennpunkten
. Bei Pontius, dem Lebensbeschreiber Cyprians,
bemerkt B. (S. 225 A. 2) ganz richtig, daß v. Harnack
„den Panegyriker dieses Panegyrikers" gemacht habe.
Er selber traut aber den Angaben dieses vermeintlichen
Diakons und Begleiters Cyprians immer noch zuviel, da
ihm die Abhandlung Martins (Hist. Jahrb. 1918/19,
S. 674 ff.) ebenso entgangen ist, wie die Untersuchungen
Corssens (ZNW. 1914—18). Auch meine „Cvprianische
Untersuchungen" (1926) hat er noch nicht eigentlich
verwertet, wenn er auch zweimal gelegentlich auf sie
hinweist (S. 228 A. 2 und 251 A.). So kommen die
Ereignisse vom Frühjahr 251 und die anfängliche Zurückhaltung
der Afrikaner gegenüber der zwiespältigen
Bischofswahl in Rom nicht zu ihrem Rechte. Auch
ihre grundsätzliche Stellung zur römischen Kirche ist
nicht erschöpfend gewürdigt. Stellen wie Cypr. ep. 48, 3
und 59, 14 sind gar nicht erwähnt, und bezüglich de
un. 4 und der doppelten Fassung dieses Kapitels wagt
B. nicht sich klar zu entscheiden. Außerdem scheint er
mir die „motivi occasionali" des cyprianischen Kirchenbegriffs
(S. 257) und die durch seine Flucht geschaffene
Lage zu sehr zu betonen. Gewiß haben solche Umstände
stark eingewirkt, aber auch sie konnten nicht eine Lehre
von der Kirche zeitigen, die dem Geist der damaligen
kirchlichen Welt nicht entsprochen hätte. Das Haupt der
Gemeinde war der Bischof schon vorher, aber auch das
Aufflackern von Resten des urchristlichen Pneuma und
Charisma war nicht so „plötzlich", wie B. (S. 249)
meint. Ebenso hatte es Cyprian offenbar von Anfang
an mit einem nicht unbedeutenden Widerstand im kar-
i thagischen Klerus zu tun, der sich allerdings während
I der secessio des Bischofs weiter vorwagen konnte. In
> diesem Ringen und in den durch die decische Verfol-
| gung entstandenen Nöten hat er dann den Kirchenbegriff
schärfer gefaßt und hierarchisch zugespitzt und
: so, wie B. (S. 267) fein bemerkt, einen sittlichen Zusammenbruch
der Gemeinden in einen hierarchischen
Sieg verwandelt. Die Darstellung des Ursprungs und
j Verlaufs des Ketzertaufstreites (S. 259 ff.) befriedigt
; wieder nicht ganz. Die Frage, ob ep. 69 der erste oder
der letzte der uns erhaltenen cyprianischen Ketzertauf-
; briefen sei, wird gar nicht gestreift, und die große Septembersynode
v. J. 256 hätte wohl etwas ausführlicher
| gewürdigt werden dürfen. Dem Cyprian schreibt B. (S.
244) einen „carattere poco dutti'le" zu. Aber seine
Nachgiebigkeit in der Bußfrage zeigt, daß er mit sich
| reden ließ und nachgeben konnte, wenn ihm die Bedürfnisse
der Kirche Nachgiebigkeit zu erfordern schie-